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Peter Pans Erben

Manchmal werden Märchen wahr, weil Menschen daran glauben. Wie die Geschichte jenes Jungen, der nicht erwachsen werden wollte. Die hat viele Millionen Pfund verdient. Und Kindern das Leben gerettet.




- Der Eingang zur Welt von Peter Pan liegt zwischen einem Supermarkt und einem Schnellimbiss im Londoner Stadtteil Bloomsbury. "Zu Peter Pan? Vierter Stock links, dann bei Gosh Charity klingeln", murmelt die Dame an der Rezeption des Bürogebäudes und weist mit einer Kopfbewegung Richtung Fahrstuhl.

Gosh, das ist die in England verbreitete Abkürzung für das Great Ormond Street Hospital, eines der ältesten Kinderkrankenhäuser der Welt, das gleich um die Ecke liegt. Und Peter Pan arbeitet für Gosh Charity, eine Wohltätigkeitsorganisation, die Spenden sammelt, damit die Klinik saniert und modernisiert werden kann. Aktuell geht es darum, zwei veraltete Gebäudeflügel abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen, hell, großzügig und mit neuester Technik ausgestattet. Außerdem soll ein Gästehaus hinzukommen, in dem Eltern kostenlos übernachten können, die von auswärts anreisen, um ihre kranken Kinder zu besuchen. Im teuren London ist das eine große finanzielle Erleichterung.

Privates Engagement hat bei Gosh eine lange Tradition. 1852 wurde das Krankenhaus von wohlhabenden Bürgern in London gegründet, unter ihnen auch der Schriftsteller Charles Dickens. Von Anfang an half es den Kindern der Armen und Reichen, ohne Unterschied und kostenlos. Die Bevölkerung reagierte zunächst misstrauisch, weil die Ansicht vorherrschte, kranke Kinder würden am besten zu Hause bei ihren Eltern gesund. Doch die Behandlungserfolge beseitigten alle Zweifel. Fotos aus den frühen Jahren zeigen Hunderte Frauen aller Schichten, die geduldig mit ihren Kindern in der großen Empfangshalle auf einen Termin warten.

Heute ist Gosh Teil des staatlichen Gesundheitswesens und eine Kinderklinik für alle Krankheiten, die vom Hausarzt oder dem allgemeinen Krankenhaus nicht angemessen behandelt werden können, wie Krebs, Herzfehler oder komplizierte körperliche Missbildungen. Inzwischen arbeiten dort 2000 Pfleger, Erzieher und Ärzte, die sich um mehr als 90 000 kleine Patienten pro Jahr kümmern. "Wir tun alles, damit sich die Kinder trotz ihrer Krankheit so wohl wie möglich fühlen", sagt Christine De Poortere, eine von 150 Mitarbeitern von Gosh Charity. Mit schnellen Schritten geht die 58-Jährige durch das Großraumbüro, in dem die Mitarbeiter in langen Reihen an Computern arbeiten und telefonieren. "Voriges Jahr haben wir mehr als 50 Millionen Pfund eingenommen. Wir haben unter anderem eine Abteilung für Direktmarketing, eine für Unternehmenskooperationen, und wir haben mich - Peter Pan."

Christine De Poortere hat einen Beruf, den es nur einmal auf der Welt gibt. Sie ist Peter Pan Director. So steht es auf ihrer Visitenkarte, die sie in einem Konferenzraum überreicht, der passenderweise den Namen von Captain Hook trägt.

Peter Pan - das ist die Geschichte des Jungen, der sich weigert, erwachsen zu werden. Eines Tages begegnet er dem Mädchen Wendy Darling, das er mit ihren beiden Brüdern auf eine abenteuerliche Reise ins Nimmerland mitnimmt, wo keine Erwachsenengesetze gelten. Sorglos und tapfer bekämpfen sie dort den blutrünstigen Captain Hook und seine Piraten. Nach dem siegreichen Ende aber packt die Darlings das Heimweh, und sie kehren nach London zu ihren Eltern zurück. Peter Pan aber, der in seinem kindlichen Gegenwartsdenken schon bald jede Erinnerung an seine Freunde verloren hat, bleibt allein in Nimmerland.

Schöpfer der Märchenfigur war James Matthew Barrie, ein Autor, dem das Erwachsenwerden auch nicht leicht gefallen sein kann: Er wurde nur 1,52 Meter groß. 1929 fragten Gosh-Mitarbeiter bei ihm wegen einer Lesung an, deren Einnahmen dem Krankenhaus zufließen sollten. Barrie sagte mit Bedauern ab, doch er wollte unbedingt helfen. Und schenkte dem Krankenhaus zwei Monate darauf die gesamten Urheberrechte an "Peter Pan".

Mit der einzigen Auflage, dass das Krankenhaus für alle Zeit Stillschweigen über die Höhe der Lizenzeinnahmen wahren müsse. Es dürften inzwischen Millionen sein, nur: wie viele? "Der Betrag ist wirklich bedeutend, aber es sind nicht die Unsummen, die manchmal kursieren", sagt Christine De Poortere und ergänzt mit einem Zwinkern: "Sonst hätte man mir schon längst einen Kollegen zur Seite gestellt."

Ein Lord tut seiner Frau einen Gefallen: Großbritannien nimmt ein Märchen in Schutz

In Deutschland wäre es für James Matthew Barrie nicht möglich gewesen, sein Urheberrecht zu verschenken. Der Gesetzgeber hat dem ideellen Wert einer schöpferischen Leistung einen so hohen Stellenwert eingeräumt, dass die Trennung des Werkes von seinem Urheber verboten ist. In Großbritannien dagegen wird dem Urheberrecht eine stärkere ökonomische Bedeutung eingeräumt, sodass der Schöpfer es übertragen kann.

Jedes Urheberrecht unterliegt einer bestimmten Schutzdauer - danach wird es gemeinfrei. Das heißt, dass das vorher geschützte Werk von diesem Zeitpunkt an von jedermann genutzt werden kann, ohne Genehmigung oder Lizenzzahlungen.

Als Barrie Anfang des 20. Jahrhunderts Peter Pan erschuf, galt in Großbritannien noch eine Schutzdauer von 50 Jahren über den Tod des Autors hinaus. Barrie starb 1937, also besaß Gosh bis 1987 die Urheberrechte an Peter Pan und konnte so Einnahmen daraus erzielen. Von 1988 an wäre dann eigentlich für immer Schluss gewesen mit dem Geldsegen. Doch dies sollte der Anstoß für eine einzigartige Rechtsentscheidung sein.

Lord Callaghan, der ehemalige Premierminister von Großbritannien, hörte nämlich von dem Fall und hatte Mitleid mit dem Krankenhaus. Mit großem Engagement brachte er den Fall ins Parlament ein und erwirkte eine Entscheidung, die bis heute einzigartig ist: Man beschloss, die Urheberrechte an Peter Pan in Großbritannien nie auslaufen zu lassen. Sie sollten bis in alle Ewigkeit beim Great Ormond Street Hospital verbleiben und der Klinik finanziell nützen.

"Nach dem Geschenk von Barrie bekamen wir ein zweites Geschenk von der Regierung, die sonst eigentlich nicht so spendabel ist", sagt Christine De Poortere. Was die rühmenswerte Großzügigkeit Lord Callaghans vielleicht zu einem Teil erklären kann: Seine Frau saß damals im Vorstand von Gosh.

Die dritte Gelegenheit, sich über verlängerte Schutzfristen und damit höhere Einnahmen zu freuen, erhielt Gosh im Jahre 1993. Weil es in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union so viele unterschiedliche Regelungen zum Urheberrecht gab, verabschiedete die EU eine neue Richtlinie und hob die Schutzdauer für alle Länder auf mindestens 70 Jahre an. So bekam Gosh in Ländern, die vorher nur 50 Jahre Schutz gewährten, nachträglich einen Zuschlag von Lizenzeinnahmen über weitere 20 Jahre geschenkt. Gleichzeitig blieb die britische Ewigkeitsklausel bestehen, da die EU-Richtlinie allein eine Verlängerung, aber keine Verkürzung vorschrieb. In allen EU-Ländern waren damit die Rechte an Peter Pan bis 2007 geschützt, in Großbritannien für immer.

Seit Anfang dieses Jahres ist Peter Pan in der EU gemeinfrei, Großbritannien ausgenommen. Dieses außergewöhnliche Konstrukt bereitet Juristen allerdings erhebliches Kopfzerbrechen, wenn Peter-Pan-Rechte grenzübergreifend geklärt werden müssen. Stephan Kopf hat die Konsequenzen erlebt. Er ist verantwortlich für Lizenzen beim Verlag Felix Bloch Erben. Voriges Jahr hat der 44-Jährige die Rechte für eine Peter-Pan-Neuinszenierung am Hamburger Schmidt Theater geklärt. "Peter Pan ist ein einmaliger Fall und schafft dadurch eine große rechtliche Grauzone", sagt Kopf. Grundsätzlich gilt immer das Recht des Landes, in dem man spielt oder veröffentlicht. "Für unsere deutsche Peter-Pan-Inszenierung mussten wir die Rechte von Gosh freifragen, da wir unsere Pläne bereits 2007, also noch innerhalb der deutschen Schutzdauer, publik gemacht haben. Allerdings müssen wir für die Aufführung keine Lizenzen zahlen, da wir erst im Jahr 2008 Premiere hatten."

Verzwickt wird das Ganze, sollte das Stück in Großbritannien aufgeführt werden. Dort kollidiert dann die EU-Richtlinie mit dem freien Waren- und Dienstleistungsverkehr. Die Dienstleistungsfreiheit fordert nämlich, dass man in einem anderen Land nicht schlechter gestellt werden darf als im eigenen, da dies die Wettbewerbsbedingungen auf dem gemeinsamen Markt verfälschen würde. Es könnte also sein, dass jemand aus Deutschland mit einer Peter-Pan-Inszenierung in Großbritannien keine Lizenzen zahlen muss, weil Peter Pan in Deutschland ja gemeinfrei ist. Ein Brite müsste aber bei der gleichen Inszenierung in Großbritannien dafür zahlen, weil er britischem Recht unterliegt.

"Ja, ich habe keinen einfachen Job", gesteht Christine De Poortere. "In den USA ist es wieder anders." Dort richtete sich das Urheberrecht zu Barries Zeiten nämlich nicht nach dem Tod des Autors, sondern nach der Publikation. So kommt es, dass Peter Pan als Theaterstück noch bis 2023 geschützt, die Buchpublikation des Märchens dagegen schon gemeinfrei ist.

Glücklicherweise kann sich Gosh auf seine Geschichte und seinen Ruf als legendäres Kinderkrankenhaus verlassen, was möglichen Rechtskonflikten vorbeugt. "Natürlich können einige Leute Peter Pan veröffentlichen, ohne etwas zu zahlen", sagt De Poortere. Und fügt schnell hinzu: "Aber sie tun es nicht. Einfach weil wir Gosh sind. Dieses Kinderkrankenhaus bedeutet den Briten sehr viel. Die Menschen lieben es. Ich kenne keinen Verleger oder Veranstalter, der nicht sagt: 'Natürlich unterstützen wir Gosh'. Disney hat uns gerade eine Million Pfund gespendet."

Nette Geste: Der US-Filmkonzern hat mit dem märchenhaften Stoff um den Peter-Pan-Gegenspieler Captain Hook und seine Piraten in "Fluch der Karibik", Teil 1 und 2, allein an den Kinokassen weltweit mehr als zwei Milliarden Dollar eingespielt. Die Bedeutung des Londoner Kinderkrankenhauses und das Engagement seiner Mitarbeiter kann ermessen, wer es einmal von Nahem erlebt hat. Als Christine De Poortere durch die Klinik führt, vorbei an der Peter-Pan-Statue am Eingang, dem Spielbereich für Geschwister von kranken Kindern oder der hauseigenen Schule für Langzeitpatienten, ist ihr anzusehen, wie glücklich sie in ihrem Job ist. "Bevor ich zu Gosh kam, habe ich für einen Verlag gearbeitet", sagt sie. " Jetzt mache ich etwas Ähnliches, sehe aber gleich, wem das Geld zugutekommt."

Captain Hooks Piraten geben keine Ruhe. Aber es ist ja auch für eine gute Sache

Selbst die Bänke und der Altar der kleinen Kapelle im Krankenhaus sind auf Kindergröße zugeschnitten. Und auf den Fensterbänken drängeln sich Hunderte kleiner Teddybären und andere Figuren aus Plüsch. "Manche von ihnen haben Kinder bei ihrer Entlassung vergessen, und wir haben sie dann in die Kapelle gestellt", sagt De Poortere. Und ergänzt nach einem Moment leise: "Die meisten Stofftiere wurden uns aber leider von trauernden Eltern gebracht."

"Natürlich ist man als Künstler froh, wenn Rechte frei werden", bekennt der Liedermacher Konstantin Wecker. "Aber wenn man einmal erlebt hat, wie wichtig die umfassende Krankenversorgung von Kindern ist, muss man auch bei so einem Sonderfall nicht zu streiten anfangen." Wecker hat die Musik zu der Peter-Pan-Neuinszenierung in Hamburg komponiert und sagt: "Es ist einfach eine zauberhafte Geschichte: Sich die kindliche Naivität zu bewahren, das schnelle Vergessen, das Leben in der Gegenwart, da nicht mehr rauskommen wollen - diese Idee ist jedem Künstler eingepflanzt."

Doch allein auf den guten Willen möchte sich das Krankenhaus nicht verlassen, wenn es darum geht, auch in Zukunft mit Peter Pans Hilfe für Aufmerksamkeit und Unterstützung zu werben. 2004 hat Gosh deshalb einen Wettbewerb zur Fortsetzung des Märchens ausgeschrieben. Aus 200 Einsendungen entschied sich die Jury, unter ihnen ein Nachfahre von Barrie, für die Britin Geraldine McCaughrean. Deren Buch "Peter Pan und der rote Pirat" erschien 2006 in 37 Sprachen. Allein in Großbritannien wurden davon 150 000 Exemplare verkauft.

Von den Einnahmen fließt die Hälfte ans Great Ormond Street Hospital. Damit Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden wollte, auch in Zukunft den kranken Kindern in London beim Älterwerden helfen kann. -