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Was Menschen treiben: Das globale Dackel-Tempo

Das Leben sei hektisch? Es müsse entschleunigt werden? Eigentlich warte ich nur. Im Stau, auf meinen Zug, auf den Klempner, auf die Steuer-Rückerstattung. Doch die Ruhe ist trügerisch. Sie ist nur eine andere Form von Höchstgeschwindigkeit.




- Als ich kürzlich bei einem netten Empfang herumstand, warf ich die Frage auf, in welchem Verhältnis das allgemeine Welttempo zu unserer eigenen, individuellen Geschwindigkeit steht. Ich konnte mich mit dieser tiefsinnigen Frage erstaunlicherweise in Sekundenschnelle gegen das Baby von Britney Spears, den ersten Schnee, die 60 Millionen Euro von Wendelin Wiedeking und den Hörsturz des Dirigenten durchsetzen. Um mich sammelten sich geistreiche Menschen, die abends offenbar genau wie ich völlig geschafft auf dem Sofa liegen und nach einem hektischen Tag nicht mehr papp sagen können.

Dass das Welttempo und das eigene Tempo nicht zusammenpassen, merkte ich im vergangenen Monat bei Aldi, als ich einen vollgepackten Wagen mit allem möglichen Krimskrams zur Kasse schob. Ich weiß nicht, ob Sie das schon mal gesehen haben: Kaum hat man die Waren aufs Band gelegt, fliegen sie einem hinter der Kasse in einem Höllentempo wieder entgegen, wie bei einem ICE 3. Wenn Sie Glück haben, landet alles kreuz und quer im Wagen. Wenn nicht, nicht. Dann müssen Sie sich bücken. Niemand ist in der Lage, all diese Pampelmusen, Zahnpastatuben, Käsestangen, Joghurtbecher und Gartenschuhe gleichzeitig aufzufangen.

Gerade donnern noch die Tomaten vorbei, fliegt Ihnen schon die Zahl 123 Euro 45 um die Ohren, und wo ist die Kundenkarte, und sammeln Sie Treuepunkte, und für zwei Euro können Sie ein Ferrarimodell erwerben. Nee, das mit Ferrari war bei Shell. Man bringt alles ganz durcheinander bei der Hektik. Doch das ist eben der Test: Bei Aldi können Sie regelmäßig wie in einem Fitness-Studio erproben, ob Sie es noch schaffen, mit dem Welttempo mitzuhalten, oder ob schon alles zu schnell für Sie ist. Solange Sie die Tomaten auffangen, geht es gerade noch.

Ich hatte zuerst gedacht, der Urknall sei schuld daran, dass hierzulande alles immer schneller wird und ich nicht mehr mitkomme. Beim Urknall des Weltalls ist nämlich alles auseinandergeflogen und beschleunigt sich seitdem immer weiter. Auch die Erde. Dass es der Urknall aber doch nicht sein kann, habe ich kürzlich gemerkt, als ich den Dackel eines Bekannten spazieren führen durfte und der Dackel keinerlei Anstalten machte, meinen diversen "Hopp"-, "Komm"- oder "Herrchen"-Rufen zu folgen. Stattdessen schnüffelte er trottelig wie immer am Wegesrand herum. Da wurde mir klar: Der Dackel ist immun gegen die allgemeine Weltbeschleunigung.

Offenbar ist es nicht die Welt an sich, die schneller wird, sonst müsste der Dackel auch davon erfasst sein. Was also wird dann eigentlich schneller? Was verursacht die Hektik, die wir andauernd empfinden? Die Zeit selbst beschleunigt sich jedenfalls auch nicht. Die Zeit kann sich zwar in unendlichen Räumen dehnen, wie Einstein nachgewiesen hat, aber in unseren engen Büro-Hamsterkäfigen dehnt sich gar nichts. Dafür reicht der Platz einfach nicht, dass Einstein da zur Geltung käme. Nicht einmal ein Großraumbüro langt dafür, obwohl so ein bisschen Zeitdehnung für die Vorbereitung von Kundenpräsentationen oder ein Nachmittags-Nickerchen ganz schön wäre. Ist die Beschleunigung unseres Seins vielleicht nur Schein? Existiert sie eigentlich gar nicht? Ist sie nur eine über die Medien vermittelte Täuschung? Eine mentale Irreführung unserer selbst?

Denn die Welt wird nicht nur immer schneller, sondern gleichzeitig auch immer langsamer. Einerseits können wir vor lauter Welt-Hektik nicht mehr entspannt duschen, andererseits warten wir den größten Teil unserer Zeit sinnlos auf irgendwas: auf Züge zum Beispiel, auf ein Taxi oder den Klempner, in Hotlines, auf einen funktionierenden Computer, eine Spenderniere oder die Baubewilligung.

Nichts kommt rechtzeitig. Man wartet im Stau darauf, dass es weitergeht, wartet auf Strategie-Entscheidungen des Vorstands oder auf das Ende inhaltsleerer Meetings, in denen man geschlafen hat und Venenübungen machen musste, um nicht Thrombose zu kriegen. Für alles braucht man viel länger als früher. Rein statistisch gesehen hätten wir also im Laufe eines Tages ausreichend Zeit zu entspannen und uns - etwa im Stau oder im Meeting mit Massageöl einzureiben, Kerzchen um uns herum zu platzieren oder eine kleine Badewanne aufzublasen, in die wir uns reinlegen könnten.

Meine These, mit der ich neuerdings auf Empfängen brilliere, ist, dass der moderne Stillstand nichts anderes ist als hoch komprimierte Beschleunigung. Das Welttempo wechselt nur seinen Aggregatzustand, so wie Wasser verdampft. Im Stau oder im Wartezimmer beim Arzt steckt unwahrscheinlich viel kinetische Energie, die sich später in Aggression statt in Beschleunigung Bahn bricht.

So etwas Tiefsinniges können Sie auf einem Empfang zwar nicht nachweisen wie mit einem Pott Wasser auf dem Herd. Aber im Weltall können Sie sehen, wie das geht: Da rasen die Steinchen mit Lichtgeschwindigkeit herum, fallen in ein Schwarzes Loch, das sie aufsaugt - und plötzlich verwandelt sich Tempo in Gewicht. Schwarze Löcher haben eine so extrem hohe Dichte, dass Sie nicht einen Kubikzentimeter davon heben könnten, wenn Sie irgendwo da oben wären. Sie sehen also, das geht durchaus. Von Entschleunigung und Langsamkeit als angenehmer Lebens-und Berufsform, die uns die Tai-Chi- und Selbstfindungskurse, die Feuer-Coaches und Kerzen-Meditierer nahebringen wollten, kann also gar keine Rede sein.

Doch es ist nicht das Welttempo an sich, das so beängstigend ist. Hohe Prozessgeschwindigkeit im Privaten und Beruflichen überfordert uns nur deshalb, weil wir permanent in alle möglichen Engpässe - Datenengpässe, Verkehrsengpässe, Informationsengpässe, Verarbeitungsengpässe - hineinlaufen, in denen sich die Beschleunigungsenergie verfängt. Auch die modernen Rollenverteilungen, bei denen jeder für alles vom Kind bis zur Wäsche, vom Beruf bis zum Partner zuständig ist, bringen keine Ruhe. Sie potenzieren den Aufwand, statt ihn zu halbieren. Koordination und die teilweise Verdoppelung von Abläufen fressen jeden vermeintlichen Zeitvorteil wieder auf.

Zur gefühlten Überlastung trägt auch unser Drang bei, die private und die berufliche Sphäre zeitlich immer noch sauber voneinander zu trennen. Die Realität ist jedoch anders: In ihr überlagern sich die beiden Sphären regelmäßig, wobei wir nicht die Aufgaben an sich, sondern deren permanente Überlagerung als Überforderung begreifen. Wir täten deshalb gut daran, das Unnormale als normal zu empfinden: Beim privaten Mittagessen ein Geschäftsgespräch zu führen und beim Aufräumen des Büros die Beziehung zu besprechen, statt darauf zu warten, dass man einen ruhigen Abend beim Italiener oder am Kamin findet.

Nicht zuletzt haben wir noch nicht verstanden, dass wir in eine angebliche Dienstleistungswelt hineinsteuern, die uns nicht Arbeit abnimmt, wie wir heute noch naiv glauben, sondern neue Arbeit aufbürdet. Die Aufforderung, unsere Stromzähler selbst abzulesen, ist erst der Anfang. Bald klettern wir auch selbst in den Schornstein, was man uns als Abenteuer-Trip schmackhaft machen wird, und wir werden gebeten, die Mülltonnen in einem handlichen Wägelchen zur zentralen Entsorgungsstelle zu fahren, was wir als schickes Aqua-Jogging akzeptieren werden, weil es gesund sein soll, selbst wenn es regnet. Wir werden bald unseren Kühlschrank selbst zusammenbauen und eine Ersatz-Niere an einer Paketbox hinter irgendeiner Kirche abholen.

So werden wir subtil gezwungen, stets neue Aufgaben in unsere alltäglichen Routineprozesse zu integrieren, was uns schwerfällt und zu weiteren Störungen und Überlastungen führt. Längst verlagert nicht nur der Staat Aufgaben an private Unternehmen: Die Unternehmen verlagern sie ihrerseits an uns, die wir - überfordert - darauf sitzen bleiben.

Wenn es dann beim Empfang zu ernst wird und Ihnen die Zuhörer doch zu Britney Spears' Baby abdriften, bringen Sie als finale Lösung die Baumwollhose. Die Baumwollhose ist inzwischen das Symbol, was sage ich, eine Ikone der wirklichen Entschleunigung. Die Baumwollhose verdanken wir Manfred Schell, dem obersten Chef der Lokführer-Gewerkschaft. Ich muss sagen, das hatte schon etwas: Während Schell Deutschland in den Kollaps treibt, trägt er seine alte Schlabber-Trainingshose im Kurgarten in Lindau spazieren.

Erinnern Sie sich? Das wirkte beruhigend wie Enzianöl aus Südtirol. In einem windschnittigen schnellen Goretex-Outfit wäre Schell ganz anders rübergekommen. Da hätte die Bahn gleich Angst bekommen und klein beigegeben. Aber mit der Baumwollhose hat er den Lokführer-Streik schließlich so entschleunigt, dass nachher keiner den Streik mehr so recht wollte und er auch fast gar nicht mehr stattfand.

Vielleicht gelingt es uns sogar, nicht nur Streiks, sondern auch Talk- und Koch-Shows im Fernsehen, Börsen-Crashs und Währungsturbulenzen, Scheidungs- und Entlassungswellen aus dem allgemeinen Welttempo auszuklinken und so weit zu entschleunigen, dass sie nicht mehr stattfinden. Wenn die Baumwollhose dabei der letzte Rettungsanker ist, soll es mir auch recht sein. -