Partner von
Partner von

Der Preis ist heiß

Landwirtschaft schien eine Branche von gestern zu sein. Doch die Zeiten haben sich geändert. Ackerboden ist wertvoll, Agrarprodukte sind teuer. Und heute traut sich mancher Bauer an die Börse.




- Das waren keine guten Jahre. Nicht einmal in Amerika, dem gelobten Land. Acht Monate lang zogen sie von Hof zu Hof. Sie kauften sich einen gebrauchten Wohnwagen, träumten vom Auswandern und steuerten Mähdrescher über die weiten Äcker von Ohio. Doch der Krise der Landwirtschaft konnten sie auch im Mittleren Westen mit seinen gewaltigen Anbauflächen nicht entgehen, ebenso wenig wie in der bayerischen Heimat. Hier wie dort produzierten sie im Überfluss. Überall sackten die Preise für landwirtschaftliche Produkte ab, war der Landbesitz mehr Fluch als Segen. Als Bauer suchte man in den achtziger Jahren eben vor allem eins: irgendeine Zukunft.

Hätte man Siegfried Hofreiter damals erzählt, dass er eines Tages 20 000 Hektar Land in Europa bewirtschaften und dafür sogar Geld bei Investoren einsammeln würde, er hätte sich wohl den dicken Bauch gehalten und laut gelacht. Das ging nicht einmal in Amerika.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Spätestens seit Hofreiter im November 2007 seinen Trecker zur Frankfurter Börse steuerte, ist die Zukunftsangst vergessen. Die Agrarwirtschaft brummt - und Siegfried Hofreiter, einst Bauer bei München, ist heute Vorstandsvorsitzender eines börsennotierten Unternehmens. Vielleicht ist er das beste Beispiel dafür, dass das Unerwartete eingetroffen ist: die Renaissance des Ackers. Aber möglicherweise stimmt auch, was Kritiker sagen: dass es sich bei der Hausse lediglich um einen Hype handle, bei dem am Ende wieder einmal jene die Zeche zahlten, die sie schon immer gezahlt haben - die kleinen Bauern.

Ein Hektar Land, das ist eine Fläche von 100 mal 100 Metern, 10 000 Quadratmeter. Jede Stunde verschwinden auf der Welt 900 Hektar Ackerland, weil die Bevölkerung wächst, der Wohlstand steigt und sich durchs Land fräst. Rund 100 Hektar Land sind es jedes Jahr in Deutschland, die den Bauern verloren gehen. Ist es da ein Wunder, dass das knapp werdende Gut Ackerland wieder an Wert gewinnt?

Siegfried Hofreiter ist ein bodenständiger Mann. Sein Büro hat er im brandenburgischen Putlitz bezogen, einem Ort zwischen Hamburg und Berlin. Die Tür zu seinem Büro ist mit Leder beschlagen, sein weißes Hemd spannt etwas. Hofreiter hat die Landwirtschaft in einer Familie gelernt, die seit Jahrhunderten auf die Bauernregeln hört. Nach dem Agrarstudium träumte er von Amerika und kehrte desillusioniert wieder zurück. "Auswandern war damals trendy, aber keine Lösung", sagt er. Trotzdem hat er etwas mitgebracht aus dem Mittleren Westen. "Dort habe ich unser heutiges Geschäftsmodell gefunden. In Amerika arbeitete man effizienter, als man sich dies in Deutschland je hätte vorstellen können."

Der wichtigste Unterschied liegt in der Größe der Flächen. In Europa, sagt Hofreiter, gälten Landwirte bereits als groß, wenn sie 20 bis 30 Hektar Land bewirtschafteten. In Amerika sah er Farmer, deren Maschinen problemlos die zehnfache Fläche bearbeiten konnten. "Das war viel effizienter. Und auch für Familienbetriebe machbar."

Doch das Modell nach Deutschland zu importieren war nicht ganz einfach. Denn Deutschland ist viel dichter besiedelt als die USA. Das macht es schwieriger, sich einen großen Betrieb aufzubauen. Hinzu kommt, dass der Bau neuer Flughäfen, neuer Eisenbahntrassen und Autobahnen, neuer Wohn- und Gewerbegebiete Äcker vernichtet. Dabei war diese Landnahme der Industriegesellschaft für viele Bauern häufig die einzige Hoffnung, doch noch zu etwas Geld zu kommen, als es mit dem Getreideanbau und der Tierhaltung nicht mehr so lief. "Neidisch", sagt Hofreiter, "schauten jene Landwirte, die kein eigenes Land besaßen, zu denen hinüber, die ihren Boden noch irgendwie als Bauland ausweisen und verkaufen konnten."

Damals sah die Lage für Männer wie ihn düster aus. Wer Landwirtschaft studiert hatte, schlüpfte bei Versicherungen unter, bei Banken, in der Pharma- oder Lebensmittelindustrie. Strukturwandel galt als anderes Wort für Bauernhofsterben. Auch Hofreiters Familie, die immerhin mehr als 100 Hektar Land bewirtschaftete, 40 davon selbst besaß, überlebte nur, indem sie von Gerste, Roggen oder Weizen auf den Anbau halbwegs rentabler Sonderkulturen umstellte, etwa auf Erdbeeren. Von dieser Flexibilität konnte Hofreiter lernen. "Die Eltern hatten Mut und suchten nach Alternativen", sagt er. Und sie konnten sich darauf verlassen, dass die Söhne den Betrieb übernehmen würden.

Den Betrieb übernahm dann Hofreiters Bruder. Er selbst hoffte auf die Selbstständigkeit in einem anderen Beruf, "in dem man, wenn man ohnehin 365 Tage im Jahr arbeiten muss, etwas mehr Einfluss auf den eigenen Zeitplan" nehmen kann. "Der Traum von der Selbstständigkeit", sagt Siegfried Hofreiter, "den hat man. Oder man hat ihn nicht."

Hofmeister hatte aber noch einen zweiten Traum, den von der effizienten Landwirtschaft. Tagelang überlegte er, ob es in Europa nicht doch noch einen Winkel gäbe, in dem großflächiges Arbeiten möglich sein könnte. Südfrankreich kam ihm in den Sinn. Er dachte darüber nach, ob sich ein Betrieb womöglich durch Hypotheken finanzieren ließ, schließlich gab es ja den elterlichen Hof. Als kurz nach der Wende auf dem Gebiet der vormaligen DDR Ackerland verkauft wurde, schlug er zu.

Auch der Arbeiter- und Bauernstaat DDR hatte auf größere landwirtschaftliche Einheiten gesetzt. Äcker aus den vormaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) standen zum Verkauf. "Die Betriebe", sagt Hofreiter, "waren ja nicht schlecht. Ganz im Gegenteil. Aber trotzdem brach manchmal alles zusammen, teils per Zwangsliquidation." Der Preis für den Hektar Land lag weit unter dem, der in den alten Bundesländern verlangt wurde.

Es war an einem Sonntag im Sommer 2004, als bei Hofreiter das Telefon klingelte. Ein Freund war am Apparat, der von einer maroden LPG in Stendal gehört hatte, in der Altmark. Sonderkulturen würden dort angebaut, vor allem Spargel. Hofmeister wusste sofort, dass sich daraus etwas machen ließe. Zwei Tage später standen er, der Landwirt mit Amerika-Erfahrung, und sein Bruder Werner in einem alten LPG-Versammlungssaal, um Pachtverträge mit den Eigentümern und Arbeitsverträge mit den bisherigen Mitarbeitern zu unterschreiben: "Es ging auch um Arbeitsplätze. Für diese Leute waren wir die beste Lösung."

Rund 400 Hektar Land pachteten die Brüder in Stendal. Das war der Anfang. Und für Hofmeister endlich ein Weg in die Selbstständigkeit. Zuvor hatte er sich auch in anderen Branchen umgetan. Mit Fahrrädern hatte er es versucht, die er aus Jugoslawien importieren wollte. Doch der Krieg auf dem Balkan zerstörte die Produktionshalle und damit auch seine Geschäftsidee. Ein Gericht verurteilte Hofreiter wegen Konkursverschleppung, ehe er den amerikanischen Traum ausgerechnet im vormals sozialistischen Osten wahrmachen konnte.

Dort stellte er als Erstes die Produktion um und setzte auf ökologischen Anbau. Etwas anderes blieb ihm auch kaum übrig. "Denn für Dünger hätten wir gar nicht die nötigen Finanzmittel gehabt", sagt Hofreiter. Als frischer Bio-Bauer schloss er sich mit einer Mühle und einem Hühnerzüchter zusammen. Er produzierte Futter für die Hühner, und die Hühner produzierten Eier für den Markt. Regelmäßig wurde er in den Zentralen der großen Supermarktketten vorstellig. In Essen, in Mülheim an der Ruhr, in Köln. Bis endlich der Markt für Bio-Produkte größer wurde. "Drei Jahre lang putzten wir Klinken", sagt Hofreiter und schlägt dabei mit der Hand auf den Tisch. "Dann endlich ließ Rewe sich überreden, Öko-Eier anzubieten. Danach lief es rund. Wir konnten fortlaufend expandieren, weil auch der Öko-Markt expandierte." Konkurrenten? Gab es kaum.

Also kaufte und pachtete Hofreiter Flächen, wo er sie fand. Die Besitzer, sagt Hofreiter, schätzten es, dass er Landwirt ist und nicht Spekulant. Erleichtert habe seine Einkaufstour die Tatsache, dass er mit einer Frau aus Ostdeutschland zusammenlebt, glaubt er. Sie war es, die die meisten Verhandlungen geführt hat und häufig als Besitzerin fungierte. Ab 2005 begann das Gespann dann, auch außerhalb Deutschlands aktiv zu werden, und kaufte Ländereien in Litauen hinzu. Die waren billig - und lagen günstig: "Die Mähdrescher, die wir hatten, konnten wir per Schiff gegen Ende der Saison über die Ostsee schicken, wo die Erntezeit dann gerade losging."

Der neue Bauer geht an die Börse. Er ist dort aber nicht willkommen

Ende 2007 war Siegfried Hofreiter Herr über 19 Höfe und zehn Biogas-Anlagen, er bewirtschaftete mehr als 14 000 Hektar Land, teils mit biologischen Methoden, teils mit konventionellen. Und er wusste: Der Markt für Agrarprodukte hat sich verändert. Nun steigen die Nahrungsmittelpreise, die Energiepreise, die Getreidepreise, und als Nahrungsmittel- wie Energie-Lieferant steht er, der Landwirt, mit einem Mal wieder so hoch im Kurs wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Da entschloss er sich zu einem außergewöhnlichen Schritt. Als KTG Agrar gingen er, seine Lebensgefährtin und sein Bruder an die Börse. Und zwar so, wie man den großen Mann nur selten sieht: im Anzug. Doch den Analysten blieb er ein Rätsel. Es fiel ihnen nichts anderes ein, als auf die Vorjahresbilanz zu schauen. "Im Wesentlichen", sagte Hofreiter am Emissionstag in das Mikrofon des Nachrichtensenders n-tv, "wird das Geld gebraucht werden, um Flächen und Agrarbetriebe anzukaufen und in erneuerbare Energien behutsam weiter zu investieren."

Die Reporterin kommentierte, was auch andere Journalisten rasch herausfanden: Zweieinhalb Millionen Euro Gewinn habe KTG Agrar im Vorjahr vorzuweisen gehabt. "Halb so viel, wie das Unternehmen an Subventionen von der EU erhält." An dem Tag, an dem die Subventionen wegbrächen, prognostizierte der grüne Parlamentarier Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf im Namen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, stürze Hofreiter "sofort in die Miesen".

Mies war dann auch der Start der Aktie von KTG Agrar. Das Papier erlebte eine Fehlzündung wie ein alter Dieselmotor auf dem Bauernhof.

Dabei macht der Vorstandsvorsitzende Hofreiter keinen Hehl daraus, dass er glaubt, die Europäische Union werde in wenigen Jahren ohnehin ihr Subventionssystem aufgeben. Er verschränkt die Arme und lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Wieder spricht er von steigender Nachfrage, von Ackerland, das immer weniger würde. Dann sagt er: "Die Frage der Subventionen wird letztlich eine Frage der Preise für die Verbraucher sein. Der Trend spricht auf Dauer für uns. Zumal eigentlich nur wir durch unseren gleichmäßigen Einsatz von Saatgut eine stabile Qualität anbieten können, die unsere Kunden, Großbäcker zum Beispiel, brauchen."

Mit dieser Meinung steht Hofreiter nicht allein. Inzwischen wagen sich auch andere Agrar-Investoren auf das Frankfurter Parkett. Nur wenige Wochen nach Siegfried Hofreiters Treckerfahrt an die Börse streute dort mit Agro-Energy ein weiteres Landwirtschaftsunternehmen seine Aktien. Robert Frowein und Moritz Spilker waren bislang vor allem im Private-Equity-Geschäft tätig. Deshalb ließen sie sich von Matthias Graf von Westphalen unterstützen, Deutschlands größtem Landbesitzer. "Wir hätten nie gedacht, dass wir uns einmal für die Landwirtschaft interessieren würden", sagt Frowein. "Aber der Kern aller Dinge ist nun einmal der Boden, der produziert, was künftig gebraucht wird. Wir sind da wohl noch ganz am Anfang eines großen Trends." 18 000 Hektar Land will Agro-Energy einmal verwalten, einen Teil davon pachten, einen Teil kaufen.

Auf die Idee kamen sie nicht sofort. Zwei Jahre zuvor hatten die beiden gerade einen Hamburger Schiffszulieferer verkauft, und es war vorhanden, was selten im Überfluss zur Verfügung steht: Geld und Zeit. Also schauten sie sich nach Investitionsmöglichkeiten um. Zunächst dachten sie an Solar- und Windenergie. Doch dann ging ihnen auf, dass die Getreidepreise stiegen, dass Ackerland schon jetzt knapp, aber in Ostdeutschland noch reichlich vorhanden war. "60 Prozent der ostdeutschen Pachtverträge laufen in den nächsten Jahren aus. In vielen Fällen ist das Nachfolgerproblem akut. Und dann gibt es ja auch noch die Bodenverwertungs- und Verwaltungs GmbH", sagt Frowein.

Eine halbe Million Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche verwaltet die BVVG. Seit 1992 ist sie damit beschäftigt, im Auftrag des Bundes die einst volkseigenen Ländereien der DDR zu privatisieren. Doch örtliche Bauern werfen ihr vor, zu hohe Preise für das Land zu verlangen. So wie sie den großen Investoren vorwerfen, keine Kompetenz für den Anbau mitzubringen. Solche Vorwürfe scheinen von denselben Bauern zu kommen, die Investoren wie Agro-Energy als "Heuschrecke" beschimpfen, von Preistreiberei sprechen und fürchten, sich eigenes Neuland als Kleinstbetrieb bald nicht mehr leisten zu können.

Die Investoren träumen - aber Land ist kein beliebig vermehrbares Gut

Robert Frowein sagt, Vorwürfe wie diese seien alte Reflexe, so albern wie die Anschuldigung, man wolle bloß Subventionen abgreifen ("Die 270 Euro pro Hektar interessieren uns nicht. Die sind nicht Bestandteil unserer Kalkulation") oder Ackerland brachliegen lassen, um es eines Tages zu höheren Preisen zu verhökern. "Der typische ehemalige LPG-Vorsitzende reagiert nicht sehr positiv auf diese Dinge", sagt er. "Natürlich ist die sozialistische Vorstellung noch tief verankert: Die kommen und nehmen uns unser Land weg." In der Praxis aber gebe es keine Probleme, sagt er. "Wir werden Betriebe finden. Vor uns gab es bereits westdeutsche Landwirte, die gute Geschäfte mit ostdeutschen Bauern machten."

Auch Frowein spricht vom Segen der neuen Landwirtschaft. So wie Hofreiter. Nur die BVVG bremst. Zumindest ein bisschen. Richtig, sagt Wolfgang Horstmann, der Sprecher der Geschäftsführung. Er sitzt im Auto und ist auf dem Weg zum Flughafen. "Hier zeichnet sich ein langfristiger Trend ab. Seit drei oder vier Jahren nimmt das Interesse an Ackerland im Osten ungewöhnlich zu, besonders seit Anfang 2007. Und natürlich reagiert der Preis auf die steigende Nachfrage, so wie es auch stimmt, dass die Getreidepreise explodieren, weil China den Fleischgenuss entdeckt hat." Doch müsse man sehen, dass es sich hier erst einmal auch um einen Ausgleich des Preisgefälles zwischen den Ländereien in Ost und West handle.

Es gibt in Ostdeutschland 6,2 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Der Großteil davon steht nicht zum Verkauf. "Für Investorenträume ist da nicht viel Platz", sagt Horstmann. "Sie kommen in der Praxis ohnehin selten zum Zuge." Die BVVG schreibt die Ackerflächen im Internet zum Verkauf aus und entscheidet sich für das Höchstgebot. So wollen es die Länder und der Bund. Die Größe der einzelnen Schläge soll dabei möglichst nicht größer sein als 50 Hektar. Bislang war das zu kleinteilig, waren die Äcker zu weit verstreut, als dass sie sich für Investoren wie Frowein gelohnt hätten. "98 Prozent der von uns vermittelten Fläche", sagt Horstmann, "gingen bislang vor allem an örtliche Landwirte."

Viel Spielraum scheint es also nicht zu geben. Weder für neue Betriebe, die von amerikanischen Dimensionen träumen. Noch für neue Investoren, die bislang kaum Land angesammelt haben. Und für kleine Bauern wird bei den Ausschreibungen auch nichts übrig bleiben, da die Preise für sie zu sehr gestiegen sind. Nur wenn die Banken die Lage auf dem Agrarmarkt ebenfalls optimistisch einschätzen, wird es für sie möglich sein, Kredite zu bekommen und Land hinzuzukaufen. Aber die BVVG ist nicht der einzige Landverkäufer in Ostdeutschland. Es gibt noch den ganz normalen Markt: landwirtschaftliche Betriebe, die finanzkräftige Partner suchen, die bei ihnen einsteigen; Landwirte, die keine Nachfolger für ihren Hof finden konnten und ihn verkaufen oder schlichtweg ihre Äcker zu Geld machen wollen. Dieser Markt, das sagen sowohl Frowein wie Hofreiter, funktioniere.

Beide sprühen vor Optimismus und sprechen, als hätten sie eine Gelddruckmaschine gefunden. Zweifel sind ihnen im Moment der Euphorie fremd. Der demografische Faktor? Mehr Vorteil als Problem. Der Klimawandel? Ein Risiko, doch vor allem für die weiter südlich gelegenen Landwirtschaftsregionen. Und die weltweite Rohstoff- und Ernährungskrise? Eine Chance für jeden, der sie erkennt und auf sie reagieren kann.

Neue Bauernregeln für Finanzinvestoren -oder doch ein dauerhafter Boom?

Ob das nur neue Bauernregeln sind? Schön formuliert für die Anleger an den Finanzmärkten? Sicher ist, die Weltmarkt-Referenzpreise für Agrarrohstoffe haben in den vergangenen Jahren zwar historische Höchststände erreicht. Dieser Zustand muss aber nicht unbedingt von Dauer sein - und die Entwicklung im Ganzen ist nicht ohne Risiko. Glaubt man Experten, wird das Preisniveau kaum wieder so tief absacken wie früher einmal, als viele Landwirte aufgeben mussten. Und wenn tatsächlich die Nachfrage nach Nahrungs- und Futtermitteln weltweit steigt, ist die nutzbare Fläche in der Tat begrenzt. Einerseits.

Andererseits steigt auch der Erdölpreis, und mit ihm steigen die Produktionskosten für Landwirte. Transport, Maschineneinsatz, Heizung, alles wird teurer. Und nicht alle profitieren von den hohen Preisen. So erzielen Schweinemäster vielleicht einen höheren Preis für ihre Tiere. Aber durch die gestiegenen Soja-Preise wird auch das Viehfutter teurer. Zugewinn und Verlust halten sich deshalb die Waage.

Siegfried Hofreiter steuert seinen Wagen von seinem Hof in Putlitz. Er schaltet das Autoradio an. Irgendwo im Nirgendwo zwischen Hamburg und Berlin warnt der Wetterdienst vor kleineren Tornados. Hofreiter denkt nicht an das Getreide auf seinen Feldern. Deutschlands erster Börsen-Bauer, Herr über 30 Betriebsgesellschaften und Chef von 125 Mitarbeitern, nimmt es gelassen. Er spricht von der guten Bodenqualität seiner Äcker. Von den großen Maschinen, die auf großen Flächen effizienter arbeiteten. Er spricht vom Regen in Litauen. Und von den 70 Prozent der diesjährigen Ernte, die er zwar noch nicht eingeholt, aber bereits zu guten Preisen verkauft habe. "Größe ist nicht alles", sagt er nach einer Weile. "Es kommt immer darauf an, was man aus ihr macht."

Deshalb hat er vor allem Mais und Raps angebaut, zwei Sorten, die momentan sehr gefragt sind und gute Preise erzielen. Auch seine Biogas-Anlagen laufen auf Hochtouren und werfen ordentliche Gewinne ab. Und sogar die Aktie seiner KTG Agrar erholt sich. Seit einigen Wochen berichten Deutschlands Zeitungen und Fernsehstationen von der bevorstehenden Ernährungskrise und halfen dem Papier damit aus den Miesen. Im Juni schaffte es die Aktie über ihren einstigen Emissionspreis. Für denjenigen, der über ausreichend Land verfügt, stehen die wirklich guten Jahre womöglich erst noch bevor. -