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Ich brauche das nicht

Manchmal ist es Zeit, sich zu trennen - von Dingen, Vermögen oder Privilegien. Begegnungen mit drei Spezialisten des befreienden Verzichts.




"Alles, was du besitzt, besitzt irgendwann dich."
Tyler Durden im Film "Fight Club"

- Hans-Peter Dani hat ein klares Ziel vor Augen: Irgendwann will der Berliner Apotheker genau 365 Schallplatten besitzen. Es soll die definitive Auswahl sein, die er dann bis an sein Lebensende hören und immer wieder neu entdecken kann, am besten eine Platte an jedem Tag des Jahres.

Dani, ein entspannter Mann Anfang 50, hat bis zu diesem Ziel noch einen langen Weg vor sich. Derzeit stehen 2000 Schallplatten in seinen Regalen, außerdem noch mal so viele CDs und einige Hundert Musik-DVDs. Das ist bereits ein Fortschritt. Früher waren es mehr als 10 000 Platten: psychedelischer Rock aus den Sechzigern, Prog-Rock aus den Siebzigern, Kraut-Rock von Faust bis Can, jede Menge Originalpressungen und Raritäten obskurer Avantgarde-Musiker. Seine teuerste Platte hat der Vinyl-Junkie irgendwann in den achtziger Jahren für umgerechnet knapp 500 Euro in London gekauft.

Inzwischen sortiert Dani mehr Platten aus, als er sich neu ins Regal stellt. Wie es aussieht, hat seine Sammelleidenschaft ihren Zenit überschritten, "obwohl ich vor fünf Jahren noch einmal einen Rückfall hatte". Das Immer-mehr-haben-Wollen ist einer einfachen Frage gewichen: Brauche ich diese Platte überhaupt? Und immer öfter lautet Danis Antwort: Muss nicht sein. Nach Jahrzehnten des mehr oder weniger süchtigen, immer kenntnisreicher werdenden Platten-Hörens, -Kaufens und -Sammelns macht er eine etwas irritierende Entdeckung: "Ich bin eigentlich gar kein richtiger Sammler."

Heute definiert sich der Mann mit den Regalen voller Vinyl eher als Konsument. Der Unterschied ist einfach: Der Sammler will haben. Der Konsument will nutzen, im günstigen Fall genießen. Aber 10 000 Platten, von denen man die meisten nie wieder hören wird, sind kein Genuss. 10 000 Platten sind Staubfänger, die Platz rauben. Dani macht eine nüchterne Rechnung auf: "Ich hätte meine komplette Sammlung sowieso nicht mehr durchhören können. Eigentlich ist es völliger Blödsinn, so viel um sich herum aufzuhäufen. Ich will die guten Platten wenigstens alle ein, zwei Jahre hören. Aber wenn ich etwa 400 Platten im Jahr höre, bräuchte ich für 10 000 Platten 25 Jahre."

Besitzen und Genießen sind zwei verschiedene Dinge, und das gilt nicht nur für den Musikliebhaber Hans-Peter Dani. Soziologen sprechen von der "Akkumulationskultur" der Nachkriegsjahrzehnte, die mit der Wohlstandssättigung ab den achtziger Jahren einer Wegwerfmentalität gewichen ist. Offenbar wird die nun gerade von einer Kultur des pragmatischen, im Zweifel nur zeitweiligen Nutzens abgelöst.

Bei einer Umfrage im Auftrag von Ebay stimmten immerhin 30 Prozent der Befragten einer sehr zugespitzten Aussage zu: "In Zukunft wird man die meisten Dinge nur vorübergehend besitzen. Wenn sie nicht mehr gefallen, dann verkauft man sie schnell wieder." Dass die Firma solche Umfrageergebnisse gern publiziert, ist kein Wunder - schließlich ist das Internet-Auktionshaus ein Nutznießer dieser Entwicklung. Danis simple Frage "Brauche ich diese Platte noch?" sorgt nicht nur dafür, dass seine Sammlung so zügig schrumpft wie eine Stadt in Ostdeutschland; sie scheint in die Zeit zu passen. Der Mann ist seinen Rockplatten aus den Sechzigern und Siebzigern weit voraus.

Bei einem, der seit mehr als 30 Jahren über Flohmärkte, Plattenbörsen und die Plattenläden von London bis Amsterdam streift und den Wert einer kleinen Eigentumswohnung in seine Sammlung investiert hat, ist die Mutation vom Sammler und Jäger zum pragmatischen Genießer zumindest etwas überraschend. Als Student jobbte Dani, um sich Berge von Platten kaufen zu können. Als er in den ersten Berufsjahren anfing, Geld zu verdienen, gönnte er sich kein größeres Auto, sondern tauschte die verkratzten Flohmarkt-Funde gegen teure Originalpressungen ein.

Dass er seit einigen Jahren immer mehr Platten aussortiert, ist nicht der Not geschuldet. Weder am Platz in der Wohnung noch am nötigen Geld für noch mehr Platten fehlt es ihm. Er hat einfach von Horten auf Hören umgestellt. Und er weiß, dass sowieso alles im Netz verfügbar ist. "Ebay und iTunes haben das Sammeln komplett verändert", sagt Dani. Wer früher eine rare Platte von Sun Ra oder Captain Beefheart hören wollte, brauchte Freunde mit einer guten Sammlung, musste auf dem Flohmarkt stöbern oder die Platten als teuren Import bestellen.

Heute genügen ein paar Klicks. Der Rest, von Originalpressung bis Vinyl-Aura, ist Waren-Fetischismus, der mit dem eigentlichen Hörgenuss nur begrenzt zu tun hat. Die Möglichkeit, sich so gut wie alles unkompliziert wieder zu besorgen, falls irgendwann genau die zum Plattenhändler getragene Platte fehlt, macht das Aussortieren leichter. Das Wissen um die theoretische Möglichkeit des Besitzes ersetzt die Notwendigkeit des realen. Für Dani bedeutet das, dass ihm inzwischen das Aussortieren so viel Spaß macht wie früher das Kaufen.

Weniger Gehalt, Status, Einfluss, aber einen Lebenszugewinn - wie würden Sie entscheiden?

Peter Grottian hat sich von mehr verabschiedet als von ein paar Tausend Schallplatten. Der inzwischen emeritierte Politikwissenschaftler an der Berliner Freien Universität (FU) trennte sich vor gut zwei Jahrzehnten von etwas, das noch ein bisschen stärker als Besitz für gesellschaftliche Anerkennung sorgt: Er trennte sich von seinem Arbeitsplatz, zumindest zum Teil. Peter Grottian und sein Professoren-Kollege Wolf-Dieter Narr wechselten 1985 auf eigene Initiative von ihren Vollzeit- auf Zweidrittel-Stellen.

Weil sie die Ersten waren, die das machten, war die Uni-Bürokratie zunächst hoffnungslos überfordert. Die beiden Politologen mussten zäh darum kämpfen, weniger zu verdienen. Ihr Ziel: Mit den frei gewordenen Geldern sollte die FU eine Teilzeitprofessur für einen jungen Kollegen finanzieren. In den 23 Jahren bis zu Grottians Emeritierung, die gleichzeitig das Ende für dieses Modell bedeutete, kamen so sieben junge Wissenschaftler zu ihrer ersten Stelle. Sechs von ihnen haben heute an anderen Hochschulen reguläre Professuren.

Für Narr und Grottian bedeutete ihr Schritt: deutlich weniger Gehalt, reduzierte Pensionsansprüche, Verzicht auf Status und Karrierechancen. Insgesamt kostete Grottian die praktizierte Nachwuchsförderung nach eigenen Berechnungen zwischen 400 000 und 500 000 Euro. "Ich bereue das nicht", sagt der 66-Jährige heute. "Ich wollte mich nicht verhalten wie andere Hochschullehrer: Sobald sie auf ihrem Pöstchen sitzen, wollen sie von Solidarität nichts mehr wissen." Eine Folge von Grottians Initiative: In den achtziger Jahren haben 120 Professoren in ganz Deutschland ähnliche Modelle entwickelt.

"Das ist allerdings bei insgesamt 37 000 Hochschullehrern nicht besonders viel", relativiert Grottian. "Langfristig haben wir keine Nachahmer gefunden. Unser Modell gilt als anachronistisch, obwohl es eigentlich unter dem Gesichtspunkt flexibler Lebensgestaltung sehr modern ist. Der Grund dafür, dass das heute keine Akzeptanz mehr findet, ist simple Konkurrenzangst." Kleine Fußnote: Auch die sechs Nachwuchswissenschaftler, die ihre erste Teilzeitprofessur Grottians und Narrs Stellenreduzierung verdankten, wurden, als sie selbst als ordentliche Professoren in Amt und Würden waren, nicht zu Nachahmern der beiden Berliner Zweidrittel-Professoren.

Ein Theatermann beherrscht eine seltene Kunst: aufzuhören, wenn es am schönsten ist

Für zukunftsweisend hält Grottian diese Art der Umverteilung von Arbeit nach wie vor, nicht nur an der Universität: "Wenn es sich mehr Leute leisten würden, mal ein Jahr etwas anderes zu machen und ihre Berufsarbeit zu reduzieren, wäre das natürlich für die Kreativität, die Entwicklung der Zivilgesellschaft sehr fruchtbar. Im öffentlichen Dienst ist das besser möglich als zum Beispiel in der Industrie. Fragt man Hochschulkollegen, warum für sie so ein Modell nicht infrage kommt, erzählen sie vom Haus, das sie sich gerade gekauft haben, und damit sind alle Diskussionen zu Ende."

Ganz selbstlos war Grottians Entscheidung nicht. Es ging ihm nicht nur darum, Arbeitszeit und Einkommen umzuverteilen, er wollte seine Zeit auch anders nutzen. Zum Beispiel für die Mitarbeit in Bürgerinitiativen, schließlich sind neue soziale Bewegungen einer seiner Forschungsschwerpunkte. "Ich wollte das, was ich wissenschaftlich mache, mit meinem politischen Engagement verbinden", sagt Grottian. "Mir war klar, dass ich das im normalen Lehrbetrieb nicht schaffe, mit 150 Leuten im Seminar und 40 Prüfungen pro Semester. Davon wollte ich mich freischaufeln." Und das bedeutete, dass zwei vollen Berufsjahren jeweils ein Sabbat-Jahr folgte.

"Das führt möglicherweise zu einem Einflussverlust an der Uni", bilanziert Grottian. "Aber man bekommt dafür einen Lebenszugewinn. Ich habe ausgedehnte Reisen gemacht. Meine Mutter wurde sehr krank; ich bin oft am Wochenende zu ihr gefahren, um sie zu pflegen. Beides wäre ohne unser Modell nicht möglich gewesen. Ich hatte Zeit für die Arbeit in den Bürgerinitiativen, zum Beispiel zum Berliner Banken-Skandal. Der Gewinn für die Lebensqualität bestand nicht unbedingt in weniger Arbeit, sondern eher darin, dass man nicht nur in einem einzigen Bereich tätig ist und sich neben der Uni praktisch in gesellschaftliche Auseinandersetzungen einmischen konnte."

Kleiner Nebeneffekt: Weil Grottian nicht nur in seinen Seminaren von Solidarität und Umverteilung redet, sondern sie versuchsweise vorlebt, sind ihm der Zynismus, die Larmoyanz und andere Milieuschäden seiner Generationsgefährten erspart geblieben, die wie er in den Nachwehen von 1968 akademische Karrieren gemacht haben. Offenbar sind in Peter Grottians Leben seine persönliche Glaubwürdigkeit und der Versuch, politische Überzeugungen ernst zu nehmen, ein bisschen mehr wert als eine halbe Million Euro Verdienstausfall. Vielleicht ist diese Art von Verzicht nur ein anderes Wort für Selbstachtung.

Frank Baumbauer hat, anders als Grottian, eine steile Karriere hingelegt. Der 62-Jährige ist einer der einflussreichsten Theatermanager Deutschlands. Als Intendant in Basel, Hamburg und jetzt in München hat er die deutsche Theaterlandschaft der vergangenen 20 Jahre einschneidend verändert, weit über seine Bühnen hinaus. So zielstrebig dieser Mann seine Theater leitet, so unsentimental geht er mit dem eigenen Erfolg um.

Baumbauer trennte sich nicht wie Hans-Peter Dani von angehäuftem Eigentum oder wie Peter Grottian von einem Drittel seines Gehalts. Er trennte sich immer wieder von Macht und Sicherheit, um wieder mehr oder weniger bei null anzufangen. Als Baumbauer 1993 das Deutsche Schauspielhaus Hamburg übernahm, war das größte deutsche Sprechtheater in einem traurigen Zustand: wenig Publikum, katastrophale Kritiken, kümmerliche künstlerische Ausstrahlung. Unter Baumbauer wurde es für einige Jahre zum bedeutendsten Theater im deutschsprachigen Raum. In Baumbauers letzter Spielzeit im Jahr 2000 besuchten 300 000 Zuschauer sein Haus. Nur zum Vergleich: Sein glückloser Nachfolger kann in diesem Jahr froh sein, wenn er eine Auslastung von 180 000 verkauften Karten in der Spielzeit erreicht.

Baumbauer entschloss sich schon 1998, seinen Vertrag nicht über das Jahr 2000 hinaus zu verlängern. Er hörte nach nur sieben Jahren in Hamburg auf, als es am schönsten war und sein Theater von einer Welle des Erfolgs getragen wurde: ein treues Publikum, ausverkaufte Vorstellungen, ein glänzendes Ensemble, gute Kritiken. Sein Theater hatte innerhalb von wenigen Jahren eine enorme Ausstrahlungskraft entwickelt.

Kein Wunder, dass die Stadt Hamburg ihn bat, seinen Vertrag zu verlängern. Baumbauer aber wollte nicht, auch wenn er zum Zeitpunkt seiner Kündigung noch nicht wusste, was danach kommen würde. Klar war nur: Die sieben fetten Jahre in Hamburg würden sich schwerlich woanders wiederholen lassen.

Wer freiwillig verzichtet, wird von den Immer-mehr-haben-Wollenden misstrauisch beäugt

Baumbauer tauschte Sicherheit und Erfolg gegen neues Risiko. "Meine Sorge ist, dass man sich im Erreichten gut einrichtet und vielleicht anfängt, sich selbst ein wenig zu belügen", sagt er heute zu seiner sehr prinzipiellen Entscheidung. Integrität beginnt mit dem Misstrauen gegen die eigene Anfälligkeit für Korruption. Baumbauer: "Irgendwann fängt man an, im Routinierten das Besondere zu sehen, auch wenn es das schon länger nicht mehr ist. Rechtzeitig aufzuhören ist ein notwendiger Schutz für mich selbst und die vielen Menschen, die an so einem Theater arbeiten - eine Präventivsorge." Und weiter: "Ich will nicht in einen Zustand kommen, in dem ich mich für total aufregend halte, während alle anderen denken, der alte Knacker sollte mal lieber wieder abtreten. Man spürt das ja auch in sich, wann der richtige Moment da ist aufzuhören. Es ist nur eine Frage, ob man sich das selbst zugibt oder nicht."

Die Souveränität, mit der der Intendant die eigenen Maßstäbe setzt und es nicht nötig hat, sich an einen Posten zu klammern, sorgt für Irritationen. "Als ich in Hamburg gesagt habe, dass ich 2000 aufhöre, fingen die Spekulationen an: Wieso geht der denn weg, obwohl er so erfolgreich ist? Ist der krank? Hat er ein anderes Angebot? Will er ans Burgtheater? Oder ist da irgendwas, was vertuscht wird?", erinnert sich Baumbauer. "Viele konnten sich gar nicht vorstellen, dass jemand aus eigenem Entschluss aufhört, um zu verhindern, dass eine Arbeitssituation unproduktiv wird."

Bei seiner nächsten Intendanz an den Münchener Kammerspielen war es das gleiche Muster: ein zäher Beginn, ein hart erarbeiteter Erfolg, die Bitte der Stadt, den Vertrag zu verlängern - und das selbst gesetzte Ende nach acht Intendanz-Jahren. Baumbauer: "Es braucht einen neuen Antrieb und neue Fragen. Wir fangen an, schon sehr viel voneinander zu wissen und vielleicht schon etwas weniger neugierig aufeinander zu sein.

Ich spüre das noch nicht, aber ich glaube, wenn ich zu lange hier bleibe, fehlt irgendwann die gegenseitige Neugier."

An den Münchener Kammerspielen hört Baumbauer 2009 auf. Was danach kommt, weiß er noch nicht. Status-Sicherung, planbare Perspektiven und die Aussicht, den eigenen, schwer erkämpften Erfolg gemütlich zu genießen und routiniert zu verteidigen, scheinen Baumbauer nicht so sehr zu interessieren. Das macht ihn zu einer Ausnahme in der Kulturszene, in der Pöstchensicherung und verbissene Restruhm-Verwaltung zur Lieblingsbeschäftigung gehören.

Schlusswort Baumbauer: "Ich gehe nicht irgendwohin, um es gemütlich zu haben und nur noch meine Position zu verwalten. Das sind ja Lebensabschnitte. Man darf nicht dieses karrieristische Denken plötzlich so verinnerlichen, dass man das nicht mehr vom eigenen Leben trennen kann. Das wäre totaler Unsinn."

Was man von diesem Mann lernen kann, ist etwas sehr Wichtiges: den Mut, sich zu befreien. -