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Heimvorteil

Transfergesellschaften dienen häufig nur dazu, Arbeitslose zu parken. Sie sorgen vor allem für Ruhe und nur selten für neue Jobs und Qualifikation. In Oberfranken beschloss eine Kommune, sich selbst um diese Aufgabe zu kümmern. Und führt vor, was es bedeutet, wenn man seine Kunden kennt und versteht.




-Praktikum. Schon das Wort ist eine Zumutung. Da sitzt dieser Mann, der mein Vater sein könnte, 61 Jahre alt, ehemals Schlossermeister in leitender Stellung, und erzählt von seinem Praktikum. Wie er am ersten Tag am Werktor stand und niemand so recht wusste, was man mit ihm anfangen sollte. Wie ihm dann einfache Schlossertätigkeiten zugewiesen wurden, ihm, der doch selbst 16 Jahre lang Anweisungen gegeben hatte, bevor sein Arbeitgeber in die Insolvenz ging. Verärgert fuhr er heim, fest entschlossen, nicht wiederzukommen. "Das ist peinlich, wenn rauskommt, dass du Meister warst, und jetzt bist du Hiwi", sagt Rudolf Thamm. Im blauen Kittel sitzt er im leeren Konferenzraum der Firma Sitec im oberfränkischen Weißenbrunn. Die Arme hat er vor der Brust verschränkt; das zeigt Distanz. Sein Praktikum hat Thamm doch noch durchgezogen und so eine feste Stelle als Facharbeiter bei der Sicherheitstechnik-Firma Sitec bekommen. Trotzdem verdient er heute 800 Euro weniger als bei seinem früheren Arbeitgeber. "Leute wie ich müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie auch mal einen Schritt zurückgehen müssen", sagt Rudolf Thamm. "Bestimmt gibt es viele, die das nicht packen."

Ohne seine Arbeitsvermittlerin von der Firma Connect hätte Thamm es wohl auch nicht gepackt. Sie hat ihm das Praktikum besorgt und ihn in Gesprächen darauf vorbereitet. Sie hat mit dem Arbeitgeber einen Plan ausgearbeitet, um zu verhindern, dass der Meister als kostenlose Arbeitskraft ausgenutzt wird. Und bei ihr hat Thamm seinen Frust abgeladen, als er gleich am ersten Tag aufgeben wollte.

Connect betreibt Transfergesellschaften, die Betroffenen von Massenentlassungen helfen sollen, eine neue Stelle zu finden. Das Konzept kennt man von Konzernen wie Opel oder Nokia. Statt arbeitslos zu werden, erhalten die Entlassenen für maximal ein Jahr einen neuen Vertrag bei einer Transfergesellschaft. Die zahlt rund 80 Prozent des bisherigen Gehalts, bietet Fortbildungen an und vermittelt im Idealfall neue Jobs. Die Branche hat nicht den besten Ruf, weil viele Unternehmen ihre arbeitssuchenden Kunden eher verwalten als vermitteln. Kritische Arbeitsmarktexperten sehen sie als Parkplatz vor der Weiterfahrt in die Arbeitslosigkeit.

Diese Erfahrung haben auch die Kommunalpolitiker im oberfränkischen Neustadt bei Coburg gemacht, als vor ein paar Jahren im ehemaligen Siemens-Werk die ersten Lichter ausgingen. Das können wir besser, dachten sie sich - und bauten den kommunalen Bildungsträger Connect zum öffentlich-privaten Transferanbieter aus. An dem Unternehmen sind die Stadt Neustadt, der Landkreis, die Sparkasse und die Kommunalbetriebe beteiligt.

Von Konkurrenten wird Connect bisweilen "Würstchenbude" genannt, weil es so klein und lokal ist. An Selbstbewusstsein mangelt es dem Unternehmen aber nicht. "Wir vermitteln besser als andere, weil wir die Leute verstehen", sagt der Geschäftsführer René Leibold. "Das hat mit Mentalität zu tun." Ein ungewöhnlicher Satz für einen Hessen in Oberfranken. Leibold ist nicht der Einzige, der ihn sagt.

Auf der Fahrt zum Connect-Büro wird deutlich, was er mit "Mentalität" meint. "Bis zur Wende gab es hier praktisch Vollbeschäftigung", sagt Leibold. Viele in der Region arbeiteten 20, 30 Jahre lang beim gleichen Unternehmen, manchmal in dritter Generation. Loyalität gegenüber der Firma galt als Tugend, Betriebsjubilare wurden im Lokalblatt geehrt. Dann fiel die Mauer, und ein rasanter Strukturwandel trieb vom Jahr 2000 an die Arbeitslosenzahlen hoch. Seither hat die Region um Coburg 8500 Jobs verloren. Rund 6000 Menschen, vor allem die Besserqualifizierten, sind abgewandert. Im schlechtesten Jahr, 2005, lag die Arbeitslosenquote im Raum Coburg mit mehr als elf Prozent deutlich über dem westdeutschen Mittel. Inzwischen hat sich die Region erholt. Doch die Krise hat Spuren hinterlassen.

Ein Schild am Straßenrand zeigt die Entfernung nach Sonneberg an: Sechs Kilometer sind es bis in die thüringische Nachbarstadt. Dank der Zonenrandförderung hatte sich seit den sechziger Jahren eine Vielzahl produzierender Betriebe hier angesiedelt und viele Arbeitsplätze für Geringqualifizierte geschaffen, vor allem in der Möbel- und Spielwarenindustrie.

Die Folgen sind bis heute spürbar. Der Dienstleistungssektor ist im Vergleich zum übrigen Bundesgebiet mit 48 Prozent deutlich unterrepräsentiert. Das Qualifikationsniveau ist niedriger; 24 Prozent der Beschäftigten haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Zukunftsbranchen sind schwach vertreten: Beim Regional-Ranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft belegte der Landkreis Coburg Rang 433 von 435. Das hohe Fördergefälle zum Nachbarn Thüringen erschwert die Ansiedlung neuer Betriebe. Viele Möbel- und Spielwarenfirmen haben ihre Produktion nach Osteuropa verlagert. Für Connect heißt das beispielsweise: 63 Puppennäherinnen, die nie eine Ausbildung gemacht haben, brauchen neue Arbeit.

Beratungen sind wie Therapie. Es gibt 15 Sorten Wohlfühltee

Am härtesten traf es Neustadt. Kurz vor dem Ortseingang deutet Leibold auf Teile des alten Siemens-Werks, das die Stadt seit den dreißiger Jahren geprägt hat. "Das war mal ein Vorzeigeunternehmen", sagt er. Jeder in Neustadt hatte Angehörige im Werk. Heute steht es weitgehend leer. Dem Arbeitskreis Neustädter Wirtschaftsförderung zufolge sind seit dem Verkauf an den amerikanischen Konzern Corning und an das italienische Unternehmen Pirelli ab 1998 nach und nach 1200 Arbeitsplätze verloren gegangen. Ein Teil der Produktion wurde nach Polen verlagert, ein anderer wegen weltweiter Überkapazitäten an Glasfaserkabeln stillgelegt. Ein Schlag für die 16 000-Einwohner-Stadt.

Dass sich etwas von Grund auf ändern würde, ahnten die Neustädter schon, als sich die neuen Herren per Videobotschaft aus New York bei ihnen vorstellten. Auch andere europäische Produktionsstätten von Conring waren live zugeschaltet. Auf einmal war Neustadt nicht mehr am Zonenrand, sondern mittendrin. Damals war von Expansion die Rede. Ein Waldstück sollte dafür gerodet werden. Dann brach der Glasfasermarkt ein.

Mit der Krise kamen die ersten Transfergesellschaften. In Neustadt hat man sie nicht in guter Erinnerung. In einem Fall reiste ein Arbeitsvermittler aus Bremen zweimal in der Woche an. Und es gab eine Sekretärin, die halbtags das Büro geöffnet hielt und Fortbildungen von der Stange anbot. Der Argwohn gegenüber den Ortsfremden, die an den Arbeitslosen nur Geld verdienen wollten, war groß.

Auch in der Firma des Schlossers Rudolf Thamm wurden freigestellte Mitarbeiter von einer auswärtigen Transfergesellschaft betreut. Thamm erinnert sich: "Die Chemie hat nicht gestimmt." Die Arbeitsvermittler hätten die Leute "von oben herab" behandelt. Als die Beschwerden zunahmen, beschloss die Kommune, selbst ins Transfergeschäft einzusteigen und gründete Connect. Die anderen Anbieter seien "zu abstrakt" gewesen, sagt Wirtschaftsförderer Franz Rung. Und der Oberbürgermeister Frank Rebhan verweist auf die niedrigen Vermittlungsquoten von damals. "Das hat etwas mit Zuhausesein in der Region zu tun. Da gibt man sich mehr Mühe." Rebhan ist Vorsitzender des Connect-Aufsichtsrats, in dem alle politischen Parteien vertreten sind.

Im Connect-Büro brennen Kerzen, es gibt 15 verschiedene Sorten Wohlfühltee. "Unsere Beratungen sind oft nah an der Gesprächstherapie", sagt die Betriebswirtin Sabine Lesch, die vor zehn Jahren ihre Diplomarbeit über Connect schrieb und von Anfang an dabei ist. Sie ist eine von 13 Mitarbeiterinnen, außerdem gehören drei Männer zum Team.

Zunächst gehe es meist darum, "die Angst vor Veränderung zu nehmen", sagt die junge Frau mit den langen braunen Haaren. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer hat mindestens 20 Jahre im gleichen Betrieb gearbeitet und sich in dieser Zeit weder fortgebildet noch beworben. "Flexibilität ist da nicht so gegeben", sagt Lesch. Wenn man sein Leben lang zu Fuß zur Firma gegangen sei, würden 15 Kilometer Arbeitsweg zum Problem. Deshalb nimmt es die Vermittlerin erst einmal hin, wenn ein Teilnehmer einen Job im 15 Kilometer entfernten Coburg ablehnt. Doch wenndie Suche in der Nähe nichts bringt, ändert sich auch der Ton der Gespräche.

Selbstverständlich reicht Seelenmassage nicht aus, das weiß man auch in Neustadt. Wenn Teilnehmer Kurse schwänzen, keine Bewerbungen schreiben oder angebotene Stellen ausschlagen, gibt es Hausbesuche und Telefonanrufe - statt Drohbriefen vom Arbeitsamt. Das kann schnell peinlich werden, denn die Connect-Mitarbeiter kennen viele ihrer Kunden aus Vereinen, vom Einkaufen oder aus der Schule ihrer Kinder. Wenn alles nichts nützt, stellt der Geschäftsführer Leibold am Sonntag auf dem Fußballplatz unangenehme Fragen. Dann klingt das gar nicht mehr so kuschelig, wie die Entspannungstees suggerieren. "Wir treiben die Leute in die Ecke, bis sie keinen Ausweg mehr haben", sagt Sabine Lesch freundlich-bestimmt.

Spielt ein Kandidat falsch, weil er länger "Stütze" will?

Rudolf Thamm weiß, wie sich das anfühlt: "Viele haben erst mal eine Abwehrreaktion." Sie glauben, dass sie kein Bewerbungstraining brauchen und die Transfergesellschaft nur das Geld einstreichen will. Praktika halten sie für Ausbeutung. "Die meisten haben die Einstellung: Denen zeig' ich's." Diese Leute, sagt Thamm, spülten heute nach jedem Kaffee gleich die Tasse aus. Weil sie sonst nichts zu tun hätten.

Er dagegen hat schnell gemerkt, dass er Hilfe bei der Bewerbung brauchte. In seinem Fall half es, dass Connect enge Verbindungen zu den Mittelständlern der Region hat. Unternehmen wie der Sicherheitsanlagenhersteller Sitec sind froh, dass Connect ihnen die teure Personalsuche abnimmt, weil sie selbst keinen professionellen Personaler haben, und gemeinsam mit ihnen ein Anforderungsprofil für freie Arbeitsplätze erstellt. Für den Betriebsleiter von Sitec, Bernhard Schäfer, ist der Vorteil erwiesen: "Wenn ich bei der Agentur für Arbeit einen Industrielackierer suche, kriege ich Anstreicher oder Landstreicher."

Im Vergleich dazu betreiben die Neustädter enormen Aufwand. "Kleinfuselig" nennt Lesch die Arbeit. Zum Beispiel durchläuft jeder Teilnehmer ein Assessment Center. So soll herausgefunden werden, ob ein ehemaliger Maschinenfahrer sich eher als Autoverkäufer oder als Fernfahrer eignet. Um Stellen zu finden, rufen die Vermittlerinnen, die eigens in Telefonmarketing geschult wurden, ständig Hunderte von Firmen an. Bewerbungsschreiben gehen zuerst an Connect, um zu verhindern, dass Kandidaten sich absichtlich in ein schlechtes Licht rücken, weil sie länger Transfergeld beziehen wollen.

So hat Connect nach eigenen Angaben in 16 Transfergesellschaften 70 Prozent der Teilnehmer aus der Arbeitslosigkeit herausgeführt. Zieht man diejenigen ab, die anschließend in Rente gingen oder eine Fortbildung besuchten, beträgt die Vermittlungsquote 57 Prozent. Insgesamt waren es seit 2004 knapp 500 Personen.

Eine von ihnen ist Christine Moser. Sie könnte ein Vorbild in Neustadt sein. Weil sie gezeigt hat, dass man eine Krise nutzen kann. 15 Jahre hat sie bei Corning als Ungelernte am Band gestanden. Als die Produktion nach Polen verlagert wurde, begann Moser mit 43 Jahren eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Inzwischen ist sie Klassenbeste und hat gute Aussichten auf einen Job. Aber Vorbild? "Nee", sagt sie und lacht, "für viele bin ich die Doofe." Von früheren Kolleginnen muss sie sich anhören: "Du schenkst dem Staat das Geld, weil du es nicht in Anspruch nimmst." Und: "Du musst doof sein, dass du nicht nur Kurse machst und den Herrgott einen guten Mann sein lässt."

Das ist der Nachteil von Transfergesellschaften: Sie vermitteln ihrer Klientel trügerische Sicherheit und Entspannung. Bis zu 67 Prozent des letzten Nettogehalts (je nach Familienstand) zahlt die Arbeitslosenversicherung. Der Arbeitgeber legt noch etwas drauf, sodass es meist um die 80 Prozent sind. De facto verlängert sich der Anspruch auf Arbeitslosengeld dadurch von einem auf zwei Jahre. Dabei drängt die Zeit. Denn mit jedem Monat sinke die Chance auf eine neue Stelle, warnt der Arbeitsmarktexperte Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Ein Vertrag mit der Transfergesellschaft suggeriert, nicht wirklich arbeitslos zu sein. Kritische Arbeitsmarktforscher sprechen von "Scheinbeschäftigung" und "verdeckter Arbeitslosigkeit". Umstritten ist das Konzept auch wegen der hohen Kosten für die Sozialkassen. Neben den Unterhaltszahlungen fallen Verwaltungskosten für die Transfergesellschaft und für Fortbildung an, die anteilig vom entlassenden Unternehmen, dem Europäischen Sozialfonds und der Arbeitsagentur getragen werden.

Dabei hat eine Studie des IZA ergeben, dass Transfergesellschaften im Durchschnitt nicht effektiver vermitteln als die Agentur für Arbeit. Das liegt vor allem daran, dass bislang kaum jemand Interesse hat, die offenbar sehr unterschiedliche Qualität von Transfergesellschaften zu kontrollieren. Das entlassende Unternehmen ist froh, sozial und fürsorglich zu erscheinen. Und profitiert zugleich davon, dass Mitarbeiter, die von einer Transfergesellschaft übernommen werden, nicht gegen ihre Kündigung klagen können. Die Arbeitsagentur hat den Vorteil, dass die Entlassenen nicht als Arbeitslose zu führen sind. Nach der IZA-Studie hat die Agentur in diesem Jahr allerdings begonnen, etwas genauer hinzuschauen. Der Betriebsrat schließlich ist froh, dass er in Zeiten der Krise etwas vorzuweisen hat.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund ist mit seiner Tochtergesellschaft Weitblick selbst im Transfergeschäft engagiert. Auch andere Unternehmen im Gewerkschaftsumfeld finden hier ihr Auskommen. Von dieser Seite ist daher kaum grundsätzliche Kritik am Transfergeschäft zu vernehmen.

Bei Connect gibt man Probleme offen zu: "Am Anfang, wenn unterschrieben wird, sind alle die Guten. Am Ende kräht kein Hahn mehr danach", sagt Sabine Lesch. Interessenkonflikte kann es auch bei Bildungsträgern geben. Sie profitieren schließlich von Fortbildungen und nicht davon, dass Interessenten zügig in neue Jobs vermittelt werden.

Deutlich bemühen sich die Neustädter um Abstand zum schlechten Image der Branche. Das Transfergeschäft sei ein "Geiermarkt", sagt Lesch. Ein Medienbericht über sinkende Umsatzzahlen reiche aus: Schon bekomme ein Unternehmen Angebote von Transfergesellschaften. Bei der Auswahl des Anbieters spielen Kosten aus Sicht des Betriebsrats und der Firmenleitung schon deshalb eine Rolle, weil sie zulasten der Abfindungen jener Mitarbeiter gehen, die sich nicht für die Transfergesellschaft melden.

Der Qualitätsvergleich zwischen den Anbietern ist schwierig: Je nach Region, Laufzeit der Gesellschaft sowie Alter und Qualifikation der Mitarbeiter fällt die Vermittlungsquote unterschiedlich hoch aus. Bei Connect liegt sie zwischen 33 und 80 Prozent.

Um das Image zu verbessern, haben einzelne Unternehmen damit begonnen, gemeinsame Qualitätsstandards zu definieren. Dazu zählen Vorgaben für das Zahlenverhältnis zwischen Betreuern und Teilnehmern, Zielvereinbarungen, die Einrichtung von Kontrollgremien und Prämien für die erfolgreiche Vermittlung. Der Wettbewerb erschwert jedoch eine Standardisierung. "Einem neutralen Korrektiv stelle ich mich gern", sagt der Connect-Chef Leibold, "aber nicht einem Verband der Großen, der das auf dem Rücken von denjenigen austrägt, die gute Arbeit machen."

Leibold verweist auf die Gesellschafter von Connect, die ebenso wie die Geschäftsführer nicht auf hohe Renditen aus seien. Gewinne würden als Boni an die Mitarbeiter ausgezahlt oder in Arbeitsmarktmaßnahmen investiert. Connect habe den Gesellschaftern bislang jedenfalls keine Belastungen aufgehalst. Doch der regionale Ansatz könnte Connect schon bald zu eng werden.

Noch ist das Geschäft mit den Folgen von Insolvenzen und Standortverlagerungen konstant. Noch ist die eine Hälfte der Belegschaft in diesem Segment tätig, während die andere EU-geförderte Arbeitsmarktprojekte umsetzt. Leibold rechnet künftig mit weniger Transfermaßnahmen. Eine Expansion schließt er gleichwohl aus, trotz Anfragen aus Leipzig und Nürnberg, denn die Gesellschafter von Connect haben vor allem die eigene Region im Blick.

Indessen hat sich ein anderes Geschäftsfeld aufgetan. Immer mehr ungekündigte Arbeitnehmer melden sich bei Connect auf der Suche nach einer anderen Stelle. Die meisten wollen in den Mittelstand wechseln, weil ihr Unternehmen von einem internationalen Investor übernommen wurde.

Auch mit dem Kampf gegen den Führungskräftemangel wollen die Neustädter künftig Geld verdienen. Mittelständische Unternehmen, die keine starke Personalabteilung haben, wollen sie bei der Suche nach Mitarbeitern unterstützen. Das Problem: Die Unternehmen haben sich so sehr an geförderte Programme gewöhnt, dass sie bislang kaum bereit sind, für die Vermittlung zu zahlen. Von 420 angefragten Firmen haben seit Januar nur 34 Interesse bekundet. "Das Umdenken dauert hier etwas länger", sagt Sabine Lesch. Um zu zeigen, dass es auch anders geht, hat Connect flexible Arbeitszeiten und Telearbeitsplätze eingeführt. So können die 13 Mitarbeiterinnen ihre 22 Kinder versorgen. Solche Flexibilität, hoffen die Connect-Mitarbeiter, könnte auf Unternehmen und Arbeitnehmer abfärben.

Bei Rudolf Thamm hat der Wertewandel schon gewirkt. Loyalität zum Arbeitgeber, sagt er, gelte pauschal nicht mehr als Tugend. "Wenn einer lange beim gleichen Unternehmen ist, muss man sich fragen: Ist das gut? Oder ist der nur zu blöd, um sich etwas anderes zu suchen?" -