Partner von
Partner von

Bauherren, hört die Signale!

In den achtziger Jahren besetzten junge Leute in Berlin, Freiburg und Hamburg leer stehende Häuser, um sich gegen Spekulanten und grassierende Wohnungsnot zu wehren. Einige der Hausbesetzer von damals investieren heute im großen Stil in Immobilien. Ihre alten Ideale haben sie nicht geopfert.




- Manchmal fragt Christoph Villinger, ob man verstehen könne, warum sie damals, Anfang der achtziger Jahre, so radikal waren und so viel riskierten. Es ist aus heutiger Sicht auch schwierig nachzuvollziehen, was damals los war auf den Straßen. Die Wut darüber, dass Spekulanten Häuser leer stehen und verfallen ließen, obwohl die Wohnungsnot grassierte, brach sich Bahn. Zunächst in Berlin, später in Freiburg und Hamburg besetzten linke Aktivisten die ungenutzten Immobilien. Ganze Straßenzüge wirkten, als herrsche dort Bürgerkrieg.

Es war eine Zeit, in der sich Politiker mit der Frage beschäftigten, ob sie den inneren Frieden im Land wegen der Durchsetzung von Eigentumsrechten an gezielt verwahrlosten Grundstücken riskieren sollten. Es ging darum, wie weit Eigentum dem Gemeinwohl geopfert werden darf, obwohl es den Besetzern mancherorts um etwas ganz anderes ging - darum, das Gewaltmonopol des Staates zu brechen.

Und Christoph Villinger steckte mittendrin. Ein Vierteljahrhundert später blättert er durch einen dicken Ringbuchordner, der vollgestopft ist mit Mietverträgen, Kreditberechnungen und Schreiben von Banken, ein kleiner Mann mit jungem Gesicht, das Haar sauber geschnitten, mehr der Typ liebenswerter Nachbar als Anarcho. Er deutet auf Zahlenkolonnen, freut sich über günstige Zinsen und wirkt ausgefuchst in Finanzdingen. Dass seine Erläuterungen eine schwäbische Note haben, gewissermaßen die Ursprache des Häuslebauers, ist diesem Eindruck nicht abträglich.

Villinger hat das zu Beginn der achtziger Jahre von ihm mitbesetzte Haus gekauft: die Oranienstraße 45, die wie so viele andere Kreuzberger Adressen weit über Berlin hinaus Symbol der linken Szene war, weil sie für einen Sieg stand gegen die Politik, die Polizei und die Spekulanten. Schließlich hatte der Senat den Besetzern um des politischen Friedens willen Verträge mit lächerlichen Mietkonditionen und hohen Zuschüssen für den Ausbau der Häuser bewilligt.

Vor ein paar Jahren brach der Konsens. Das Land Berlin brauchte Geld und verkaufte Immobilien. Die einstigen Hausbesetzer waren älter geworden. Sie wollten keine Barrikaden mehr bauen.

In der Oranienstraße 45 leben heute Menschen wie Doris Fangmann, die schon 1980 als Studentin hier war und nun Lehrerin an einer Grundschule in Kreuzberg ist. Ihr mittlerweile erwachsener Sohn wuchs im Haus auf, und ihre Wohnung erinnert an "Schöner Wohnen". Es kamen neue Mieter hinzu, die nie ein Haus besetzt hatten, die Kinder mitbrachten und Ehepartner. Manche in der Oranienstraße 45 waren Teil des Systems geworden, das sie einst bekämpft hatten.

Als Berlin sich um die Jahrtausendwende von der Immobilie trennen wollte, wussten sie, dass die Zeiten von drei Euro Warmmiete pro Quadratmeter vorbei waren. Sie beschlossen, ihr Haus zu kaufen.

Mit dem Hauskauf haben Christoph Villinger und seine Nachbarn den Spekulanten und dem Kapitalismus das letzte Schnippchen geschlagen. Man kann dies das letzte Atmen der Hausbesetzerseele nennen. Sie nennen es die Neutralisierung des Eigentums.

Sie haben nämlich eine rechtliche Konstruktion gezimmert, die das Haus der Spekulation entziehen wird. In 28 Jahren, so zeigt es eine Tabelle in Villingers Ordner, werden die Kredite für die Oranienstraße 45 getilgt sein. Das Haus wird den Mietern nicht wirklich gehören. Es wird unverkäuflich sein.

Villinger und die anderen Hausbewohner haben einen Verein gegründet. Dieser Verein ist Gesellschafter einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Und diese GmbH kaufte vor vier Jahren das Haus. Doch die Bewohner sind nicht die einzigen indirekten Hauseigentümer. Die GmbH hat neben dem Verein der Bewohner einen weiteren Gesellschafter: das Mietshäuser Syndikat in Freiburg. Sollte die GmbH das Haus verkaufen wollen, müssten beide Gesellschafter, Bewohner und Syndikat, zustimmen. Das Mietshäuser Syndikat würde einem Verkauf aber niemals zustimmen.

Im Innenhof zwischen den Freiburger Häusern Grether Ost und Grether West hat sich das Syndikat versammelt. Vor 25 Jahren hätten Polizei und Stadtverwaltung diese Gruppe von sechs Personen skeptisch beäugt. Adressen, in denen das Wort Grether vorkam, waren in Freiburg zu jener Zeit wie die Oranienstraße in Berlin Symbole der Hausbesetzer.

Zwei der Anwesenden, Regina Maier und Elke Manz, waren damals in der Szene aktiv. Außerdem ist der Sozialarbeiter Jochen Schmidt gekommen, der zu den wichtigen Köpfen im Syndikat gehört und seit Beginn der neunziger Jahre die Finanzen regelt. Die anderen am Tisch sind zu jung, um von Hausbesetzerzeiten berichten zu können, sind sich aber sicher, dass sie im Falle einer früheren Geburt dabei gewesen wären.

Regina Maier, kurzes graues Haar, Sandalen, weiße Leinenhose, rote Cordjacke, erzählt im Breisgauer Idiom von "Grether Oscht" und "Grether Wescht" und davon, wie sie in den achtziger Jahren Angst hatten, die Häuser zu verlieren.

Es waren ja nicht irgendwelche Häuser, die sie da bewohnten; sie bedeuteten ihnen etwas. Maier zum Beispiel hatte das Medizinstudium abgebrochen, in einem Projekt im Haus getöpfert und später gegen Geld am Umbau mitgearbeitet. Es war in Freiburg schwieriger für die Besetzer als in Berlin, wo die Politik ihren Frieden haben wollte und niedrige Mieten und Zuschüsse für die Renovierung gewährte. In Freiburg war den Besetzern klar, dass sie irgendwann würden kaufen müssen.

Also sichteten sie Ende der achtziger Jahre Literatur, sprachen mit Juristen und Finanzexperten. Sie suchten Leute, die Geld hatten und bezahlbare Kredite geben konnten, um einen Teil des Kaufpreises zu schultern. Denn solche sogenannten Direktkredite gelten als Eigenkapital. Ist erst einmal Eigenkapital vorhanden, geben auch Banken Geld. Wenn die Kredite mit den Mieteinnahmen abbezahlt sind, sollten die Bewohner weiter Miete zahlen, um die Projekte anderer Hausgemeinschaften zu unterstützen. Es ging darum, das Geld nicht einem Vermieter zu überweisen, aber eben auch selbst keine renditegetriebenen Hauseigentümer zu werden.

Sie träumten von einem Verbund aus Häusern, die nicht verkauft werden können. Sie träumten von einem Verbund aus neutralisiertem Eigentum.

So wurde das Syndikat geboren, ein Verein, der sich wie in der Oranienstraße 45 in Berlin mit den Hausbewohnern an deren jeweiligem Haus beteiligt. Die Neutralisierung ist ein Mechanismus, den, wie Schmidt ihn beschreibt, sonst Banken gern verwenden: "Der Vertrag zwischen Syndikat und Hausbewohnern ist wie ein Safe. Es braucht immer zwei Personen, um ihn zu öffnen. Einen Schlüssel haben die Hausbewohner in Form ihres Vereins. Den anderen hat das Syndikat. Wenn einer der beiden nicht verkaufen will, dann ist das Haus dem Markt entzogen."

Dem Syndikat liegt rechtlich ein Verein zugrunde. Dessen Mitglieder sind die einzelnen Projekte sowie Einzelpersonen. Mittlerweile ist es an mehr als 40 Gesellschaften in ganz Deutschland beteiligt, denen Häuser gehören. Das sind kleine Projekte mit sechs Personen ebenso wie größere: Im Freiburger Projekt Susi, einer ehemaligen Kaserne, leben 260 Menschen. In den Alltag mischt sich das Syndikat nicht ein, es hat nur ein Veto-Recht beim Verkauf.

An das Syndikat angeschlossene Häuser bezahlen pro Quadratmeter eine Umlage von zehn Cent im Monat an den Verbund, der mit dem Geld neue Projekte finanziert - schließlich müssen Gesellschafter einer GmbH 25 000 Euro Einlage vorweisen, und das Syndikat steuert bei jedem Projekt gut die Hälfte bei.

Am Ende trägt die Dachorganisation kein Risiko außer für die Stammeinlagen. Im schlimmsten Fall gehen die Direktkredite verloren, und die Banken bekommen das Haus - was bislang aber noch nicht vorkam. Die Hausgemeinschaften haben teilweise eigene Solidarregeln, falls etwa jemand seine Miete nicht bezahlen kann. Es ist aber manchmal ein Spagat, Mieter und Vermieter zugleich zu sein - auch in Syndikatshäusern hat es schon Wohnungsräumungen gegeben.

Es gibt keine Häuser mehr zum Besetzen. Die Kommunarden von heute bauen selbst

Wer sich dem Syndikat mit einem Projekt anschließen möchte, muss sich auf einer Versammlung vorstellen. Dort traten neulich beispielsweise Damen auf, die sich gemeinsam etwas für das Alter aufbauen wollen. In lebhafter Erinnerung ist Teilnehmern auch ein Punk, der zwar nicht der Gepflegteste war - der aber, nachdem er sein Bier weggestellt hatte, mit einer beachtlichen Powerpoint-Präsentation aufwartete.

Wer aufgenommen wird, den beraten die Experten des Syndikats bei der Finanzierung und den Verhandlungen mit Eigentümern - zum Beispiel dabei, wie sich Preise drücken lassen. Bei Bedarf könne das Syndikat neben Öffentlichkeitsarbeit auch dabei helfen, konkurrierende Investoren "aufzumuntern", wie ein junger Mann am Tisch zwischen den Grether-Häusern sagt. Wenn zu Investorenterminen Bauwagen vor den entsprechenden Häusern parkten, wirke das Wunder.

Allerdings ist das ein bisschen Besetzer-Folklore. Wirklich helfen wird es nicht mehr. Zumal die Zeiten der Besetzung angesichts weniger leer stehender Häuser, vor allem öffentlicher Gebäude, vielerorts vorbei sind. Die Kommunarden von heute bauen deshalb selbst. Es ist kein großer Schritt mehr vom Kollektiv zur bauenden Gesellschaft mit beschränkter Haftung. In Hamburg-Altona geht es in einen Hinterhof, darin eine Wendeltreppe hinauf, und oben wartet der Mann, der nach dem Syndikatsmodell ein Haus für 17 Parteien bauen möchte. Es wird 2,4 Millionen Euro kosten. Es ist ein wenig wie in den alten Zeiten, als sie die Druckerei hier oben als Kollektivbetrieb führten.

Rolf Weilert ist ein offener und selbstbewusster, 51 Jahre alter Mann mit aufgestelltem und vorn ein wenig lichtem Haar. Er trägt sportliche Sandalen, und man merkt seiner Sprachfärbung an, dass er aus Hamburg kommt. Nun verhandelt der ehemalige Sponti mit Beamten der Stadt und stellt steuerliche Berechnungen an. Es gibt keinen Fördertopf, den er nicht kennt.

Das Grundstück hat die bereits gegründete GmbH schon gekauft. Der Preis ließ sich drücken, weil darauf Aussteiger in Bauwagen leben. Die neuen Bauherren sicherten ihnen zu, dass sie bleiben dürfen, so gab es keinen Ärger, und der Verkäufer war froh, sein 591-Quadratmeter-Grundstück schnell loszuwerden. Darauf steht noch ein Haus, in dem früher die Hamburger Lokalredaktion der "Taz" arbeitete. Sie werden es abreißen lassen; ein paar Arbeiten machen die künftigen Bewohner selbst. "Die Arbeit wird dem Eigenkapital zugerechnet, und so bekommen wir bessere Kredite", sagt Weilert, der das erste juristische Staatsexamen bestanden hat und dem mangels Interessenten ("Steuern sind ja in der linken Szene nicht so verbreitet") schon in der ehemaligen Kollektivdruckerei die Finanzfragen zufielen.

Hinter Weilert fällt Sonnenlicht durch vergilbte Vorhänge in den Pausenraum seiner Druckerei. An der Wand hängen vier Zeichnungen des geplanten Hauses, ein liegender Quader mit einem Durchbruch für die Bauwagen und ein farblich abgesetztes oberes Stockwerk. In diesem Raum gab es zahlreiche Treffen der Bauwilligen, in denen es um Raumgrößen, Bodenbeläge und Kacheln ging und um Quadratmeter gefeilscht wurde. Außerdem mussten sie Eigenkapital besorgen, was sich aber in überschaubaren Dimensionen bewegt: Zum einen konnte Weilert mittels Bürgschaften, die bei Banken als Eigenkapital gelten, einiges erleichtern. Zum anderen gilt sein Projekt als sozialer Wohnungsbau. Deshalb muss er zwar Auflagen erfüllen; die Ämter, die sich um Baugemeinschaften kümmern, haben aber mitgezogen. Nun scheint die Finanzierung zu stehen.

Ein Kauf mit Eigenheimzulage war für die Autonomen seelisch nicht zu verkraften

Im Sommer 2009 wollen 17 Erwachsene mit sechs Kindern einziehen. Unten wird ein Kaffeevertrieb die Gewerbefläche nutzen. "Der Gedanke ist schon eine Hausgemeinschaft", sagt Weilert. "Zusammen zu leben und nicht nur zu wohnen. Wir haben auch einen Aufzug eingeplant, weil wir im Alter vielleicht mit mehreren Generationen unter einem Dach leben wollen." Das Mietniveau solle etwa 25 Prozent unter dem Mietenspiegel liegen, bei sieben Euro pro Quadratmeter, und die sieben Euro sollen möglichst auch langfristig bleiben. Aber es geht Weilert nicht nur um die Miete: "Es zählt auch der politische Anspruch der Kapitalneutralisierung."

Die Bewohner der Oranienstraße 45 in Berlin hatten den Kauf auch aus politischen Erwägungen lange diskutiert. Es gab auf der einen Seite solche, die für sich allein kaufen und gar die Eigenheimzulage mitnehmen wollten. Für die Autonomen auf der anderen Seite war die Eigenheimzulage seelisch nicht zu verkraften. So kam es zur Zwischenlösung des Syndikats.

Ein paar der 34 Bewohner der Oranienstraße 45 haben sich im Innenhof eingefunden. Christoph Villinger ist dabei, die Lehrerin Doris Fangmann, Stephan Samuel, der erst 2004 mit seiner Familie eingezogen ist, und es setzen sich laufend Vorbeikommende an den Tisch wie auf einem Dorfplatz. Ein paar teilen sich Teetassen. Doris Fangmann sagt: "Wir wollten damals zusammen leben und arbeiten. Ein bisschen von diesem Traum und von den Idealen hat überlebt. Nun können wir unseren Lebensraum selbst gestalten. Seit uns das Haus gehört, haben wir sogar noch mehr Freiraum." Anfang des Jahres haben sie für 40 000 Euro eine Dachterrasse aufgestockt, sauber finanziert und genehmigt. Sie zahlen nun 250 Euro Miete pro Kopf, vor dem Kauf waren es 150.

Die Frage ist: Werden in 30 Jahren, wenn alles abbezahlt ist, alle zufrieden damit sein, dass sie ihre Mieten an das Syndikat abführen? Könnte es nicht sein, dass in ein oder zwei Generationen vom Gedanken der Eltern nicht mehr viel übrig bleibt? Stephan Samuel sagt, es bestehe "schon die Gefahr, dass am Ende Kosten geschaffen werden und man anfängt, Sauna und Schwimmbad zu bauen. Es ist sicher ein Spagat, Mieter und Vermieter in einem zu sein." Aber vielleicht wird es auch so werden, dass sie dann die Häuser für das Zusammenleben mehrerer Generationen unter einem Dach umbauen, so wie es sich Rolf Weilert in Hamburg wünscht. Zumindest aus Sicht der Hausbesetzer von einst wäre das eine unerwartete Wendung. -