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Der Furz des Herings

Wer forscht, hat recht. Wissenschaftler gelten immer noch als klug, rein und gut. Doch die Entzauberung der akademischen Götter ist in vollem Gang. Und macht jede Menge Spaß.




- Das Sanders Theater an der ehrwürdigen Harvard University zu Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts ist eine Kathedrale des menschlichen Geistes. Hier traten große Wissenschaftsrevolutionen ihren Weg in die Welt an.

Respekt, Ehrfurcht, tiefer Glaube - der Laie neigt vor allem zu Letzterem, wenn von wissenschaftlichen Spitzenleistungen die Rede ist. Man fragt nicht, was Forscher eigentlich tun. Außer im Sanders Theater, zumindest einmal im Jahr. Im Oktober, dem Monat also, in dem die Nobelpreisträger bekannt gegeben werden, feiert man im Sanders Theater ebenfalls Helden der Forschung. Da steppt der Bär: Honorige Professoren schießen Papierflieger durch die Luft, Akademiker verkleiden sich als Hühner oder mannsgroße Eier und tanzen wie irre durch den Saal. All das geschieht zu Ehren der Stars des Abends, Forscherinnen und Forschern, die den Ig-Nobelpreis erhalten.

Der Ig-Nobelpreis wird seit 1991 für obskure wissenschaftliche Arbeiten verliehen. Was als Studenten-Gag begann, ist heute ein bedeutendes Ereignis im akademischen Kalender. Ig steht für "ignoble", was so viel heißt wie seltsam, schmählich, sinnlos. Ausgezeichnet werden Arbeiten, die "nicht wiederholt werden können oder sollten", wie Ig-Nobelpreis-Sprecher Marc Abrahams sagt. Seit Jahren schon unterstützen "echte" Nobelpreisträger die Jury im Sanders Theater, etwa der Physiker Roy Glauber, der mit einem mächtigen Besen die Papierflieger vom Podium fegt, um Platz zu schaffen für den nächsten Laureaten.

An denen herrscht kein Mangel. Im Jahr 2007 wurden der britische Radiologe Brian Witcombe und sein amerikanischer Kollege Dan Meyer für ihre jahrelange aufopfernde Forschungsarbeit zum Thema "Nebenwirkungen des Schwertschluckens" ausgezeichnet. Gewürdigt wurden auch die Schöpfer der sogenannten "Gay-Bombe", ein einst streng geheimes Projekt des US-Verteidigungsministeriums, bei dem feindliche Truppen im Kriegsfall mit speziellen Hormonen besprüht werden sollten, die sie schlagartig zu Homosexuellen machen sollten. Man versprach sich dadurch eine gewisse Ladehemmung beim Gegner was folgerichtig den Ig-Friedensnobelpreis bedeutete.

Der Biologe Diego Golombek von der Universität Quilmes in Argentinien wurde für den Nachweis ausgezeichnet, dass Viagra die Auswirkungen des Jetlags mildern kann - allerdings nur bei Hamstern. Die niederländische Biologieprofessorin Johanna van Bronswijk hat mit ihrem Forschungsteam an der Universität Eindhoven jahrelang sämtliche Ungezieferarten in holländi schen Betten registriert, was mit dem Ig-Nobelpreis für Biologie 2007 gewürdigt wurde. Vor drei Jahren wurde damit ein Biologenteam ausgezeichnet, das nachwies, dass sich Heringsschwärme untereinander durch Flatulenzen - volkstümlich Furze genannt - verständigen können.

Der Wind der sinnlosen Erkenntnis weht heftig und unablässig - wie im Jahr 2005 die Verhaltensforscher Claire Rind und Peter Simmons von der Universität Newcastle mit einem unglaublichen Experiment bewiesen. Sie schnallten Heuschrecken auf eigens angefertigten Vorrichtungen fest. Dann mussten die Tierchen die Vorführung von Szenen des Science-Fiction-Spektakels "Star Wars" ertragen, bei der extragalaktische Kampfschiffe auf sie zurasten. "Überraschenderweise" versuchten die Heuschrecken, den Kampf-Ufos auszuweichen - nur die Anschnallvorrichtung konnte sie an ihrer Flucht hindern.

Nun klingt das nach dem, was es im Grunde auch ist: ausgesprochener Schwachsinn in Verbindung mit Tierquälerei. Doch das allein wäre nicht preiswürdig gewesen. Erst ein langer Artikel im angesehenen "Journal of Neuropsychology" überzeugte die Jury. Darin vertraten Rind und Simmons die These, dass durch den Umstand, dass die Heuschrecken den auf sie zurasenden Ufos ausweichen wollten, der Tatbestand der "Konfliktvermeidung" erfüllt wäre. Ganz nach der Theorie des Konfliktforschers Johan Galtung also, die ungefähr und Pi mal Daumen Folgendes besagt: Im Fall einer drohenden Kollision beziehungsweise Auseinandersetzung neigen alle Lebewesen dazu, Leine zu ziehen. Von Anschnallen und Ufo-Attacken gegen Fluginsekten ist bei Galtung allerdings nicht die Rede.

Der Biologe Benno Meyer-Rochow von der International University of Bremen erhielt den Biologie-Ig-Nobelpreis für seine auf langen Feldstudien bauende Erkenntnis, dass sich Pinguine - und einige andere Vögel - ihrer Verdauungsendprodukte mit dem Druck eines Autoreifens entledigen. In der "Zeit" unterstrich Meyer-Rochow daraufhin die Bedeutung des ihm verliehenen Preises wortreich: Immerhin käme die Auszeichnung "aus Harvard", also von einer angesehenen Universität. Und der praktische Nutzen seiner Arbeit zeige sich darin, dass er Anfragen von "Zoodirektoren und Vogelbesitzern" erhalte, die wissen wollen, "wie hoch der Sicherheitsabstand von Besuchern sein muss".

Hinter dem Spaß, den diese Studien einerseits mit sich bringen, steckt andererseits tiefer Ernst. Im wüsten Hauen und Stechen um Forschungsgelder gilt für Geisteseliten längst auch, was profaneren Berufsgruppen schon lange als Karrierebeförderer gilt: Aufmerksamkeit um jeden Preis. Da erhält das Motto der Ig-Nobelpreis-Jury einen tieferen Sinn: Die Arbeiten würden einen "zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen". Auch wichtig: Die im Sanders Theater prämierten Arbeiten sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern samt und sonders durch strengste Prüfverfahren gelotste Studien, die in seriösen und anerkannten wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht worden sein mussten. Erst dann gelten sie als preiswürdig.

Das Angebot wächst von Jahr zu Jahr. Je länger die Publikationsliste von Forschern ist, desto angesehener ist der Wissenschaftler - der "Impact" ist alles. Eigentlich dürfte in den Naturwissenschaften das, was im Sanders Theater jährlich gefeiert wird, gar nicht erst passieren. Denn ein ausgeklügelter Mechanismus soll verhindern, dass sich flache Vielschreiber in den wissenschaftlichen Olymp tippen. Die Methode ist internationaler Standard: Peer-Review, was so viel bedeutet wie Begutachtung. Wer für die entscheidenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften dieser Welt wie "Journals" oder "Nature" schreiben will, muss zunächst seine Arbeit an die Redaktion der Blätter senden. Die Redakteure sind aber nur eine Zwischenstation. Die Prüfung des Inhalts nach Richtigkeit und Gewicht erfolgt durch Gutachter, die sogenannten Reviewer. Diese sind meist angesehene Forscher in dem Fachgebiet, in dem der schreibende Wissenschaftler selbst tätig ist. Ganz wichtig ist dabei: Der Gutachter soll den Schreiber nicht kennen, damit sein Urteil nicht durch etwaige Vorlieben oder Antipathien getrübt wird. Überdies wird die strikte Anonymität des Reviewers empfohlen. Profane Rachegelüste abgewiesener Geistesgrößen sollen dadurch verhindert werden.

So weit die Theorie.

Besserwissen ist Macht. Statt um objektive Forschung geht es um Glück und Beziehungen

Leider erklärt sie nichts von dem, was im Sanders Theater passiert - und längst nicht nur dort: schlechte, doofe Forschungsarbeiten ohne Sinn und Zweck, Gefälschtes, Widersprüchliches und wenig Astreines, das im Namen der Wissenschaft gedruckt, verbreitet und schlechtestenfalls auch noch einige Zeit geglaubt wird. Haben das die Gutachter alles übersehen?

Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Forscher sind auch nur Menschen. Nur ihr Außenbild ist extrem edel und gut. Intrigen, Fälschungen, Eifersucht - das ganze Repertoire menschlicher Unzulänglichkeiten - herrscht in den akademischen Fluren mindestens genauso wie anderswo auch. Ruhm, Geld und Karriere gehören auch im Reich der Weisen zu wichtigen Parametern. Die Impact-Starken sind die Kings in dieser Welt: Wer viel veröffentlicht, gilt viel.

So sind nicht wenige Naturwissenschaftler längst zu Showmastern des Wissens-Infotainments geworden. Sie marodieren als begehrte Talkshow-Gäste, Regierungsberater und Forschungsverbandsfunktionäre durch die Medien. Für sie, die sich vom Akademiker-Proletariat abheben, ist der ganz normale Peer-Review-Prozess optimal.

Im Vorjahr startete das Wissenschaftsmagazin "Nature" eine kritische Debatte zum Peer-Review. Die vermeintlich idiotensichere Begutachtungsmethode geriet unter schweren Beschuss von Praktikern und Insidern. Die anonyme Beurteilung, so hörte man da, führe zu völlig überzogenen Kritiken. Die Gutachter müssten sich nicht drum scheren, für ihre Einschätzung geradezustehen. Umso leichter könne man auf diese Weise unliebsame Mitbewerber im Forschungswettstreit einbetonieren - ohne umgekehrt fürchten zu müssen, bei krassen Schlampigkeiten als Gutachter infrage gestellt zu werden, denn der Reviewer bleibt in diesem System eine unbekannte Größe. Die scheinbare Objektivität im Wissenschaftsbetrieb wird von immer mehr Insidern selbst als weltfremd und naiv bezeichnet.

Schon die Grundidee, dass in einer streng arbeitsteiligen globalen Forschungsgemeinde heute Gutachter einer wissenschaftlichen Arbeit überhaupt noch "unbekannt" und "fern" von den einreichenden Forschern sein könnten, sei obskur. "In den Fachgebieten von heute kennt jeder jeden, die Nischen sind völlig durchschaubar", schrieb ein Forscher und Peer-Review-Kritiker. Unverwechselbare Merkmale wie Stil und die Referenzen eines Gutachters ließen auf seine Identität schließen. Zumal die objektiven Reviewer dazu neigen, ihre eigenen Arbeiten allzu gern in fremde Werke hineinzumontieren. Umgekehrt, so ein weiterer Tenor der Debatte, könnten die als Reviewer besonders begehrten Stars der internationalen Forschungsszene praktisch alles abbügeln, was nicht in das eigene Konzept passe.

Die Zusammenfassung der Debatte in der freien Enzyklopädie Wikipedia bringt das schön auf den Punkt: "Etablierte Stars eines Teilgebiets der Wissenschaft könnten durch unfundiert abwertende Gutachten das Eindringen von Konkurrenten in ihre , Nische' verhindern (...) Die Anonymität der Gutachter fördere so das , Revierverhalten' und behindere einen effizienten Qualitätswettbewerb." Die Folgen sind allseits sichtbar.

Eine Studie von John Ionnidis, die im Jahr 2005 in "The Journal of the American Medical Association" veröffentlicht wurde, hat nachgewiesen, dass rund ein Drittel der zwischen 1990 und 2003 veröffentlichten Studien im medizinischen Bereich entweder "übertriebene Resultate" vorgelegt oder widersprüchliche Aussagen enthalten habe. Ein ausgewiesener Kritiker der Peer-Review-Methode ist auch der Linzer Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie Gerhard Fröhlich. "In den Wissenschaften herrscht, ähnlich wie in der katholischen Kirche, (...) Zensur." Er zitiert Dutzende Studien, in denen Vetternwirtschaft, Freundschaftsdienste, Kameraderie und Revierverhalten die Begünstigung wohlgesonnener Forschungsarbeiten - aus Sicht des Gutachtens befördern.

Das ist nicht neu: Schon 1977 befragte die Wissenschaftstheoretikerin Harriet Zuckermann Nobelpreisträger, die selbst aussagten, nach der Verleihung des Preises mit "ungerechtfertigten Belohnungen und Bevorteilungen überhäuft" worden zu sein. Und elf Jahre später wurden deutsche Forscher befragt, worauf sie ihre Karriere und ihre nachweislichen Veröffentlichungserfolge zurückführen würden. Die große Mehrheit antwortete: "Auf Glück und soziale Beziehungen." Fähigkeit und Anstrengung rangierten bereits vor zwei Jahrzehnten nur noch unter ferner liefen. Damit einher gehen Opportunismus und Anpassung an den Mainstream der Forschung. Was gerade politisch gewollt ist oder populär, wird sakrosankt. Als Folge macht Fröhlich ein "technokratisch durchgestyltes, lückenloses Bewertungs- und Hierarchiesystem" aus, das "fatale Folgen haben kann: Nicht nur in der Landwirtschaft haben sich Monokulturen als recht anfällig erwiesen. Offenheit und Pluralismus der wissenschaftlichen Felder sollten deshalb oberstes Gebot bleiben."

Wünschen darf man sich alles. Doch wo Politik und Wissenschaft an einem Strang ziehen, gedeihen Monokulturen stets prächtig. Aus Ahnungen und Vermutungen werden flugs Naturgesetze gebastelt. Da gelten bereits wieder die Regeln der alten katholischen Zensur: Deren Gutachter druckten in Werke, die der reinen Lehre entsprachen, ihr berüchtigtes "nihil obstat" ("Es steht nichts entgegen"). Erst dann durfte das Werk gelehrt werden - als einzige Wahrheit. Was hingegen nicht konform war, kam auf den Index und wurde verboten.

In diesem Klima zwischen Obstruktion und Obskuritäten sind die Ig-Nobelpreise eigentlich ein Hoffnungsstrahl der Aufklärung. Wo extreme "Wahrheiten" als ewig gültig verkauft werden - und dennoch oft nur der Geist des Nepotismus und des Opportunismus weht, holen furzende Heringe und Ufo-ängstliche Heuschrecken die abgehobene Wissenschaft wieder dorthin, wo sie hingehört: auf den Boden der Tatsachen. Was freilich viele Ig-Nobelpreisträger vom üblichen akademischen Establishment unterscheidet, ist ein gesundes Maß an Selbstironie. Ein gutes Mittel gegen Größenwahn und Präpotenz.

Eric Lander, einer der angesehensten Gen-Forscher der Welt und Gründungsdirektor des Broad Institute am Massachusetts Institute of Technology (MIT), zeigte, wie das geht. Er bekam vor einigen Jahren ebenfalls einen Ig-Nobelpreis.

Doch Lander spielte nicht den Beleidigten, sondern schrieb eine Dankesrede, die traditionsgemäß nur die menschenfreundliche Länge von sieben Wörtern haben darf. Die Rede von Lander ging so: "Genom-Buch gekauft. Sehr schwer zu lesen." -