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Oldies but Goldies

Görlitz' einziges Kapital ist seine Schönheit. Die setzt das östlichste deutsche Städtchen geschickt ein, um neue Einwohner anzulocken: Ruheständler. Porträt eines heimlichen Pensionärs-Paradieses.




-Dieter Zimmermann kennt die Welt. Der ehemalige Manager der Fluglinie Trans World Airlines (TWA) darf zu Spottpreisen fliegen und hat das weidlich ausgenutzt. "Alles, was mich interessiert, habe ich gesehen", sagt er und zündet sich eine Zigarette an. Noch heute schwärmt der 69-Jährige mit der Igelfrisur von der Weltreise, die er mit seiner Mutter 1970 unternommen hat. Von Frankfurt ging's nach Athen und dann weiter über Tel Aviv, Bombay, Hongkong, Tokio, Honolulu, San Francisco, Los Angeles und New York wieder zurück in die Heimat.

Weil er auch beruflich viel unterwegs war, schlug Zimmermann in Oberursel bei Frankfurt, wo er Jahrzehnte lebte, nie wirklich Wurzeln. Also überlegte er, als er nach der Übernahme der TWA durch American Airlines aus dem Job ausgeschieden war, an welchem Ort er seinen Lebensabend verbringen sollte. Zur Debatte standen unter anderem der Mittlere Westen der USA, wo Zimmermann Freunde hat, und Lothringen in Frankreich, wo Verwandte leben.

Stattdessen aber entschied er sich für das sächsische Görlitz im Dreiländereck zu Polen und Tschechien. Dort sitzt der Neubürger Zimmermann nun in seinem Wohnzimmer mit dem Regal voller amerikanischer Straßenkreuzer-Modelle und den vielen englischsprachigen Videos mit Hollywood-Klassikern, zündet sich eine neue Zigarette an und sagt fröhlich grinsend: "Die Nachricht hat in meinem Freundes- und Bekanntenkreis wie eine Bombe eingeschlagen."

Ausgerechnet Görlitz! Eine Stadt, die so weit ab vom Schuss liegt, wie eine deutsche Stadt nur liegen kann. "Ich wollte was Neues sehen", sagt Zimmermann, der durch Zeitungs- und Fernsehberichte auf die Schönheit der Stadt aufmerksam geworden war. In ihm keimte die Idee: "Da könntest du leben." Er rief bei der Stadtverwaltung an, wo es mit Margit David eigens eine Mitarbeiterin gibt, die sich um potenzielle Neubürger kümmert. Die stellte ihm ein Info-Paket zusammen. Zimmermann reiste an und ließ sich von Maklern - die hier jedem Interessenten den roten Teppich ausrollen und von Mietern keine Provision verlangen einige Wohnungen zeigen. Von seinem ersten Flirt mit dem fernen Osten bis zum Umzug vergingen keine fünf Monate.

Nun lebt er seit Mai vergangenen Jahres in einem Gründerzeitviertel mit vielen herausgeputzten Häusern und etlichen sanierungsbedürftigen leeren Behausungen. Seine eigene, großzügige Drei-Zimmer-Wohnung sei nicht die schönste im Angebot gewesen, aber die für ihn am besten gelegene: Einkaufsmöglichkeiten, Apotheke, Ärzte, die City, der Bahnhof - alles zu Fuß in wenigen Minuten zu erreichen. Nicht zuletzt hat ihn der Preis überzeugt. Dieter Zimmermann rechnet vor, dass er mit 506 Euro warm lediglich 80 Euro mehr an Miete zahlt als für die Bewirtschaftungskosten seiner früheren Eigentumswohnung in Oberursel. Die hat er zu einem guten Preis verkauft, auch das Auto brauchte er nicht mehr.

Jetzt ist der überzeugte Junggeselle ganz unbeschwert von Altlasten und sagt, er fühle sich wohl in seiner neuen Heimat. Mit den Nachbarn hat er sich rasch bekannt gemacht. Man grillt regelmäßig gemeinsam im Garten hinter dem Haus. Oder unternimmt einen Ausflug über die Neiße nach Zgorzelec, der ehemaligen Görlitzer Kasernenvorstadt, die seit 1945 zu Polen gehört und in der man billig einkaufen und tanken kann.

Von der Mentalität der Einheimischen ist Zimmermann angetan; er schwärmt von der Hilfsbereitschaft der Nachbarn. "Ich bin handwerklich nicht der Geschickteste, und wenn ich hier im Haus frage, ob mir jemand beim Aufhängen eines Bildes helfen kann, steht fünf Minuten später einer mit Bohrmaschine auf der Matte." Allein mit seinem Musikgeschmack steht der Jazz-Liebhaber unter den Volksmusikfreunden im Haus ziemlich allein. Außerdem ist seine gewohnte Zigarettenmarke in Görlitz nur schwer zu bekommen, weshalb der passionierte Raucher - ganz pragmatisch - auf die alte Ostmarke F6 umgestiegen ist.

Rentner wie Dieter Zimmermann sind Gold wert für Görlitz, das wie alle ostdeutschen Kommunen schrumpft. Sie bringen Geld und Leben in die Stadt, weil Leute, die im Ruhestand etwas Neues anfangen, fit und agil sind. Das Städtchen konnte den Bevölkerungsrückgang dank mittlerweile mehr als 1000 zugezogenen Ruheständlern aus dem Westen mildern. Lutz Penske, Leiter des Stadtplanungsamtes, präsentiert stolz eine Grafik, aus der hervorgeht, dass sich Zu- und Wegzüge mittlerweile fast die Waage halten. Im Jahr 2000 verließen noch 1000 Menschen mehr die Stadt, als Neubürger hinzukamen. Heute gehört sie mit Dresden und Leipzig zu den stabilsten Kommunen im Osten. Und deshalb hält sich hier offenbar auch der Neid auf die reichen Wessies in Grenzen.

Eine Stadt wie aus dem Bilderbuch, an der die Zeit fast spurlos vorüberging

Die Grundlage des pensionärsgetriebenen Aufschwungs haben Fortuna und engagierte Denkmalschützer wie Lutz Penske gelegt. Der aus Thüringen stammende Architekt kam 1974 nach Görlitz, verliebte sich in die im Schneewittchenschlaf liegende Schönheit und trug seinen Teil dazu bei, dass ihr nichts Schlimmes angetan wurde. Der 52-Jährige kennt nicht nur Görlitz' Geschichte aus dem Effeff, sondern auch jedes Haus von außen wie von innen. Und er weiß, was Görlitz von den meisten deutschen Städten unterscheidet: unglaubliches Glück.

Der Zweite Weltkrieg ging spurlos an dem einzigartigen Alt-stadt-Ensemble aus Gotik, Renaissance und Barock sowie den geschlossenen Gründerzeit- und Jugendstilvierteln vorbei. Zu DDR-Zeiten konnten er und seine Kollegen nur wenig für die Erhaltung der glücklicherweise soliden Bausubstanz tun, aber sie wurde auch nicht zerstört wie etwa in Rostock. Und als Mitte der achtziger Jahre die Obrigkeit doch noch Hand an die damals zu 60 Prozent entvölkerte Altstadt legen und an der Heilige-Grab-Straße ganze Blocks dem Erdboden gleich machen wollte, verhinderten engagierte Bürger das mit ihrem Protest - die Sprenglöcher waren bereits gebohrt.

Gerade noch rechtzeitig kam die Wende. Penske und seine Mitstreiter holten die Pläne für die Sanierung der Stadt aus der Schublade, und es regnete Geld über Görlitz. Bis heute wurde rund eine halbe Milliarde Euro in die Bausubstanz mit allein mehr als 4000 Denkmälern investiert, davon stammen 80 Millionen Euro aus öffentlicher Förderung. Der Stadtplaner kennt natürlich die Klage über das Milliardengrab Ostdeutschland und bemerkt dazu mit sanfter Ironie: "In Görlitz kann niemand sagen, dass man nicht sieht, wo das Geld geblieben ist."

Die Stadt gleicht tatsächlich einem bauhistorischen Bilderbuch und war wohl noch nie so schön wie heute. Da ist die fast komplett sanierte historische Altstadt mit ihren gewundenen Straßen und prächtigen Hallenhäusern aus der Zeit der reichen Tuchhändler, die - zumal bei Sonnenschein und blauem Himmel locker mit oberitalienischen Städten mithalten kann. Da sind die Gründerzeitquartiere mit ihren Villen, Parks und hochherrschaftlichen Häusern, wo, weil es dort aussieht wie im alten Paris oder Berlin mittlerweile Hollywood-Filme wie "In 80 Tagen um die Welt" gedreht werden. So viel großbürgerliche Pracht tut fast weh: Selbst das Hertie-Kaufhaus residiert in einem Jugendstilbau mit grandioser Glasdecke. Dafür, dass nichts das Auge beleidigt, sorgt eigens ein Stadtbildpfleger. Und für manches architektonische Extra kommt ein anonymer Liebhaber auf, der Görlitz seit 1995 jedes Jahr mit einer Million Mark (heute 511 000 Euro) zu Denkmalschutzzwecken beglückt. Allerdings ist auch noch eine Menge zu tun: In der erweiterten Innenstadt stehen rund 5000, meist unsanierte Wohnungen, leer.

Görlitz' PR-Strategie ist clever und kostet nichts: Neubürger werben Neubürger

Ordentlich ausgestattete Immobilien sind hier bereits zu Spottpreisen ab drei Euro pro Quadratmeter zu bekommen, sehr luxuriöse für acht - was nicht zuletzt das Ergebnis der grandiosen Fehlspekulation auf den Aufschwung nach der Wende ist. Der blieb auch in Görlitz aus; die Arbeitslosigkeit beträgt immer noch etwa 20 Prozent. Neben Callcentern, die sich hier ansiedelten, weil die Niederschlesier ein gut verständliches Hochdeutsch sprechen, sind keine großen neuen wirtschaftlichen Aktivitäten zu erkennen.

Görlitz hat nur ein Pfund: sein Stadtbild. Die Entscheidung, damit konsequent zu wuchern, erwies sich als clever. Anders als in vielen ostdeutschen Kommunen widerstand man der Versuchung, Geld in die Sanierung der - bei ihren Bewohnern nach wie vor beliebten - Plattenbauten am Stadtrand zu stecken. Die Trabantensiedlungen werden stattdessen Zug um Zug abgerissen. Görlitz soll wieder auf seinen historischen Kern schrumpfen und mit neuem Leben erfüllt werden. Dazu gehört die Arbeit am Image, bei der sich Penske & Co geschickt anstellen. So bewarb sich Görlitz gemeinsam mit dem polnischen Zgorzelec auf der anderen Neißeseite um den Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2010" - und wurde dafür zunächst von der Fachwelt belächelt. Doch die Niederschlesier kamen in die Endauswahl, und scheiterten dann nur knapp an Essen; dem Zusammenhalt und der Bekanntheit der 58 000-Einwohner-Stadt war der Wettbewerb zuträglich.

Die beste Werbung ist allerdings Mundpropaganda, um die sich mittlerweile eifrige Neu-Lokalpatrioten verdient machen wie die resolute Dagmar Eichhorn, 60. Sie lebt mit ihrem 75-jährigen Mann, einem ehemaligen Krawattenfabrikanten, und ihrem Kater in einer schönen Wohnung mit fein ausgemaltem Stuck. Den lächerlich niedrigen Mietpreis bittet sie nicht zu veröffentlichen, wahrscheinlich um zu vermeiden, dass Leser vor Neid in den Tisch beißen. Eichhorn, die mit ihrem Mann vor vier Jahren nach Görlitz zog ("Es war Liebe auf den ersten Blick"), wird für potenzielle Neubürger von der Verwaltung gern als Ansprechpartnerin empfohlen. Nach eigenen Angaben hat sie schon 200 Neu-Görlitzer gewonnen und den Bürgermeister deshalb einmal via "Bild" keck aufgefordert, ihr zum Dank einen Kuchen zu backen. "Er kam tatsächlich selbst vorbei - gebacken hatte allerdings seine Freundin."

Auf ihrem Balkon mit Blick ins Grüne zählt Dagmar Eichhorn routiniert die Vorteile des Pensionärs-Paradieses auf. Neben den prächtigen Bauten, den billigen Mieten und der Freundlichkeit der Menschen ("Das Ossie-Wessie-Ding gibt's hier nicht") nennt sie noch das kontinentale Klima ("gut für die Knochen") und das für die kleine Stadt bemerkenswerte große kulturelle Angebot. Auch die Nachteile verschweigt sie nicht: "Es könnte noch ein paar Läden mehr geben, und die Verkehrsanbindung ist nicht toll." Der Bummelzug von und nach Dresden fährt nur stündlich. Und wer spätabends anreist, findet den Haupteingang des Görlitzer Bahnhofs ( Jugendstil) verrammelt vor und muss einen großen Umweg über den Hintereingang nehmen, wo weder Busse noch Taxis stehen. "Schreiben Sie das, vielleicht bewirkt das ja was! "

Die Eichhorns sind sehr aktiv und in ihrer neuen Heimatstadt bereits zweimal umgezogen. Weil ihre Rente eher bescheiden ist, hat Dagmar Eichhorn zudem noch drei weitere Wohnungen angemietet, die sie, wie sie sagt, recht erfolgreich an Feriengäste weitervermietet. Außerdem pflegen die beiden ein Hobby, von dem sie begeistert berichten. Mit ihrer Konzertdrehorgel treten die Eichhorns unter freiem Himmel und in Kirchen auf und spenden die Einkünfte für wohltätige Zwecke. Zum Abschied drückt Dagmar Eichhorn dem Besucher eine CD mit ihren Werken in die Hand und sagt: "Von den Neubürgern höre ich übrigens spätestens nach zwei Monaten nichts mehr - dann sind die integriert."

Was wohl am Schlag der Leute liegt, die es an die Neiße zieht. Und an der Stadt, die eine gewisse Tradition als "Pensionopolis" hat. Diesen Titel verdiente sie sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als pensionierte Beamte und wohlhabende Witwen sich dort gern zur Ruhe setzten. Von heutigen Rentner-Refugien unterscheidet die Stadt, dass die Zugezogenen hier nicht weiter auffallen. Görlitz ist nicht Sun City, sondern ein Ort mit normalem Leben, mit Licht und Schattenseiten. Es gibt Kino und Straßenbahn; dank einer neu gegründeten Fachhochschule gibt es sogar ein paar Studenten. Es gibt in den Parks nicht nur Alte, sondern auch ein paar Punks, die ihre Bierflaschen ausführen. Und es gibt auffällig viel Wahlwerbung der NPD, die bei der jüngsten Kommunalwahl wie in drei anderen sächsischen Landkreisen auch in den Kreistag von Görlitz einzog.

In dieser Stadt müssen Zugezogene keine Zaungäste bleiben. Das gilt auch für die Heinzels. Das Ehepaar stammt ursprünglich aus der Gegend von Mainz und hatte sich bereits an der Costa Blanca, ihrem bevorzugten Urlaubsziel, zur Ruhe gesetzt. Doch schon bald gefiel es ihnen dort nicht mehr so recht. Werner Heinzel, 73, der als selbstständiger Ingenieur für Hebe- und Transporttechnik gearbeitet hat, klagt darüber, dass es in Spanien immer teurer, voller und heißer geworden sei. Den Ausschlag für die Entscheidung, in die Heimat zurückzukehren, gab dann eine an sich harmlose Beinverletzung, die aber, weil sie nicht richtig behandelt wurde, in Wundbrand ausartete. Schließlich musste Heinzel im 35 Kilometer entfernten Alicante in einer Klinik unters Messer. Und seine Frau Auguste kam ins Grübeln über die Krankenversorgung in Zeiten, "in denen wir kein Auto mehr fahren können".

Auch solvente Rentner freut: In Ostdeutschland lebt sich's deutlich billiger als in Südspanien

Weil die Heinzels alles systematisch angehen, schrieben sie auf der Suche nach einem neuen Altersruhesitz gleich ein gutes Dutzend Kommunen in Deutschland an. Von den meisten bekamen sie keine oder nur nichtssagende Antworten, Görlitz aber schickte postwendend das Neubürgerpäckchen inklusive Kulturprogramm und Vereinsregister. Als Auguste Heinzel das Foto des klassizistischen Theaters (Baujahr 1851) sah, war es um sie geschehen: "Du braucht gar nicht mehr weiterzusuchen", sagte die heute 70-Jährige zu ihrem Mann, "das ist es."

Werner Heinzel flog vor und erkundete die Lage in der Stadt, an die er sich von einer Dienstreise kurz nach der Wende noch als "graue Maus" erinnerte. Dann packten sie ihre Siebensachen in 58 Umzugskartons, setzten sich ins Auto und fuhren nach Görlitz. Dort bewohnen sie seit einem Jahr eine gediegen eingerichtete Wohnung in der Südstadt mit nach ihren Wünschen eingerichteter Einbauküche, Fahrstuhl, Parkett und Terrakotta-Fliesen, die mit 5,50 Euro pro Quadratmeter zu den teureren in Görlitz zählt. Dafür wissen sie, wo man an anderer Stelle sparen kann. Auguste Heinzel erzählt begeistert von ihrer Mitgliedschaft im Demokratischen Frauenbund. Mit der einstigen DDR-Organisation hat sie jüngst einen Ausflug ins tschechische Riesengebirge unternommen, der inklusive Seilbahnfahrt nur vier Euro gekostet hat. "Wir leben hier billiger als in Spanien", freut sie sich.

Auch ihr Mann ist längst im kulturellen Leben der Stadt angekommen: Er singt im Ersten Shanty-Chor Görlitz mit. Und weiß auch, warum selbst hier, weit ab vom Meer, maritime Töne gut ankommen. Ein südlich der Stadt gelegener ehemaliger Braunkohletagebau wird gerade geflutet. 2010 soll der endgültige Füllstand des dann fast 1000 Hektar großen Berzdorfer Sees erreicht sein - ein riesiges neues Segelrevier.

Ob der neue Freizeitpark blüht, wird sich noch zeigen. Das Rentnerparadies Görlitz tut es bereits.-