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Die große Frage

Früher ging es auf Kuba um alles: Sozialismus oder Tod. Heute wird auf der Karibikinsel etwas realistischer gerätselt: Was kommt nach Fidel?




- Havanna, Stadtteil Miramar, eine Kolonialvilla in der Avenida 41. In einem Besprechungszimmer im Erdgeschoss sitzt Professor Juan Triana und blättert in einem Stapel Papier. Es ist ein heißer Tag, kein Windhauch dringt durch das geöffnete Fenster. Triana, ein freundlicher Mann Mitte 50, seufzt. Ständig bekommt er Besuch. Ausländische Politiker, Geschäftsleute, Journalisten, und allen soll er die kubanische Wirtschaft erklären. Seit 25 Jahren arbeitet Triana für das Centro de Estudios de la Economia Cubana (CEEC), das in der Kolonialvilla residiert; seit 30 Jahren hält er Vorlesungen an der Universidad de la Habana: "Und ich verstehe sie immer noch nicht."

Die kubanische Wirtschaft. Was soll er sagen? Vielleicht, dass sie, anders als die sozialistische Planwirtschaft in der UdSSR, China oder Osteuropa "nie wirklich sozialistisch gewesen ist". Und dass sie trotz aktueller, durchaus kapitalistischer Züge "nie kapitalistisch geworden ist". Triana sagt: "Die kubanische Wirtschaft ist sui generis." Konkreter? "Sie hat nie ihre 'Kubaheit' verloren, sie ist tropikalisiert." Zu erklären gebe es da nichts, man könne es nur beschreiben: "1962, Raketenkrise: Das ganze Land ist bewaffnet. Jedem ist klar: Wenn es Krieg gibt, sind wir der erste Fleck des Planeten, der ausradiert wird. Aber es ist Karneval. Was machen die Kubaner? Sie feiern, trinken und tanzen Conga."

Bienvenidos im real existierenden Modellversuch, der gerne mit Sozialismus unter Palmen umschrieben wird. Willkommen in einem Land, das mit 110 860 Quadratkilometern kleiner ist als Eritrea und nicht mal halb so groß wie Laos, das nur elf Millionen Einwohner hat und "aus großer Höhe gesehen wirkt wie ein schlecht sitzendes Ventil auf dem runden Dampftopf des Golfes von Mexiko" ("Merian", 1979).

Das ist sie, die Insel, die seit einem halben Jahrhundert Weltgeschichte erlebt. 1959 mit Fidel, Ché und der Revolution. 1961 mit der missglückten, von der CIA unterstützten Invasion in der Schweinebucht. 1962 mit dem Boykott durch die USA. Danach wird Kuba exotischer Vorposten des Kreml im Kalten Krieg, Moskaus Zuckerdose in der Karibik. Später Kriegsgegner Südafrikas in Angola, Lateinamerikas Land mit den meisten Akademikern pro Kopf, vorbildlichem Gesundheitssystem, keinen Analphabeten und stets einem der zehn erfolgreichsten Teams bei Olympischen Spielen. Und als 1989 die Sowjetunion implodiert und quasi über Nacht drei Viertel des Handels einbrechen, wird es ein Laboratorium der Überlebenskunst; diese schwierige Phase firmiert in Kuba unter "Periodo Especial".

"Die Nachrichten", sagt Triana, "sind zum Glück wieder besser." Die Tourismusbranche machte 2006 mit 2,22 Millionen Besuchern 2,5 Milliarden Euro Umsatz. Als viertgrößter Produzent von Nickel (73 000 Tonnen jährlich) profitiert das Land vom Boom an den Rohstoffbörsen. Und dann sind da die 30 000 Fachkräfte im internationalen Einsatz, die meisten davon in Venezuela und anderen lateinamerikanischen Ländern. Überwiegend Ärzte, aber auch Krankenschwestern, Lehrer und Ingenieure sorgen für sechs Millionen Euro in Devisen und Warenlieferungen, hauptsächlich Erdöl aus Venezuela. Dazu kommen 170 Millionen Zigarren als traditioneller und Medikamente der Biotech-Industrie als zeitgenössischer Exportschlager. Kurzum: 31,3 Milliarden Euro Bruttoinlandsprodukt, zuletzt elf Prozent Wachstum. Und unter dem Golf von Mexiko sollen 4,6 Milliarden Barrel Rohöl liegen und noch mehr Erdgas.

Die guten Nachrichten können aber nicht überdecken, dass das Land nachhaltig ramponiert ist. Die Landwirtschaft ist am Boden; 84 Prozent der Grundnahrungsmittel müssen importiert werden. Die Industrieproduktion liegt bei 48 Prozent des Wertes von 1989. Beides ist auch eine Folge der kubanischen Bildungsoffensive: Was das Land dringend bräuchte, wären Landarbeiter und Werktätige. Und selbst die Erfolgsmeldungen lassen sich anders interpretieren. Die Tourismusbranche stagnierte zuletzt. Ohne venezolanisches Öl würde das Land wohl kollabieren wie in der Periodo Especial. Ohne ausländisches Kapital und Know-how wäre Kuba weder in der Lage, Nickel zu fördern, noch Erdölvorkommen zu erschließen. Kein Wunder, dass die Importe aus China sich 2006 verdoppelt haben - Peking hat auch die Kredite dafür gewährt.

Eine stabile Wirtschaft sieht anders aus. Es verhält sich letztlich wie mit der Kolonialvilla des CEEC. Aus der Distanz betrachtet ein stattliches Gebäude. Elegante Form, die Fassade in Pastellfarben, das Schmiedeeisen an den Fenstern verschnörkelt. Aus der Nähe betrachtet, erkennt man, dass sich die Wurzeln der umstehenden Ceibabäume unter das Fundament gegraben haben, von den Außenwänden blättert die Farbe. Schließlich drinnen: Der Schreibtisch an der Rezeption ist nicht besetzt, die Regale sind halbleer, die Klimaanlage funktioniert nicht, und als Triana auf einer großen Landkarte zeigen will, wo die enormen Nickelvorkommen Kubas liegen, fällt sie auseinander. Kurzum: ein Objekt mit Charakter, vielversprechende Lage, exotischem Charme. Potenzial ist vorhanden, aber alles ist stark sanierungs- und reparaturbedürftig.

Nicht dass man für diese Erkenntnis eigens nach Kuba reisen müsste. Kaum ein Land haben die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit besser ausgeleuchtet; seit mehr als einem Jahr wieder verstärkt, seit Präsident Fidel Castro, 81, mit dem Tod ringt. Doch wer in diesen Tagen auf dem Flughafen José Martí von Havanna landet, bringt neben den Klischees vor allem eine Frage mit. Es geht nicht darum, wie die Kubaner es schaffen, trotz US-Embargo, Mangelwirtschaft und Lebensmittelrationen (jedem Kubaner stehen monatlich unter anderem ein Pfund Huhn, zehn Eier und ein Stück Seife zu) ihre Lebensfreude zu behalten. Und die Frage ist auch nicht, ob die wirtschaftliche Malaise trotz Embargo nicht vor allem mit einer Weltanschauung zu tun hat, deren Haltbarkeitsdatum längst überschritten ist. Die Frage, die jeder mitbringt, lautet: Was kommt nach Fidel?

Ein Land mit Potenzial, aber stark sanierungsbedürftig

Auf halbem Weg zwischen Flughafen und Stadtzentrum gibt es ein Walzwerk. Es ist ein monströser, düsterer Kasten. Davor steht eine riesige Tafel mit roter Aufschrift SOCIALISMO O MUERTE und dem Konterfei des jungen Fidel. Grüne Militärkluft, dunkler Bart, strenger Blick. Der Held, der Mythos. Ein Mann, der 638 Attentatsversuche, unter anderem der CIA, überlebt haben soll; der mit einer Handvoll Gefährten und zwölf Gewehren einen Diktator stürzte. Lang ist es her.

Am 1. Juli 2006 übergab der Máximo Líder die Amtsgeschäfte seinem fünf Jahre jüngeren Bruder und Verteidigungsminister Raúl. Die Hintergründe sind bis heute nicht geklärt. Leidet der Comandante an Magenkrebs? Wurde er am Darm operiert? Nach seinem Rückzug war er jedenfalls öffentlich nicht mehr zu sehen, in einigen Fernsehauftritten kaum wiederzuerkennen. Ein klappriger, hohlwangiger Mann in einem Trainingsanzug. Krank, grau, greis. Zwar werden seine "Reflecciones" weiterhin im Zentralorgan der Kommunistischen Partei, Granma, veröffentlicht. Doch eine Rückkehr an seinen Amts-Schreibtisch scheint ausgeschlossen, auch wenn er behauptet, er werde weiterhin vor "jeder wichtigen Entscheidung" konsultiert.

Ob dabei noch auf ihn gehört wird, ist schwer zu sagen. Die jüngsten Entwicklungen lassen daran zweifeln. Die Massenaufmärsche, mit denen er gern die Revolution zelebrieren ließ, finden kaum noch statt; Dissidenten wurden aus der Haft entlassen und sprechen zunehmend offener über die Lage der Nation; Arbeiter in größeren Staatsbetrieben und Angehörige von Gewerkschaften sind aufgefordert, Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Plötzlich scheint in Havanna mehr gebaut zu werden, scheint das Angebot an Lebensmitteln, der Optimismus zugenommen zu haben. "Als Fidel an Raúl übergab, fühlten wir uns wie in der Mitte eines Hurrikans", sagt Juan Jacomino, Wirtschaftsexperte und Korrespondent eines britischen Radiosenders. "Alles ist still, aber man weiß, gleich bricht der Sturm wieder los. Jetzt wissen wir: Der Wandel kam ohne Turbulenzen."

Am 26. Juli 2007 erfolgte die öffentliche Bestätigung. Da sprach Raúl Castro vor 100 000 Menschen in Camaguey. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder schätzt der eher sachliche und praktisch veranlagte Raúl solche Anlässe nicht besonders. Und im Gegensatz zu ihm käme er nicht auf die Idee, zwei Stunden über die Vorzüge eines chinesischen Reiskochers zu philosophieren. Raúls Auftritt geriet denn auch nicht zur fidelschen Revolutionsoperette, sondern zur knallharten Systemkritik. Er nannte die Löhne, die im Durchschnitt monatlich etwa 15 Euro betragen, "klar nicht ausreichend, um die täglichen Bedürfnisse zu befriedigen". Die Folge seien "soziale Undiszipliniertheiten" wie Schwarzmarkt und Schattenwirtschaft (Fidel hatte diese stets auf charakterliche Schwächen Einzelner zurückgeführt).

"Um mehr zu haben, müssen wir mehr produzieren", sagte Raúl und forderte "strukturelle und konzeptionelle Veränderungen". Die zentralisierte Planwirtschaft nannte er am Beispiel der Milchproduktion "absurd". Gleichzeitig lud er die USA ein, in "zivilisierter Art und Weise" mit Kuba zu sprechen. Fehlte nur noch, dass er die Absurdität des Geldmarktes angeprangert hätte. Neben dem kubanischen Peso (CUP) existiert seit 2004 eine Parallelwährung, der Peso convertible (CUC), der an den Wechselkurs des US-Dollar gekoppelt ist.

Der Regierungschef gibt Probleme zu. Eine Revolution!

"Raúl hat den Menschen aus dem Herzen gesprochen", sagt der Dissident Oscar Espinosa, "und fand viel Unterstützung in der Bevölkerung." Nun wird über die nächsten Schritte der Regierung gerätselt. Nahe liegend wäre die Transformation der Insel in ein Mini-China oder eine karibische Version Vietnams - Öffnung bei mehr oder weniger strenger staatlicher Kontrolle. Der Ökonom Juan Triana glaubt hingegen an eine umfassende Liberalisierung: "Wir brauchen in allen Bereichen enorme Investitionen: Landwirtschaft, Technologie, Servicesektor." Das Geld dazu müsse aus dem Ausland kommen, ausländische Firmen müssten sich freier bewegen können, Mehrheitsbeteiligungen, hundertprozentige Gewinnmitnahmen seien als Anreiz nötig.

Unter Fidel wären solche Ideen als Blasphemie angeprangert worden, inzwischen wird in der Regierung unter anderem darüber debattiert. Espinosa sagt: "Viel deutet auf einen Machtkampf hin." Auf der einen Seite: Raúl Castro und eine reformfreundliche Gruppe um den Wirtschaftsexperten Carlos Lage, der schon während der Periodo Especial ein Programm zur vorübergehenden Liberalisierung der Wirtschaft entwickelte; dazu gehörten Lizenzen für Kleinunternehmer und die Einführung des US-Dollar als Zahlungsmittel. Auf der anderen Seite: Außenminister Felipe Perez Roque, 42, der sieben Jahre Fidels Privatsekretär war und von Francisco Sóberon, Präsident der Zentralbank, unterstützt wird, einem sozialistischen Hardliner, der verantwortlich war für die Aufhebung von Lages Reformen.

So gibt es heute nur noch etwa 90 000 private Kleinunternehmen, meist Restaurants oder Pensionen, während der Periodo Especial waren es einmal 240 000.

Propaganda mit Fototapete: Kuba ist schön, USA sind böse

Termin im Ministerium für auswärtige Beziehungen, eine Pressekonferenz mit Felipe Perez Roque. Der Minister steht vor einer Fototapete. Strahlender Himmel mit der Silhouette einer Palme. Er trägt ein kurzärmeliges Sommerhemd. Er hat eine Broschüre mitgebracht, den Jahresbericht 2006 zu den Folgen und Schäden des Embargos durch die USA. 56 Seiten Beweismaterial, so Perez Roque, für den Staatsterrorismus der USA. Er ist ein eloquenter Mann mit einem Hang zu lauten Sprüchen und theatralischen Gesten. Schließlich ruft er Leute nach vorn, die dem Staatsterrorismus ein Gesicht geben. Darunter ein Chirurg, der sagt, weil er Medikamente und Herzklappen, die in den USA produziert werden, nicht verwenden könne, müssten Kinder womöglich sterben.

So viel zu perfekter Propaganda. Da stimmt jedes Element, jedes Detail ist eine Botschaft. Ein unschuldiges Paradies, erzählt die Fototapete. Kein martialischer Parteisoldat, ein jovialer, leidenschaftlicher Patriot, erzählen Hemd und Attitüden des Ministers. Es beginnt schon bei der Wortwahl. Perez Roque spricht nicht von Embargo. Wie alle Kubaner nennt er es "el Bloqueo", die Blockade. Embargos treffen die bösen Buben der Völkergemeinschaft. Aber Kuba sieht sich nicht als Täter, in einer Reihe mit Iran, Serbien oder Myanmar. Auch deshalb, ruft Perez Roque mit trotzigem Pathos, werde man sich nicht unterkriegen lassen: "Wir kämpfen gegen die Blockade noch tausend Jahre."

Man kann es nennen, wie man will. Embargo oder Blockade - ohne die Folgen wäre Kuba eine andere Geschichte. Als John F. Kennedy die Maßnahme beschloss, war sie ein präsidiales Dekret. 1996 aber, inmitten Kubas schlimmster wirtschaftlicher Not, verabschiedete der US-Kongress den Helms-Burton Act, das aus dem Dekret ein Gesetz machte mit weitreichenderen Verboten, was den Kontakt mit Kuba oder Kubanern betrifft. Die Höchststrafen bei Zuwiderhandlung: zehn Jahre Gefängnis und/oder eine Million Dollar Bußgeld. Als ob das nicht reichte, bewilligte Präsident George W. Bush vor nicht allzu langer Zeit 80 Millionen US-Dollar, um Gegner der Revolution zu finanzieren.

Kubas Dilemma ist, dass es von einer Supermacht gemobbt wird, die wirtschaftlich mit der halben Welt verstrickt ist und traditionell so tut, als hätte sie einen Besitzanspruch auf die Karibikinsel. Schon als Kuba noch spanische Kolonie war, kontrollierten die USA mehr als die Hälfte des Handels, während der Unabhängigkeitskriege intervenierten sie militärisch, erpressten den jungen Staat, installierten später willige Despoten aus politischen und ökonomischen Gründen. Helms-Burton legt nun fest, dass der US-Kongress darüber befindet, wann und weshalb Kuba als Demokratie anzusehen sei - die Voraussetzung für ein Ende der Blockade. Und zu all dem kommen die schwebenden Besitzansprüche von Exilkubanern sowie US-Unternehmen, die ihre Latifundien von vor 1958 einklagen; geschätzter Wert: neun Milliarden Dollar.

Das muss man wissen, um zu verstehen, warum Begegnungen mit kubanischen Beamten mehr Vorträgen ähneln als Interviews und stets dieselbe Konnotation haben. Ramón Ripoll vom Ministerium für ausländische Investitionen, der in Deutschland im diplomatischen Dienst war, erzählt die Geschichte eines deutschen Pharmakonzerns, der sich aus Angst vor Repressionen durch die US-amerikanische Politik nicht in Kuba engagiere. Was man tun kann, um Kuba ökonomisch erfolgreicher zu machen? "Man kann unser Land nutzen, aber nicht kaufen", sagt er, "auch unsere Investitionsgesetze werden nur dort angewendet, wo wir einen Nutzen haben."

Juan Manuel Presa, Direktor im Ministerium für Basisindustrien, in dem sich alles um Bergbau, Rohstoffe und Energie dreht, sagt, nichts sei ihm lieber als Technologie für Ölbohrungen im Golf von Mexiko. "Niemand kann das besser als die USA." Und natürlich wünsche er sich einen starken Handelspartner. "Man stelle sich Kuba als Öl exportierendes Land vor - welcher wäre der natürlichste Absatzmarkt?" Doch wenn er sich die USA ansehe, wo 50 Millionen Menschen ohne Krankenversicherung lebten und gute Bildung teuer bezahlt werden müsse, dann garantiere er: "Das kubanische Volk ist nicht bereit, kapitalistische Strukturen zu übernehmen, wenn sie soziale Einschnitte bedeuten."

Schließlich sitzt man bei Miguel Alejandro Figueras im Tourismusministerium. Figueras, ein gepflegter, grauhaariger Herr, ist Berater des Ministers und referiert während eines Powerpoint-Vortrags über Traumstrände, Bergwelten und Kolonialarchitektur. 23 Millionen Menschen kämen in die Karibik, sagt er, davon elf Millionen US-Amerikaner. Kuba mit seinen bislang 2,2 Millionen Touristen verfügt über die Hälfte der Fläche in der Karibik. Man darf den Dreisatz selbst zu Ende rechnen, während er sagt: "Wir würden US-Amerikaner gern als Gäste begrüßen, sie wären aber nicht willkommen, wenn sie wie früher die Mafia, Glücksspiel und Drogen mitbrächten."

Die Kubaner, sagt der Dissident Espinosa, wünschten sich sehnlichst den Wandel, irgendwas, nur nicht mehr so weiter. Gleichzeitig hätten sie Angst. Jahrzehntelang hat man ihnen erzählt, "der Kapitalismus ist ein System, das von blinden, zerstörenden und tyrannischen Gesetzen bestimmt wird, die der menschlichen Gattung auferlegt wurden" (Fidel Castro). Man hat ihnen eingetrichtert, dass vor der Revolution ein Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung keine oder nur unregelmäßige Arbeit hatte, dass nur 55 Prozent der Kinder zur Schule gingen, nur 56 Prozent aller Kubaner Strom hatten, dass 75 Prozent des Landes nur acht Prozent der Menschen gehörten und es mehr Prostituierte gab als Bergarbeiter. Deshalb sollte der Kubaner der "hombre nuevo" werden, der neue Mensch, dem Ideale wichtiger sind als Geld, Stolz mehr bedeutet als Besitz. Großer Plan. "Kuba", sagte ein Freund Fidels, der Schriftsteller Pablo Armando Fernandéz, "ist ein Schiff auf einer langen Reise."

Sonntag, früher Nachmittag. Ein mausgrauer Moskvich 1500, Baujahr 1979, fährt durch Havannas südliche Vorstädte. Vorbei an morschen Apartmentblöcken, an Fabriken, die aussehen wie Laboratorien der Vergangenheit. Maria und Carlos unternehmen einen Ausflug zum Parque Lenin. Sie, 22, Industriedesignerin, absolviert gerade ein zweijähriges, für Hochschulabsolventen vorgeschriebenes Praktikum im Ministerium für mechanische Industrie. Er, 23, gelernter Automechaniker, studiert Maschinenbau. Der Moskvich ist von seinem Großvater, der ihn in seiner Zeit als Mitglied der Plankommission in der Zuckerindustrie bekam. Als Privateigentum? Ist das denn nicht verboten? Carlos: "Theoretisch nein, praktisch doch."

Inzwischen hat das klappernde Vehikel sein Ziel erreicht. Der Parque Lenin ist ein imposantes Stück Niemandsland, auf dem sich ein Museum, ein Aquarium, ein verwildertes Wassertheater, eine Pfadfinderschule für junge Pioniere und natürlich ein Lenindenkmal verlieren. Ein Schweinekotelett an einem der wenigen Imbisse kostet 40 CUP. "Wir wünschen uns doch gar nicht viel", sagt Maria, "mal essen gehen, ohne den Rest des Monats von den Lebensmittelzuteilungen zu existieren." Ein Mobiltelefon wäre ein Traum. Im Ministerium verdient sie 200 CUP monatlich, umgerechnet zehn CUC. Dass Carlos ein Handy hat, liegt an seinem Cousin. Der lebt, wie Carlos' Bruder auch, in Florida. Jeder dritte Kubaner bezieht Devisen aus dem Ausland. Neulich, als Carlos' Cousin zu Besuch war, kaufte der ihm das Handy samt Telefonkarte für 250 CUC. "Wenn ich könnte", sagt Carlos, "wäre ich weg."

Alle wollen etwas Neues. Nur ein sehr alter Mann nicht

Wer weiß, ob Carlos repräsentativ ist, aber er kann den Errungenschaften des Sozialismus nur noch wenig abgewinnen. Ihn macht es nicht stolz, dass sein Land seit Jahrzehnten bereitwillig humanitäre Hilfe leistet, ob mit der kostenlosen Ausbildung von Ärzten aus Drittweltländern in Kuba, einem Programm kostenloser Augenoperationen (Operación Milagro) überall in Lateinamerika oder beim Erdbeben in Kaschmir 2006. Carlos sagt: "Was habe ich von Bildung, wenn ich Ingenieur bin und dann Taxifahrer werden muss?" Und das medizinische Wunderland Kuba sei längst eine Mär; in Venezuela gebe es mehr kubanische Ärzte als in Kuba, und ohne ein Stück Seife als kleine Belohnung reiche es im Krankenhaus nur zum Minimalservice. Carlos fragt: "Warum geben wir so viel weg, wenn wir selbst kaum etwas haben?"

Auf dem Weg zurück nach Havanna macht Carlos einen Abstecher über die Kleinstadt Managua. Irgendwann überholt der Moskvich ein Pferdefuhrwerk, das einen Radfahrer überholt. Alle fahren sie vorbei an einem verwilderten Zuckerrohrfeld.

Der Sozialismus, sagt Ángel Santiesteban, "hört in dem Moment auf zu funktionieren, in dem er seinen demokratischen Charakter verliert". Der Sozialismus in Kuba, sagt der Schriftsteller, der in seinem Land nicht mehr publiziert wird, habe die gesellschaftlichen und rassistischen Klassenunterschiede nicht überwinden können, und nun produziere er sie selbst. Ohne C UCs ist fast nichts von Wert zu bekommen. Deshalb verkauft der Zigarrendreher in den Gassen der Altstadt seine Tagesration an Touristen; deswegen geigt die Frau mit klassischer Ausbildung in der Bar Floridita, wo das Trinkgeld generös ist; darum flaniert die kaffeebraue Schönheit mit bleichen Männern. Not macht erfinderisch, Devisen machen fleißig, und ein Hochschulstudium schadet nie. Santiesteban sagt: "Der Mensch ist in doppelter Weise hungrig, in geistiger und materieller."

Mögen alle über die Blockade reden, an allem ist sie nicht schuld. Man hätte Señor Figueras fragen können, warum der ehemals weltgrößte Zuckerexporteur heutzutage Zucker importieren muss, und seit dem Jahr 2003 etwa 60 Prozent seiner Zuckermühlen geschlossen wurden. Figueras war einmal Vizechef im Plankomitee der Zuckerindustrie. Uns versprach er, für den nächsten Tag einen Termin in einem Luxusresort in Varadero zu verabreden. Als wir ankamen, nach fast zwei Stunden Busfahrt, wusste niemand Bescheid. Der Manager: "Wir sprechen nicht mit Touristen." Ebenso wenig gelang es dem Centro de Prensa Internacional, einen Termin mit dem Ministerium für Wirtschaft und Planung für uns zu arrangieren. Eine mögliche Erklärung steckt in einem kubanischen Witz: Die Regierung tut so, als ob sie uns bezahlt; wir tun so, als würden wir arbeiten.

Dabei gibt es Beispiele, dass nicht nur Kleinunternehmen, sondern auch der große Kommerz im Sozialismus funktioniert, vorausgesetzt, Konzept und Management stimmen. Wie bei Habaguanex, das 1993 von Oswaldo Leal Spengler gegründet wurde, dem Historiker der Stadt Havanna. Habaguanex, benannt nach einem Häuptling der Ureinwohner Kubas, ist ein Konglomerat, das mittlerweile 16 Hotels und 186 Bars, Restaurants und Shops in der historischen Altstadt, Habana viejo, umfasst. 2006 wurden damit 107 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Habaguanex' Mitarbeiter sind meist in der Altstadt zu Hause und emotional verbunden mit dem Ziel des Unternehmens. Der Profit geht in die Sanierung von Habana viejo und der ebenso grandiosen wie siechen Uferpromenade Malecón (vgl. brand eins 10/2005, "Die Dollar-Oase").

Ein letztes Mal im Taxi über den Malecón. Rechts das ruppige Meer, links die Palais mit den hohen Säulenbögen. Sie leuchten in Farben wie in einer Eisbude. Der Wind peitscht Gischt über die Kaimauer und die Straße. Wir sind unterwegs zu Pedro Alvarez, dem Chef von Alimport. Getroffen haben wir ihn auf Perez Roques Pressekonferenz. "Natürlich können wir reden", sagte er, "nur nicht hier: falscher Platz, falscher Moment."

Alimport, sechs Abteilungen, 300 Mitarbeiter, importiert Kubas Lebensmittel. Alvarez ist ihr Chef. Er sitzt in einem Büro im dritten Stock des Außenhandelsministeriums, umgeben von Schreibtischnippes: ein Plexiglaswürfel mit der Aufschrift "Texas Farm Bureau", die Plastik eines Weißkopfadlers von Cargill. Cargill Inc. aus Minnesota, landwirtschaftlich-pharmazeutischer Megakonzern, ist das nicht ein Musterexemplar des Kapitalismus?

"Okay", sagt Alvarez, "reden wir über Geschäfte mit den USA." Seit 2001 kauft Alimport Mais, Weizen, Rinder, Sojamehl, aber auch Viehfutter, Baumwolle oder Papier. Bislang wurden Geschäfte mit 164 Firmen in 35 US-Bundesstaaten abgewickelt, 2007 werden sie wohl 410 Millionen US-Dollar ausgeben. Im November kommen die Geschäftsfreunde wieder zur Gewerbeschau nach Havanna. Blockade hin oder her. "Ich habe bislang ungefähr 5000 US-amerikanischen Geschäftsleuten die Hand geschüttelt", erzählt Alvarez, "die hatten keine Angst vor mir." So ging es auch den Gouverneuren aus Nebraska und Idaho, die Alvarez angeblich vorjammerten, dass Washington ihre lukrativen Businesschancen zerstöre. Alvarez: "Die Gouverneure sagten, sie verstünden die Politik ihrer Regierung schon lange nicht mehr."

410 Millionen US-Dollar mögen nicht viel sein, auch nicht am Bruttoinlandsprodukt Kubas gemessen. Zudem sind die Transaktionen kompliziert, für jede Obstkiste, für jeden Mehlsack brauchen die Verkäufer eine Sondergenehmigung. Die Amerikaner dürfen Alimport keine Kreditlinie geben, nicht selten blockiert das US-Finanzministerium die Zahlung. Dann wird die Ware in Kuba nicht gelöscht und verrottet im Hafen. Die US-Regierung macht es ihnen nicht leicht. Dabei hat Kirby Jones von der U. S.-Cuba Trade Association nur gute Erfahrungen gemacht. Der Tageszeitung "USA Today" sagte er: "Das ist nicht das alte Kuba, das unter totaler Kontrolle der UdSS R stand, das ist eine brandneue Version, eine Mischung aus Kapitalismus und Sozialismus." Alvarez kommt es auf die Geste an: "Wichtig ist zu zeigen: Wir wollen kaufen. Die Rancher und Farmer aus den USA wollen verkaufen."

Am selben Abend war Fidel im Fernsehen, zum ersten Mal seit Anfang Juni. Er hatte Bücher von Alan Greenspan und Maggie Thatcher mitgebracht. Er kommentierte den galoppierenden Ölpreis und die Globalisierung. Und man erinnert sich, dass er in einer seiner Reflecciones Raúls Rede vom 26. Juli scharf attackierte: "Niemand soll sich der Illusion hingeben, die USA würden mit Kuba verhandeln ... Was verschreiben sie der Revolution, die Superrevolutionäre: pures Gift ... Man kann nicht ein Land mit Geld überfluten, ohne Souveränität zu verkaufen." Der alte Mann und der Kampf. "Wenn man mir sagen würde, ich sei der Letzte, der an die Revolution glaubt", hat Castro einmal gesagt, "ich würde weitermachen." Jetzt, als er sprach, sah man einen sehr alten Mann mit tief liegenden Augen, weißem Bart, wächserner Haut. Und er trug wieder diesen Trainingsanzug, der ihm zu groß war.

Die Frage, wie es weitergeht, ist damit immer noch nicht beantwortet. Keiner könne sie beantworten, sagt Alvarez. "Fest steht", sagt der Schriftsteller Santiesteban, "man kann ein Land nicht regieren wie seine eigene Firma." Die US-Amerikaner, so geht aus einer Umfrage hervor, verstehen schon lange nicht mehr, warum ihre Regierung Geschäfte mit kommunistischen Ländern wie China und Vietnam macht, aber Kuba drangsaliert. Der Umfrage zufolge hätte die Mehrheit der US-Amerikaner keine Einwände gegen bilaterale Beziehungen. Und wenn es nach Alvarez ginge, sollten die nicht von Politikern oder Weltanschauungen abhängen. "Es geht nicht um Castro oder den Sozialismus, es geht nicht um Bush oder den Kapitalismus." Worum geht es dann? Alvarez: "Wir sollten voneinander profitieren und jeder sein System behalten." -