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EXTREMOSAN (tm)

Geschichte zur Behandlung oberflächlicher und fortgeschrittener Formen von Extremismus, Übertreibung, Dogmatismus und Fanatismus. Eine Geschichte enthält 100 Gramm arzneilich wirksamen Pragmatismus. Anstaltspackung.




Lieber Leser, verehrter Patient,

Extremismus und die ihm verwandten Erkrankungen und Störungen sind zu Volkskrankheiten geworden. Sie beginnen mit scheinbar normalen Vorurteilen und Orientierungsstörungen und führen allmählich zu einem Verlust von Vernunft, Logik und sozialen Fähigkeiten. Die Behandlung der in der Folge noch detailliert dargestellten Krankheitsbilder mit dem vorliegenden Präparat Extremosan(tm) erfolgt vorwiegend durch den Wirkstoff Pragmatismus. Dieser Wirkstoff ist seit Langem bekannt und bewährt. Er wurde bereits in der griechischen Antike als "pragma" verabreicht, was so viel bedeutet wie Handlung. Extremosan(tm) verwendet diesen Wirkstoff, weil damit das Erkennen der Realität durch das eigene Verhalten wieder möglich wird.

In der Folge beschreiben wir die Extremismus-Erkrankung und ihre vielfältigen Formen und Symptome ausführlich. Dazu erhalten Sie abschließend Informationen zu Phänomenen, die den beschriebenen Krankheitsbildern ähneln, tatsächlich aber keine Krankheiten sind. Sollten Sie während der Einnahme dieses Präparates, insbesondere bei der detaillierten Darstellung der Krankheitsbilder, sagen: "Das kenn' ich! ", ist das kein Zufall, sondern ganz normal.

Zunächst bitten wir Sie aber, die nachfolgende Gebrauchsinformation gründlich zu lesen und sorgfältig aufzubewahren.

Gebrauchsinformation

Was ist Extremosan(tm), und wofür wird es angewendet?

Extremosan(tm) ist ein schriftliches Präparat aus der Familie der Extremismus-Rezeptorenblocker. Es wird eingesetzt zur Behandlung und zur Verhinderung des Auftretens von leichten bis schweren Fällen von:

Extremismus, Alarmismus, Fanatismus, Apathie oder Gleichgültigkeits-Erkrankung bzw. Egalitarismus-Erkrankung und verwandten Erkrankungen (etwa dem Superlativ-Syndrom, Morbus apocalypticus/Weltuntergangskrankheit).

Gleichzeitig hilft der Hauptwirkstoff Pragmatismus gegen extreme Dreistigkeit, Unfreundlichkeit, Übervorteilung und Vereinnahmung Dritter (Präpotenz-Syndrom).

Bei richtiger Anwendung hilft Ihnen dieses Präparat, Gleichgewichtsstörungen und Orientierungslosigkeit zu verhindern. Extremosan(tm) kann Ihnen helfen, extrem gute und extrem schlechte Sachen auseinanderzuhalten, und wirkt unterstützend bei der schnellen Diagnose von Fanatismus, Extremismus wie auch bei der Abgrenzung zu weitverbreiteten Erkrankungen, die durch das Egalitäts-Syndrom (Gleichheitskrankheit) ausgelöst werden.

Was müssen Sie vor der Einnahme von Extremosan(tm) beachten?

Bitte vermeiden Sie die gleichzeitige Einnahme von Alkohol und Drogen. Vor allem sollte Extremosan(tm) nicht gemeinsam mit populistischen Weisheiten eingenommen werden, insbesondere nicht mit sogenannten Talkshows und anderen elektronischen Sedativen.

Die gleichzeitige Anwendung eines Vorurteils mit Extremosan(tm) oder einer ideologisch gefestigten Meinung kann zu Verstörungen, in Einzelfällen zu mehr oder weniger heftigen Abwehrreaktionen führen (bitte lesen Sie hierzu den Absatz "Nebenwirkungen" genau durch).

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn mit Extremosan(tm) bereits vorhandene Formen von chronischem Dogmatismus, Vorurteilen und festen Überzeugungen behandelt werden sollen. Die Behandlung mit Extremosan(tm) ist zwar auch in diesen Fällen durchaus Erfolg versprechend, kann jedoch zu mehr oder weniger schweren Irritationen führen. Diese sind in der Regel aber nur vorübergehend.

Wie wird Extremosan(tm) dosiert?
Was müssen Sie während der Behandlung beachten?

Extremosan(tm) wird in einem Stück (komplette Anstaltspackung bzw. gesamter Text) eingenommen. Bitte vermeiden Sie die nur teilweise oder auszugsweise Einnahme des Präparates unter allen Umständen. Die vorzeitig abgebrochene Behandlung vor Ende des Textes kann schwere Missverständnisse hervorrufen. Die Einnahme des kompletten Textes ist unbedenklich: Der Wirkstoff Pragmatismus kann nicht überdosiert werden. Die Einnahme von Extremosan(tm) dauert etwa 20 bis 30 Minute n, je nach Aufnahmegeschwindigkeit des Patienten.

Wenn Sie Extremosan(tm) eingenommen haben, vermeiden Sie unbedingt die gleichzeitige Einnahme von Nachrichtensendungen aller Art. Vermeiden Sie den offenen Kontakt mit Meinungsblogs. Bitte halten Sie Dogmatiker und Berufsfunktionäre sowie sogenannte Systemerhalter von diesem Medikament fern.

Was muss ich sonst noch beachten, wenn ich Extremosan(tm) einnehme?

Bewahren Sie Extremosan(tm) immer nur in der Originalverpackung auf, am besten an einem kühlen und trockenen Ort. Halten Sie dieses Produkt unbedingt von Fachidioten fern. Für den Fall, dass eine oder mehrere der unten angeführten Nebenwirkungen auftreten, konsultieren Sie auf keinen Fall Ihren Arzt oder Apotheker, sondern wenden Sie sich bitte direkt an uns.

Welche Nebenwirkungen können bei der Einnahme von Extremosan(tm) auftreten?

Wie alle wirksamen Heilmittel kann auch Extremosan(tm) Nebenwirkungen verursachen, deren Grad und Schwere allerdings sehr unterschiedlich sind. Wir haben die wichtigsten Nebenwirkungen nach dem Grad ihrer Häufigkeit und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Sozialisation des Lesers für Sie zusammengestellt:

Häufig (weniger als 1 von 10, aber mehr als 1 von 100 Lesern): leichte Selbstzweifel. Gelegentlich (weniger als 1 von 100, aber mehr als 1 von 1000 Lesern): leichte Abwehrreaktion, Schwindelgefühle.

Selten (weniger als 1 von 1000, aber mehr als 1 von 10 000 Lesern): Versuch des Abbruchs der Therapie wegen starker Zweifel.

Sehr selten (weniger als 1 von 10 000 Lesern, einschließlich Einzelfälle): anhaltende Zweifel an allem und jedem.

Stand der Informationen: Dezember 2007
Mindestens haltbar bis: Therapieende
Bitte bewahren Sie die Ruhe und diese Gebrauchsinformation gemeinsam mit dem Leseprodukt auf. Vielleicht möchten Sie diese später nochmals lesen. Die folgenden Informationen stellen die Extremismuskrankheit und die mit ihr verwandten Krankheiten exemplarisch vor. Beachten Sie bitte: Eine wirksame Therapie kann nur nach dem Durchlesen des gesamten Textes beginnen.

Extremismus: Der allgemeine Krankheitsverlauf

Extremismus und die ihm verwandten Krankheiten des Fanatismus und Alarmismus sind dabei, sich zur Volkskrankheit Nummer eins zu entwickeln. Auch wenn den verschiedenen Krankheiten durchaus verschiedene Ursachen zugrunde liegen, ist der grundlegende Verlauf stets gleich: Zunächst empfindet der Extremismuskranke seinen bisherigen Standort als unzuverlässig und labil. Einige Patienten berichten auch darüber, dass sie zu Beginn der Krankheit aus "ihrer Mitte" gerissen wurden bzw. dass sie "das Gleichgewicht" verloren haben und "sich neu orientieren" müssen. In diesen wie auch in anderen Fällen werden die Patienten - sinnbildlich - von der Mitte an den Rand gedrängt. Sehr oft berichten Patienten davon, dass sie das Gefühl haben, in einer "sich schnell drehenden Mühle" zu stecken, gelegentlich wird auch davon berichtet, die Betroffenen fühlten sich wie in einem "rasend drehenden Hamsterrad". Wie auch immer - gemein ist all diesen Einbildungen, dass sich die Patienten als Opfer einer Art Fliehkraft empfinden. Diese Eindrücke sind charakteristisch für die Extremismuskrankheiten an sich. Damit gehen Gefühle der Unsicherheit, der Labilität und der Beliebigkeit einher.

Schwindelgefühl, Drehen, Krampfzustände

Ein häufiger Begleiter des fortschreitenden Krankheitsbildes ist ein anhaltendes Schwindelgefühl und die von einer großen Zahl von Patienten geäußerte Vorstellung, "alles dreht sich viel schneller als früher, und es ist so viel". Als Folge verlieren sie das Gleichgewicht und vermögen ihre Umwelt nur mehr als "großen Schwindel" zu erkennen. Die beinahe unausweichliche Reaktion auf dieses Schwindelgefühl ist, nach dem Verlust des eigenen Gleichgewichts, der Mitte, sich nun am neuen Standort, dem Rand, zu etablieren. Dieser Rand aber bewegt sich naturgemäß schneller als die Mitte der Achse, auf der die Patienten vorher standen. Der Informations-Overflow, der dadurch entsteht, wird als bedrückend empfunden. Der Extremismuskranke entzieht sich diesem unguten Gefühl durch Ignoranz. Er nimmt keine (oder nur wenige) Signale und Informationen von der Mitte oder von Personen nahe der Mitte auf. Sehr häufig äußern Patienten dann, dass sie "keiner versteht" und die "anderen keine Ahnung haben, wie es mir geht", und dass "jeder nur an sich denkt". Die Welt wird nurmehr aus der eigenen Perspektive betrachtet. Gleichsam klammert sich der Patient an den Rand, er hängt sozusagen mit beiden Armen am Rand der Zentrifuge, findet aber weder die Kraft, zur Mitte zurückzukehren, noch, was ebenfalls einer raschen Heilung förderlich wäre, über den Rand zu schauen. Für die dazu erforderlichen Klimmzüge fehlen der Wille und die Energie. Extremosan(tm) kann helfen, dass sich diese krampfartige Haltung lockert und die Patienten wieder ins Gleichgewicht kommen.

Verwirrtheitszustände

Der Extremismuskranke sucht nach anderen Extremismuskranken, die mit ihm am Rand dahintrudeln, um seine Meinungen zu bestärken. Er verwechselt beharrlich den Zustand der Welt mit seinem eigenen Zustand. Da dieser nicht besonders erfreulich erscheint, wähnt der Patient auch alle anderen Vorgänge und Prozesse in der Welt an sich als unerfreulich, schlecht, bis hin zu dem sich verfestigenden Eindruck, die Welt sei als solches nicht mehr zu retten oder wenigstens in einer gleich üblen Lage, wie sie sich auch dem Patienten am Rand, im extremen Bereich, bietet. Am Übergang zu diesem Stadium ist gelegentlich ein starker Drang des Patienten zu bemerken, zunächst kleinere Lebewesen und Objekte (zum Beispiel Hamster, Pandabären, Fledermäuse), im zunehmenden Verlauf auch größere (Wale, Volksgruppen, die Welt) zu retten oder den oben genannten Objekten besondere Hilfe angedeihen zu lassen. Nicht selten erleben hier die Patienten schwerwiegende Enttäuschungen, die durch die Ablehnung jedweder Hilfe durch die Objekte entstehen. Diese Enttäuschungen verfestigen sich nicht selten zum Trauma und führen zur sozialen Isolation. Die Betroffenen verlassen ihre Berufe und werden hauptamtliche Mitarbeiter von NGOs, Funktionäre, aber auch Börsenmakler und Versicherungsagenten. Von nun an werden Angst, Panik und Risikoscheu ständige Begleiter des Extremismuskranken.

Im weiteren Verlauf wendet sich der Patient in einigen Fällen nochmals um, richtet seinen Blick auf die Mitte, aus der er abgedriftet ist. Von seinem neuen Standort aus, dem Rand, dem Extremen, sieht diese Mitte merkwürdig aus, sie steht still. Das suggeriert dem Extremismuskranken fälschlicherweise, er befände sich am richtigen Standort.

Rand-Trauma

Zu den Schwierigkeiten jeder Therapie zählt, dass sich der Mensch bekanntlich an alles gewöhnen kann, auch an seine Position am Rand, die in Zeiten der Veränderung häufig vorkommt. Diese Gewöhnung steht aber einer zweckmäßigen Behandlung mit Extremosan(tm) entgegen. Wo Extremismus wie Normalität erscheint, wirkt Pragmatismus nur selten. Der Patient meint, die ganze Welt denke so wie er. Es ist eine Frage der Zeit, bis alle, die pragmatisch handeln, als Extremisten und Außenseiter bezeichnet werden. Das ist das Rand-Trauma. Es hält den Extremisten in dem Glauben, dass sein gegenwärtiger Standort eine Art Mitte und Normalität darstelle. Von nun an dreht sich die Sonne um die Erde und alles um den Extremen. Egozentrik, Willkür, die permanente Konstruktion der Realität nach Belieben und unter Ausschaltung aller sozialen und menschlichen Aspekte ist ein Merkmal der Extremismuskrankheit.

Fanatismus

Fanatismus ist eine in der Literatur seit Langem nachgewiesene Erkrankung. Der fanaticus (von Gott Ergriffene) empfindet sich als Mensch, der nach den Vorgaben einer höheren Ordnung bzw. einer übersinnlichen Einrichtung handelt, zum Beispiel einer politischen Partei oder eines Verbandes. Man kann sagen, dass der Fanatismus eine Eskalation einer bereits vorhandenen Extremismus-Erkrankung ist. Der Fanatiker ist besessen von der Idee, dass seine Vorstellung von der Realität richtig ist - und damit alle anderen Vorstellungen falsch sind. Fanatikern erscheint das, was sie tun, als alternativlos. Der "Rest" muss "auf Kurs gebracht" werden. Dieses Phänomen ist vor einigen Jahren als C IS (Corporate-Identity-Syndrom) ausführlich dokumentiert worden. Der Fanatiker kann keine andere Meinung akzeptieren. Wer ihm nicht bedingungslos zustimmt, also zum Fan wird, ist sein Feind. Jede Abweichung ist eine Bedrohung und muss rücksichtslos bekämpft werden.

Differentialdiagnose

Die Schwierigkeiten der Diagnose des Fanatismus bestehen darin, dass der Fanatiker sich durchaus in der Mitte wähnt, so redet und auch sonst behauptet, er wolle nichts anderes, als eine "neue Ordnung" herstellen. Dieses Merkmal trifft man etwa bei Terroristen an, die davon überzeugt sind, dass ihre Attentate und Anschläge zum Wohle des Volkes sind, selbst dann noch, wenn das Volk, ein Synonym für die eigentliche Mitte, die Anschläge und Attentate ablehnt und sich vehement gegen die Fanatiker wendet. Diese Einstellung ist auch bei leitenden Managern und politischen Entscheidungsträgern zu beobachten, die "notwendige Maßnahmen zum Wohle des gesamten Volkes bzw. der gesamten Firma" verordnen. Der Fanatiker interpretiert die Welt so, wie er sie braucht - "wenn das Volk /die Belegschaft noch gegen mich ist, dann nur, weil das Volk /die Belegschaft zu dumm ist, um zu begreifen, wie richtig meine Entscheidungen und Handlungen sind". Der Kranke steht nun an der Schwelle zum Überzeugungstäter. Er hält unverrückbar an seiner "gerechten" bzw. "richtigen" Sache fest, was in dem wichtigen Satz zum Ausdruck kommt: "Ich habe doch gar keine andere Wahl."

Fanatismus, weiter oben wurde dies bereits festgehalten, verläuft nicht selten epidemisch. Die Ausbreitung der Krankheit beruht auf dem schlichten Prinzip, dass der Druck, den Fanatiker ausüben, Gegendruck erzeugt. Wer sich dem Fanatiker nicht anschließt, ist sein Feind, so haben wir bereits festgestellt. Dieser Auseinandersetzung kann man sich nicht immer entziehen, auch dann nicht, wenn die empfohlene Dosis Extremosan(tm) (komplette Anstaltspackung) verabreicht wird, um einer weiteren Eskalation vorzubeugen. Manchmal sind die Mittel erschöpft. Das trifft immer dann zu, wenn ein Fanatiker einen anderen Menschen vor die Wahl stellt: entweder - oder. Hier empfiehlt sich eine dringende Wiederholung der gesamten Therapie, so oft, bis sich die gewünschten Wirkungen einstellen.

Ist schon die Fanatismuskrankheit schwer zu diagnostizieren, stehen wir bei den verbreitetsten Extremismus-Erkrankungen vor besonderen Herausforderungen: Sie bezeichnen sozusagen das normale Extrem oder die Normalität des Extremen, das sich zunächst heimtückischerweise - als gar nicht außergewöhnlich darstellt. Umso schwieriger und gefährlicher ist der Verlauf dieser Erkrankungen. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die nachfolgend beschriebenen Krankheitsbilder epidemisch verbreitet. Eine frühzeitige Diagnose und der disziplinierte Einsatz von Extremosan(tm) kann helfen, hier wieder in die Balance zu kommen.

Gleichgültigkeits-Syndrom

(Indifferenzkrankheit.) Die Gleichgültigkeit oder Indifferenz ist die heute am häufigsten anzutreffende Reaktion auf Extremismus-Erkrankungen und Fanatismus. Diese Verhaltensstörung baut auf der Vorstellung, dass sich Fanatiker und Extremisten nicht für einen interessieren, wenn man sich für sie nicht interessiert. Der Indifferente verhält sich dabei wie ein kleines Kind oder ein Hund, das/der die Hände (Pfoten) vor die Augen hält, um nichts zu sehen, weil es/er meint, dass es/er so auch nicht gesehen wird.

Das ist nicht der Fall. Der Indifferenzkranke bekämpft im besten Fall die Symptome, aber nie die Ursache seiner Erkrankung. So wird er über die Zeit selbst extrem, wie sich oft beobachten lässt. Der Indifferente bedauert ein klein wenig, dass es zu Übertreibungen, Maßlosigkeiten, Zuspitzungen, Extremismus und Fanatismus kommt, aber er kann nichts dafür. Er schüttelt nur privat, insgeheim, höchstpersönlich, den Kopf über die Exaltiertheit der Welt. Er ist ein Ignorant, der gelangweilt auf die Welt schaut und Eskalationen mit Gleichgültigkeit quittiert. Wenn das Extreme und das Fanatische ihn aber dann doch einholen, dann macht sich der Gleichgültige auf, um sein Leben als endloses Ayurveda-Wochenende zu gestalten. Er glaubt, er müsse die Fakten und Tatsachen rund um ihn herum nur ignorieren. Er verwechselt Loslassenkönnen mit freiem Fall, weil er meint, er könne sich ohne Anstrengung in eine andere Dimension schaukeln.

Der Indifferenzkranke gleicht darin einem Passagier auf einem sinkenden Schiff, der sich im Schneidersitz aufs Oberdeck setzt und die Luft anhält, weil all das Schlechte mit ihm nichts zu tun hat. Doch was er für eine Haltung hält, ist letztlich nur Apathie. Dieses Krankheitsbild wird im Allgemeinen als Gegenteil des Fanatismus betrachtet; genauer besehen ist das aber ein Irrtum. So wie sich der Extremist und Fanatiker an den Rand klammert, ohne jemals darüber hinwegzusehen, fixiert sich der Apathische auf seine eigene Mitte, der Rest ist ihm schnuppe. Er versinkt fanatisch in sich selbst, allerdings in Ruhe, was die Diagnose erschwert. Ihm ist und scheint alles gleich, also egal. Gleichmut wird mit Gleichgültigkeit verwechselt. Sein Fanatismus ist die Feigheit. Der Indifferenzkranke versucht im Auge des Orkans regungslos zu überwintern. Es ist allerdings bekannt, dass Orkane sich bewegen.

Egalitätskrankheit

(Auch: Egalitätssyndrom, Gleichheitskrankheit.) Wie die oben beschriebene Indifferenz-Erkrankung ist auch dieses Krankheitsbild weitverbreitet. Bis vor Kurzem wurde im Zusammenhang mit dieser ernsten Krankheit noch der (relativierende) Begriff der Gleichmacherei benutzt. In aller gebotenen Klarheit soll hier dieser Verharmlosung entgegengetreten werden. Die Egalitätskrankheit ist die am meisten verbreitete und in ihren Konsequenzen gefährlichste Extremismus-Erkrankung überhaupt. Sie ist umso heimtückischer, als viele der offensichtlich zutage tretenden Symptome und Verhaltensstörungen gesellschaftlich und sozial durchaus positiv anerkannt sind - man wähnt den Kranken als normal.

Der Patient nimmt am öffentlichen Leben teil, er erkennt schwere Formen des Extremismus und Fanatismus und neigt auch nicht dazu, in sich selbst zu versinken.

Das macht die Erkrankung als solche nur schwer erkennbar. Aber: Genauer betrachtet zeigt sich die Störung eben durch das merkwürdig normale Verhalten des Egalitätskranken. Welche Symptome sind bemerkbar?

In allen Fällen gilt: Der Patient misst seine eigene Existenz und seine Position - den Abstand zwischen Mitte und Rand - stets an anderen Personen und Objekten. Er will sein, wie er nicht ist, und haben, was er nicht hat. Der Egalitätskranke kann Unterschiede zwischen sich und anderen wie auch anderem nicht wahrnehmen, deshalb verschwimmen vor seinen Augen die Mitte und der Rand zu einem nebligen Ganzen. In dieser chaotisch erscheinenden Umwelt versucht sich der Egalitätskranke an Details zu klammern: Was macht die Konkurrenz? Nur das zählt. Was tut der Kollege nebenan? Nur das ist der Maßstab für das eigene Handeln. Was kauft dieser oder jener Prominente/ Kollege/ Bekannte/Verwandte? Das möchte ich auch haben, sofort! Wer verfügt über persönliche Merkmale wie Schönheit, Intelligenz oder Können? Das ist auch mein gutes Recht! Wer verdient wie viel? Hier liegt mein neues Existenzminimum! Es ist traurig, dass diese unübersehbaren Signale oftmals als Ausdruck einer im Grunde völlig harmlosen Störung missverstanden werden, der Nörgelei (Morbus Moser). Der Patient wird zum Spielball der Bedürfnisse, die er sich einredet, und er wird zur leichten Beute anderer, etwa zu jener von Präpotenz-Kranken, einer weiteren schweren Erkrankung aus dem Extremismus-Komplex.

Präpotenz-Kranke versuchen, die Forderungen des Egalitätskranken mit sinnlosen Produkten, Dienstleistungen und/oder Weltanschauungen zu überhöhten Preisen und mit leeren Versprechungen versehen zu beantworten (Marketing-Syndrom, Morbus politicus). Gewiss sind auch diese Kranken nur bedingt für ihre Handlungen verantwortlich zu machen. Dennoch könnte viel Schaden und Leid abgewendet werden, wenn rechtzeitig durch die Gabe ausreichender Mengen Extremosan(tm) der Ausbruch der miteinander in Beziehung stehenden Krankheiten verhindert werden könnte. Hier ist nicht nur die gesamte Medizin und Forschung gefordert, sondern jeder, auch Partner, Kollegen, Angehörige und Verbraucher.

Welche weiteren Symptome kennzeichnen die Egalitätskrankheit?

Der Egalitätskranke nimmt Dinge und Sachverhalte anders wahr, als sie sind. Sämtliche Fragen des Unterschieds, der verschiedenen Leistung, der Differenz also, sind beim Egalitätskranken ausgeschaltet. Der Egalitätskranke sieht Vexierbilder, Kippbilder, multistabile Wahrnehmungen, die er ausschließlich nach seinem eigenen Ich definiert ("Kalupke kriegt immer alles. Ich kriege immer nichts."). Die Fixierung auf die eigene Welt wird durch das stete Vorhalten eines Fremdbildes (zum Beispiel Kalupke) bestärkt.

Benachteiligungs-Syndrom: Wenn sich das Vexierbild als optische Täuschung herausstellt, fühlt sich der Kranke "benachteiligt", um sich sofort "neue Ziele" (Forderungen) zu stecken, die unerreichbar sind, weil sie nicht mit den eigenen Fähigkeiten in Einklang stehen. Die permanente Suche nach neuen "Zielen" und das immer wieder dabei erfahrene Gefühl des Scheiterns erzeugen einen hohen Stressfaktor. Zuweilen werden Egalitätskranke in diesem Stadium als Egoisten verkannt. Eine Fehldiagnose.

Der Egalitätskranke ist egozentrisch und extrem asozial, aber kein Egoist. Letzterer braucht seine Umwelt als möglichst realistisches Bild, um seine Ziele zu erreichen; diese Notwendigkeit zwingt den Egoisten, sozial und rational zu handeln. Untersuchungen haben ergeben, dass Egoisten über einen relativ hohen Pragmatismus-Spiegel verfügen. Der Egalitätskranke aber nutzt das Soziale nur als Fassade, um seine eigenen unerfüllbaren Ansprüche zu formulieren. Gleichheit bedeutet für ihn nichts weiter, als das zu bekommen, was andere haben. Dies führt so weit, dass er die Behandlung mit Extremosan(tm) ablehnt, weil er meint, er bedürfe des Heilmittels gar nicht, aber empfiehlt, man möge es "anderen, die wirklich etwas haben", verabreichen.

Der Egalitätskranke ist nicht nur (chronisch) eifersüchtig, neidisch und ängstlich, rechthaberisch und dabei stets im Gefühl, ohne Schuld und Tadel zu sein. Er fühlt sich auch immer "betroffen". Was anderen widerfährt, meint er am eigenen Leib zu erleben. Schicksalsschläge, Kriege, Naturkatastrophen und unerklärliche Phänomene saugt er auf wie ein Schwamm. Er übertreibt in allem.

Der Betroffene entwickelt hypochondrische Züge. Vergisst er mal etwas, fürchtet er, er habe Alzheimer. Ein kleiner Schnupfen wird als Lungenkrebs interpretiert. Kopfschmerzen sind ihm das sichere Anzeichen eines Gehirntumors. Liest er einen Armutsbericht, steigt die Vision vom eigenen Untergang in ihm hoch. Er wähnt sich als Soldat in allen Kriegen, und immer endet er mit einem Bauchschuss. Weil er die Sache an sich ist, nimmt er jede Kritik persönlich. Schlechtes Wetter ist ein Bosheitsakt der Natur. Wenn lange schlechtes Wetter ist, haben "die anderen" das Wetter so beeinflusst, dass er nichts davon hat. Es scheint ihm so, als ob ihm die "anderen" nicht mal eine schlechte Welt gönnen würden. Nicht selten kommt es zum offenen Ausbruch von Alarmismus und mehr, etwa einer Hybris (Größenwahn): Alle anderen sind schuld, dass es mir (der Welt) nicht gut geht, deshalb müssen alle anderen (außer mir) weg. Schübe, scheinbare Genesung und Rückfälle kennzeichnen dieses Stadium der Egalitäts-Erkrankung. Es gibt hier auch eine Sonderform: Der Egalitätskranke wird zum Fan, zu jemandem also, der eine Sache oder eine Person bedingungslos verehrt und schätzt, mit Ausnahme einer einzigen. Sich selbst.

Therapieende und Prognose

Pragmatismus ist ein wichtiger Wirkstoff, um das Gleichgewicht und die Normalität wiederzuerlangen, und gleichzeitig ein wertvolles Mittel im Kampf gegen den Extremismus.

Dennoch ist es hanebüchener Unsinn, zu glauben, dass man Pragmatismus einfach schlucken könne, selbst dann, wenn jemand behauptet, dass Pragmatismus, in hohen Dosen verabreicht (wie bei einer kompletten Anstaltspackung Extremosan(tm)), zur Vernunft führe.

Der Wirkstoff entsteht vielmehr in der konsequenten, alltäglichen Anwendung kritischen Verstandes und des Versuchs, andere Positionen und Meinungen nach Möglichkeit so abzuwägen, dass sie die eigenen Vorstellungen ergänzen und bereichern. Pragmatismus ist ein Wirkstoff, der nicht haltbar ist, das heißt, der ständig neu zusammengesetzt werden muss, weil er innerhalb kürzester Zeit durch Lagerung verdirbt.

Schlechtes Benehmen, Egozentrik, Vorurteile, eine zunehmend unfreundliche Arbeitswelt, Ellbogenmentalität und fanatische Glaubenskämpfe lassen sich nicht klinisch behandeln, sondern nur persönlich und von Fall zu Fall (und mit allem Nachdruck). In diesem Sinne empfehlen wir alles, außer den einfachen Weg, der darin besteht, an Präparate wie Extremosan(tm) zu glauben. Dieser gute Ratschlag ist einiges wert im Kampf gegen die Seuchen des alltäglichen und normalen Extremismus. Deshalb bitten wir auch um Verständnis dafür, dass angebrochene Klinikpackungen Extremosan(tm) durch uns leider nicht ersetzt werden, auch wenn Sie ausreichendes Rückporto zu Ihrer Rücksendung beilegen. Lernen ist schließlich nicht umsonst. -

Wir wünschen gute Besserung.