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Eiskaltes Kalkül

Norwegen träumt von gigantischen Erdgasvorkommen im Polarmeer. Und bricht von Hammerfest aus dorthin auf. Führt der Weg zur Lösung der globalen Energieprobleme in die Arktis? Ein Ortstermin auf 70 41' 13'' N, 23 35' 56'' O.




- In der Dämmerung, im Frost, liegt vor den Felsen diese Insel, und sie funkelt so fremd, als habe man vor dem Sturm noch eine Plattform aus dem Eismeer geborgen: einen Koloss aus Röhren, Tanks und Abertausenden von Lichtern und einer Flamme, die bis in die Wolken hinauf schlägt. Sie brennt dort bei Tag. Sie fackelt bei Nacht. Sie zieht, weil sie fast titanische Ausmaße hat, mehr Blicke von Hammerfest aus auf sich als der gewaltige Tanker, der seit Wochen draußen im Fjord auf den Einsatz wartet. Über den Wellen scheint die Luft zu knistern.

Denn wenn es stimmt, dass ein Viertel der unerschlossenen weltweiten Gas- und Erdöl-Vorkommen im Nordpolarmeer verborgen liegt, wenn sich niemand verrechnet hat und alles funktioniert - dann bedeutet die Inbetriebnahme einer Fabrik in der Nähe des Nordkaps den entscheidenden ersten Schritt Richtung Zukunft.

Die gewaltige Flüssiggasanlage auf Melkøya, die in diesen Monaten die Produktion aufzunehmen versucht, könnte Norwegens märchenhaften Wohlstand auf Generationen sichern. Sie könnte Europa und den Vereinigten Staaten bei der Energieversorgung helfen und sie aus Abhängigkeiten von anderen Lieferländern befreien. Und mit ihrer 143 Kilometer langen Pipeline, die auf dem Meeresboden von einem Erdgasfeld in der Barentssee bis nach Hammerfest herüberführt, ist sie der entscheidende Beleg, dass der Wettlauf um die Ressourcen in der Arktis nicht erst mit der spektakulären russischen Tauchfahrt zum Nordpol begonnen hat, sondern lange vorher.

Führt der Weg zur Lösung der globalen Energieprobleme in die Arktis? Skeptiker meinen, der Aufwand sei zu groß und das nun angezapfte Erdgasfeld "Snøhvit", zwischen Norwegen und Spitzbergen gelegen, zu klein. Dessen Vorräte von 193 Milliarden Kubikmeter Gas reichten kaum aus, um Deutschlands Gasverbrauch für rund zwei Jahre zu sichern, und für den ganz großen Jackpot unter dem Eis fehle nach wie vor jeder Beleg. In Hammerfest lassen sie diese Einwände nicht gelten. Der Markt, sagen sie, nehme nur einen Bruchteil der vorhandenen Gasmenge auf, da die Energieversorgung in der Praxis über einen Mix mehrerer Lieferanten laufe. Schon jetzt seien größere Felder in der Barentssee bekannt, wie das russische "Shtokman-Feld" mit seinen mehr als drei Billionen Kubikmetern Inhalt. Im Norden Norwegens wird schlaf- und atemlos nach neuen Feldern gesucht. Und viele dieser Ressourcen sollen in den nächsten 30 Jahren über das neue, erweiterbare Fabrikgelände in Hammerfest auf den Markt kommen.

"Imagine what we can do together", steht auf dem Schild, das im Eingang zum Hochsicherheitstrakt der Anlage montiert wird. Es ist das Motto der jüngst fusionierten Energiegiganten Statoil und Norsk Hydro: "This is the beginning."

Für Hammerfest ist die Anlage der Anschluss zur Welt

Die Norweger wissen, sie allein können das globale Energieproblem nicht lösen. Doch wenn alles funktioniert wie gedacht, wird die neue Erdgas-Verflüssigungsanlage in Hammerfest, die erste ihrer Art in Europa und nördlichste der Welt, ein Meilenstein auf dem Weg dahin sein.

Oder zumindest eine mit Milliarden subventionierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für eine Region, die selbst per Flugzeug nur umständlich zu erreichen ist und wo es im Winter stockfinster bleibt.

Am Tag, als die Fackel über der Insel seit Wochen erstmals kaum zu sehen ist, steuert ein russisches Forschungsschiff die Ausrüstungsstation "Polarbase" an. Die liegt außerhalb von Hammerfest, in einer Bucht gleich jenseits des Hügels, auf dem die Stadtväter eine Tankstelle und einen Plastikeisbär errichten ließen, und so muss sich die "Geo Arctic" die Anlagen am Kai mit zwei Lotsenbooten teilen. Sie gehören zur "Arctic Princess", dem Supertanker draußen im Fjord. Dessen Tanks sind beleuchtet wie eine Großstadt bei Nacht.

Herold Paulsen, Direktor der Polarbase, trägt Jackett und Hemd, keine Thermojacke, wie man in dieser kargen Landschaft am Wasser erwartet hätte. Überall auf der Polarbase stehen Kisten herum, verpackte Maschinen, Spulen, Röhren. "Seit 20 Jahren sagte man uns, dass wir der wichtigste Stützpunkt für alles sein würden, was in den Meeren nördlich von hier geschieht", sagt Paulsen, noch bevor er das Werktor per Sicherheitscode öffnet. " Jetzt ist es so weit. Wir sind der Anlaufpunkt für die Schiffe, die im Norden nach Rohstoffen suchen. Für die Versorgung bei künftigen Probebohrungen. Und für alle Materialien, die zur Wartung der neuen Fabrik da draußen gebraucht werden. Das wird hier immer größer." Dabei sind auch die Zeiten, in denen Paulsen den Traum vom Aufbruch ins Nordmeer fast abgeschrieben hatte, noch gar nicht lange her. Über Jahrzehnte hinweg blieb die Vorstellung, von Hammerfest aus die Energievorräte im Norden erschließen zu können, nicht mehr als eine fantastische Idee.

Als man die ersten Plattformen zur Gassuche nach Norden schickte, Anfang der achtziger Jahre, wurden die Kolosse von den Schaulustigen in den Häfen zwar mit einer Vorfreude verabschiedet wie einst die Schiffe der Polarhelden. Und tatsächlich stieß man bald auf Erdgasfelder wie "Askeladd", "Albatross" und vor allem "Snøhvit". Doch es mangelte an einer Technik, mit der solche Felder fernab vom Festland erschlossen werden konnten sowie an einem Marktszenario, mit dem sich die horrenden Investitionskosten rechtfertigen ließen. Und bis zum Frühsommer 2002 auch am politischen Willen, die Risiken eines solch gewaltigen Projektes gemeinsam zu schultern.

Für die rund 70 000 Menschen, die in der nordnorwegischen Region Finnmark ausharrten, war das eine Geduldsprobe. Während die Kommunen im Süden des Landes aus dem Vollen schöpfen konnten, dank des Öl- und Gasreichtums der Nordsee, mussten die im Norden mitansehen, wie ihre traditionellen Wirtschaftszweige wie der Fischfang oder die Fischverarbeitung zugrunde gingen, der Schatz vor der eigenen Küste aber noch nicht gehoben werden konnte.

Ab und zu kamen Schiffe aus Energie-Metropolen wie Stavanger. Deren Besatzungen vermittelten den Eindruck, auch auf der 1986 gegründeten Polarbase könne es demnächst hektisch werden. Doch die Erfahrungen der Norweger bei der Erschließung der Öl- und Gasquellen in der Nordsee ließen sich nicht ohne Weiteres auf die Barentssee und das Nordpolarmeer übertragen. Mit Förderplattformen auf hoher See oder einer Pipeline war es im Norden nicht getan. Bei diesen Temperaturen und diesen Wellen - unvorstellbar.

Stets zogen die Schiffe wieder ab. "Nur das unbestimmte Gefühl blieb", sagt Paulsen, "demnächst Teil einer bahnbrechenden Entwicklung zu sein."

In den Jahren nach 1994 schwand auch dieses Gefühl. Es herrschte Funkstille, die mit aufwendigen Machbarkeitsstudien erklärt wurde. Die Menschen in Hammerfest bekamen wieder zu spüren, was es bedeutet, an der Peripherie zu leben. Selbst den Titel der nördlichsten Stadt der Welt, der Hammerfest zur Legende gemacht hatte, musste man sich mit abgelegenen Siedlungen in Alaska und Nordrussland teilen.

Auf dem Polarbase-Gelände siedelten sich eine Lachsschlachterei und eine Kistenfabrik an, Betriebe, von der die Stadt keine Wunder mehr erwarten konnte. Und Paulsen und seine Mitarbeiter vermieteten Anlegeplätze und Schnee-Scooter.

Dann, mit einem Mal, ging alles sehr schnell. Vielleicht war man schlichtweg mit den Vorbereitungen fertig geworden. Vielleicht gab es so etwas wie Unruhe, dass die Bohrinseln in der Nordsee Luft schlürfen könnten wie ein Partystrohhalm im leeren Cocktailglas. Vielleicht eröffnete auch der Krieg im Irak mit seinen Begleiterscheinungen neue Märkte für Norwegen. Und steigende Preise. Von Russland und vom Klimawandel gar nicht erst zu reden.

Im fernen Oslo jedenfalls gab die Volksvertretung im Frühsommer 2002 grünes Licht. In Hammerfest kettete sich ein Um-welt-Aktivist an der Polarbase fest. Er wurde milde von allen Seiten belächelt. Denn auf dem Gelände landeten Schiff um Schiff bereits die Röhren und übrigen Materialien an, die zum Bau einer technisch bis dahin ganz unvorstellbaren Fabrikanlage benötigt wurden. Einer Anlage zur Produktion von Liquefied Natural Gas (LNG), die eben keine Plattform mitten im eisigen Nordpolarmeer war, sondern eine Fabrik nebst Kai in geschützten Gewässern.

In Hammerfest. 143 Kilometer vom eigentlichen Gasfeld entfernt. Per Fernsteuerung klappt das, sagten die Ingenieure. Auf ihren Skizzen war eine Unterwasser-Pipeline zu sehen, die von der Wasseroberfläche aus bestückt und gewartet werden konnte. Und eine Fabrik, die sich selbst mit Energie versorgen konnte. "Wir zapfen das Feld am Meeresboden an, leiten das heiße Gas in die neue Fabrik, kühlen es auf minus 163 Grad ab, bis es flüssig ist und komprimiert wird. Und schon kann es im Tanker verfrachtet werden, wohin auch immer, ohne weitere Pipeline. Das machen Länder wie Libyen doch auch so."

Hammerfest war begeistert. Flüssiges Erdgas, das klang gut und irgendwie sauber. Eine Rohrverbindung, in der sich die Schleppnetze der Fischer nicht verfangen konnten, das klang noch besser. Und selbst als einige Bedenkenträger auf den Kohlendioxid-Ausstoß verwiesen, hatten die Ingenieure eine Lösung parat: "Zurück damit ins Meer."

Wenn es eine Herausforderung gibt, sagten die Ingenieure, wird es immer eine Lösung geben. Entlang der einzigen Haupt straße machte sich ein Optimismus breit, wie es ihn bislang nur einmal gegeben hatte: damals in der Nachkriegszeit, als die von den deutschen Besatzern bis auf die Grundmauern niedergebrannte Stadt wiederaufgebaut wurde.

Diesmal waren die Deutschen willkommen, als sie nach Nordnorwegen kamen. Denn Statoil kooperierte bei der Umsetzung seiner Idee mit dem deutschen Anlagenbauer Linde, der das nötige Knowhow für die Kühlanlagen und die Erdgas-Verflüssigung mitzubringen versprach. So rückten deutsche Ingenieure an, noch als Melkøya nichts weiter war als eine per Sprengladung aufgeräumte Felseninsel vor dem Hafen. Sie fühlten sich wie Pioniere, wenn sie mit dem Schiff zur Insel hinausfuhren. Erst recht im Schneetreiben.

Ralf Forster ist Kaufmann bei Linde. Seit fünf Jahren schon liegt sein Arbeitsplatz in Hammerfest, eine Ewigkeit von seiner Heimat entfernt. Er sitzt in einem Auto, das sich durch heftigen Regen auf den Ortskern zukämpft. Am Fenster zieht die Stadt vorbei: lauter schlichte Häuschen, eine Gruppe auf dem Weg zum Kindergottesdienst. "Allen war klar, dass die Anlage ein Pilotprojekt war. Alle wussten, dass dies ein wegweisender Auftrag ist, auf den weitere ähnliche folgen könnten. Nur was es bedeuten würde, viele Jahre an einem so abgelegenen Ort verbringen zu müssen, das haben viele von uns unterschätzt", sagt Forster.

Die Fackel schlägt Flammen wie ein riesiger Bunsenbrenner

Hammerfest und Umgebung hatten knapp 10 000 Einwohner, ein Krankenhaus, eine Kebab-Bude und eine Hochschule, in der Krankenschwestern ausgebildet werden. Ausreichend Unterkünfte für Arbeitskräfte aus aller Welt hatte es nicht. Zwar wurde jede noch so karge Ferienwohnung aufpoliert. Doch die Unterkünfte blieben rar, wurden immer teurer und waren schließlich restlos überfüllt. Zeitweilig rückten 3000 Arbeiter zugleich an, darunter allein 200 Deutsche. Nur auf Melkøya war Platz, in Sichtweite der großen Fabrikschublade, in die sie das Kernstück der Anlage, eine schwere Verflüssigungs- und Kühlanlage mit eigenem Gaskraftwerk, schoben, die im spanischen Cadiz vormontiert und per Schiff um ganz Europa herum verfrachtet worden war. Sie schliefen in Baracken, auf festgezurrten Kreuzfahrtschiffen. Und sie hielten - wenn es schlimm kam, bis zur Evakuierung - auch den Stürmen stand, die im Winter über das Meer peitschten. Es war nicht immer gemütlich im Insel-Camp.

Das Unternehmen Snøhvit fühlte sich für die Pioniere an, als hätte man sie zum Puzzle-Spielen an den Nordpol geschickt. Erst mit einem Tunnel von der Stadt zur Insel wurde alles leichter. Steil knickt er vom Damm ab, der am Ortsausgang aufgeschüttet wurde. In einem harten Bogen schießt er unter dem Wasser entlang, vier Kilometer weit. Und dort, wo er auf Melkøya wieder das Tageslicht erreicht, lässt sich von einer Anhöhe aus die Fabrik endlich überschauen. Eine mächtige Trutzburg. Eiskalt. Betongrau. Stahlhart. Bewacht von uniformierten Rotjacken, die zwischen Kühlanlagen und Tanks Streife laufen, als bewachten sie die Festung, die "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" auf ihrem Weg zum Nordpol suchten.

Die Fackel, die am Rande leuchtet, schlug während des Testbetriebs im Herbst 50 Meter hoch in den Himmel wie ein überdimensionierter Bunsenbrenner - zum Entsetzen der Anwohner von Hammerfest, bei denen es danach Ruß auf die zum Trocknen aufgehängte Wäsche regnete. Wochenlang. Sie begannen sich zu fürchten. Sie sorgten sich um ihre Gesundheit. Sie standen in Gruppen herum, tuschelten und stellten Fragen. Das ist halt so, wenn eine Anlage dieser Dimension angefahren wird, antworteten die Ingenieure. Über 65 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit soll die Anlage bislang trotzdem nicht hinausgekommen sein. Dem Zeitplan von einst hinkt das Projekt um anderthalb Jahre hinterher. Der Kostenplan wurde um 50 Prozent überschritten. Der CO2-Ausstoß scheint groß. Und auch der kleine Plan, aus dem Snøhvit-Feld nebenher etwas Öl zu gewinnen, wurde vor Kurzem aufgegeben. Stattdessen brachte es die Anlage als "Terrorziel Nummer eins" auch in die politischen Schlagzeilen. Womöglich ist das Unternehmen noch nicht ausgereift. Kinderkrankheiten, fluchen die Ingenieure.

Die Arctic Princess, draußen im Fjord, wartet weiterhin auf etwas Bewegung an diesem Tag. Gemeinsam mit einem russischen Fischkutter, der zwangsweise stillgelegt worden ist: Russland hält sich beim Fischfang nicht immer an die Regeln.

Überhaupt ist in Hammerfest viel von Russland die Rede. Im Autoradio, auf dem Weg zur Insel, erzählte ein Nachrichtensprecher von einer hochrangigen russischen Delegation, die demonstrativ Spitzbergen besuchte. Eine Tageszeitung berichtete von Jagdflugzeugen, die provokant nah am norwegischen Luftraum operieren und die umstrittene Seegrenze im Nordosten markieren.

Norwegens Landesverteidigung wurde zum Thema: Ob die Nato im Falle einer Krise um Nordnorwegen dem Bündnispartner zu Hilfe eilen würde? Sogar in der Pizzeria, in deren Hinterstube sich die Muslime der Stadt zum Beten treffen, war von Russland die Rede: von Russland, das bei der Erschließung des Shtokman-Feldes zwar auf die norwegische Fachkenntnis gesetzt habe, nun aber erwäge, sich allein an die Ausbeutung zu machen. Und das auch noch mithilfe eines mobilen Atomkraftwerkes auf hoher See, das Förderplattformen in der Barentssee nach dem Vorbild der russischen U-Boot-Flotte mit Energie versorgen werde. Die Gerüchteküche brodelt. Wie hoch ist der Preis, den Europa für die Erschließung der Energiereserven im Norden zahlt? Er baue, sagte Norwegens Außenminister mit Blick auf Russland im Oktober vor Militärs, auf die Nato und deren Sicherheitsgarantien. Auf den Beistand der nordischen Nachbarn. Und auf die Amerikaner, denen schon aus symbolischen Gründen eine der ersten Tankerladungen Flüssiggas geliefert werden soll, nach Cove Point bei Washington, sobald die Anlage in Hammerfest problemfrei in Betrieb sein wird. Der Minister spricht pauschal von neuen Dimensionen der norwegischen Außenpolitik und drängt unermüdlich auf eine norwegisch-russische Kooperation im Polarmeer und internationale Vereinbarungen.

Nach einem Abenteuer klingt das alles nicht mehr. Eher nach einer Runde im großen Spiel um Rohstoffe. Auf den Norden Europas kommen Herausforderungen zu, die von Ingenieuren allein nicht mehr zu bewältigen sein könnten. Die Pioniere in Hammerfest bleiben trotzdem dabei: "Die Barentsregion ist die Region der Zukunft. Erst recht, wenn in wenigen Jahren die nächsten Gasfelder wie Goliath und Shtokman erschlossen und auf Melkøya weitere Fabriken gebaut werden." Arvid Jensen sagt das. Er vertritt die Interessen der lokalen nordnorwegischen Unternehmen, die sich in Verbänden wie Petro Arctic oder Pro Barents organisiert haben. Sein Büro liegt im Herzen der Innenstadt, im Obergeschoss eines neuen Einkaufszentrums, in dem es Konferenzzimmer gibt, die "Ultima Thule" heißen. Im Foyer stecken Werbebroschüren eines neuen Studiengangs der Hochschulen in Finnmark: "Energi 2050." Durch das Fenster ist der Rohbau des neuen Kulturzentrums erahnbar, und später wird er von den Schulen erzählen, die soeben fertiggestellt werden konnten. Und von den Wohnanlagen.

Für die Gemeinde war das Unternehmen Snøhvit schon bisher ein Segen. Auch von den Russen kann Jensen nur Gutes vermelden. Sicherlich sei Russland "im Norden immer eine Großmacht gewesen, das hat man in den vergangenen Jahren nur ein bisschen vergessen". In Kirkenes aber, der nächsten großen Stadt gleich an der Grenze, florierten die russisch-norwegischen Ehen. Hammerfest ziehe Organisten, Klavier- und Tanzlehrer an.

Das Spiel ist offen: Jackpot - oder heiße Luft

Und so wie die Energiekonzerne Büros in Moskau, Murmansk und Archangelsk eröffnet haben und mit Giganten wie Gasprom im Gespräch sind, arbeiten nun die Entwicklungsgesellschaften daran, dass auch an der russischen Küste nach Norden Verbände entstehen, mit denen sich reden lässt.

Auf Spitzbergen lebte man schließlich auch jahrzehntelang Tür an Tür mit russischen Grubenarbeitern, dank eines internationalen Vertrags. Womöglich hätte man die LNG-Anlage gleich auf Spitzbergen bauen sollen. Denn die Kooperation im Kleinen könnte rasch ein Ende finden, sobald der Wettlauf um die Energievorkommen richtig in Gang gekommen ist.

Im vergangenen Sommer hissten die Russen bereits ihre Fahne am Nordpol. Noch ist das nur als symbolische Geste zu verstehen. Vor 80 Jahren versuchte Norwegen, sich zusätzlich zu Spitzbergen einige scheinbar unwichtige Inseln vor dem Nordpol und Grönland zu sichern. In den Geschichtsbüchern des Landes heißt das Kapitel "arktischer Imperialismus".

Am Rande der Insel Melkøya schiebt sich unterdessen ein Supertanker durch das Wasser. Er soll mit dem ersten Gas aus der Tiefe der Barentssee beladen werden. Es wird mehrere Tage dauern, die Kammern zu füllen. Probehalber. Die Vertragskunden aber erwarten mehr. Von den 193 Milliarden Kubikmetern Snøhvit-Gas sollen die USA jährlich 2,4 Milliarden Kubikmeter LNG bekommen, Spanien 1,6 Milliarden, Frankreich 1,7 Milliarden.

Deutschland, bislang einer der wichtigsten Kunden Norwegens, bringt das nichts. Man mag die Ingenieure haben, um eine Fabrik zu bauen, wo bislang keine war: am Ende der Welt. Doch zu einem Flüssiggas-Terminal in Wilhelmshaven hat es bislang nicht gereicht. Deutschland hat sich für die Ostsee-Pipeline entschieden, 1200 Kilometer lang und darauf ausgelegt, mehr als 50 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr aus Russland zu bringen.

"Von der Arktis kann angenommen werden, dass sie eine der wichtigsten noch verbleibenden Energie-Provinzen der Welt ist", sagt das Öl- und Energieministerium in Oslo. Mindestens das Zehnfache dessen, was in Snøhvit an Erdgas schlummert, werde man allein am norwegischen Kontinentalsockel finden. Das wäre tatsächlich ein Jackpot. Auch im Bundeswirtschaftsministerium in Berlin glaubt man, dass die Energiereserven im Norden "kaum zu überschätzen" sind. Die Skepsis aber ist unüberhörbar. Erst neulich soll ein Wissenschaftler gewarnt haben, man möge bei der Erschließung der Arktis die Gefahren im Nordmeer nicht vergessen. Wenn sich die Erde weiter erwärme, werde dies vor allem Folgen haben: eine Armada riesiger und gefährlicher Eisberge, unkontrollierbar auf allen Seewegen.

Dann bliebe vom Erdgas-Abenteuer im Norden kaum mehr als heiße Luft. -