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Anfrage und Nachgebot

Bisher konnten arme Länder Erdöl nur mithilfe reicher Länder fördern. Jetzt ändern sich die Verhältnisse. Ein Gespräch über Erdölnationalismus und gerechtes Teilen mit Robert Mabro vom Oxford Institute for Energy Studies.




brand eins: Die großen Erdölkonzerne waren einmal mächtige Unternehmen. Heute wird BP in Russland gegängelt, Shell in Nigeria, Exxon Mobil in Venezuela. Müssen sich die Konzerne auf härtere Bedingungen einstellen?

Robert Mabro: Das Erdöl ist in den Produzentenländern eine nationale Ressource, und viele dieser Länder wollen gegenwärtig die Kontrolle über diese Ressource erlangen. So entsteht, was manche "Ölnationalismus" nennen. Es gibt ihn in Entwicklungsländern, die Erdöl haben, wie Venezuela und Nigeria; und es gibt ihn in Zweite-Welt-Ländern wie Russland, weil sie stark von Rohstoffen abhängen.

Der Erdöl- und Erdgasexport ist wichtig für ihre Zahlungsbilanz und für ihren Haushalt. Er ist in der Tat meist die einzige Einkommensquelle für diese Staaten. Fast alle waren zu Beginn der Erdöl-Ära bitterarm. 1970 gab es etwa in Saudi-Arabien kaum geteerte Straßen. Als auf ihrem Territorium Erdöl entdeckt wurde, waren diese Länder auf die Hilfe der westlichen Konzerne angewiesen. Ihnen fehlte das Geld, die Technik, das Wissen, und es fehlten die Arbeitskräfte. Deshalb vergaben sie Konzessionen an die Konzerne. Aber mit der Zeit haben sie gelernt, wie Bodenschätze ausgebeutet werden, und sie können es inzwischen selbst. Das ist die Grundlage des Ölnationalismus.

Doch der kommt erst zu einem Zeitpunkt extrem hoher Erdölpreise. Ist das Zufall?

Nun gut. Was wir gerade in Ländern wie Venezuela, Bolivien, Brasilien, Kasachstan, Russland und Nigeria sehen, ist die Folge einer enormen Frustration. Während der neunziger Jahre schlossen sie Verträge mit westlichen Erdölgesellschaften, in denen die Konzerne eine Bohrkonzession erhielten, die 20 bis 25 Jahre gültig war. Damals war der Erdölpreis extrem niedrig. Die Länder waren daher in ihrer Verhandlungsposition schwach, entsprechend günstig waren die Bedingungen für die Investoren.

Aber viele dieser Länder stellten zu dieser Zeit für die Konzerne auch ein sehr großes finanzielles Risiko dar, etwa Russland oder Nigeria.

Trotzdem gab es Verträge, die unglaublich waren. Nehmen Sie etwa das weltweit größte Erdgas-Projekt Sachalin-I I in Russland. In dem Abkommen zwischen Royal Dutch Shell und der russischen Regierung unter Präsident Boris Jelzin wurde vereinbart, dass die Firma das Recht hat, so lange hundert Prozent der gesamten Produktion zu behalten, bis sie das investierte Kapital wieder eingespielt hat. Das bedeutet nichts anderes, als dass über mehrere Jahre hinweg Shell alles bekommt, abzüglich der Exportsteuern, und Russland nichts. Erst nach dieser Frist hat auch das Land etwas von seinen eigenen Bodenschätzen.

Zu allem Elend stellte sich dann auch noch heraus, dass die Experten bei Shell sich verrechnet hatten und sich die Kosten zur Erschließung des Gasfeldes inzwischen verdoppelt haben. Es würde also doppelt so lange dauern, bis der russische Staat seinen Anteil erhielte.

Wer hat Russland denn dazu gezwungen, einen solchen Vertrag zu unterschreiben?

Ich kann mir nur vorstellen, dass Jelzin betrunken war. Im Ernst: Damals brauchte Russland die Technik und das Know-how von Shell. Das Land hatte keine Verhandlungsmacht. Und als dann Wladimir Putin Präsident wurde und verstand, dass das ein schlechter Deal war, zwang er Shell dazu, einen Teil der Konzession an Gazprom zu verkaufen. Ist das jetzt Rohstoff-Nationalismus? Ja, und er ist verständlich. Denn die Bedingungen, die zum Abschluss des Vertrages führten, haben sich verändert.

Aber Vertrag ist Vertrag. Auf irgendetwas will sich ein Unternehmen, das Milliarden investiert, doch stützen können.

Hören Sie bloß auf mit Sätzen wie: "Vertrag ist Vertrag! " Wenn Sie mit Ihrem Chef einen Vertrag haben und sich die äußeren Umstände verändern, dann haben Sie oder Ihr Chef auch das Recht, den Vertrag nachzuverhandeln. Verträge sind nicht heilig. Wer das sagt, versteht nichts von Geschäften. Möglicherweise ist ein Vertrag zu einem bestimmten Zeitpunkt gerechtfertigt. Wenn der Erdölpreis aber von etwas mehr als zehn Dollar im Jahr 1998 auf 130 Dollar im Jahr 2008 steigt, dann haben sich die äußeren Umstände radikal verändert, und man muss dann auch den Eigentümern der Bodenschätze mehr abgeben.

Geht es der Regierung in Russland oder Hugo Chávez in Venezuela tatsächlich nur um einen höheren Anteil an den Erdölgewinnen, oder betreiben sie nicht eher Machtpolitik mit ihren Ressourcen?

Wenn Sie eine Regierung sind, dann geht es Ihnen selbstverständlich um Macht. Deshalb machen Sie ja Politik. Und zu diesem Zweck werden Sie diejenigen Instrumente einsetzen, die Sie haben - wenn Sie ein Erdöl produzierendes Land sind, eben Ihr Erdöl. Die USA nutzen permanent ihre militärische und politische Macht zur Durchsetzung ihrer Interessen. Und bei den machtpolitischen Ambitionen von Venezuelas Präsident Hugo Chávez wäre ich bei der Bewertung vorsichtig. Er vereinbarte mit dem ehemaligen Londoner Bürgermeister Ken Livingston, billiges Erdöl zu liefern, damit arme Londoner preiswerter Bus fahren können. Er lieferte verbilligtes Erdöl an Kuba oder arme zentralamerikanische Staaten. Wo ist da die Machtpolitik?

Wenn Chávez den USA droht, ihnen kein Erdöl mehr zu liefern.

Das ist nur Geschwafel, das ist keine Machtpolitik. Er kann das gar nicht. Er muss sein Erdöl auch verkaufen. Und die nahe gelegenen USA sind ein guter Markt.

Und was ist mit Russlands ehemaligem Präsidenten Putin? Ist das auch nur ein Schattenboxer?

Europa hatte Angst vor Putin, weil es Erdgas braucht. Als die Ukraine im Jahr 2006 Putins Preis für das Erdgas nicht mehr bezahlen wollte, hat er den Druck in der Pipeline gesenkt, und in Italien kam dann nichts mehr an, weil es dieselbe Röhre ist. Das mag zunächst einmal bedrohlich gewirkt haben. Aber wir müssen uns die ganze Geschichte ansehen. Als die Ukraine noch zur Sowjetunion gehörte, bekam sie Erdgas zu Vorzugspreisen. Als unabhängiger Staat bekommt sie eben kein subventioniertes Gas mehr von Russland, sondern muss den regulären Preis bezahlen. Das wollte die Ukraine nicht akzeptieren, also lieferte Putin nicht mehr, und Europa reagierte hysterisch. Europa hat eben ein Problem mit Putin. Jedes Mal, wenn Gazprom versucht, in anderen Ländern zu expandieren, geht ein Aufschrei durch Europa. Warum soll Gazprom keine internationale Firma sein, aber für BP, Shell, Exxon Mobil, Repsol oder Eni ist das kein Problem?

Möglicherweise, weil diese Unternehmen aus demokratischen Ländern stammen.

Ach, ja? Deutschland hängt ab vom russischen Gas und hat schon aus der Sowjetunion Erdgas importiert. Man kann wirklich nicht sagen, dass die Sowjetunion demokratischer war als das heutige Russland. In den siebziger Jahren versuchten die USA, Deutschland davon abzubringen, von der Sowjetunion Erdgas zu kaufen. Vergeblich.

Muss man deshalb alles hinnehmen, was in Russland passiert? Besteht nicht die Gefahr, dass die dortige Regierung mit dem Erdgas politische Entscheidungen erzwingen will und versucht, Europa zu erpressen?

Ich ignoriere nicht, dass der ehemalige Präsident Putin autoritäre Tendenzen hatte. Selbstverständlich gibt es Probleme mit Russland. Aber die generelle Reaktion der EU auf vieles, was dieses Land tut, ist neurotisch und paranoid.

Wie sollte heute ein Vertrag aussehen zwischen einem Land, das Erdöl besitzt, und einer privaten Firma, die es fördert?

In der gegenwärtigen Situation ist ganz klar, dass die Regierung selbst eines armen Landes in der besseren Position ist. Mein Rat an beide Seiten wäre: Verhandelt einen Vertrag mit einer langfristigen Perspektive. Da wir alle nicht wissen, wie sich die Preise in Zukunft entwickeln werden, muss es ein Vertrag sein, der für die gegenwärtige Situation gestrickt ist. Es muss in ihm eine Klausel geben, die ganz genau klärt, unter welchen Bedingungen neu verhandelt werden muss, etwa bei einem starken Anstieg oder Fall der Preise. Denn beide Seiten brauchen Sicherheit. Sie können aber auch gleich Preisformeln in den Vertrag aufnehmen und die Steuerquote an die Erdölpreisentwicklung binden, sodass sich im Falle eines höheren oder niedrigeren Preises der Vertrag automatisch anpasst. So haben beide Seiten etwas davon.

Könnte man es sich nicht einfacher machen? Das Erdöl gehört dem Land, die Firma übernimmt das Risiko, also teilen sich beide den Gewinn?

Alle denken, 50:50 wäre gerecht. Aber das ist nicht gerecht. Der Vorschlag basiert auf einem künstlichen Gerechtigkeitskonzept. Ein Beispiel: Auf einem Tisch steht ein Kuchen, darum herum sitzen der Vater, die Mutter und die drei Kinder. Wollte man jedem ein gleich großes Stück geben, so hätten wir ein Problem. Denn die Erwachsenen haben einen wesentlich höheren Kalorienbedarf. So ist das mit dem Erdölfeld auch.

Aber die Firma übernimmt ein großes finanzielles Risiko für das Investment.

Die Firma muss auch genug kriegen. Es muss klar sein, dass sie ihren Anteil davon bekommt, wenn mehr Erdöl in einem Feld gefördert wird als erwartet; wenn die Reserven höher sind als berechnet; wenn die Preise höher steigen als gedacht. Selbstverständlich hat die Firma darauf ein Recht. Aber wie viel soll sie erhalten? Das ist schwer zu sagen. Es hängt von vielen Faktoren ab: Wie hoch war das anfängliche Investment? Wie hoch das Risiko? Wie lange wurde das Feld erkundet? Zum gegenwärtigen Zeitpunkt würde ich sagen: 80:20. Und zwar 80 Prozent für das Land und 20 für das Unternehmen. Das spiegelt die heutige Marktsituation wider.

Bleibt den großen westlichen Ölfirmen eine andere Wahl, als solche Deals zu akzeptieren?

Sie haben momentan keine guten Karten. Das Problem ist, dass viele Erdöl produzierende Länder den westlichen Ölfirmen nicht mehr trauen, weil sie in der Vergangenheit zu geizig waren. Hinzu kommt, dass die Unternehmen Opfer ihrer eigenen Strategie geworden sind. Die großen Aktionäre der Erdölgesellschaften fürchten das Risiko. Sie wollen eine Rentabilität von 20, 25 Prozent bei einem Erdölfeld, auch wenn Stromerzeuger und Kraftwerke viel weniger auf ihr eingesetztes Kapital bekommen. Damit wird die Welt unweigerlich kleiner für die großen Erdölgesellschaften. Es gibt Felder, die sie anzapfen könnten, aber sie tun es nicht, weil sie zu wenig Geld dabei rausbekommen.

Schauen Sie: Überall, wo gebohrt wird, gibt es bestimmt ein kleineres Erdölfeld in der Nähe. Warum wird es nicht ausgebeutet? Weil den Privaten häufig die Gewinnaussichten zu niedrig sind. Aber manchmal muss man sich eben mit weniger begnügen. Hinzu kommt: Sie haben viel von ihrem Wissen verloren, weil sie während der vergangenen Dekade die eigenen Kosten zu stark gesenkt und dabei eine Menge guter Leute verloren haben. Einige Erdölkonzerne haben noch nicht einmal eine Abteilung, welche die politische Situation in den Ländern, in denen sie aktiv werden wollen, analysiert.

Brauchen Staaten wie Saudi-Arabien, Kuwait oder Venezuela noch die Technik, das Wissen und die Management-Erfahrung der westlichen Ölfirmen?

Nicht mehr. Technik und Wissen bekommen Sie heute auch von den Dienstleistern wie Schlumberger oder Halliburton. Dafür brauchen Sie nicht Shell, Exxon Mobil oder Chevron, auch wenn die sagen: "Wir können große Projekte managen, das ist unser komparativer Vorteil." In gewisser Weise stimmt das zwar. Aber in Nigeria hat die spanische Repsol sehr lange gebraucht, bis endlich Erdöl aus den Feldern gepumpt wurde. Oder in Russland, wo das Sachalin-I I unter der Führung von Shell doppelt so teuer wurde wie erwartet. Es reicht nicht, nur zu behaupten, dass man Projekte managen kann. Man muss es auch in der Praxis beweisen.

Inzwischen fallen rund 90 Prozent der weltweiten Erdöl- und Erdgasreserven auf Staatsunternehmen wie Saudi Aramco, die venezolanische PDVSA und die russische Gazprom. Konzerne wie Exxon Mobil, Shell oder BP haben es immer schwerer, an Rohstoffe zu kommen. Bedeutet dies das Ende von Big Oil?

Ich glaube nicht. Denn wir dürfen nicht vergessen: Die westlichen Ölgesellschaften sind sehr stark in der Veredelung des Rohstoffes. Sie verarbeiten mehr Öl, als sie produzieren. Sie haben sehr große Raffinerien. Und mir gefällt es grundsätzlich nicht, den Tod von jemandem vorauszusagen. Menschen sterben, Firmen manchmal nicht.

Trotzdem scheinen von dem hohen Preis vor allem die staatlichen Firmen zu profitieren.

Ein hoher Preis eines Produktes provoziert immer eine Antwort auf der Nachfrageseite und eine auf der Angebotsseite. Bei Erdöl und Erdgas braucht diese Antwort Zeit, um sich zu artikulieren. Es gibt bereits sehr starke Anzeichen dafür, dass die Nachfrage sinken wird, besonders in den USA. Ob dies auch in den Entwicklungsländern, etwa in China, der Fall ist, ist noch nicht sicher. Die Regierung wird auch in Indien nicht ewig die Treibstoffpreise subventionieren können. Beim Angebot von Erdöl verhält sich die Sache anders.

Das Angebot steigt, wenn mehr in Förderung investiert wird. Und in Zeiten hoher Preise wird auch dort investiert, wo es sich vorher nicht gelohnt hat. Etwa in Bohrungen in sehr tiefem Wasser oder in Ölsand. Nehmen wir also an, Sie wollen investieren. Dann fragen Sie sich, wann wird die Nachfrage steigen und der Preis fallen? Wird er in einem Jahr, in zwei, drei Jahren fallen? Lohnt sich dann mein Projekt noch? Und wenn ich mir das genau ansehe, komme ich zu der Ansicht, dass niemand in der Erdölbranche glaubt, dass der Preis hoch bleiben wird.

Ist das Ihr Ernst?

Zwar sagen viele, der Preis bleibt hoch. Aber wenn es darum geht, Investment-Entscheidungen zu treffen, sind sie alle sehr vorsichtig. Denn der Aufsichtsrat wird fragen: Auf welcher Grundlage wurden die Erträge für eine Investition errechnet? Kein Aufsichtsrat wird es zulassen, dass dabei mit 100 Dollar je Barrel Rohöl gerechnet wird. Die werden eher mit 60 Dollar je Barrel rechnen, um auf Nummer sicher zu gehen. Denn ein Projekt braucht vielleicht fünf Jahre, bis es Erdöl produziert, und dann braucht man 20 Jahre, bis etwas daran zu verdienen ist. Und wenn man nicht sicher ist, ob sich der hohe Preis halten wird, dann kalkuliert man, so wie jetzt, vorsichtig.

Aber es ist doch klar, dass Erdöl eine endliche Ressource ist, also ist ein weiterer Preisanstieg logisch, wenn die Vorräte zur Neige gehen.

Bis das Erdöl komplett aus dem Boden gepumpt sein wird, wird es noch einige Zeit dauern. Ich bin kein Anhänger dieser Peak-Oil-These, wonach bald alles verbraucht ist. Im Irak liegen Milliarden von Barrel, die niemand ausbeutet, weil die Sicherheitslage sehr schwierig ist. Auch helfen technische Verbesserungen. In vielen Erdölfeldern gelingt es den Betreibern, nur 35 Prozent der Reserven herauszuholen. In Norwegen hingegen werden 60 Prozent des Erdöls an einer Bohrstelle herausgepumpt.

Wenn wir mehr Öl wollen und keine neuen Felder finden, dann müssen wir mit besserer Technik arbeiten und können so vielleicht überall 40, 45, 50, 55 oder 60 Prozent aus einem Feld herausholen. Dann haben wir unsere Reserven fast verdoppelt, ohne neue Quellen entdeckt zu haben. Und jedes Mal, wenn es einen Preisschock gibt, so wie jetzt, wird mehr in Forschung und Förderung investiert. Es gibt noch genügend geologische Reserven. -

Robert Mabro wurde 1934 in Alexandria geboren. Er studierte Ingenieurswissenschaften, Philosophie und Ökonomie. Als Professor arbeitete er am St. Antony's College in Oxford und gründete 1982 das Oxford Institute for Energy Studies, dessen Ehrenpräsident er heute ist