Partner von
Partner von

Die lieben Nachbarn

Wolfgang Willerscheid lebt mit Frau und drei Kindern in einem Dorf bei Bonn. Er hat keine Bank überfallen. Man kann das nicht oft genug betonen.




- Noch Tage nach dem Besuch ruft Wolfgang Willerscheid immer wieder an. Manchmal hat er neue Details und Widersprüche in seiner Akte aufgespürt, die die Ermittler über ihn zusammengetragen haben. Manchmal ist es kurz still am anderen Ende der Leitung. Dann klingt es, als würde jemand weinen.

Wolfgang Willerscheid ist Dachdeckermeister. Er ist 42 Jahre alt. Gemeinsam mit seiner Frau und den drei Kindern hat er sich in einem Dorf in der Nähe von Bonn ein kleines Reich geschaffen: ein großes Haus mit leuchtend blauen Ziegeln auf dem Dach, einer kleinen Halle für seine Werkstatt und einem hölzernen Häuschen, das sie vermieten. Von seinem Balkon aus reicht der Blick weit über das Siegtal. Der guten Perspektive steht nichts im Weg, mal abgesehen von einem weißen Mehrfamilienhaus.

Dieses Haus gehört Herrn B. Zwischen den Nachbarn schwelt seit Jahren ein erbitterter Streit. Im Februar 2006 geht B. zur Polizei und sagt aus, Willerscheid könnte ein Bankräuber sein. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen dem Hinweis gewissenhaft nach. 20 Monate dauern die Ermittlungen. Sie bringen Willerscheid zur Strecke, obwohl er erwiesenermaßen unschuldig ist. Die Geschehnisse lassen sich mit Ermittlungsakten und Behördensprechern, dürren Kommentaren einiger Dorfbewohner und Schilderungen des Opfers rekonstruieren. Nur der Mann, der mit seiner Aussage alles ausgelöst hat, will nichts dazu sagen.

Der Brief, mit dem alles beginnt, datiert vom 2. April 2000. B. wirft Willerscheid darin vor, zu seinem Grundstück hin Erde abzutragen und dort bauen zu wollen. Er gehe davon aus, dass das Vorhaben gesetzwidrig sei. Außerdem ergehen Strafanzeigen gegen Willerscheid, etwa wegen angeblicher Einbrüche oder Sachbeschädigung. Einmal kommt es zu einer Verhandlung, doch eine Verurteilung gibt es nie. Eines Tages installiert B. Kameras in einem Fenster seines Hauses, die geeignet sind, das Leben der Willerscheids zu überwachen. Das Landgericht Bonn verurteilt B., sie abzumontieren. Auch Willerscheid schießt mit seinen Bezichtigungen und Anzeigen gegen B. bisweilen über das Ziel hinaus. So kann sich im Rathaus niemand an ein Hausverbot gegen B. erinnern oder an dessen Drohungen gegen den Bürgermeister, von denen Willerscheid berichtet.

Im Januar 2007, fast sieben Jahre nach Beginn des Nachbarschaftsstreits, weist das Amtsgericht Siegburg die Klage gegen Willerscheid wegen der Grabungen auf seinem Grundstück ab. Der Ursprungskonflikt ist rechtskräftig beendet. Doch B. war in der Zwischenzeit nicht untätig.

Am 12. Januar 2006 wird in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" von einem Überfall auf die Sparkasse Gummersbach-Bergneustadt berichtet. Der Täter trug eine weiße Maske. Am 15. Februar meldet sich B. bei der Polizei. Am 22. Februar gibt er zu Protokoll, er habe eine solche Maske auf dem Balkon der Willerscheids gesehen. Der Zeuge T. behauptet ebenfalls, eine Maske gesehen zu haben. Auch dieser Nachbar kennt Willerscheid von Rechtsstreitigkeiten. B. sagt in der Vernehmung: "Von Nachbarn habe ich gehört, dass Herr Willerscheid ein eigenes Wald stück besitzen soll. In diesem Wald habe er etwas vergraben." Das wisse er vom Nachbarn T. T. sagt später in seiner Vernehmung: "Dass Herr Willerscheid etwas vergraben haben soll, davon weiß ich nichts." Die dritte befragte Partei ist eine Familie, die sagt, "man frage sich allgemein im Dorf", wie Willerscheid den Bau seiner Häuser bezahle. Wer sich im Dorf umhört und die Vorstandsmitglieder des Dorfvereins anruft, hört, dass man sich nicht "allgemein im Dorf" gefragt habe, wie Willerscheid seine Bauvorhaben bezahle.

Willerscheid und seine Familie erfahren nichts von dem Verdacht. Sie werfen den Ermittlern vor, wegen der Unterstellungen plötzlich zu Außenseitern geworden zu sein. Mitschüler hänseln den Sohn auf dem Pausenhof, weil der Vater angeblich Bankräuber sei. Jemand fragt Willerscheid auf einem Fest, wann er wieder eine Bank überfalle. Er hält es für einen Scherz. Die Deutsche Bank kündigt ihm ohne Angabe von Gründen das Konto. Er habe in den vergangenen Monaten keinen Auftrag mehr bekommen, sagt Willerscheid. Zwei Dächer im Dorf seien in diesem Jahr neu eingedeckt worden. Aber wer beauftragt schon einen Bankräuber? Er stehe kurz vor dem Ruin.

Willerscheid kann nicht verstehen, dass er zu den Vorwürfen nicht ein Mal befragt worden ist.

Verantwortlich für die Ermittlungen war die Kölner Staatsanwaltschaft. Deren Sprecherin Carolin Breloer sagt, es seien oft ermittlungstaktische Gründe, warum man Verdächtige nicht sofort mit Vorwürfen konfrontiere. Das Problem ist, dass so mancher im Dorf nicht weiß, dass ein Ermittlungsverfahren nichts bedeuten muss. Man hört nur von Polizisten, die Fragen stellen.

Am 24. September 2007 notiert der für die Ermittlungen verantwortliche Polizeihauptkommissar, er habe Herrn Willerscheid auf dem Handy angerufen und mit dem Verdacht konfrontiert anderthalb Jahre nach Beginn der Ermittlungen. Wolfgang Willerscheid stand gerade auf einer Baustelle. Wenige Wochen später, im Oktober, bekommen er und seine Frau erstmals Akteneinsicht: Sie finden Vernehmungsprotokolle, Bankauskünfte, Gehaltsabrechnungen, auch von Verwandten, die zurückgehen bis ins Jahr 1992. Gabriele Willerscheid erleidet einen Nervenzusammenbruch.

Vor wenigen Wochen hat die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen Wolfgang Willerscheid wegen des Verdachts der räuberischen Erpressung eingestellt, da die Finanzermittlungen keine Anhaltspunkte ergeben hätten. Nach 20 Monaten.

Der Überfall auf die Sparkasse Gummersbach steht nach Vermutung der Polizei im Zusammenhang mit drei weiteren, bei denen der Täter ebenfalls eine weiße Maske trug. Die Serie begann am 11. Februar 2000 in Drolshagen. Da konnte sich Wolfgang Willerscheid kaum bewegen und verbrachte jeden zweiten Tag beim Orthopäden, weil er kurz zuvor vom Dach gefallen war und sich die Schulter gebrochen hatte. Er kann es beweisen. Er hat sogar ein Attest. Doch es hat ihn niemand gefragt. -