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Ein halber Held

Der Schweizer Wachmann Christoph Meili löste vor zehn Jahren einen der größten Skandale der Schweiz aus. Er ist weltweit bekannt. Und bis heute ein Beispiel dafür, dass das zum Leben nicht reicht.




- Nein, als Helden sieht er sich nicht, sagt Christoph Meili. Aber insgeheim wäre er gern einer. "Ich bin gegen ein gigantisches System angegangen. Ich bin davon überzeugt, dass große Firmen nicht alles machen können, dass jeder Mensch bestimmte Grundrechte hat. Und da musste ich einfach handeln", sagt der heute 39-jährige Schweizer, der seit zehn Jahren in den Vereinigten Staaten lebt.

Meilis Tat machte ihn Anfang 1997 über Nacht in den Augen von Holocaust-Überlebenden und deren Organisationen und Fürsprechern zu einem Helden, in weiten Kreisen der Schweizer Bevölkerung und der Medien dagegen zu einem Vaterlandsverräter. Der ehemalige Wachmann bei der (inzwischen in der U BS aufgegangenen) Schweizerischen Bankgesellschaft rettete eines Nachts Dokumente aus der Nazi-Zeit vor dem Reißwolf und löste damit eine Lawine an weltweiten Ermittlungen, Prozessen, Verhandlungen und Vorwürfen aus, die das zweifelhafte Verhalten der Schweizer Banken seit den dreißiger Jahren ins Rampenlicht zerrten. Die vor allem in den USA ausgetragene Schlacht gipfelte im August 1998 in einem sogenannten Globalvergleich über 1,25 Milliarden Dollar zwischen Finanzhäusern, Überlebenden des Holocausts und jüdischen Organisationen.

Heute lebt Christoph Meili, der sich in Michael umbenannt hat, in einer bescheidenen Wohnsiedlung bei Los Angeles. Aus dem Wohnzimmer mit Ikea-Regal geht der Blick auf die Stadtautobahn. Meili schiebt als Wachmann Nachtschichten für 10,50 Dollar Stundenlohn in einer Siedlung für Reiche am Pazifik.

Fragt man ihn nach dem Preis, den er für seine Zivilcourage gezahlt hat, antwortet er mit einer Mischung aus Ernüchterung und später Genugtuung. "Kurzfristig war es schlimm. Meine Ehe ist kaputtgegangen, ich verlor meinen Job und musste aus meiner Heimat fliehen. Ich habe keinen finanziellen Vorteil daraus gezogen, nur ein Sicherheitspolster für ein paar Jahre auf der Bank." Das Sicherheitspolster von insgesamt 750 000 Dollar stammt aus einer Vergleichszahlung, die Meili Jahre nach seiner Aktion von schweizerischen Banken zugestanden wurde. Von dieser Summe blieben ihm 325 000 Dollar. Der Rest ging an seine geschiedene Frau und die zwei gemeinsamen Kinder.

Später versuchte Meili, weitere 250 000 Dollar vor einem New Yorker Gericht zu erstreiten. Das brachte ihm von seinen Gegnern natürlich den Vorwurf ein, er sei kein Held, sondern schlicht geldgierig. Das Motiv passte nicht zum Mythos des couragierten Wachmanns, der den größten Skandal des Schweizer Bankenwesens aufgedeckt hatte. Und der in seiner Heimat dafür so geächtet wurde, dass er als erster Schweizer überhaupt als politischer Flüchtling in den USA anerkannt wurde.

Bis heute nehmen ihm viele Schweizer seine Tat übel. Er gilt als Nestbeschmutzer. Es stimmt, wenn er über sich selbst und die Arbeit seines Anwalts Edward Fagan sagt: "Langfristig haben wir die Tür zu einem großen Tabu aufgestoßen und weiteren Klagen den Weg bereitet - von Zwangsarbeitern über Lebensversicherungen aus der Nazi-Zeit bis zum Verbleib von Beutekunst." Nur: Meili ist kein Held zum Herzeigen, der dem Klischee des immer Guten entspricht.

Nach seinem Coup wurde Meili zum wichtigsten Kronzeugen der Anklage. Über fast zwei Jahre hinweg waren er und Fagan Woche für Woche in New York, Washington, Los Angeles und Zürich präsent - oft mit mehreren Holocaust-Überlebenden im Schlepptau. Er präsentierte die Klagepunkte selbst vor dem US-Kongress. Der Wachmann war ohne Zweifel der wichtigste Whistleblower aller Zeiten. Er war aber ebenso ein williger Statist in einer Show aus Anklage und Entrüstung, wie sie das Justizsystem und der Medienzirkus in den USA erfordern.

Auch wenn Meili sich bis heute ganz anders sieht. "Fagan hat als Erster die globale Reichweite der Akten erkannt, die ich gefunden hatte", sagt er. Er habe als Profi gewusst, wie das Geschäft mit dem Prozessieren läuft. "Das hat er gut gemacht. Nein, ausgenutzt hat er mich nicht. So naiv war ich nicht, dass ich nicht vorher wusste, worauf ich mich da einlasse." Das sagt er, obwohl die beiden seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben, weil sie sich um den Verbleib von 250 000 Dollar aus der Vergleichssumme mit den Banken streiten.

Nicht naiv? Natürlich wurde Meili zum Spielball größerer Mächte. "Ich war nur ein Instrument, das Mittel zum Zweck." Das habe er jedoch in Kauf genommen, schiebt Meili nach, denn die Sache an sich sei ihm wichtig gewesen. Er, der als sein Vorbild den deutschen Industriellen Oskar Schindler nennt - den weltberühmten Retter jüdischer Zwangsarbeiter -, hat sich allerdings auch mit jüdischen Organisationen in den USA überworfen. "Am Anfang war ich der Held, der von Synagoge zu Synagoge reiste und Reden hielt. Sie sprachen von einem Buch-Deal, einem Film, dass ich meinen Schweizer Pass wegwerfen solle. Meine Sorgen seien vorbei." Meili glaubte damals der Euphorie der Stunde. Es war gut, ein Mittel zum Zweck zu sein. Jüdische Organisationen halfen Christoph Meili, in seiner neuen Heimat USA ein Studium an der Chapman University in Orange County zu beginnen.

Doch das Studium lief nicht so, wie er es erhofft hatte. Heute ist er wütend und fühlt sich im Stich gelassen: " Jetzt weiß ich, dass in Amerika eigentlich alle Gangster sind: Nutzen und ausnutzen heißt das Spiel", sagt er. "Für das College war ich bloß ein Aushängeschild, um Spenden für die Einrichtung eines Holo-caust-Lehrstuhls zu sammeln. Aber als ich Probleme mit Algebra und Englisch hatte, hat sich niemand um mich gekümmert. Inzwischen denke ich, dass ich mein Land nicht Hals über Kopf hätte verlassen sollen. Das war ein taktischer Fehler."

Vorwürfe. Selbstmitleid. Helden sehen anders aus. Wenn man nachfragt, ist es die rabiate Rhetorik des Christoph Meili, die Organisationen, die ihm beim Neustart in Amerika halfen, heute schweigen lassen. Und: Niemand braucht den Schweizer noch, auch das ist richtig.

Nur der Anwalt Edward Fagan hält nach wie vor große Stücke auf seinen ehemaligen Mandanten, der inzwischen wieder verheiratet ist und einen Sohn aus zweiter Ehe hat. "Christoph wusste genau, was er tat und warum er es tat. Naiv war er nicht", sagt Fagan. "Nur wenige bekommen danach so viele Gelegenheiten auf dem Tablett serviert. Aber er irrt sich, wenn er glaubt, dass andere an seinem Schicksal schuld seien. Manchmal redet er einfach zu viel."

In der Tat: Zuweilen geht die Fantasie vom einfachen Helden, der sich gegen die großen Mächte stemmt, mit Meili durch, wenn er in den Erinnerungen der vergangenen zehn Jahre kramt. Dann spricht er vom drohenden Polizeistaat in seiner Wahlheimat und davon, dass der 11. September eine Verschwörung gewesen sei. Die großen Privatarmeen von US-Firmen wie Blackwater erinnern ihn "an den Aufbau einer zweiten SS. Aber wenn ich davon rede, stehe ich ziemlich alleine da", sagt der Wachmann, dessen E-Mail-Adresse mit "swissguard007" beginnt.

Denkt Meili deswegen über eine Rückkehr in die Schweiz nach? "Ich war vor vier Jahren zum ersten Mal wieder da, und es war erstaunlich friedlich. Aber ich bin jetzt Amerikaner und versuche wie alle, im Hier und Jetzt zu leben. Und ich werde in Ruhe gelassen." Aber vielleicht will er das gar nicht. In einem merkwürdigen Selbstdarstellungsvideo im Internet versucht Meili sich wieder ins Gespräch zu bringen, extrem einseitig, wie immer. Das Video ist eine ungewollte Tragikomödie. Das ist kein Wunder. Helden bestehen aus zwei Stoffen: Sowohl als Auch. -