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Die Privatisierung in Russland aus der Sicht bolschewistischer Kekse

Die schönsten Anfänge sind gemeinhin die einfachen.
Demnach hat die Geschichte der Privatisierung in Russland einen schönen Anfang: Sie begann vor 15 Jahren ganz einfach mit Keksen und Gebäck in einer Fabrik namens „Bolschewik“. Eine nicht ganz so einfache Spurensuche.




• Wir stehen vor dem Werktor von Bolschewik und dürfen nicht rein. Die Luft trieft von Qualm und Lärm. Die Dolmetscherin Swetlana Manzireva telefoniert, nein, brüllt. Mit ihren 22 Jahren wirkt sie wie das Symbol des neuen Russlands: imposante Sonnenbrille, gepflegte blonde Haare, Schmuck und Kleidung mit Luxus-Flair.
Das neue Russland und damit auch Swetlanas sichtlichen Wohlstand hätte es ohne die rot geziegelte Fabrik vor uns möglicherweise nie gegeben. Hier wurde Geschichte geschrieben, von der heute – so scheint es – allerdings niemand mehr etwas wissen will. Swetlana steckt das Handy wieder ein. Sie hat mit jemandem von Bolschewik gesprochen. Das ist, nach allem, was uns bislang widerfuhr, ein kleines Wunder. Doch es bleibt zunächst dabei: Besuch ausgeschlossen. Die aus der Fabrik in den Abend eilenden Arbeiterinnen schauen uns derweil böse an oder an uns vorbei. Schließlich sagt eine der Frauen, dass „von denen damals heute niemand mehr da ist“.

„Damals“ beginnt ziemlich genau heute vor 15 Jahren. Eine Auktion ist ausgerufen, eine Auktion mit unvorhersagbarem Ausgang. Zu Sowjetzeiten hatte schließlich niemand gelernt, wie das geht: eine ganze Fabrik verkaufen. Und so fragen sich damals 2400 Arbeiter, die knapp 50-köpfige Betriebsführung, Regierungsvertreter, Privatpersonen, Großmütterchen, Besitzer von Investmentfonds und Fernsehteams aus aller Welt, wer wohl dieses erste große Stück vom sowjetischen Sozialismus ergattern wird.

Es heißt Bolschewik, hat Lenin neben dem Fabriktor stehen und produziert die „Yubileynoe“ – Russlands beliebteste Kekse. Man schreibt in Moskau den 12. Dezember 1992. Der Tag, an dem diese Geschichte beginnt. Die erste von bald Tausenden solcher Geschichten, die erzählen, wie das kommunistische System versuchte, sich in etwas anderes zu verwandeln. In was genau, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand wirklich zu sagen.

Wohl auch nicht der Amerikaner Boris Jordan, der in jenen Tagen in der Ecke des Auktionssaales hockt und am Fernseher verfolgt, wie der Premierminister und einer der Köpfe der Reformbewegung, Jegor Gaidar, abtreten müssen. Vielleicht denkt Jordan in diesem Moment an seine Vorfahren, die infolge der bolschewistischen Revolution, die dieser Backwarenfabrik ihren Namen gab, aus Russland hatten fliehen müssen. Boris Jordan ist nun heimgekehrt – als Investment-Banker der CS First Boston. Er ist 25 Jahre alt und versucht nichts Geringeres, als in Russland den Kapitalismus zur Welt zu bringen. Ausgerechnet mit Keksen und Gebäck.

Ein Staat spielt Monopoly - und alle Bürger spielen mit

Russland plant die Privatisierung des kommunistischen Erbes als gewaltiges Volks-Monopoly-Spiel. Mit bedrucktem Papier (sogenannten Vouchers) können die Bürger Anteile an Staatsbetrieben erwerben, damit handeln oder in Voucher-Fonds anlegen – und am Ende soll richtiges Geld dabei rauskommen. Boris Jelzin verspricht in Russland nicht Aktienbesitzer zu Millionären, sondern Millionen zu Aktienbesitzern zu machen. Irgendwie so hat er es gesagt, als er im August 1992 das Voucher-Privatisierungsprogramm ankündigte.

Im Dezember halten 97 Prozent der Bevölkerung diese Papiere in Händen – und warten, dass etwas passiert. 144 Millionen Vouchers sind in Russland verteilt, Nennwert 10.000 Rubel, ausgegeben für 25 Rubel – ein Wert von damals acht US-Cent. Nominell ist Russlands Volkswirtschaft in diesem Moment für ziemlich genau zwölf Milliarden Dollar zu haben. Wie genau das allerdings funktionieren soll, hat kaum ein Russe wirklich verstanden. Die meisten werden es auch bis zum heutigen Tag nicht wissen. Wie auch bis heute nicht bekannt ist, wo Millionen dieser Vouchers geblieben sind. Viele glauben aber, dass Boris Jordan da eine Ahnung haben wird.

Der hat es in diesen Tagen eilig. Die Demission von Gaidar ist ein untrügliches Zeichen, dass die kommunistische Nomenklatur fleißig an der Wiedererlangung der Macht arbeitet. Sie ist drauf und dran, das Privatisierungsgesetz zu kippen. Derweil bereichern sich die 18.000 außer Kontrolle befindlichen Generaldirektoren im Land munter am beweglichen Vermögen der Staatsunternehmen und verscherbeln es , dass es eine Art hat. Jordan muss fürchten, dass bald nichts mehr zum Privatisieren übrig ist.

Jordan gehört zu einer Schar junger Reformer und Banker um den Privatisierungsminister Anatoli Tschubais. Tag und Nacht arbeiten sie, um noch einen Platz in der Geschichte und auch ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Sie alle träumen vom Geschäft ihres Lebens, am meisten Boris Jordan. Der Absolvent der New York University berät neben seinem Job bei First Boston unentgeltlich die Regierung, baut sich dadurch gute Kontakte auf und ist über jeden Schritt der Staatsführung bestens unterrichtet. Ein arrivierter Investmentbanker nennt die Clique um Tschubais und Jordan damals „eine Horde Cowboys, die oben nicht von unten unter scheiden können“. Heute sagte er das wohl nicht mehr.

Zumindest deuten im heutigen Moskau eine bewaffnete Begleitmannschaft und ein Büro im edlen Usadba-Center eher auf „oben“ hin. Boris Jordan residiert hier mit seiner Sputnik Group, aktiv bei Private Equity und in diskreter Management-Beratung. Sein Aufstieg scheint kometenhaft: Er ist die lebende Legende der russischen Privatisierung.

Schon 1994 gingen über den Schreibtisch des Cowboys 1,2 der insgesamt 1,8 Milliarden Dollar ausländischer Investments. Ein Jahr später krönte ihn die »Financial Times« zum „Zar von Moskau“. Wer den heute sprechen will, muss zunächst das Glück haben, die stets gestresste Presseverantwortliche an den Hörer zu kriegen, eine Mail schreiben, wieder Glück haben am Telefon. Am Ende bedauert die Dame: „Mister Jordan lässt ausrichten, derzeit weder Zeit zum Sitzen noch zum Nachdenken zu haben.“ Da beides, so die Sprecherin, für ein Interview unabdingbar sei, müsse es leider ausfallen.

Eine Keksfabrik wird Pionier -und die Belegschaft sorgt sich

Dass es einmal so weit kommen würde, daran ist in den Dezembertagen 1992 nicht zu denken. Zumindest die Belegschaft und das Management von Bolschewik haben an diesem 12. Dezember mit Sicherheit anderes im Kopf. Die Löhne der Arbeiter sind um 50 Prozent gesunken. Zugleich füllen sich die Regale in den Geschäften so schnell, wie die Preise durch die Inflation steigen. Um gut 2300 Prozent, seit Jelzin 1992 die staatliche Preiskontrolle aufgehoben hat. Ausgenommen beim Wodka, der bleibt erschwinglich.

Stellvertretend für alle russischen Beschäftigten geht bei Bolschewik weniger die Hoffnung als vielmehr die Sorge um, dass die Privatisierung am Ende nur eines bedeuten wird: den Verlust ihrer Arbeitsplätze. Vor der Auktion wurden 51 Prozent der Aktien an die Belegschaft und das Management ausgegeben, damit die überhaupt mitspielen. Sie wissen jetzt – oder glauben zu wissen –, dass sie ihre Firma vor bösen ausländischen Investoren schützen können. Bei der Versteigerung der verbliebenen 49 Prozent kommen Mitarbeiter, Management, russische Investoren und auch Ausländer zum Zuge. Schließlich wird die Fabrik mit einer Produktionsmenge von jährlich 70.000 Tonnen Gebäck für 645.000 Dollar verkauft. Mit dieser – zugegeben kläglichen – Summe ist eine Privatisierung eingefädelt, die sich als beispiellos erweisen soll: Bis Ende des Jahres gelangen 18 Betriebe in Privatbesitz, dazu 46.797 kleinere Geschäfte, 2.788 000 Wohnungen und 182.787 landwirtschaftliche Betriebe. 3485 Industriebetriebe sind verpachtet und mehr als 503 203 neue Unternehmen gegründet.

Boris Jordan wechselt angesichts der Schnäppchenpreise schnell die Seite des Tisches. Er hilft der Regierung nicht mehr zu verkaufen, sondern kauft fortan bei ihr ein.

Im Sommer 2007 rufen wir im Pariser Büro des französischen Lebensmittelkonzerns Danone an, dem Bolschewik inzwischen gehört. Dort verspricht man uns, einen Kontakt zur russischen Tochter herzustellen. Es dauerte nicht einmal ein Jahr, bis der erste ausländische Investor an die Tür klopfte. Die Belegschaft reagierte entschlossen und einmütig: Sie verkaufte ihre Aktien an die, vor denen sie sich vor wenigen Monaten noch schützen wollte. Mitte der Neunziger übernahm die Danone-Gruppe die Mehrheit der Bolschewik-Anteile und versprach, zehn Millionen Dollar zu investieren. Darauf wartet man in Moskau heute noch. Auch wir warten, einen Monat, ohne dass wir aus Paris etwas hören. Nach neuerlicher Anfrage erhalten wir die Mitteilung, man „habe dort keinen erreicht“. Mit der Telefonnummer, die man uns auf den Weg nach Moskau mitgibt, landen wir problemlos in Finnland. Die Person dort scheint sehr nett zu sein (so richtig kann man das Gesagte nicht verstehen), in Sachen Moskauer Gebäck aber augenscheinlich nicht firm. Das hätte uns zu denken geben sollen.

Für die Arbeiter, Investoren und Privatpersonen, die ihre Vouchers 1992 in Bolschewik-Anteile eintauschten, endet das Volks-Monopoly durch den Danone-Einstieg immerhin mit der wundersamen Verwandlung von bedrucktem Papier in richtiges Geld. Das widerfährt nur einer Minderheit. Die meisten geben die Schecks aus der Hand, bevor die Privatisierung überhaupt beginnt. „Es war unglaublich, wie schnell sich die Leute von ihren Vouchers und Aktien trennten“, erinnert sich Wolfram Schrettl vom Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin.

In den 1990er Jahren arbeitet er für die Weltbank und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Moskau, berät die auffallend jungen russischen Politiker, die sich in der neuen Wirtschaftswelt bereits äußerst gewieft zu bewegen wissen. Nur eines wussten damals die Wenigsten: „Wo man investieren sollte“, so Schrettl über das Dilemma in einer Zeit, da fliegende Händler in den U-Bahnhöfen Papiere feilbieten, auf denen Gasprom steht, Menschen aus Kofferräumen heraus bündelweise Vouchers verkaufen oder Arbeiter an den Fabriktoren mit Wodkaflaschen abpassen, um deren Privatisierungsschecks gegen einen guten Sc hluck einzutauschen. Ein Drittel der russischen Unternehmen kann 1993 weder Rohstoffe noch Löhne verlässlich begleichen. Die Menschen bezahlen das Abendessen mit Vouchers, und sogar eine große Ölfirma verrechnet ihre Verkäufe noch mit Agrarprodukten.

Ein ausländischer Investor kauft – und ein Direktor brüllt

Wie auf diesem Acker ein Kapitalismus wachsen konnte, vor dem sich eine Ökonomie wie Deutschland heute zu schützen gedenkt und dessen besonders erfolgreiche Partizipienten europäische Fußball-Ligen als Spielwiese nutzen? Das fragt sich auch Wirtschaftswissenschaftler Schrettl, der Russland als „ein Laboratorium“ versteht, „wo allerhand ausprobiert wird, was niemand sonst ausprobieren kann, darf oder will“. Insofern gebe es hier viel zu lernen. Etwa dass Reformen für einen Wirtschaftsboom „weder notwendig noch hinreichend sind“, wie Schrettl – wenn auch mit größtem Bedauern – feststellen musste. Verkorkste Privatisierungen hingegen können mitunter einen Segen bedeuten.

Was für das Selbstverständnis professioneller Ökonomen schlechte Nachrichten sind, erklärt für Schrettl, warum im erfolgreich reformierten Ostdeutschland „die Post nicht abgeht“, Russlands Wirtschaftsdaten aber glänzen. Der Segen liegt für Schrettl in der Katastrophe: Durch die verheerende Inflation in den Jahren der Privatisierung, ausgelöst durch die unfreiwillige Abwertung infolge eines Währungszusammenbruchs, sinken die Reallöhne um 50 Prozent, was den Firmen Spielraum für Investitionen verschafft. Zugleich kommt der „einheimische Käse wieder auf den Tisch“, wie Schrettl sagt. Die Abwertung des Rubels macht Importe unbezahlbar, die Bürger greifen wieder zu russischen Produkten und verhelfen der heimischen Wirtschaft zu Absatz. Russlands momentaner Boom resultiert für Schrettl aus diesen Parametern des Zusammenbruchs in den Zeiten der Privatisierung. Erst später trug der steigende Ölpreis dazu bei.

Wir stecken unsere Nase weiter erfolglos durch den Fabrikzaun. Der Lenin neben dem Werktor neigt sich bedenklich vornüber, doch er hält sich wacker, flankiert von einer Handvoll unterschiedlich hoch geratener Tannenbäume. Ein paar Meter weiter betreten wir unauffällig den öffentlich zugänglichen Fabrik-Shop. Gleich elf Diplome der „Akademie zur Vermeidung von Problemen mit der Qualität“ hängen an einer Wand. In den Vitrinen quellen wahre Paläste konditoraler Art, hinter denen wohlbeleibte Verkäuferinnen die Kunden resolut anherrschen, die sich bei ihren Bestellungen entsprechend unterwürfig geben. Im Hintergrund macht ein immenser Danone-Kühlschrank viel Lärm um ein paar Joghurtbecher und deutlich mehr Getränkeflaschen. Swetlana telefoniert weiter angestrengt mit Bolschewik. Sie sagt: „Kein Problem“, und das wird sie in den nächsten Tagen noch öfter sagen. Der Stand der Dinge so weit: Beim ersten Anruf hat Bolschewik keine Pressestelle. Beim zweiten doch, nur ist niemand da. Beim dritten gibt es sogar eine Abteilung Human Resources. Da ist Gewinner jemand zu erreichen. Er verspricht, unsere Angelegenheit zu arrangieren, muss aber zunächst auf Dienstreise. Sein Kollege erledigt das morgen. Versprochen.

Als Jacques Ioffe 1993 durch das für uns verschlossene Fabriktor schreitet, purzeln die Umsätze von Bolschewik rapide abwärts. Ioffe, ein gebürtiger Russe, der in Frankreich lebte und dort bei Renault und der Société Générale zu hohen Ehren kam, wurde von Danone zur Moskauer Neuerwerbung entsandt, mit einer Art alleiniger Verfügungsgewalt über Russlands berühmteste Keksfabrik.

Dort stürmt schon am ersten Tag ein hemdsärmeliger, dicker Mann in Ioffes Büro, um für geraume Zeit herumzubrüllen. Der Franzose wähnt sich bei dem vierschrötigen, tätowierten Kerl mit breiter Goldkette einem Kriminellen gegenüber. Doch es ist der Generaldirektor der Fabrik, der mit 18 Jahren als Lehrling bei Bolschewik begann und der Belegschaft mit eiserner Philosophie vorsteht, die auch, wenn nötig, Handgreiflichkeiten beinhaltet.

Die 45 Manager des Unternehmens sind vom Direktor handverlesen und ihm treu ergeben. Was einträglich vergolten wird, wie Ioffe beim Blick auf die Markenvielfalt im Produktportfolio feststellt. Jeder dieser Manager besitzt seine eigene Marke, von deren Verkaufserlösen er nicht schlecht profitiert. Danone muss ihnen diese Marken letzten Endes abkaufen, verbunden mit der freundlichen Bitte an die Herren, sich nach einer anderen Beschäftigung umzusehen. Der alte Direktor schreit noch bis 1996 von seinem Büro aus den Abgesandten des Mutterkonzerns hinterher, sie mögen nicht vergessen, die Tür hinter sich zu schließen. Die meisten der zugereisten Manager verunsichert dieser Schreihals so sehr, dass sie nach wenigen Wochen aus dem wilden Osten zurück nach Paris fliehen. Dann verkauft auch der „rote Direktor“ seinen Anteil und teilt das gleiche Schicksal wie zu diesem Zeitpunkt 33 Prozent der 18.000 sowjetischen Generaldirektoren: Er wird gefeuert.

Zu Beginn des Jahres 1996 sind 17.937 Industriebetriebe privatisiert. In weniger als vier Jahren gelangen damit 88,3 Prozent der Industrieproduktion, 79,4 Prozent der Beschäftigten in diesem Sektor und 77,2 Prozent der mittleren und großen Industrieunternehmen in die Hand von Anlegern und Investoren. In 65 Prozent der Firmen stellt die Belegschaft den Mehrheitseigner, ein weltweit wohl unerreichter Wert. Zugleich sind 38 Prozent der 50 größten Firmen weiter in staatlicher Hand.

Russlands wertvollstes Unternehmen ist zu diesem Zeitpunkt die Lukoil Group mit einer Marktkapitalisierung von mehr als drei Milliarden Dollar. Dahinter liegt Gasprom mit 1,7 Milliarden Dollar. Das Unternehmen wurde samt seiner gewaltigen Öl- und Gaslagerstätten für 22 Millionen Dollar verkauft. Die Löhne dümpeln noch 27 Prozent unter dem Stand von 1992. Jeder zehnte Beschäftigte arbeitet ohne volle Bezahlung. Der IWF gewährte Russland bislang Kredite in Höhe von fast 20 Milliarden Dollar. Gut 40 Milliarden Dollar wurden aus Russland auf ausländische Konten transferiert.

Diese Zahlen trug Joseph R. Blasi in seinem Buch „Kremlin Capitalism“ zusammen. Der bestechend freundliche Wirtschaftswissenschaftler verkriecht sich heute mit Vorliebe in der Bibliothek der Rutgers Universität von New Jersey. Zwischen 1992 und 1996 steigt er jeden Sonntagabend in den Zug oder in ein Flugzeug, reist von Moskau aus in den Kaukasus oder die Polarzone und besucht rund 800 russische Unternehmen mit durchschnittlich 2000 Mitarbeitern.

Ein Land wird Laboratorium - und Direktoren werden reich

Der Wissenschaftler gehört zum unabhängigen Beraterstab von Privatisierungsminister Tschubais. Finanziert von der US-amerikanischen Eurasia Foundation, wirkt Blasi an der sogenannten Nationalen Studie mit, der einzigen langfristigen Evaluierung zur Privatisierung. Der Amerikaner spricht viele Stunden mit Generaldirektoren, Managern und Politikern, gewöhnt sich an den obligatorischen Wodka und zeichnet das Bild eines Landes, das mehr als sieben Jahrzehnte der privaten Wirtschaft feindlich gegenüberstand und bis 1994 – in gerade 19 Monaten – einen Großteil der Privatisierung vollzieht. Nach gängigen westlichen Standards hätte dieser Prozess wenigstens 150 Jahre gedauert.

Das Laboratorium Russland läuft zu dieser Zeit auf Hochtouren. Management und Generaldirektoren geben über Nacht (oft kostenlose) Aktien an ihre Mitarbeiter aus und mindern so die Beteiligungen ihrer ungeliebten ausländischen Investoren. 39 Prozent aller Firmen mit mehr als 1000 Beschäftigten führen kein unabhängiges Aktionärsregister. Das liegt meist im Büro des Direktors und wird entsprechend oft „korrigiert“. Banken organisieren Versteigerungen, bei denen sie selbst als Bieter auftreten. Konkurrenten disqualifizieren sie schon im Vorfeld, aus technischen Gründen. Manchmal hebt auch nur ein fahrplanmäßiger Flieger nicht ab, und Investoren erreichen die Auktion nicht rechtzeitig.

Dennoch erwerben bis zum Jahr 1996 mehr als 21 Millionen Russen mit ihren Vouchers Unternehmensanteile. 45 Millionen Russen investieren in sogenannte Voucher-Fonds, von denen die meisten pleitegehen. Die größte Gruppe jedoch, 58 Millionen Menschen, verkaufen ihre Vouchers oder geben sie einfach nur weiter: Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung lässt das Privatisierungsprogramm an sich vorüberziehen wie einen lästigen Regenschauer.

Eine neue Strategie geht auf – und das Management geht

In den Befragungen für die Nationale Studie antwortet ein ähnlicher Prozentsatz, es habe sich für sie in diesen Jahren kaum etwas geändert. Obwohl die Inflation tobte und später die Wirtschaft boomte nahezu 40 Prozent der Bevölkerung scheinen von der wirtschaftlichen Entwicklung derart abgekoppelt, dass Ausschläge kaum wahrgenommen werden. Etwa 50 Millionen Russen kommt damit nur die Rolle der unbewussten Fährmänner zu, die Macht und Vermögen von der Seite des Staates auf die Seite der Investoren schippern.

Zum Beispiel zu Leuten wie Boris Jordan, dem es einer Meldung der »New York Times« zufolge gelang, rund 17 Millionen Vouchers für seine verschiedenen Klienten einzusammeln. Er verfügt damit über mehr als ein Zehntel der Kaufkraft des Voucher-Programmes. Mit seinem Kumpel Anatoli Tschubais initiiert er 1995 zudem maßgeblich das Programm „Kredite für Aktien“. Die klamme Jelzin-Regierung wird mit frischem Geld versorgt, wofür sie den privaten Geldgebern die noch in staatlichem Besitz befindlichen Aktien als Sicherheit überlässt. Mit ihnen schwingen sich die heute bekannten Oligarchen empor, da die Kredite nicht zurückgezahlt werden.

Von Krediten kann Jacques Ioffe bei Bolschewik nur träumen wie vom goldenen Kalb: Hier stellen sich bald die Nebenwirkungen der Voucher-Privatisierung ein. Es fehlt an Kapital, da die Betriebe ihre Aktien beim Volks-Monopoly größtenteils nicht gegen Geld, sondern bedrucktes Papier – Voucher eben – ausgaben. Da von der Mutter Danone bislang kein Cent kommt, erlauben nur die eigenen Erlöse sehr überschaubare Investitionen.

Russische Banken leihen ihr Geld lieber der Regierung oder investieren direkt in Unternehmen. Eine der Banken, die in Russland zu dieser Zeit noch Geld verleiht, ist die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE). Deren Sprecher Richard Wallis erzählt von der für Banken damals unangenehmen Lage, dass keiner ihrer Kunden so etwas wie eine Kredithistorie vorweisen konnte: „Es waren alles junge Firmen, die oft noch keinen Kredit erhalten hatten.“ Also weiß auch niemand, bei welcher Firma eine Rückzahlung realistisch scheint. Sicherheiten sind zu dieser Zeit so knapp wie eine vorbildliche Vergangenheit, und so tragen nicht wenige Geschäftsführer in dieser Zeit beliehene Ringe und Pelzmäntel.

Die EBWE gewährte Bolschewik schließlich zwei Darlehen gegen eine 15prozentige Beteiligung am Unternehmen, die bis heute in den Büchern steht.

Der Danone-Mann Ioffe widmet sich in diesen klammen Zeiten der paradoxen Aufgabe, moderne Unternehmensstrukturen wie das japanische Qualitäts-Programm „Total Productive Maintenance“ zu implementieren, während in der Fabrikhalle Maschinen aus dem 19. Jahrhundert rattern. Feuer und Betriebsunfälle gehören zum Alltag, und im Garten steht weiterhin Lenin, leicht nach vorn gekippt, und schaut zu. Zu dieser Zeit verfügen fast 40 Prozent der russischen Unternehmen über keine Marketing-Abteilung, geschweige denn über funktionierende Kommunikationsstrukturen. Ioffe baut sich dafür eine neue Riege junger und gut ausgebildeter Manager auf. Die meisten sind keine 30 Jahre alt, was schnell zu Konflikten führt. Die jungen Neuen verdienen mehr als die alte Garde, welche die neue junge Garde als überbezahlt betrachtet. Die Jungen wiederum halten die Alten für blöde, und so nutzt der Aufbau einer modernen Kommunikationsstruktur zu diesem Zeitpunkt relativ wenig.

Uns, zehn Jahre später, offen gesagt auch nicht. Swetlana hat vorgeschlagen, in einem Restaurant auf den Anruf des Kollegen von Bolschewik zu warten. „We gonna make it today“, versucht sie sich auf dem schwierigen Feld sich selbst erfüllender Prophezeiungen. Swetlana vereint eine Vielzahl bekannter Modemarken in ihrer Garderobe, spricht fließend Englisch, studiert Wirtschaft an Russlands „zweitbester!“ Universität, bekleidete bereits drei Managerposten, war Tennisprofi und behauptet mehrfach, dass es allenfalls zwei Orte auf dieser Welt gebe, an denen sie leben könne: Moskau und Los Angeles, ohne dass sie näher darauf eingeht, warum das so ist. Warum das Wasser in diesem Restaurant sieben Euro kostet, kann sie dagegen leicht erklären. „Das kommt aus Norwegen“, sagt sie so überzeugend, als wäre das tatsächlich ein Grund, und googelt weiter ungerührt mit ihrem Handy. Bolschewik ruft nicht an. Wir haben also Zeit, über Moskau zu reden. Über ihre Uni, wo sie über die Privatisierung noch nichts gelernt haben. Dafür wurde ein neuer Parkplatz gebaut, weil so viele Studenten mit immer neuen Autos aufkreuzen. „Gerade 18 und schon einen dicken Wagen“, sagt Swetlana und schüttelt den Kopf. Und doch sei es besser, hier in der reichen Gesellschaft. Sie habe auch mal versucht, arme Freundinnen zu haben, das endete aber im Streit. „In Russland bleiben oben und unten getrennt“, sagt Swetlana. „Aschenputtel-Märchen funktionieren hier nicht.“ Sich selbst erfüllende Prophezeiungen auch nicht: Bolschewik bleibt unerreichbar.

1998 wird die Luft für den Gebäckfabrikanten dünn. Die Tendenz ist katastrophal: Der Mitarbeiterstand ist auf 1200 halbiert, der Backwarenausstoß dümpelt bei 35.000 Tonnen. Bolschewik versucht einen letzten Kraftakt und eröffnet 20 neue Geschäfte in ganz Russland, alle mit eigenem Management. Im Jahr 2000 macht der Konzern 50 Prozent der Umsätze außerhalb Moskaus. Die Strategie scheint aufzugehen. Ein Jahr später erlaubt eine im Westen ausrangierte Produktionsanlage eine erneuerte Produktlinie, die 2002 für 90 Prozent der Umsätze bei Bolschewik sorgt. Zugleich feiern die Yubileynoe eine Renaissance: Immer mehr Russen scheinen sich mit den guten alten Bolschewik-Keksen über die Wirren der neuen Zeit hinwegzutrösten.

Nur Danone in Paris zeigt weiterhin wenig Interesse an der Moskauer Tochter. Jacques Ioffe verlässt daher im Jahr 2004 das Unternehmen. Ein neues Management, abgeworben vom Haushaltsreiniger-Hersteller Reckitt-Benckiser in Kanada, zieht in Moskau ein und versucht fortan, Danone wieder für das eigene Investment zu begeistern. So als würben erwachsene Kinder um die Gunst ihrer Mutter. Bislang scheint das nicht gelungen, siehe die Telefonnummer aus Finnland.

Boris Jordan wechselte mittlerweile wieder die Seite des Verkaufstisches. Er geht nun mit seiner Firma der Regierung bei der Renationalisierung zur Hand. Was er einst in private Hände transferierte, schiebt er nun an die staatlichen Institutionen zurück. Etwa, als er in diesem Jahr die Übernahme des letzten freien TV-Senders NTV (der ihm auch gehörte) durch Gasprom einfädelt. Jordan schwört weiterhin bei jeder Gelegenheit auf den russischen Markt und nutzt heute – wenn er mal Zeit zu sitzen und nachzudenken hat – die Datscha des letzten sowjetischen Propagandaministers.

Beim Entrümpeln fand er dort ein Schriftstück, auf dem der Minister einen kompletten Plan niedergeschrieben hatte, wie er die kommunistische Industrie umzubauen gedenke, um die Sowjetunion zur Weltsupermacht zu formen. Dazu reichte ihm ein einziges DIN-A4-Blatt.
Man hätte die Sache also auch einfacher haben können.

PS: Der Herr von Bolschewik hat sich dann doch noch gemeldet und für uns einen Besuchstermin arrangiert. Den musste nur noch der Direktor abnicken. Der war aber auf Dienstreise. Wo genau, konnte keiner sagen, wann er zurück sein würde, auch nicht. Wir mussten dann irgendwann los. PPS: Von Danone haben wir nie wieder etwas gehört. Im Dezember verkaufte der Konzern seine Gebäcksparte an den US-Konkurrenten Kraft Foods. ---