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Der Aufbruch

Eigentum verpflichtet - und zwar zur Unbeweglichkeit. Höchste Zeit, nachzusehen, was wir besitzen, und dann unser eigentliches Vermögen abzuchecken: Was brauchen wir fürs neue Jahrhundert?




Nachlass

Omi ist natürlich die Beste. Mit Liebe und Charakter hat das oft wenig, mit Biologie aber viel zu tun. Wie wir wissen, leben Frauen länger als Männer, um durchschnittlich fünf bis sechs Jahre. Das bedeutet, dass eher sie als der Opa darüber entscheidet, was es vom Pflichtteil aufwärts für die Nachkommen gibt, wenn die letzte Stunde schlägt. Oma sitzt auf dem längeren Ast. Was trägt der sonst noch?

Der Sozialforscher Meinhard Miegel hat in einer Studie für das Deutsche Institut für Altersvorsorge ausgerechnet, dass allein in den Jahren 2001 bis 2010 Erbschaften im Wert von 1,4 Billionen Euro unters Volk gebracht werden. Das ist eine Menge Geld, fünfmal die Summe dessen, was als Bundeshaushalt zusammengeschustert wird. Statistisch gesehen fällt in jedem 25. deutschen Haushalt einmal jährlich eine Erbschaft an. Damit erntet - wiederum statistisch betrachtet - in zwölfeinhalb Jahren jeder Zweite die Früchte. Miegels Zahlen dokumentieren das große Kassemachen einer Generation, deren Eltern und Großeltern ihr Vermögen in Zeiten des Wirtschaftswunders machten. Es sind die heute 30- bis 60-Jährigen, die zur sogenannten Erbengeneration gehören. Dabei tritt ein Effekt auf, der im stets klammen Sozialstaat zur Tagesordnung gehört: Die Bösen, die Unsolidarischen, die Nutznießer - das sind immer die anderen. Einen besonders guten Ruf haben die Erben nicht. Da fantasieren viele den Taugenichts, der über Nacht erbt - und am nächsten Tag im Cabrio über Mallorca braust. Doch Meinhard Miegel weiß, dass auch dieser Schein trügt: "Die meisten Leute erben relativ wenig, ein bisschen Schmuck, ein gebrauchtes Auto und ein wenig Bargeld - Vermögenswerte zwischen 1000 und 13 000 Euro."

Das ist gut, besser als nichts, aber für ein ausschweifendes Leben abseits der sogenannten Solidargemeinschaft reicht das kaum, höchstens für Ärger mit den Sozialbehörden. Nur zwei Prozent aller deutschen Erben kassieren wirklich beträchtliche Summen oder Sachwerte von mehr als 80 000 Euro. Die meisten Erben - 29 Prozent werden mit 13 000 bis 80 000 Euro an Erbmasse bedacht. Davon gehen noch Erbschaftssteuer und Notargebühren ab. Derlei Erbschaften, so Miegel in seiner Studie, "verlieren sich in einer aufwendigeren Urlaubsreise, einem neuen Auto oder der vorzeitigen Abtragung einer Resthypothek". Kaum jemand, so mahnt der Sozialforscher, denke hingegen darüber nach, wie die Gesamtrechnung für die Erbengeneration aussehe: Eine immer schlechtere Infrastruktur, immer höhere Sozial- und Steuerbelastungen, "marode soziale Sicherungssysteme und Staatsfinanzen" - das sorge, so Miegel, unterm Strich für ein Verlustgeschäft.

Eindrucksvoll bestätigt so die Sozialforschung, was einige immer schon geahnt haben: Erbschleicherei ist ein Geschäft mit ungewissem Ausgang. Und wenn sie sich lohnt, sorgt der Umverteilungsstaat dafür, dass am Ende nichts dabei herauskommt. Oma hin, Sozialstaat her es bringt nichts, sich auf einen der beiden zu verlassen. Stellen wir lieber sinnvolle Fragen: Wie steht's denn um Cash?

Bargeld lacht

Niemand wird bestreiten, dass Bargeld eine schöne Sache ist. Im Gegensatz zu Sachwerten kann man mit Geld genau das bekommen, was man gerade braucht. Sachwerte nutzen sich ab, verschlingen Unsummen an Erhaltung und Pflege -und wenn man sie verkaufen will, ist plötzlich keiner da, der den Preis, von dem man träumte, auf den Tisch legt. Nehmen wir mal an, dass wir alle - alle Bürger dieses Landes - auf die Idee kämen, mit unserem Vermögen etwas ganz anderes zu machen als bisher. Wir würden uns beraten und einen Plan schmieden, beispielsweise einen, in dem der sich selbst erhaltende Beamtenstaat keine Rolle mehr spielte. Nehmen wir nur mal an, es wäre so. Wir müssten dann für all die Dinge, die unser Plan enthält, unser Geld zusammenlegen - aber wie sieht es mit dem Vermögen der Deutschen aus? Wie frei ist es, wie ungebunden? Diese Frage scheint einfach zu sein, aber jahrelang fehlten verlässliche Daten, um sie zu beantworten. Erst mit dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), das das Vermögen aller über 17-Jährigen erfasst, kommt man einer Antwort nahe. Die Erstellung dieses Panels ist nicht einfach. Mitte 2008 sind gerade mal die Daten für das Jahr 2002 verfügbar. Einen Hinweis darauf, wie die Dinge in Sachen flüssiges Vermögen stehen, gibt das SOEP trotzdem, und zwar deutlicher als alles, was Politiker und andere Spaßvögel über Arm und Reich im Land zu sagen haben.

Sind wir reich? Kommt darauf an.

Das individuelle Durchschnittsvermögen eines Bundesbürgers beträgt netto 81 000 Euro, mehr also, als die meisten Erbschaften hergeben. In diesen Berechnungen steckt der ganze Kram, den wir so haben: Autos, Häuser, Eigentumswohnungen, Hausrat, die Briefmarkensammlung - das ganze Sachvermögen also -, ebenso wie Sparbücher und Bares. Alles zusammen ergibt ein Vermögen von 6,5 Billionen Euro. Theoretisch.

Das gibt uns aber kein Mensch in bar. Denn allein 4,5 Billionen Euro davon sind in Immobilien- und Grundbesitz gebunden. Wie schon angedeutet, ist es fraglich, ob wir für all die Häuschen, Schrebergärten und Ländereien auch irgendwann mal den Buchwert in Cash ausgezahlt bekommen. Blieben wenigstens zwei Billionen Euro, die wir für etwas wirklich Wichtiges sofort nutzen könnten, oder? Nicht ganz. Denn 1,1 Billionen Euro, sagt uns das SOEP, sind durch Kredite gebunden. Es bleiben also noch rund 900 Milliarden Euro übrig, die der erwachsenen Bevölkerung zur Verfügung stehen, wenn die beschließt, dass alles anders werden muss. Allerdings müssten wir auch hier noch ein bisschen was abziehen, eine Kleinigkeit nur, Geld, das wir, weil wir es ein wenig mit der Sicherheit haben, sicherheitshalber in Dinge wie Versicherungen und Bausparverträge investiert haben. Nach deren Abzug - es sind 47 Prozent der verbleibenden Summe - hätten wir noch knapp 480 Milliarden in der Tasche. Vor Abzug der üblichen Kosten natürlich, Steuern, Abgaben und Solidar-Dingsbums.

Herzlichen Glückwunsch und gute Reise.

So sieht das aus: Das reiche Land hat sein ganzes Geld fest angelegt, und zwar in Sachen, die entweder nur unter schweren Verlusten Geld bringen oder aber die man schlecht in ein neues Leben mitnehmen kann - Omas Häuschen beispielsweise. Vieles steckt in Sachwerten und Versicherungen. Und jetzt wird es nochmals ein wenig unangenehm. Die meisten Menschen haben diese schönen Sachen, weil sie mehr Sicherheit wollen. Weil sie dem Staat letztlich doch nicht trauen.

Die Kriege und Weltwirtschaftskrisen des vergangenen Jahrhunderts mit den darauffolgenden Währungsreformen haben das Geldvermögen der Leute vernichtet. Was blieb, war ein Häuschen, ein eigener Herd, der, so heißt es in einer deutschen Volksweisheit, Goldes wert ist. Neuere Generationen haben diese Erfahrung aufgenommen und - angesichts eines Staates, der immer mehr will, um politisch korrekt umzuverteilen und sich selbst und seinen Apparat am Leben zu erhalten - auf die alte Sicherheit gebaut. Eigentumswohnungen. Eigenheim. Reihenhäuschen. Da hat man was Solides. Wenn mal alles zusammenbricht, wie schon öfter mal in der Geschichte, da kann man doch wenigstens in den eigenen vier Wänden verarmen. Immerhin.

ALG-II-Empfänger wissen mehr. Für sie gilt bereits, was für die anderen noch kommt. Bevor ein Cent an Rente ausgespuckt wird, ganz gleich, ob man jahrzehntelang dafür geblecht hat oder nicht, ist erst mal das Häuschen dran. Das Wort Immobilie bedeutet auf Deutsch so viel wie unbeweglich. Was lernen wir daraus? Ein Haus kann man schlecht einpacken, es kann nicht weglaufen. Und so bekommt der Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes einen ganz neuen Sinn: Eigentum verpflichtet. Man wird die Immobilen bald daran erinnern.

Bewegung

Die romantische Vorstellung, dass das, was man zu seinem Vermögen zählt, einem auch gehört, ist ein bisschen überholt. Nicht nur das Grundgesetz sorgt dafür, dass das Eigentum, das früher mal so viel wie der persönliche Besitz war, stets gesellschaftlichen Nutzen stiften muss. Die richtige Interpretation ist dann jeweils diejenige, die die Politik liefert. Braucht sie Geld, dehnt man die Verfassung ein bisschen.

Doch auch die Besitzenden sind reichlich naiv. Sie haben sich im wahrsten Sinne des Wortes festgelegt. Bei Erbfällen mit Haus und Garten zeigt sich meistens, dass dort, wo Oma lebte, für die Erben außer einer überbewerteten Immobilie nichts zu holen ist - keine Arbeit oder keine Infrastruktur, die zum Leben der Erben passt.

An diesem Punkt angelangt, denken die meisten Bürger zum ersten Mal über den tieferen Sinn von zwei Worten nach, die heute fester Bestandteil jeder Sonntagsrede sind - die aber kaum jemand ernst nimmt im Land: Flexibilität und Mobilität. Ersteres bedeutet im Zusammenhang mit Vermögen, dass man das, was man hat, jederzeit den sich rasch verändernden Anforderungen anpassen kann. Festgelegtes Geld gehört eher nicht dazu. Mobilität wiederum ist die Konsequenz aus einer rasanten Entwicklung: Die Illusion der Sesshaftigkeit, das Volksmärchen vom eigenen, vermeintlich goldwerten Herd, bricht im 21. Jahrhundert zusammen.

Von diesem Moment an wird Mobilität zur neuen Sicherheit - und bedroht die alte, also das klassische, unbewegliche Vermögen und, noch wichtiger, die ganze damit verbundene Kultur des gesicherten Wohlstands.

Berlin

Das ist eine üble Botschaft für die Immobilen, Unbeweglichen, die ihre Angst nicht überwinden können. Die nicht aufbrechen, weil sie nichts anderes gelernt haben, als sitzen zu bleiben. Ein schöner Beleg dafür ist der folgende Dialog zwischen einem Berliner Taxifahrer und seinem Fahrgast. Schon kurz nach dem Losfahren beginnt der Taxifahrer sein Leid zu klagen: Ende 20 sei er und müsse Taxi fahren, das Geschäft laufe schlecht, die Stimmung sei mies, das Leben eine einzige Trübsal. Aber was solle man machen?

Was er denn vorher gemacht habe, fragt der Fahrgast vorsichtig.

Ooch, sagt der Taxifahrer, er sei gelernter Zimmermann. Ein schöner Beruf. Aber wer brauche denn in Berlin heute noch einen Zimmermann?

"Na, aber im Westen oder in den Niederlanden oder in Dänemark", schlägt der Fahrgast vor, "da suchen sie händeringend nach Zimmermännern. Gut bezahlt, die zahlen sogar den Umzug und kümmern sich um eine Wohnung." Erst vor Kurzem hat der Fahrgast mit einem Unternehmer aus Lübeck gesprochen. Der würde für einen Zimmermann alles tun.

"Nee, nee", sagt der Taxifahrer, "das is nix. Die Kinder jehen doch hier zur Schule, und die Frau arbeitet bei Plus an der Kasse, und die Wohnung haben wir auch hier, und ick bin doch in Berlin jeboren, da kannste nich einfach abhauen, versteh'n Se?"

Der Fahrgast versteht nicht. Der Taxifahrer, dem der Fahrgast erzählt hat, wie oft er schon aus beruflichen Gründen umgezogen sei, sagt, was so viele denken, wenn es um die anderen geht: "Für Sie ist das was anderes. Sie sind das ja jewöhnt. Aber Berlin is für mich meine Heimat, versteh'n Se?"

Heimat ist ein großes Wort. Es ist der Code für: Ich gehe nicht weg. Hier ist es Zeit, auf die Wurzeln des Wortes Heimat hinzuweisen. Sie liegen im indogermanischen Wort kei. Das bedeutet so viel wie: liegen.

Dieses Liegen, das Sich-Hinlegen, gehört zu der Art und Weise, wie die Menschen mit ihrem Vermögen umgehen. Die dahintersteckende Haltung ist nicht schwer zu durchschauen: Sicherheit durch Festnageln. Man schafft in einer an sich unsicheren Welt einen Sachzwang. Ein Häuschen. Und wer das nicht hat, wie unser Taxifahrer, beruft sich auf die Heimat, auf das Recht, sich hinzulegen. Dieses eingeredete Recht kostet eine Menge Geld, Talente und Fähigkeiten. Bewegung, andererseits, heißt immer auch: Risiko. Die Unbeweglichen scheuen dieses Risiko für den Preis ihrer Freiheit. Und sie haben eine bunte Kultur der Rechtfertigung rundherum gebastelt.

Migranten und Meister

Wer ist arm dran? Natürlich die, die sich bewegen müssen. Wer aus der deutschen Provinz in eine Großstadt zieht, erzählt in der Regel die Geschichte, in der die Phrase "Ich musste da weg, da gab es keine Arbeit und keine Chancen" auftaucht. Das ist teilweise richtig, aber: müssen? War es nicht vielmehr so, dass sich durch die Bewegung das Leben auch zum Besseren gewendet hat? Dass Karriere und Wohlstand, mehr Chancen und Möglichkeiten in der Provinz nicht zu haben waren? Warum also: müssen?

Nach dem Fall der Mauer haben sich Millionen Ostdeutsche in den Westen abgesetzt. Sie sind Migranten, Wirtschaftsflüchtlinge. Allein die landläufige Nutzung des Wortes Migranten zeigt, wie wir es kulturell mit Bewegung und Hinlegen halten. Migranten sind immer die Armen. Das haben wir so gelernt. Und niemand möchte zu den Armen gehören. Wer migriert, also wandert, denn nichts anderes heißt dieses schöne Wort auf Deutsch, der muss das tun, so meinen wir. Der Migrant wird gleichgesetzt mit schlecht entlohnten Gastarbeitern, Menschen, die keine Chance haben, sich zu integrieren. Wanderungsbewegungen sind aber nicht zwingend von bitterer Not getrieben. Gemein haben die Migranten nur, dass sie sich Besseres erhoffen. Oft tritt das auch ein. Doch das Vorurteil "Migration ist Armut" sorgt dafür, dass Immobilität immer noch zu den gesellschaftlich gehobenen Werten zählt. Dazu kommt ein miserables Geschichtsbewusstsein, demzufolge für die meisten Menschen früher, so ungefähr vor der Industrialisierung, alles besser war, insbesondere gemütlicher und ortsfester. Da stapfte der deutsche Bauer auf biologisch einwandfreien, weil nicht kunstgedüngten Feldern auf der Scholle seiner Ahnen. Alles war irgendwie geordnet.

Nun ist es aber leider so, dass vor der Industrialisierung die meisten Menschen ständig auf den Beinen waren. Nur eine kleine Schicht aus besitzenden Bauern und Bürgern blieb, wo sie war, ein Leben lang. Die Arbeiter in der Landwirtschaft hingegen waren mehrheitlich Tagelöhner, die durch die Gegend zogen. Und keineswegs waren Mobile damals immer gleich auch Arme. Die europäischen Fürstenhäuser waren praktisch ständig auf Achse, in ihrem Tross zahlreiche Händler, Experten, Manager und Dienstleister. Reisen und Bewegung galt, etwa bei Handwerkern, als letzter entscheidender Schliff der Berufsausbildung. Die Wanderjahre, die ein Geselle vom Spätmittelalter bis zur Industrialisierung verpflichtend absolvieren musste, bevor er Meister werden konnte, dienten ganz klar dem Kennenlernen des Fremden, des Anderen. Wer sich nicht in die Fremde begab, konnte kein Meister sein.

Die ständige Bewegung auf dem europäischen Kontinent prägte erst die Hochkultur aus, die wir heute ganz selbstverständlich hinnehmen. Sie ist ein Produkt der permanenten Bewegung und Auseinandersetzung mit dem Fremden. Völkerwanderungen waren gut fürs Geschäft, für die Verbreitung von Techniken und Wissen. Erst im 19. Jahrhundert, als die Unbeweglichen einen Gegenpol zur neuen Rastlosigkeit des Marktes etablieren wollten, wurde aus den Wanderungen der Völker und Stämme das Ammenmärchen vom Untergang des Abendlandes geschnitzt. Das hat sich, nebenbei, ganz von selbst umgelegt - wie das Römische Reich, dessen Immobilität und Dekadenz die Ursachen für den Zusammenbruch der damit verbundenen Staatsform waren. Mit der Konzentration auf einen Ort gerieten die ehemaligen Migranten in eine neue, kaum weniger geringe Abhängigkeit. Man musste nun dort, wo man lebte, arbeiten und sein Auskommen finden.

Als Verlierer galten bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts all jene, die nicht bleiben konnten - die Auswanderer, die millionenfach von Europa in die USA gingen. Längst nicht alle, aber doch die meisten derer, die sich zu diesem Wagnis entschlossen hatten, wurden mit einem besseren Leben belohnt. Im Bewusstsein der amerikanischen Gesellschaft ist deshalb Mobilität bei Weitem nicht so mit sozialem Abstieg verbunden wie in unserer Kultur. Vergangene Politikergenerationen hatten das noch präsenter als gegenwärtige: Der Nachkriegskanzler Konrad Adenauer und der französische Außenminister Robert Schuman, die Architekten der Europäischen Gemeinschaft, setzten gerade auf jenes Maß an notwendiger Offenheit und Mobilität, um dem engen Nationalstaat sein Gefahrenpotenzial zu nehmen. Das ist eine herausragende Leistung, denn die Politiker verstießen mit ihrer Entscheidung in gewisser Weise gegen die eigenen Interessen. Mobilität birgt ein höheres Maß an Risiko, Immobilität aber bedeutet mehr Abhängigkeit. Je immobiler Menschen sind, desto leichter ist es, über sie zu verfügen, sie zu regieren.

Die Unbeweglichen würden niemals leugnen, dass ein hohes Maß an Internationalität, unter Umständen sogar Globalisierung, nützlich ist. Doch wer handelt und nicht nur redet, wird vorgeführt wie ein Exponat aus einem Kuriositätenkabinett. Das kann man dann im Hauptabendprogramm in Sendungen wie "Goodbye Deutschland - Die Auswanderer" bestaunen. Doch Wohlstand ohne Bewegung gibt es nicht. Wer liegen bleibt, verliert.

Der amerikanische Logistik-Experte Wilfred Owen hat zu Beginn der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf einen interessanten Zusammenhang zwischen Wohlstand und Mobilität hingewiesen. Er unterschied nicht Regionen nach Arm und Reich, sondern nach natürlichen Ressourcen und Bildungsgrad, und er erklärte das Maß an potenzieller Mobilität zum wirklichen Gradmesser für die Entwicklungsfähigkeit einer Region: "Es gibt eine Kluft zwischen beweglichen und unbeweglichen Völkern", schrieb er. Dieser Unterschied begründe Armut. Und er rechnete vor: Um einem Bürger in Afrika, Asien oder Lateinamerika die gleiche Mobilität zu bieten wie einem Bürger aus einem der damaligen Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft müssten insgesamt 65 Millionen Kilometer neue Straßen angelegt werden. Das deutsche Straßennetz ist, nur zum Vergleich, etwas länger als 231 500 Kilometer.

Scholle

In der alten Industriegesellschaft wurde die Unbeweglichkeit zur Normalität. Die Vorbedingung für die ungeheure Konzentration von Material, Maschinen und Menschen an einem Ort war aber eine Generalmobilmachung der alten Welt. Man musste zunächst Tagelöhner und Bauern in die Fabrik bringen. In Industriestädten wie Manchester wurden sie, wie der junge Friedrich Engels notierte, "schlimmer als Vieh zusammengepfercht". Auch anderen Chronisten des frühen Industrialismus fiel vor allen Dingen auf, dass die Fabrikarbeiter wie Sklaven oder Gefangene gehalten wurden. Das lag nicht allein an den harten Arbeitsbedingungen und rigiden Vorschriften. Mit Gefangenen hatten die Fabrikarbeiter auch gemein, dass sie nicht weglaufen konnten. Und nicht sollten. Denn nur wenn sich eine große Menge an Arbeitskraftreserven vor Ort befindet, können die Löhne so niedrig wie möglich gehalten werden. Erst die moderne Produktionswirtschaft hat dieses Modell überwunden. Die neue Industrie ist mobil.

Aber genauso wie früher fühlen sich die Gefangenen, die Sesshaften, von den Mobilen bedroht. In den geschlossenen gesellschaftlichen Systemen wächst die Fremdenfeindlichkeit wie von selbst. Und noch etwas passiert: Die Abhängigkeit, an einem Ort bleiben zu müssen, um seine Lohnarbeit zum Überleben einzusetzen, wird von den Sesshaften allmählich in eine Tugend uminterpretiert. Man hat nichts oder wenig. Aber das hat man sicher. Das ist unsere Kultur. Die Industrie hat nur den letzten Schliff geliefert.

Der amerikanische Soziologe Alvin Toffler wies bereits 1970 auf den Ursprung all jener Begriffe hin, die um Immobilität und Heimat, Sesshaftigkeit und Ortsbestimmtheit kreisen: "Die menschliche Kultur begann mit dem Ackerbau, und Ackerbau bedeutet Niederlassung an einem bestimmten Ort und das Ende des altsteinzeitlichen Nomadendaseins. Die Verwurzelung, von der man heute so viel redet, ist bezeichnenderweise ein landwirtschaftlicher Begriff", schreibt Toffler in "Future Shock". Entwicklungsgeschichtlich lässt sich das alte Heimatgefühl nur mit einem Bedürfnis nach besonderer Geborgenheit, nach Schutz vor Gefahren aus der Umwelt erklären. Heimat war der Ort, an dem man dem Fremden, dem Neuen, dem Unbekannten für kurze Zeit nicht ausgesetzt war. Doch ohne Zweifel ist dieser, von allem Schutt und Pathos entstaubte Heimatbegriff nichts anderes als die Beschreibung eines Zwischenzustandes, eines Ruheraumes, der voraussetzt, dass es noch etwas anderes gibt: Bewegung. Doch wer sich bewegt, so suggeriert das Pathos, der ist "entwurzelt, entfremdet, orientierungslos".

Vermögen und Glück

Das deutsche Wort Vermögen löst die immer gleiche Assoziation aus. Es geht um Geld, Sachen, Material, das Auto in der Garage, das Häuschen im Grünen. Grund und Boden, Scholle und Scheine, und wichtig dabei ist: Man muss es sehen können. Das nährt zwar den Neid, aber unter den scheelen Blicken der Nachbarn leben viele gut. Mein Auto, mein Haus, meine Yacht, meine Frau.

Schade eigentlich, dass selten ein fremdsprachliches Wörterbuch zum Vermögen gehört. Denn dort ließe sich nachschlagen, wie das Wort Vermögen auf Englisch oder Spanisch heißt. Für das, was Vermögen sein kann, haben wir im Deutschen nur ein Wort, und da sind Verwechslungen programmiert. Im Englischen und Spanischen aber finden wir eine wichtige Entsprechung: Fortune, Fortuna. Fortuna war die alte römische Göttin des Glücks. Aber das Glück, das war den Römern klar, fällt nicht vom Himmel, das Glück ist, was man an sich, an seinen Talenten und Fähigkeiten, in seinem Leben zu erkennen vermag. Glücklich ist, wer kann. Und wer weiß, dass sich das Leben ständig verändert, was nun keine philosophische Feststellung ist, sondern das Resultat genauer Beobachtung.

Dem griechischen Denker Bias von Priene wird ein Satz zugeschrieben, der heute von größter Bedeutung ist: "Omnia mea mecum porto", lautet der Satz - All meinen Besitz trage ich bei mir. Der wahre Besitz, das eigentliche Vermögen, liegt in den Fähigkeiten und Fertigkeiten, im Wissen seines Trägers.

In den sechziger Jahren begannen Sozialwissenschaftler eine neue Klasse auszumachen, die die Vorhut der Wissensgesellschaft bildete. Für sie wurde der Satz des alten Bias Programm. Es waren vornehmlich gut Ausgebildete, schlaue Experten, die nicht mehr allein an einem festen Standort tätig waren, sondern - im Auftrag eines oder mehrerer Kunden - in vielen Ländern. Dieser werktätige Jetset war eine Avantgarde, selbst in Nationen wie den USA, wo eine hohe Mobilität seit jeher als selbstverständlich erachtet wird. Das eigentlich Charakteristische dieser Klasse aber war, dass sie sich darüber im Klaren war, dass ihr Wissen und Können ihr eigentliches Vermögen bildete. Sie trugen all ihren Besitz bei sich, eine optimale Vermögensanlage.

Diese bis heute wachsende Klasse bewegt sich nicht allein im globalen Maßstab, sondern treibt auch die Binnenwanderung in den alten Nationalstaaten voran. Diese Menschen sind naturgemäß technikfreundlich, denn die Technik, vor allem die Kommunikationstechnik, ermöglicht ihnen das entfernte Arbeiten erst. Als man vor Jahren von den sogenannten Telearbeitern sprach, hatte man noch das statische Bild eines ortsansässigen Mitarbeiters im Kopf, der eben von seiner Firmenzentrale entfernt arbeitet. Heute wirkt dieses Modell geradezu lächerlich. Blackberrys und iPhones, Notebooks und nahezu überall verfügbare Hochgeschwindigkeitsnetze verlangen von niemandem mehr, den geregelten Arbeitstag von gestern am jeweiligen Lebensort nachzuvollziehen. Es sind Leute, die kein statisches Vermögen bilden, sondern das nutzen, was sie gerade brauchen. Es sind die Mobilen, die den Zugriff suchen. "Access", Zugriff und Zugang, so nannte der amerikanische Trendforscher Jeremy Rifkin auch seinen bekanntesten Titel, der diese Welt skizziert. Rifkins Opus magnum erschien im Jahr 2000, dem Höhepunkt der New-Economy-Welle. Das Buch trägt den deutschen Untertitel: "Warum wir weniger besitzen und mehr ausgeben werden".

Auch das Wort Besitz stammt aus der Zeit, in der die Scholle über allem anderen stand, es ist ein Terminus technicus aus der Welt der Landwirtschaft. Man sitzt auf seinen Sachen, damit sich niemand daran vergreifen kann. Rifkin erkannte, dass dieses Prinzip nicht nur veraltet ist, weil eine globale Welt ein hohes Maß an Mobilität verlangt, sondern auch deshalb, weil Modelle des Nutzens, also des Zugriffs auf Produkte, Dienstleistungen und Sachen, weit gewinnbringender sind - für beide Seiten, Anbieter und Nutzer. Die Unbeweglichen kaufen, die Mobilen mieten und leasen. Die Unbeweglichen besitzen, die Mobilen schaffen sich Zugänge. Dabei verlangen die Mobilen viel: Denn ohne Zweifel ist die Anpassung an einen jeweils neuen Ort eine große Anstrengung. Sie wird dadurch erleichtert, dass neue Dienstleistungen erfunden und alte weiterentwickelt werden, die den neuen Nomaden das Leben leichter machen. Und Mobile wollen keine Waren, jenes "Bollwerk des Systems des Privateigentums", wie Rifkin es nennt, sie wollen Dienstleistungen, die sie nicht auf Dauer verpflichten und unfrei machen. "Alles wird zur Dienstleistung", so Rifkin. Die Zeit der Sachen, die man besitzt, gehe vorbei.

In den Jahren, die seit der Veröffentlichung von "Access" vergangen sind, hat sich die Mobilität der Wissensarbeiter weiter erhöht - und auch ihre Zahl. Doch Rifkin wusste, dass dieser Prozess unter Schmerzen geboren wird. Die bis zur Unbeweglichkeit entwickelte Kultur der Sesshaftigkeit gaukelt vielen vor, es gehe gar nicht anders, als wir es heute halten. Viele Unbewegliche verweigern schlicht die Einsicht, dass die Welt sich nun neu zu bewegen beginnt: "Bis jetzt setzt unsere Gesellschaft weiterhin voraus, dass Eigentumsbeziehungen grundlegend seien, in Wirklichkeit jedoch verliert materieller Besitz zunehmend an Bedeutung. Möglicherweise haben wir uns bisher gegen die Einsicht gesperrt, dass in unserer Welt Produktion und Austausch von Eigentum nicht länger der einzige Anhaltspunkt für das Maß wirtschaftlichen Handelns sind, weil wir fürchten, unseren Halt zu verlieren. Lange wurden unsere Verhaltenscodes, unsere bürgerlichen Werte, selbst unsere tief verankerte Selbstwahrnehmung, die institutionellen Kräfte und die Welt um uns herum durch Eigentumsbeziehungen vermittelt. Deshalb ist die Vorstellung beunruhigend, in eine neue, immateriellere, weniger begrenzte, ungreifbarere und kurzlebigere Welt kommerzieller Dienstleistungen entlassen zu werden", schreibt Rifkin - und bringt damit die Angst der Unbeweglichen auf den Punkt.

Doch nichts kann etwas daran ändern, dass die Verhältnisse weggehen von Omas kleiner Welt, von Heimat und Heim, Eigentum und dem Daraufsitzen. Umso wichtiger sei es, rät Rifkin, sich intensiv und schnell mit den neuen Verhältnissen zu beschäftigen, statt den Kopf in den Sand zu stecken: "Wir müssen den Gesellschaftsvertrag grundsätzlich, von A bis Z, neu überdenken, wenn wir uns ernsthaft damit auseinandersetzen wollen, was mit einer Welt geschieht, die stärker auf Zugriff und Zugang als auf Eigentum beruht."

Beweglichkeit lernen

Ist der Bauer das Normale, der Nomade die Ausnahme? Die Entwicklung fördert, was richtig ist - und heute ist Beweglichkeit richtig. Der Zukunftsforscher Matthias Horx ist seit vielen Jahren auf der Spur dieser neuen Mobilen. Er kennt sie, die etablierten Immobilen, die sich jahrzehntelang abgemüht haben, etwas zu besitzen, um sich heute eine andere Frage vorzulegen: "Wie werden wir den ganzen Kram wieder los?" Das sei, sagt Horx vorsorglich, keine Frage, die eine vom Wohlstand und Überfluss gelangweilte, dekadente Gesellschaft stelle, sondern eine wichtige Kurskorrektur, die "nach den Jahren des Aufbaus und des immer Mehrwollens nötig ist. Eigentum, das man nicht verflüssigen kann, ist nichts wert, das ist kein Vermögen." Und ohne Vermögen, also ohne die Fähigkeit, Talente, Fertigkeiten und Kenntnisse dann und dort umzusetzen, wo sie gebraucht werden, unterliege man, sagt Horx, "bestenfalls der trügerischen Hoffnung des Bauern, dass alles immer so weitergeht, wie es war. Nichts darf schiefgehen, nichts darf sich verändern, weil dann die Ernte nicht mehr stimmt." In Zeiten höherer Beschleunigung wird die Unbeweglichkeit zur tödlichen Falle.

Aber was ist mit den Beziehungen? Sind Freunde und Familie in Zeiten beweglichen Vermögens noch möglich? Ist es nicht so, dass der Mensch in Dauerbewegung letztlich doch "entwurzelt" ist? Horx erzählt die Geschichte seiner Familie: Mit seiner Frau, der englischen Journalistin Oona Strathern, stand er vor Jahren vor der Entscheidung, wo sich die Familie niederlassen sollte. "In England war ich fremd, in Hamburg, wo ich lebte, war es meine Frau. Wir haben uns dann eine Stadt ausgesucht, die eine hohe Lebensqualität hat - und in der wir beide fremd sind." So kam die Familie nach Wien. Die Kinder besuchen die International School. Und ihre Eltern bauen ein Haus.

Ein Widerspruch? Ausgerechnet einer der Propheten der neuen Mobilität baut sich sein Häuschen? Horx lächelt - sein "Future House" ist schon von der Beschreibung her etwas anderes als Omas kleines Häuschen. Es nagelt seine Bewohner nicht fest. Dort, wo er und seine Frau im Future House leben werden, steht auf dem Bauplan "Love", wo die Kinder heute noch leben, "Guests", Gäste. Schon das schockiert Menschen mit traditionellem Familienbild, "die so tun, als ob ihre Kinder nicht mal erwachsen werden und natürlich rausgehen, um was zu lernen. Die meisten Häuslebauer behaupten ja, sie bauten ihr Haus für die Kinder. Das ist völliger Quatsch", sagt Horx. Und Quatsch sollte man in der Planung nicht berücksichtigen.

Ein Zuhause ist ein Ort, von dem aus man sich bewegen kann. Es fesselt nicht, es orientiert. Die Voraussetzung dafür ist aber, dass man gelernt hat, seine Beweglichkeit zu nutzen. Man ist mehr, als man besitzt. Vielleicht, sagt Horx, schreibe er, wenn das Haus fertig werde im kommenden Jahr, einen Merkspruch über den Eingang: "Mein Eigen tum ist im Kopf." Falls es mal zu behaglich wird.

Das erinnert an die neuen Besitzverhältnisse: Da draußen vor der Tür ist noch eine ganze Welt. -