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Härter, schneller, lauter

Vom Schrottplatz bis zum Zeichentrickfilm: Extreme Musik hat viele Quellen. Und ist erstaunlich oft erfolgreich. Eine kleine Übersicht inklusive Tipps für CDs, die man eigentlich nicht hören möchte.




- Nach dem Umzug in ein neues Gebäude beklagten sich 1965 die Mitarbeiter des Centre National de la Recherche Scientifique in Marseille über Kopfschmerzen und Unwohlsein. Die Ursache war schnell gefunden: Ein defekter Ventilator in unmittelbarer Nachbarschaft wurde als Quelle von Infraschall entdeckt. Infraschall bezeichnet das Gegenteil von Ultraschall: Tonwellen, die unter dem von Menschen hörbaren Spektrum (20 Hz bis 20 000 Hz) angesiedelt sind. Trotzdem nehmen Menschen Infraschall wahr: mit dem Körper. Im besten Fall spürt man eine Vibration, es kann allerdings auch zu psychischen oder physischen Beschwerden kommen. Eine natürliche Quelle von Infraschall ist Föhn, der Fallwind in Gebirgen. In Großstädten mit sehr vielen Klimaanlagen können sich im Sommer ebenfalls Infraschall-Felder bilden. In Marseille wurde das Problem rasch gelöst, doch der Laborleiter Vladimir Gavreau begann, Infraschall zu erforschen, und fand heraus, dass er in bestimmte Richtungen gelenkt werden kann. Seitdem gibt es eine anhaltende Diskussion über Schall als Waffe.

Extremer als Infraschall ist kein Klang. Doch es gibt Musik, die sich bewusst oder unbewusst diesem Extrem annähert. Unwohlsein oder Schmerz sind dabei keine Grundbedingungen, aber auch kein Ausschlusskriterium. Musikalische Parameter wie Harmonie, Melodie und Rhythmus verlieren in vielen Fällen an Bedeutung: Übrig bleibt oft nur eine Dynamik oder ein Klang manchmal noch nicht einmal das.

Die Motive, diese Musik zu produzieren, sind so vielfältig wie die Gründe, sich für sie zu interessieren. Zu den Musikern gehören akademische Bilderstürmer im blutigen Frack wie vermeintliche, manchmal aber auch reale Soziopathen mit axtförmigen E-Gitarren oder verrückte Elektroschock-Bastler, die als Dirigent eines selbst gebauten Maschinenparks an der Vernichtung allen Schönklangs arbeiten. Unter ihnen finden sich Komponisten, Künstler, Musiker, DJs und mehr oder weniger geniale Dilettanten. Ihre Ziele sind zumeist ähnlich: die Infragestellung von Wahrnehmungsmustern, das Ende der Beliebigkeit und die Konfrontation mit unliebsamen Sichtweisen unserer Zivilisation. Als strategische Waffen dienen ihnen Tabubrüche, Überforderung und Irritation. Manche verstehen sich als Kulturkämpfer, andere als Sand im Getriebe.

Was anstrengend klingt, kommt beim Publikum oft überraschend gut an: Die Zuhörer verlassen Aufführungen extremer Musik häufig euphorisiert, manche fühlen sich sogar gereinigt. Das liegt daran, dass solche Konzerte oft als Grenzerfahrungen erlebt werden, die zu dem führen, was in der Psychologie als Reinigung durch affektive Erschütterung bezeichnet wird: Katharsis. Anders gesagt: Wenn das Haus wackelt, bleibt die Seele nicht ruhig.

1. John Cage - 4'33" (1952)

Was ist das?

Ein Klassiker.

Wer hat es erfunden?

John Cage sorgte in seinem mit 80 Jahren viel zu kurzen Leben erfreulich oft für Aufruhr in der Hochkultur, etwa mit seinen Kompositionen für ein präpariertes Klavier, auf dessen Saiten und Hämmern er Radiergummis, Nägel und andere Kleinteile montierte. Sein Einfallsreichtum und der Wille, das Regelwerk der E-Musik zu hintertreiben, machten Cage ebenso zu einer Schlüsselfigur für die Ende der fünfziger Jahre entstehende Happening-Kunst wie für die Ausdifferenzierung der improvisierten Musik.

Wie klingt das?

4'33" ist Cages wohl berühmtestes Werk. Es besteht aus drei Sätzen mit der Anweisung tacet (lat.: er/sie/es schweigt). Zu hören ist: nichts. Bei der Uraufführung 1952 signalisierte der Pianist David Tudor Anfang und Ende des Stückes durch das Öffnen und Schließen des Klavierdeckels. Die Dauer des Stückes ist laut Partitur frei wählbar. Der Titel ist variabel und soll nur die genaue Länge in Minuten und Sekunden angeben. Dennoch hat sich, basierend auf der Uraufführung, der Titel 4'33" durchgesetzt. So schnell wird aus Freiheit eine Konvention.

2. Earth - 02 (1993)

Sunn 0))) - The Grimm Robe Demos (1998)

Was ist das?

Schon der Begriff Drone-Doom ist eine Grenzüberschreitung: Doom bezeichnet den etwas retardierten, langsamen Halbbruder des Heavy Metal, kommt also aus einer als primitiv geltenden Szene. Drones hingegen sind seriöser Stoff: Der musikwissenschaftlich korrekte Terminus lautet Bordun, was als ein in der Tiefe fortklingender Ton definiert wird, über den sich eine melodische Gestalt entwickelt. Anfang der sechziger Jahre waren diese Klänge in der US-Avantgarde sehr beliebt. Den Minimalisten La Monte Young inspirierten sie unter anderem zu Texten über die mögliche Form einer "ewigen Musik".

Wer hat es erfunden?

Earth ist die Gruppe von Dylan Carlson, dem Mann, der dem Rockstar Kurt Cobain die Flinte verkauft hat, mit der dieser sich erschoss. Carlson wurde von La Monte Young inspiriert: "Als ich seine Sachen las, hörte ich zur selben Zeit frühe Hardrock-Platten mit jeder Menge Rückkopplungen und sich ständig wiederholenden Gitarrenriffs. Davon wollte ich mehr, und ich dachte, wenn jemand diese Elemente nehmen würde, um sie im Sinne von La Monte Young zu nutzen, könnte daraus etwas Großartiges werden." Klassiker des Genres sind das Earth-Album "02" in der "Special Low Frequency Version" und das Debüt-Album "The Grimm Robe Demos" des Duos Sunn 0))).

Wie klingt das?

Die Instrumentierung ist wie in der Rockmusik: Bass, Gitarre, Schlagzeug. Die sehr lange ausklingenden Gitarrendrones nehmen sich viel Zeit, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Was leise wie eine merkwürdige Meditationsmusik wirkt, erschließt sich erst vollständig bei hoher Lautstärke, wenn die Drones physisch wie psychisch spürbar sind. Insbesondere nach Live-Auftritten kommt es bei Zuhörern zu einem Hochgefühl, das eine Ahnung davon vermittelt, warum La Monte Young davon träumte, in einem Drone zu leben: Wenn man ihnen erst mal erlegen ist, gibt es kein Zurück.

3. Napalm Death - You Suffer (1987)

Was ist das?

Grindcore ist eigentlich Punk. Sehr, sehr, sehr schneller Punk mit einer winzigen Spur Metal.

Wer hat es erfunden?

Das Genre hat sich aus der englischen Hausbesetzer-Szene entwickelt, dementsprechend sind auch die Texte sehr radikal.

Wie klingt das?

Wie eine musikalische Massenkarambolage: Gitarre, Bass und Schlagzeug poltern grotesk und brutal ineinander. In dem Stück "You Suffer" bringt Napalm Death aus Birmingham das Genre auf einen eindrucksvoll reduzierten Punkt - mit einer Spielzeit von einer knappen Sekunde hat es der Song bis ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft.

4. The Carl Stalling Project: Music From Warner Bros. Cartoons (1936-1958) The Carl Stalling Project, Volume 2:

More Music From Warner Bros. Cartoons (1939-1957)

Was ist das?

Der Soundtrack zu den Abenteuern eines schlauen Schweinchens, einer rasenden Maus, eines klugscheißerischen Hasen und einer übellaunigen Ente. Beziehungsweise die Musik der Zeichentrickfilme mit Porky Pig (Schweinchen Dick), Speedy Gonzales, Bugs Bunny, Daffy Duck und vielen anderen.

Wer hat es erfunden?

Carl Stalling arbeitete 22 Jahre lang als Komponist für die Cartoon-Abteilung von Warner Brothers.

Wie klingt das?

So wahnsinnig wie die kurzen Zeichentrickfilme, die unter dem Titel "Looney Tunes" in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren im Kinovorprogramm liefen, war auch ihre Musik: Das Orchester spielt beschwingte Melodien, Harmonien und Rhythmen, die sich unvermittelt verwandeln oder ineinanderkrachen - die musikalische Entwicklung folgt direkt der Handlung auf der Leinwand. Ein klassischer Moment: Gerade noch glaubt Kojote Karl, endlich den Roadrunner reingelegt zu haben - da verliert er den Boden unter den Füßen. Das Orchester setzt den Moment musikalisch um. Für ein paar Sekunden scheint es zu schweben, dann stürzt es, von einem vorwitzigen Geigenstreich angeführt, polternd in den Abgrund. Formal gesehen sind die Kompositionen Collagen: Stalling ist ein Avantgardist. Das fiel nur lange niemandem auf, weil seine Musik so unterhaltsam ist.

5. Deadly Systems presenting: Universal Dynamo (mixed by DJ Deadly Buda, 1997)

Was ist das?

DJ-Sets waren das musikalische Königsformat im von Tanz und Tollerei bestimmten ausgehenden 20. Jahrhundert. Und auch beim Auflegen und Mixen von Musik gibt es jede Menge Platz für Extreme.

Wer hat das angerichtet?

Der amerikanische DJ Deadly Buda, Ex-Punk, Ex-Raver, Ex-Sprayer, mixte 1997 in seinem ersten auf Tonträger gebrannten Set alles, was einen Namen hat in der weltweiten Szene des elektronischen Hardcore: Während normaler Techno mit etwa 120 BPM (Beats per Minute) für Bewegung sorgt, kennt diese extreme Variante keine wirkliche Obergrenze. In einer Stunde verhackstückte Deadly Buda 36 Tracks mit einer durchschnittlichen Spieldauer von 100 Sekunden.

Wie klingt das?

Ein überwältigendes Rhythmusgewitter, eine überfallartige Attacke auf jegliches Taktgefühl. Aber auch eine Art Partymusik für eine Gemeinschaft, die ihr Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom beim Veitstanz auslebt.

6. Luigi Russolo - The Art of Noise (Futurist Manifesto inkl. CD, 1913)

The Sounds Of The Junk Yard (recorded by Michael Siegel, 1964) Einstürzende Neubauten - Kollaps (1981)

Was ist das?

Krach. Oder wie Auskenner sagen: Noise.

Wer hat es erfunden?

Mit ihrem Bruitismus (vom französischen bruit: Lärm) rebellierten die italienischen Futuristen Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die ihrer Meinung nach blutleere Musik des Impressionismus. Die Funktion des von Luigi Russolo entwickelten Lärmtöners, des sogenannten Intonarumori, erschöpft sich in der Wiedergabe von verschiedenen Geräuschen, die in ihrer Ballung und Schichtung von den Italienern zu Sinfonien des modernen Lebens verklärt wurden.

Wie klingt das?

Wie Krach eben. Die historischen Aufnahmen der Futuristen passen bestens zu "The Sounds Of The Junk Yard", auf dem, der Titel deutet es an, die Klänge eines Schrottplatzes zu hören sind - nicht mehr und nicht weniger.

Dass sich aus Schrott noch etwas mehr machen lässt, bewiesen die Einstürzenden Neubauten 1981 mit ihrem Studio-Debüt "Kollaps". Ihre Instrumente baute die Gruppe zu dieser Zeit noch aus Trümmern oder besorgte sie sich auf Baustellen, der Übungsraum lag im Hohlraum einer Autobahnbrücke. Die Musik klingt dementsprechend nackt und brutal. Doch diesmal sorgte der schwer zugängliche Klang im In- wie Ausland für Furore. Erst organisierte das Goethe Institut eine Rundreise durch seine Zweigstellen, danach meldete sich das Theater. Jahrzehnte später erfreut der Lärm das Bildungsbürgertum, das ihm eine kritische Dimension unterstellt. Das Ende einer Kreisbewegung: Auch die Futuristen waren Bildungsbürger.

7. No New York (1978)

DNA - A Taste Of DNA (1981)

Was ist das?

No Wave sind schonungslose Klangbilder einer extremen Szene New Yorks um 1980.

Wer hat es erfunden?

Ausgangspunkt war das Album "No New York", das kurioserweise von Brian Eno, dem Erfinder der äußerst entspannten Ambient-Musik, produziert wurde. Es sorgte 1978 selbst bei abgebrühten Kritikern für ungläubiges Staunen oder blankes Entsetzen.

Wie klingt das?

In meist konventioneller Rock-Besetzung zerkloppten die Contortions, Mars und Teenage Jesus & The Jerks die Reste des Rock 'n' Roll. Das schrille Crescendo liefert das Trio DNA, in dem vor allem der Gitarrist Arto Lindsay entzückte: Sein unkonventioneller Stil erinnert an Splitterbomben und Skal-pell-Unfälle, er entlockt dem Instrument nie gehörte Töne voller Drama, Schmerz und gebrochener Schönheit. Lindsay hat nie gelernt, Gitarre zu spielen, und ist ein Musterbeispiel für den gern missbrauchten Begriff des genialen Dilettanten. Auf dem zehn Minuten langen Debüt-Album von DNA sind die Song-Strukturen noch dichter und abstrakter.

8. Throbbing Gristle - Second Annual Report (1977)

Was ist das?

Nach Aussage der Erfinder: Sound-Journalismus.

Wer hat es erfunden?

Throbbing Gristle wurde von vier Aktionskünstlern gegründet, die zur Hochzeit des Punks genau wussten, welche Knöpfe sie drücken mussten, um heftige Reaktionen hervorzurufen. Ihr Label nannten sie "Industrial Records", ihre Songs handeln von Obsessionen, Macht, Kontrolle und Verbrechen.

Wie klingt das?

Der größtenteils improvisierte elektronische Lärm wird häufig von einer extremen Show begleitet. Es kommt vor, dass das Publikum während des Auftritts eingesperrt wird oder Filme von Tieroperationen und ähnlich Blutigem gezeigt werden. Auch die Verwendung tabuisierter Symbole, etwa der Naziherrschaft, gehört zum Spiel. Lange stand das Genre deshalb in Verdacht, der allgemeinen Verrohung Vorschub zu leisten oder gar den Faschismus zu verherrlichen.

9. Merzbow - Merzbox (2001)

Was ist das?

Extrem.

Wer hat es erfunden?

Merzbow ist das Pseudonym des Japaners Masami Akita. Wie klingt das? Schwer zu sagen. Merzbow ist bekannt für die Produktion scheinbar strukturlosen Krachs. Doch selbst die Fans, die diesen auf 1000 Stück limitierten und 50 CDs umfassenden Noise-Klotz gekauft haben, geben meist unumwunden zu, dass sie nicht gedenken, das wohl größte Einzelwerk der Musikgeschichte jemals ganz zu hören. Immerhin ist die Produktion ein perfektes Beispiel für den Selbstzweck: Die Merzbox ist extrem, damit sie extrem ist. -