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Die Goldgrube

Im indischen Mumbai befindet sich einer der größten Slums der Welt. Ein Architekt will ihn sanieren, Gratis-Wohnungen bauen - und viel Geld verdienen. Seine Rechnung ist solide. Nur hat er sie ohne die Bewohner gemacht.




- Mukesh Mehta sitzt im Konferenzraum seiner Firma M M Consultants in Bandra West, einem der besseren Viertel der indischen Mega-Metropole Mumbai. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein dicker Ordner mit Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln. In vielen wird sein Hang zu allzu selbstbewusstem Auftreten und zu nicht enden wollenden Monologen kritisiert. Jetzt sitzt er einfach nur da und hat artig die Hände gefaltet. "Irgendwelche Fragen?"

Mehta ist derzeit einer der umstrittensten Menschen in Mumbai. Denn der Architekt und Berater möchte Dharavi, den größten Slum Indiens und einer der größten der Welt, in einen schicken Stadtteil verwandeln, ohne dessen Bewohner zu vertreiben. Ausgerechnet internationale Baukonzerne sollen ihm dabei helfen - und dafür auch noch zahlen. Mehr als hundert von ihnen, darunter die größten Baumultis der Welt, stehen dafür Schlange. Denn es geht um ein Milliardengeschäft.

Der verwegene Plan: Dharavi wird schrittweise dem Erdboden gleichgemacht. Die Bauunternehmen errichten dann auf eigene Rechnung Parks, Schulen, Krankenhäuser, Straßen, ein großes Gewerbegebiet und Hochhäuser mit kostenlosen Wohnungen für die Bewohner. Im Gegenzug erhalten sie das Land, das durch den Umbau frei wird.

Dharavi liegt mitten in Mumbai, auf einer schmalen Halbinsel. Im Norden grenzt das Viertel an den Bandra-Kurla-Komplex, den neuen Finanzdistrikt Mumbais und eine der teuersten Wohngegenden der Welt. Im Süden liegt das alte Finanzzentrum der Stadt mit der Börse. Das fast zwei Quadratkilometer große Areal ist mindestens 7,5 Milliarden Euro wert. Es winken satte Gewinne.

In 20 Ländern hat Mehta Anzeigen geschaltet. Fünf Firmen sollen den Zuschlag erhalten. "Ich habe mit 50 Bewerbungen auf die Ausschreibung gerechnet", sagt er. "Aber es haben sich 101 Firmen gemeldet. Es ist eines der prestigeträchtigsten Projekte unserer Zeit. Und es wird viel Geld gemacht werden." Aber vor allem sei es ein Zukunftsprojekt. Noch nie sei ein Slum auf diese Weise saniert worden.

Mehta hat lange in den USA gelebt. Auf Long Island bei New York hat er schlüsselfertige Villen für gestresste Millionäre gebaut und damit ein Vermögen verdient. 1995 kehrte er nach Indien zurück und begann, für seinen Umbauplan zu werben. Nach neun Jahren hatte der Architekt bei der Stadtverwaltung Erfolg. Mehta genießt ihn. "Mein Masterplan wird funktionieren, weil er sehr gut ausgearbeitet ist", sagt er mit einem Lächeln, das alle Kritiker Lügen strafen soll. Wenn nichts dazwischenkommt, soll der Umbau schon bald beginnen.

In Dharavi deutet noch nichts auf den bevorstehenden Wandel hin. Wie immer drängen sich Autos, Radfahrer, Motorräder und Massen von Fußgängern auf der 90-Feet-Road, die das Viertel durchschneidet. In kleinen Geschäften werden Kautabak, Zigaretten und Waschpulver verkauft. Dahinter dehnt sich ein Meer aus Wellblech in alle Richtungen bis an den Horizont.

Alle Entwicklungsstadien eines Slums lassen sich am Beispiel von Dharavi studieren. Am Rand des Viertels haben sich Neuankömmlinge erst kürzlich entlang einer Bahnstrecke in wackeligen Verschlägen aus Holzlatten, Plastikplanen und Wellblech eingerichtet. Direkt daneben bedeckt Abfall nahezu vollständig den Boden. Beißender Gestank hängt in der monsunschwülen Luft, sanitäre Einrichtungen fehlen in dem Slum nahezu gänzlich. Die meisten Menschen verrichten ihre Notdurft tagtäglich auf den Gleisen, Straßen oder nahe gelegenen Wiesen.

Weiter im Inneren des Viertels wurden die provisorischen Hütten durch kleine Backsteinhäuser ersetzt. Manche von ihnen sind zwei Stockwerke hoch. Hier sieht Dharavi aus wie ein riesiges indisches Dorf. Es gibt Märkte, auf denen Obst, Gemüse und Gewürzmischungen verkauft werden. Metzger schlachten vor den Augen ihrer Kunden Hühner und schächten Ziegen. Das Blut der noch zuckenden Tiere rinnt in kleine offene Kanäle, die entlang der ausbetonierten Wege verlaufen.

Die meisten Bewohner Dharavis sind Gastarbeiter aus allen Teilen Indiens. Wie überall auf der Welt, schließen sich die Migranten den vertrauten Gemeinschaften an. Die Töpfer aus Gujarat, die Lederschneider aus dem ländlichen Maharashtra, die muslimischen Ledergerber aus dem südindischen Tamil Nadu, die Tagelöhner aus Bihar: Alle leben sie in ihren eigenen Vierteln. Ihre Traditionen und Religionen haben sie mitgebracht. Davon zeugen 27 Tempel, elf Moscheen und sechs Kirchen, die sie hier errichtet haben.

In ihren nach Herkunft unterteilten Vierteln unterhalten sich die Menschen in ihren Landessprachen. Außerhalb ihrer Regionaldörfer verständigen sie sich in einem radebrechenden Hindi, der offiziellen Sprache Indiens. Die versteht jeder zumindest rudimentär. Es ist die Sprache der Bollywood-Filme. Dharavi ist ein kleines Abbild des Vielvölkerstaates Indien.

Es gibt viel zu wenig Schulen in der riesigen Siedlung, weshalb die Menschen ihre Kinder in benachbarte Stadtteile zum Unterricht schicken müssen, wo sie nicht selten wegen ihrer Herkunft aus dem Slum gehänselt werden.

Zwei Polizeistationen sollen für Sicherheit sorgen. Doch Polizisten sieht man in den verwinkelten Gassen selten. Das Viertel ist fest in der Hand von Mumbais Unterwelt, die von den Bewohnern Schutzgeld kassiert. Illegal abgezapften Strom liefern Mafiagruppen, die in den zahlreichen Slums der 18-Millionenstadt ihre Bandenmitglieder rekrutieren. Dharavi steht im Verruf, eine Hochburg des Verbrechens zu sein - obwohl die Kriminalitätsrate im Viertel verschwindend gering ist.

Die Slumbewohner sind arm. Aber nicht ohnmächtig

In unzähligen kleinen Gassen sitzen Männer in winzigen Werkstätten unter Deckenventilatoren und arbeiten. Überall wird gehämmert, geschraubt, geschweißt und genäht. Denn Indiens größter Slum ist auch eines seiner pulsierendsten Gewerbegebiete. Mehr als ein Drittel der Menschen hier sind Alleinunternehmer. Dharavis 15 000 Kleinbetriebe erwirtschaften Schätzungen zufolge weit mehr als eine Milliarde Dollar im Jahr.

Varsha Gaikwad hat dieser Tage viel zu tun. Die Politikerin der regierenden Kongresspartei sitzt in ihrem zur Straße offenen Büro an der 90-Feet-Road. Sie trägt einen leuchtend gelben Sari. An fünf Tagen in der Woche stellt sie sich abends den Fragen der Slumbewohner, die sie in das Landesparlament des Bundesstaates Maharashtra gewählt haben. Die bodenständige Anfangdreißigerin spricht mehrere indische Sprachen fließend.

"Im Moment handeln wir noch die Bedingungen aus, unter denen der Mehta-Plan umgesetzt wird", sagt Gaikwad. Denn nur jene Bewohner sollen eine Gratiswohnung erhalten, die vor 1995 nach Dharavi gekommen sind. Das ist derzeit etwa nur die Hälfte der 600 000 Bewohner. Alle anderen sollen für jedes Jahr, das sie später gekommen sind, ein Zwanzigstel des Marktwertes bezahlen. Bei einem erwarteten Ende der Bauarbeiten um das Jahr 2015 müssten einige von ihnen den gesamten Kaufpreis aufbringen - eine unerschwingliche Summe.

Unmut erzeugt auch die Tatsache, dass die Wohnungen gerade einmal 21 Quadratmeter groß sein sollen. Viele Familien in Dharavi verfügen über weitaus mehr Wohnraum. Die Politikerin und ihr Vater Eknath Gaikwad, der als Abgeordneter im Bundesparlament in Neu-Delhi sitzt, versuchen einen Zuschnitt von mindestens 30 Quadratmetern Wohnfläche durchzusetzen. Außerdem möchten sie erreichen, dass alle Menschen einen Anspruch darauf haben, die vor dem Jahr 2000 nach Dharavi gekommen sind.

Diese Fürsorge hat einen guten Grund: Sie ist wahlentscheidend. Mehr als die Hälfte der Menschen in Mumbai leben in Slums, weswegen Spötter die Stadt auch gern "Slumbai" nennen. Die Wahlbeteiligung in den Armenvierteln liegt bei mehr als 90 Prozent, weitaus höher als in den besser gestellten Vierteln. Das wusste die rechtsextreme Hindupartei Shiv Sena für sich zu nutzen. Mit einer rigorosen nationalistischen Kampagne kam sie Anfang der neunziger Jahre mit den Stimmen aus den Wellblechsiedlungen zunächst in Mumbai, ein paar Jahre später im Bundesstaat Maharashtra an die Macht und hat damit das Jahrzehnte währende Monopol der Kongresspartei gebrochen. Diese präsentiert sich seither als Sprachrohr der Armen und kämpft in der Stadtverwaltung für die Interessen der Slumbewohner. Ihre Abgeordneten haben in den vergangenen Jahren mehrfach durchgesetzt, dass Slumsiedlungen legalisiert und drohende Abrisse verhindert wurden. Die Bewohner der Armenviertel haben es honoriert: Seit 2005 regiert in Mumbai wieder die Kongresspartei in einer Koalition.

"Die Sanierung ist auf jeden Fall notwendig", sagt die Politikerin Gaikwad. Denn die Hygieneprobleme und damit einhergehende Gesundheitsrisiken in dem Viertel seien enorm. Allerdings sollten so viele Menschen wie möglich von dem Umbau profitieren. "Das ist kein Ort des Elends", sagt sie und widerspricht damit dem Klischee. "Das Viertel zeigt das unternehmerische Geschick der Menschen in diesem Land."

Sandeep S. Bagre steht in einer Gasse in Dharavis Parsi-Chawl-Viertel. Eine niedrige Tür führt in seine Ledermanufaktur. Mehrere Ventilatoren verwirbeln den Geruch von Klebstoff, Leder und Männerschweiß. Rund ein Dutzend Arbeiter sitzen im Unterhemd oder mit nacktem Oberkörper an Nähmaschinen. "Mein Vater ist vor 34 Jahren nach Dharavi gekommen und hat selbst als Lederarbeiter angefangen", sagt Bagre und behält dabei seine Belegschaft im Blick. "Nach 20 Jahren hatte er genug Geld zusammengespart, um sich eine kleine Werkstatt einzurichten." Das Netz in die alte Heimat ist bis heute intakt geblieben. Die meisten der Arbeiter stammen aus dem Dorf von Bagres Vater. Sie verdienen etwa 120 Euro im Monat. Die Taschen und Geldbeutel, die hier gefertigt werden, landen nicht selten in den glitzernden neuen Shopping Malls der Stadt. "Wir verkaufen etwa die Hälfte unserer Ware in unserem Geschäft", sagt Bagre. "Die andere Hälfte geht an Läden überall in Mumbai."

Der "Shiv Om Leatherstore" der Familie Bagre reiht sich mit Dutzenden anderen Geschäften entlang einer nahe gelegenen Hauptstraße. Sie gehören allesamt Kleinbetrieben aus Dharavi. Bagres Laden ist etwa 20 Quadratmeter groß, weiß gefliest und klimatisiert. Im großen Schaufenster und in den Regalen liegen Taschen, Gürtel und Portemonnaies, an zwei Kleiderständern hängen Lederjacken. Der aufwendig eingerichtete kleine Verkaufsraum fiele auch in Mailand, London oder München nicht auf. Teure Autos parken vor den Läden. "Viele Reiche finden unser Viertel schmutzig", sagt Bagre, während er grinsend am Tresen lehnt. "Aber zum Einkaufen kommen sie trotzdem alle hierher." Es klingt wie ein kleiner Triumph.

"Für uns ist der Mehta-Plan gut", sagt der Unternehmer. "Wir werden für die Produktion Räume im neuen Gewerbegebiet bekommen und können den Laden behalten, denn wir haben alle Nachweise und Papiere." Doch für die kleinen Handwerker sei der Umbau problematisch. "Wo sollen die vielen Einmannbetriebe hin? Wo werden die Arbeiter wohnen? An die hat man nicht gedacht. Mehta geht von einer Großindustrie aus." Dann wendet sich Bagre einer Kundin aus der gehobenen Mittelschicht zu, die das Geschäft betritt.

Die 15 000 Kleinbetriebe des Viertels hält der Architekt Mehta nicht für erhaltenswert. Die Leute hätten zwar viel Talent, seien aber zu ungebildet, um voranzukommen. Das will er mit dem Umbau des Slums ändern. Statt jedes Kleinunternehmen zu verlagern, möchte Mehta lieber ein großes, modernes Gewerbegebiet errichten. "Die Hersteller sollen sich zu Kooperativen zusammenschließen und die neuen Produktionsstätten gemeinsam nutzen. Wir können ihnen Berater an die Seite stellen, die ihnen dabei helfen."

Die Kritik, dass infolge der Sanierung Zehntausende ihre Jobs und Einkünfte verlieren, weist Mehta zurück. "Diese Menschen werden ausgebeutet. Nur durch den ständigen Zustrom an billigen Arbeitskräften ist alles, was in Dharavi produziert wird, so wahnsinnig billig." Dank neuer Produktionsstätten fände Dharavis kleinteilige Wirtschaft Anschluss an moderne Standards. Und die Unternehmer könnten künftig mehr für ihre Produkte verlangen. Der Slum-Umbau als Rationalisierungsmaßnahme. Mehta geht noch einen Schritt weiter. "Ich möchte, dass der Name Dharavi in ein paar Jahren eine Marke wird. Eine Marke für hochwertige handwerkliche Produkte aus dem Herzen Mumbais."

In Dharavis Töpferviertel Kumbharwada löst der Name Mukesh Mehta auch wegen solcher Pläne wenig Sympathie aus. Es ist der älteste und am weitesten entwickelte Teil des Slums. Die Wege zwischen den zweistöckigen Häusern sind mit Steinplatten ausgelegt, unter denen das Abwasser abläuft. Auf kleinen Plätzen glimmen Holzscheite in runden Brennöfen mit Töpferware. Der Wind treibt den Rauch durch die verwinkelten Gassen. Überall Säcke mit Tonerde sowie Blumentöpfe in allen Größen, die zum Trocknen ausliegen.

Die Kumbhars zählten zu den Ersten, die sich vor mehr als hundert Jahren hier niedergelassen haben. Sie stammen aus der Region Saurashtra, die heute an der Grenze zu Pakistan liegt. Damals war Dharavi noch ein malariaverseuchtes Fischerdorf nördlich der aufstrebenden Kolonialstadt Bombay. Die Bewohner des Töpferviertels waren die Einzigen, die je Rechtstitel an dem Land besaßen, noch nach einem Erlass aus der Kolonialzeit, der die3 Kumbhars zu Eigentümern ihres Viertels machte. 1974 wurde er jedoch von der damaligen Regierung aufgehoben. Die Menschen, die hier schon seit Generationen leben, empfinden Mukesh Mehtas Plan nun wie eine Enteignung.

Viele, die lange hier leben, fürchten eine Enteignung

Der Weg zu Tank Ramchods Werkstatt führt durch einen großen Hinterhof. Der 42-Jährige steht im Erdgeschoss seines Hauses und begutachtet kleine schwarze Schälchen in Herzform, die den größten Teil des Raums füllen. "Wir arbeiten schon mal vor für Diwali", sagt er. Gemeint ist das hinduistische Lichterfest im November. Dann werden die Schälchen mit brennbarem Butterfett oder Wachs gefüllt und dienen im ganzen Land als zigmillionenfache Lichtquellen.

Eine Leiter führt in die Wohnräume im oberen Stockwerk. In einer Schrankwand steht ein großer Farbfernseher. Auf dem Kühlschrank daneben liegt ein Telefon, in der Küche rotiert Wäsche in einer Waschmaschine. Das Haus verfügt über zwei Badezimmer. Das Kumbharwada-Viertel ist eines der wenigen in Dharavi mit einer Wasserleitung. In alle anderen Teile des Slums wird Wasser mehrmals pro Woche von Tankwagen geliefert - wenn die Bewohner es nicht versäumt haben, Schmiergeld an die Fahrer zu zahlen.

Einen Raum weiter befindet sich das Schlafzimmer der Familie, das sich Ramchod mit seiner Frau, den fünf Kindern und seiner Mutter teilt. Er deutet auf einen Computer, der in der Ecke auf einem Schreibtisch steht. "Vor zwei Monaten haben wir den gekauft." Sein älterer Sohn, der gerade an einer Hochschule der Stadt zum Ingenieur ausgebildet wird, brauche ihn für sein Studium. "Nur die Internetverbindung ist hier ein wenig langsam", sagt der Kleinunternehmer und empfindet dabei sichtlich Freude an der Überraschung, die er mit diesem Satz auslöst.

"Die neuen Wohnungen werden gerade mal 21 Quadratmeter groß sein", sagt Ramchod. "Hier haben wir mit der Werkstatt und unserem eigenen Brennofen schon mehr als 200 Quadratmeter." Tiefe Falten ziehen sich über seine Stirn. "Die Bauunternehmen bekommen mehr Land als die Menschen, die hier leben und die alles aufgebaut haben."

Die Bauträger erhalten tatsächlich rund ein Drittel mehr Land, als sie im Rahmen der Sanierung bebauen. "Daran kann ich nichts ändern", sagt Mehta. Das habe die Stadtverwaltung vor Jahren so festgelegt. Denn sein Plan ist nicht der erste Versuch, Dharavi ein neues Gesicht zu geben.

Schon seit zehn Jahren besteht das Angebot, dass Bauunternehmer kostenlosen Baugrund erhalten, wenn sie in Dharavi Wohnungen errichten. Das Ergebnis sind rund drei Dutzend plattenbauartige Wohnsilos, die inmitten der Wellblechhütten vor sich hin schimmeln. Die meisten von ihnen sehen aus, als wären sie Jahrzehnte alt, obwohl sie erst vor wenigen Jahren gebaut worden sind. "Das wird nach meinem Plan nicht passieren", sagt Mehta. "Die Unternehmen müssen sich 15 Jahre lang um die Wohnhäuser kümmern."

Auf die Beschwerden über den geplanten knappen Wohnraum angesprochen, gerät der Architekt in Rage. "Diese Leute kommen hierher, eignen sich das Land widerrechtlich an, stehlen Elektrizität, stehlen Trinkwasser und benutzen die Straße als Toilette." Die Menschen von Dharavi sollten froh sein - anderswo würden Slums einfach geräumt und die Bewohner vertrieben.

Doch das wäre allein schon aus ökonomischen Gründen wenig sinnvoll. Es gibt nämlich auch bedeutende Unternehmen, die in Dharavi Geschäfte machen: Es ist der erste Slum mit einer eigenen Bank. Im eisig klimatisierten Büro des Filialleiters der Indian Bank in der 90-Feet-Road sitzt Sadanand Misra, der die große Zweigstelle im Finanzdistrikt Mumbais führt. "Unsere Mitarbeiter haben das Viertel besucht und sofort gemerkt, dass hier große Nachfrage besteht. Als wir die Filiale im Februar 2007 eröffnet haben, hatten bereits mehr als 7000 Familien bei unseren Außendienstmitarbeitern ein Konto eröffnet."

Zuvor hatte es keine Bank gewagt, mit den Menschen aus Dharavi ins Geschäft zu kommen. Denn weil ihnen das Land, auf dem sie leben, nicht gehört, können die Anwohner keine Sicherheiten bieten. So waren sie auf private Geldverleiher angewiesen, die bis zu zehn Prozent Zinsen am Tag verlangten. Mitten in einer Finanzmetropole mit Hunderten von Niederlassungen indischer und internationaler Großbanken blühte der Kreditwucher.

Allen warnenden Stimmen zum Trotz hat die Indian Bank ihre Niederlassung eröffnet - auf der Basis von Vertrauen. "Bankgeschäfte sind immer auch Risikomanagement", sagt Bankdirektor Misra. " Jetzt, da wir ein Gefühl für die Gegend entwickelt haben, gewähren wir den Leuten auch kleinere Überziehungskredite."

Für die Menschen von Dharavi ändert das viel. Bisher konnten sie ihr Geld nirgendwo anlegen, sondern mussten es zu Hause horten. Wenn sie in ihre Heimatdörfer fuhren, hatten sie nicht selten größere Geldbeträge bei sich - und riskierten damit, bestohlen oder ausgeraubt zu werden. "Heute können sie ihr Geld per Überweisung an ihre Verwandten schicken", sagt Misra und lächelt zufrieden.

Eine Bank ist keine karitative Einrichtung - was verspricht sie sich von ihrem Engagement? "Natürlich betreiben wir keine Wohlfahrt", räumt Misra nach kurzem Zögern ein. Die inzwischen mehr als 11 500 Kontoinhaber hätten in nur wenigen Monaten rund 900 000 Euro eingezahlt - mehr, als irgendjemand für möglich gehalten hätte.

"Wir denken, dass diese Filiale in zwei bis drei Jahren rentabel sein wird", schätzt Misra. Außerdem hätten sich die Bewohner von Dharavi als zuverlässige Kunden erwiesen: 97 von 100 Darlehen seien bislang anstandslos bedient worden. Als Nächstes möchte die Indian Bank eine Filiale in einem Slum in Kalkutta eröffnen. "Es wird immer mehr arme Menschen in Städten geben. Banken in Slums gehören zur Zukunft des Bankgewerbes."

Die Statistiken geben ihm Recht. 2008 werden laut Weltbevölkerungsbericht der Vereinten Nationen weltweit erstmals mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land. Vor allem mittelgroße Städte werden in den kommenden 25 Jahren rasant zu Megacitys heranwachsen. Dazu trägt vor allem die hohe Geburtenrate in den Städten bei, doch auch die Landflucht in den Schwellen- und Entwicklungsländern ist weiterhin ungebremst.

Während das urbane Indien seit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes Anfang der neunziger Jahre einen nie dagewesenen Boom erlebt, versinken die ländlichen Gegenden immer tiefer im Elend. Viele Dorfbewohner sehen nur eine Chance, ihr Überleben zu sichern: indem sie in die Städte ziehen. Allein nach Mumbai kommen heute jeden Tag etwa 3000 Zuzügler.

"In Mumbai hat jeder die Möglichkeit, irgendwie Geld zu verdienen", sagt der Bankdirektor Misra. Und nur an einem Ort wie Dharavi könnten die Neuankömmlinge in einer so teuren Stadt überleben und ihren Familien zu Hause auch noch Geld schicken. Zu der geplanten Slumsanierung sagt er: "Wir sehen Dharavi nicht als Slum. Dharavi ist ein riesiges unreguliertes Gewerbegebiet! "

Dharavis Wirtschaft exportiert sogar nach China

Allerdings sind manche der Kleinbetriebe in den vergangenen Jahren in die Kritik geraten, weil sie die Umwelt verschmutzen. Zahlreiche illegale Gerbereien wurden von den Behörden geschlossen, weil sie ihre giftigen Abwässer in einen nahe gelegenen Fluss geleitet hatten. Doch auch eine andere Kleinindustrie, von der man es am wenigsten erwartet hätte, belastet die Umwelt rücksichtslos: die Recycling-Industrie.

Tief im labyrinthartigen Gassengewirr tragen Arbeiter auf ihren Köpfen im Dutzend verschnürte Stapel von Blechkanistern zusammen. Kaum ein Windzug vertreibt den stechenden Geruch von Lösungsmitteln und Farbe. In diesem Teil Dharavis werden alte Ölkanister und Farbeimer aufgearbeitet. Maler, Tankstellen und Industriewerkstätten aus der ganzen Stadt verkaufen sie in den Slum. Die Männer waschen die Kanister mit Lumpen und Wasser aus und hämmern die Dellen heraus. Andere legen die Behälter in offenes Feuer, um Öl- und Farbreste und die Beschriftung abzubrennen. So aufbereitet, werden sie an Kleinbetriebe im Slum weiterverkauft, die frische Farbe einfüllen.

Die giftigen Dämpfe, die bei der Bearbeitung der Behälter entstehen, schweben noch lange über dem Viertel. Regelmäßig klagen Patienten eines nahe gelegenen Krankenhauses wegen der Schwaden über Atembeschwerden. Dies sind die Schattenseiten von Dharavis Wirtschaft. Und sie machen verständlich, wieso der Architekt Mehta dafür in seinem Umbauplan keinen Platz hat.

Dabei arbeiten viele andere Recycling-Betriebe, denen nun ebenfalls das Aus droht, weitaus umsichtiger. Eine Nebenstraße von der Dharavi Main Road führt zum Geschäft von Valji Khimji. Im Lagerraum des Anfangvierzigers stapeln sich weiße Säcke bis unter die Decke. Er handelt mit Kunststoffabfällen. Einen Teil des Materials bezieht er von den unzähligen Müllsammlern, die Plastikflaschen und Verpackungen von den Straßen Mumbais auflesen.

Den Großteil aber liefert die Industrie. Vor allem Getränkekonzerne entsorgen ihre Produktionsabfälle in Dharavi. Khimjis acht Mitarbeiter sortieren die Abfälle in einem Nebenraum nach Kunststoffart, schreddern sie in einer archaisch anmutenden Maschine und füllen sie in Säcke ab. Das Granulat verkauft der Zwischenhändler mit Gewinn weiter. Dutzende Tonnen verarbeitet er so im Monat.

Seine Abnehmer findet er vor allem im Slum. Es sind kleine Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, das Granulat zu waschen. Wieder andere Unternehmen erhitzen es und pressen es zu Kunststoffballen, die sie an Industriebetriebe in der Stadt verkaufen. Doch immer öfter verlassen größere Mengen diesen Verwertungskreislauf.

"Ich exportiere auch nach China", sagt Khimji und lehnt dabei an einem Stapel mit Säcken. Er lacht. "Die stellen dort daraus Hemden her! " Seit 17 Jahren handle er schon mit Kunststoffabfällen, erzählt er. Nach China verkaufe er erst seit ein paar Jahren. Er schließt sich dafür mit einigen anderen Zwischenhändlern zusammen, mietet einen Frachtcontainer, organisiert den Transport zum Hafen und kümmert sich um die Verschiffung. Die Globalisierung hat Dharavi erreicht.

Von Mehtas Sanierungsplan hält der Zwischenhändler wenig. Er würde dadurch seinen günstigen Standort an der Hauptstraße verlieren. Ein anderer Mann, der neben ihm steht, sagt: "Was wird denn aus den vielen Arbeitern? Sie sind in dem Plan überhaupt nicht vorgesehen." Mehr als 50000 Menschen sind allein in der Recycling-Wirtschaft beschäftigt.

Und dann ist plötzlich alles wieder ganz anders

Schon seit Monaten werden in Konferenzen und Anhörungen die umstrittenen Details der Slumsanierung diskutiert. Mehta stellt wieder und wieder die Vorzüge seines Planes dar, Nichtregierungsorganisationen halten Protestkundgebungen ab. Bauunternehmen aus der ganzen Welt reichen ihre Angebote ein, 88 sind es schließlich geworden. Alles läuft scheinbar nach Plan für den Slum-Rationalisierer Mehta.

Dann aber erlässt die Stadtverwaltung eine überraschende Anordnung. Alle Bewohner von Dharavi, die bis zum Jahr 2000 in den Slum gekommen sind, sollen eine Gratis-Wohnung erhalten. Varsha Gaikwad, die quirlige Politikerin, hat eine ihrer wichtigsten Forderungen durchgesetzt und ist darüber sehr glücklich. Doch Gaikwads Gegner, darunter Mumbais mächtige Baulobby, haben vor dem obersten Gericht des Landes in Neu-Delhi einen Eilantrag gegen den Erlass gestellt. "Ich denke aber nicht, dass sie damit durchkommen werden", sagt Gaikwad. Die Chancen für den Erlass stünden sehr gut.

Für das Umbauprojekt ändert sich dadurch viel. Mehta muss sein Konzept überarbeiten und zusätzlichen Wohnraum für etwa 100 000 Menschen einplanen. Die Gewinne der Bauunternehmer werden durch eine solche Änderung sinken.

Die Gegner des Slum-Umbaus lassen trotzdem nicht locker. Mehrere Organisationen und Oppositionsparteien haben angekündigt, weiter gegen den Mehta-Plan zu protestieren. Die Bewohner Dharavis sollten selbst darüber entscheiden dürfen, auf welche Weise ihr Viertel umgekrempelt wird.

Mukesh Mehta, der sich noch vor wenigen Wochen seinem Ziel so nah wähnte, stehen noch viele anstrengende Auseinandersetzungen bevor. -