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Hyperwachung

Mehr Sicherheit durch mehr Daten. Das ist die Theorie des Sicherheitswahns. Doch die automatische Erfassung des Lebens beweist nur seine Unübersichtlichkeit.




- Unsere Kultur wurzelt in dem Wert und der Würde, die wir dem Individuum zumessen. Privatsphäre ist der Humus, auf dem dieses Wesen gedeiht. Doch die Wände, die uns umgeben, werden durchlässig, porös, mürbe. Die Angriffe auf die Privatsphäre, und auch der Widerstand dagegen, folgen inzwischen der Strategie der modernen Kriege: Nicht mehr große Heere gewinnen die Schlacht, sondern kleine Einheiten. Der Begriff des Privaten wird dabei zunehmend ambivalent: Immer mehr Privates wird öffentlich. Die Kontaktmöglichkeiten in sozialen Netzen und Suchmaschinen haben die Art, wie wir miteinander umgehen, nachhaltig verändert. Google weiß, was die Menschen beabsichtigen. Geschätzte 100 Millionen Suchanfragen werden täglich an die Suchmaschine gerichtet. Vergangenes Jahr wurde erstmals ein Mörder aufgrund seiner Suchanfragen überführt: Er hatte Auskunft über verschiedene Tötungsmethoden eingeholt.

Kostenlose E-Mail-Dienste wie Gmail speichern in der Regel weit mehr Daten, als es mit der scharf kritisierten staatlichen Vorratsdatenspeicherung vorgesehen ist. Deutsche Behörden können im Rahmen von Rechtshilfeabkommen auf solche Informationen zugreifen, da es in den USA kein Datenschutzgesetz für diesen Bereich gibt. Doch der Entwicklung zu einem sanften Überwachungsstaat begegnen immer mehr Menschen affirmativ - unsere Gesellschaft ist von einer unbändigen Lust am Exhibitionismus erfasst worden. Der in Bangladesch geborene Hasan Elahi, Kunstprofessor an der Rutgers University in New Jersey, wurde im Jahr 2002 irrtümlich auf einem Flughafen vom FBI verhaftet. Seither ruft er vor jeder Reise an, um die Behörde zu informieren. Außerdem betreibt er eine Website, auf der er sein Leben fortlaufend mit Handyfotos dokumentiert. Auf einer Karte wird sein augenblicklicher Standort durch einen GPS-Sender in seiner Jackentasche angezeigt.

Eine weitere kreative Verwendung von satellitengestützten Ortungssystemen stellte Ende 2003 die mexikanische Vertretung der US-Firma Applied Digital vor: Kinder sollten, etwa im Fall einer Entführung, damit ebenso aufzuspüren sein wie gestohlene Autos oder Haustiere - man müsse ihnen bloß einen kleinen Chip implantieren. Die angekündigte Version, die per GPS zu orten sein sollte, löste allerdings so heftige öffentliche Reaktionen aus, dass Applied Digital sich fürs Erste auf den nur aus kurzer Entfernung identifizierbaren RFID-Chip beschränkte.

Auf der Herbst-Tagung 2007 nannte Jörg Ziercke, der Chef des Bundeskriminalamts, das Internet eine "Fernuniversität des Terrorismus, die rund um die Uhr verfügbar ist". Besonders erschreckend sei, dass terroristische Propaganda mittlerweile in die Kinderzimmer eindringe. Aber nicht nur die. Unter der Bezeichnung "Snoopstick" verkauft die kalifornische Firma Solid Oak Software einen mit Glubschaugen bedruckten USB-Stick, von dem aus sich unbemerkt ein Überwachungsprogramm auf dem PC des Nachwuchses installieren lässt. Keylogging nennt sich diese Technik. Im Jahr 2002 fing das FBI damit erstmals ein Passwort für verschlüsselte Dateien des New Yorker Mafioso Nicodemo Scarfo jr. ab, durch deren Inhalt er überführt und verurteilt werden konnte. Aus der Ferne lässt sich mit dem Keylogger jeder Tastendruck des Benutzers mitlesen - geheime Schlüssel ebenso wie private E-Mails.

Die aktuelle Bezeichung für diese Methode lautet hierzulande Online-Durchsuchung. Der geplante heimliche Zugriff auf PCs basiert auf demselben Verfahren. Das Ziel sind Terrorpläne und die Aufklärung schwerster Straftaten, aber erwischt werden wohl vor allem Amateure und Unvorsichtige. Wer etwa für die Eingabe von Passwörtern eine anklickbare Bildschirmtastatur verwendet, braucht einen Keylogger nicht zu fürchten.

Moderne Überwachungsstrategien setzen dort an, wo Eingaben noch nicht verschlüsselt sind. Dem führenden Kryptografie-Historiker David Kahn zufolge ist das Wettrennen zwischen Codeknackern und Verschlüsslern inzwischen nämlich entschieden: Die Verschlüssler haben gewonnen. Es gibt heute bereits Verfahren, zu deren Entschlüsselung 10 Möglichkeiten durchprobiert werden müssen (zum Vergleich: Seit 10 Sekunden existiert das Universum). Nur wer viel Geld für Computer ausgibt, kann diese Möglichkeiten durchspielen.

Die wahrscheinlich leistungsfähigsten Computer der Erde stehen 40 Kilometer nordöstlich von Washington in Fort Meade. Dort befindet sich das Datenzentrum der National Security Agency (NSA), genannt "Crypto City". Zur Leistungsfähigkeit der NSA-Computer gibt es keine offiziellen Auskünfte, aber der Stromverbrauch der Behörde erlaubt eine Schätzung - mit einer jährlichen Stromrechnung von 14,5 Millionen Euro ist die NSA der zweitgrößte Stromkunde im US-Bundesstaat Maryland. Zum Vergleich: Der offiziell größte Supercomputer BlueGene/ L von IBM verbraucht 1770 Kilowattstunden, leistet zwischen 200 und 600 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde und produziert eine Stromrechnung von gut einer Million Euro im Jahr.

Aber auch Dutzende der schnellsten Supercomputer können nichts ausrichten, wenn so viele Daten gesammelt werden, dass keiner mehr in der Lage ist, sie auszuwerten. Einem Bericht des US-Justizministeriums zufolge gibt es beim FBI einen Rückstau von einigen Tausend Stunden unübersetzter Gesprächsaufzeichnungen. Mit einem Überwachungs-Überfluss sind auch die Bürger Kaliforniens konfrontiert: Vor einem Jahr stimmten sie für ein Gesetz, wonach verurteilte Sexualstraftäter für den Rest ihres Lebens per Satellitennavigation überwacht werden sollten. Doch nun erklären die Initiatoren des Gesetzes, eine Überwachung per GPS sei nicht praktikabel und sehr teuer - sie würde für mehrere Zehntausend Sexualstraftäter geschätzte 500 Millionen Dollar pro Jahr kosten. Und abgesehen davon: Eine Positionsangabe verhindert noch kein Verbrechen.

Wenn es um Leben oder Tod geht, ist Überwachungstechnik oft nutzlos. Ende September 2007 wurde in Chicago mit der Installation des modernsten Videoüberwachungssystems der USA begonnen. Dinge, die in Großstädten bisher unbemerkt jeden Tag passieren konnten, soll das System künftig automatisch erkennen und der Polizei melden: etwa wenn jemand in einem Park eine Tasche stehen lässt. In London wurden für die derzeit 10 524 betriebenen Überwachungskameras knapp 300 Millionen Euro ausgegeben, doch die Aufklärungsrate bei Verbrechen nimmt dort zum Teil sogar ab. Und als ein Unbekannter auf dem Hamburger U-Bahnhof Gänsemarkt wenige Meter von einer Überwachungskamera entfernt einen alten Mann erschlug, gab es keine Bilder. Ein Sprecher der Hochbahn AG konstatierte, der Mord sei "einfach Pech gewesen". Das System sei "ziemlich optimal, besser als jeder Haltestellenwärter". Doch aus Kostengründen schaltet die Kamera nur alle vier Minuten für 60 Sekunden auf den Bahnsteig und springt dann zum nächsten U-Bahnhof. -