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Parole Frühling

Die extremste Sache der Welt.




- Das Universum besteht vermutlich aus 100 Milliarden Galaxien, die jede einen Durchmesser von vielen Milliarden Lichtjahren haben. In unserer Galaxie, der Milchstraße, gibt es ungefähr 100 bis 300 Milliarden Sterne, leuchtende Gaskugeln wie unsere Sonne, von denen allerdings kaum einer von Planeten umkreist wird. Ende 2007 waren jenseits unseres Sonnensystems nur 264 Planeten bekannt, auf denen zudem Leben wie auf der Erde in der Regel ausgeschlossen ist: Sie sind meist gasförmig. Es ist also gut möglich, dass die Lebensbedingungen auf unserem Planeten eine sehr große Ausnahme sind.

Eine Perle in 100 Milliarden Austern. Die sich in einer gleichmäßigen Kreisbahn um die Sonne dreht. Deren Oberfläche von einer 30 bis 60 Kilometer dicken Kontinentalkruste vor einem glühenden Erdkern geschützt wird, der 2600 Kilometer dick ist und mit einer Temperatur von 6700 Grad heißer als die Oberfläche der Sonne. Ein Ort der Stabilität, mit abwechslungsreichen Klimazonen, hohen Bergen, tiefen Meeren und weiten Ebenen. Der bevölkert ist von 500 000 Pflanzenarten, allein 15 000 bis 30 000 Orchideen, und 1 000 000 Tierarten, davon allein 180 000 Schmetterlingen. Und das ist nur der kleine, bekannte Teil: Niedrige Schätzungen gehen von insgesamt 15 bis 30 Millionen Arten aus, hohe von 117 Millionen - wir kennen nur einen Bruchteil unserer Welt. Außerdem leben noch 6,7 Milliarden Menschen auf der Erde, 24 Stunden pro Tag, 1440 Minuten. Insgesamt sind das täglich 9,6 Billionen Minuten subjektive Lebenszeit, in denen alle Menschen frei sind zu tun, was sie wollen. Und dies, jenseits der Grundprinzipien der Physik, kaum begrenzt von Pflichten und Regeln, die sie sich nicht selbst gegeben haben. Dieser Planet sollte ein glücklicher Ort sein.

Aber es ist kein glücklicher Ort. Allein im vergangenen Jahrhundert fanden 54 oder auch 218 Kriege statt, je nachdem, wie man den Begriff definiert. Den Opfern ist das egal: Es wird geschätzt, dass zwischen 100 und 185 Millionen Menschen im 20. Jahrhundert in Kriegen starben, etwa 95 Prozent von ihnen dürften Zivilisten gewesen sein. Acht Millionen Menschen verhungern jährlich, etwa 15 pro Minute. 854 Millionen Menschen hungern, stehen also kurz davor, zu verhungern. 14 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht. Vor Armut, Vergewaltigungen, Beschneidungen, Steinigungen, Unterdrückung, Folter und Mord.

Und das ist nur der arme Teil der Welt. Es gibt auch noch den reichen Teil. Voll Bosheit, Gier, Rachsucht, Neid, Hass, Hinterlist, Lügen, Verleumdung.

Und dann heißt es: Der Klügere gibt nach. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Wer nicht hören will, muss fühlen. Der Zweck heiligt die Mittel. Frechheit siegt. Geld stinkt nicht. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Allerdings heißt es auch: Die Letzten werden die Ersten sein. Hochmut kommt vor dem Fall. Jeder ist seines Glückes Schmied. Ehrlich wehrt am längsten. Unverhofft kommt oft. Und nicht zu vergessen: Hunger ist der beste Koch. Nur: Der Klügere gibt vielleicht nach. Aber der Krug geht bloß zum Brunnen, bis er bricht.

Dies ist das Leben. Eine Frau, die immer nur kämpft, jeden Tag, um ihre Meinung, ihren Arbeitsplatz, ihr Dasein, dass sie nicht allein ist. Ein Mann, der klüger ist als jeder seiner Vorgesetzten und der allein in seinem Job besteht, weil er mit der Tapete hinter ihm unauffällig verschmilzt. Eine Frau, die nie Geld hatte und es jetzt als Selbstständige versucht, bloß dass sie nicht weiß, wie das gehen soll. Ein Mann, der sich vor Arbeit nicht retten kann, aber auch keinen Auftrag ablehnt, weil es der letzte sein könnte. Eine Frau, die mit ihrer Kunst endlich Erfolg hat und plötzlich zu zweifeln beginnt, ob sie das wirklich will. Ein Mann, der in einer Firma nach Jahren, in denen er alles gegeben hat, seinem Chef immer noch sein Engagement beweisen muss. Eine Frau, die etwas verloren hat.

Und dann. Treffe ich abends auf der Straße meinen Nachbarn. Er ist 80, 81 Jahre alt vielleicht, und er sieht jedes Mal, wenn wir uns begegnen, schlechter aus, die Wangen eingefallen, trocken, alt. Der Krebs in der Lunge, sagt er, sei wohl weg, nur der in den Knochen nicht. Aber er müsse in Bewegung bleiben, denn er habe noch seine Lebensgefährtin, die sei demenzkrank und die müsse er versorgen, für sie einkaufen und kochen. Er habe bloß nicht mehr die Kraft. Obwohl er Tabletten nehme und was nicht alles und eigentlich froh sei, dass es jemanden gebe, um den er sich kümmern könne. "Aber wissen Sie, die Kraft, die reicht nicht mehr, die ist alle." Dann muss er los.

Und das ist keine Ausnahme.

Das passiert jeden Tag, überall. Es ist, als würde Gott in jedem März seine Leute rufen und sagen: "Holt Blätter, Klebstoff, und dann die grünen Dinger an die Bäume. Parole Frühling! " Jeder steht morgens auf, und irgendetwas in seinem Leben ist falsch, klein oder groß, immer noch oder schon wieder. Doch es ist die einzige Welt, die wir haben, es gibt Musik, und das Leben findet jeden Tag erneut statt. Also machen wir weiter. -