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Afrika frisst Kapital auf

Wer es südlich der Sahara zu etwas bringt, muss mit der Familie teilen. Das ist schön für die. Und schlecht für die Entwicklung. Einblicke in ein besonderes Sozialsystem.




- Paul Kabanda hatte, so dachte er, Glück. Der 31-jährige Ugander ergatterte einen Job bei einem internationalen Getränkekonzern: Die kargen Jahre, die er seinen Farmer-Eltern auf der Tasche gelegen hatte, schienen endgültig vorbei. Er zog mit seiner Verlobten und dem gemeinsamen Kind in die Hauptstadt Kampala, kaufte sich einen Kleinwagen auf Pump und mietete eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern. "Endlich", sagt der Marketing-Experte, "zeigte sich die Welt von ihrer Schokoladenseite."

Doch die Schokolade schmolz schnell dahin. Von Anfang an stand fest, dass Kabanda einen Teil seines Gehalts nach Hause zu überweisen hatte, denn in afrikanischen Gesellschaften gilt es als selbstverständlich, dass ein Erfolgreicher mit der Familie teilt. Bald stand auch der erste Vetter vor der Tür. Wer nur eine Frau und ein Kind hat, kann keinen Anspruch auf zwei Schlafgemächer erheben. Wenig später zog ins Zimmer des Vetters noch dessen Bruder ein. "Und weil beide keinen Job finden konnten, bedienten sie sich wie selbstverständlich aus meinem Kühlschrank."

Regelmäßig seien zudem Hilferufe aus dem Heimatstädtchen seiner Frau eingegangen. Enweder wurde Geld für eine Hochzeit, eine Beerdigung oder ein neues Zinkdach gebraucht. Eines Tages stand dann auch noch Kabandas jüngerer Bruder vor der Tür, rollte seine Bastmatte in der Küche aus und legte seine Hand auf Pauls Kleinwagen: Er wollte sein Glück als Taxifahrer versuchen. Ein Unfall beendete die anvisierte Laufbahn allerdings jäh. Und wenn Paul Kabanda nicht irgendwann die Chance erhalten hätte, für seinen Konzern im Ausland tätig zu werden - er wäre "als Opfer der afrikanischen Raubfamilie wieder in bitterer Armut versunken". Inzwischen kann er wieder scherzen.

"Man muss sich das wie beim Schwimmen vorstellen", sagt der ugandische Soziologe Patrick Mulindwa. "Man rudert und rudert, während sich überall Leute an einem festklammern." Ein Fortkommen sei auf diese Weise nahezu ausgeschlossen, fährt der Soziologe fort: einer der Gründe für die hartnäckige Entwicklungsresistenz des Kontinents. Der ständige Zugriff der Familie, der jeden erfolgreichen Ausreißer gleich wieder auf den Boden der ärmlichen Dorfwirklichkeit zurückhole, verhindere die in kapitalistischen Wirtschaftsräumen so dringend notwendige Kapitalansammlung, sagt Mulindwa. Der Kontinent drohe am familiären Solidaritätszwang zu ersticken.

Doch nach wie vor ist die Großfamilie das Rückgrat Afrikas. Weil es in den meisten Gesellschaften südlich der Sahara keine staatlichen Sozialsysteme gibt, ist die Familie dort wichtiger als irgendwo anders auf der Welt. Wer keinen familiären Rückhalt hat - und das bekommen dieser Tage vor allem Aids-Waisen zu spüren -, ist meist schon im Alltagsleben, spätestens allerdings im Fall von Missgeschicken aufgeschmissen. Wenn in Simbabwe jemand stirbt, legt die Großfamilie für die Kosten der Beerdigung zusammen. In Südafrika fungieren Wanderarbeiter, die ihr Glück in Minen oder den urbanen Zentren suchen, als Pioniere, die für nachziehende Familienangehörige Arbeits- und Unterkunftsmöglichkeiten sichern. Und auf dem gesamten Kontinent sucht man vergebens Altersheime; sie gelten als Inbegriff europäischer Herz-und Respektlosigkeit. "Afrikanische Großfamilien sind Zufluchtsstätten, Versicherungsgesellschaften und Arbeitsämter in einem", sagt der Sozialwissenschaftler Mulindwa. Besonders in ländlichen Regionen, wo noch immer der weit überwiegende Teil der Afrikaner lebt, sind die Blutsbande unersetzlich.

Allerdings gibt es auch dieses soziale Netz nicht zum Nulltarif. Viele Afrikaner leiden unter familiären Verpflichtungen wie wohlhabende Europäer unter dem Höchststeuersatz. Manche entziehen sich dem Zugriff, indem sie dem fordernden Schoß der Familie entfliehen. Andere legen sich heimlich Bankkonten an, auf denen sie zumindest einen Teil ihrer Einkünfte vor der Familie verstecken. Wieder andere bemühen sich erst gar nicht um einen sich bietenden Karrieresprung, weil die Belohnung doch nur von der Familie weggeschnappt würde. Längst hat das Thema auch Einzug in die Literatur gehalten: In Redmond O'Hanlons Roman "Kongofieber" gräbt ein erfolgreicher afrikanischer Wissenschaftler einen Graben um sein Haus und setzt dort Krokodile aus. Nur auf diese Weise meint er sich vor den Begehrlichkeiten der Verwandtschaft schützen zu können.

Robert Gumede hat solchen Schutz nicht nötig, obwohl es bei dem 44-jährigen Südafrikaner mehr als bei fast jedem anderen zu holen gäbe. Schon als Siebenjähriger strich das fünfte von sieben Kindern sein erstes Gehalt ein - als Caddy im Golfclub der südafrikanischen Provinzhauptstadt Nelspruit. Als Neunjähriger heuerte er zusätzlich als Gärtner bei einer weißen Mittelschichtsfamilie an. Und am Wochenende verkaufte er noch im Auftrag seiner Mutter Secondhand-Kleidungsstücke. Alles parallel zur Schulausbildung. Seine gesamten Einkünfte lieferte der eifrige Robert widerspruchslos seiner alleinerziehenden Mutter ab, die außer für ihre sieben Kinder noch für vier weitere Verwandte zu sorgen hatte, sie selbst verdiente als Haushaltshilfe lediglich einen Mini-Lohn. Nur wenn es Robert gelang, einen Rock oder Pullover für etwas mehr als den von Muttern empfohlenen Preis zu verkaufen, durfte er die Hälfte des zusätzlich erwirtschafteten Gewinns für sich behalten. "Nie wäre ich auf die Idee gekommen, meine Mama zu betrügen", sagt er heute.

Gumedes unternehmerischer Elan war von keinem familiären Griff zu bremsen. Heute lebt der Firmenchef in einer fast vier Millionen Euro teuren Villa in der feinsten Wohngegend Johannesburgs. Vor seiner Eingangstür ist ein nagelneuer dunkelblauer Aston Martin geparkt, in einer der acht Garagen außerdem ein Rolls-Royce. Gumede gehört den "Black Diamonds" an, den schwarzen Neureichen. Er besitzt einen Fußballclub, die "Dangerous Darkies", und hat gerade die Mehrheit am Reiseveranstalter Tourvest erworben, der jährlich 100 000 Deutsche nach Südafrika bringt. Sein Imperium soll fünf Milliarden Rand wert sein, fast 410 Millionen Euro.

Entgegen der landläufigen Auffassung seien afrikanische Gesellschaften keineswegs egalitär, sagt der ghanaische Wirtschaftswissenschaftler Frederick Obeng. Abgesehen vom Land, das traditionell der Gemeinschaft gehöre, werde der Privatbesitz an Vieh, Häusern oder Produktionsmitteln durchaus geschätzt. Auch werde "von niemandem erwartet, dass er seinen ganzen Reichtum mit der Großfamilie teilt". Der Beitrag, den ein Familienmitglied an den "Agbadoho", den Familientopf, entrichte, hänge von ihm selbst ab, fährt der Professor fort. Nur wer sich ganz aus der Verantwortung zu stehlen suche, müsse mit Sanktionen rechnen. Die Ächtung ist die einzige Strafe, die der Sippe für beitragssäumige Mitglieder zur Verfügung steht. Sie ist allerdings höchst wirksam, weil ein von seiner Familie geschnittener Afrikaner - zumindest in traditionellen ländlichen Gebieten einem in die Wildnis ausgesetzten Schaf ähnelt.

Aufsteiger müssen als Erstes teilen lernen.
Und die Kunst, sich nicht ausnehmen zu lassen

Ließe er seine Familie links liegen, fühlte er sich nicht nur hundsmiserabel, sagt Robert Gumede: Er müsste auch damit rechnen, dass ihm das Glück die kalte Schulter zeige. "Meine Ahnen wären zu Recht zornig, wenn ich mit dem Rolls-Royce herumfahre, während meine Mutter im Slum wohnt." Einem Zulu-Sprichwort zufolge hätten sich die Mitglieder einer Familie selbst noch den Kopf einer Heuschrecke zu teilen. Auch wenn er dieser Forderung nicht ganz gerecht wird, hat Gumede in seiner Villa immerhin zwei Neffen aufgenommen, die auf seine Kosten in Johannesburg studieren. Und dauernd klingelt das Telefon, weil irgendjemand etwas von Onkel Robert haben will. Ob und wie viel der schwarze Diamant ausspuckt, ist allerdings ausschließlich seine Sache: "Darüber gibt es keinerlei Regeln." Ein Onkel, den er dabei erwischt hat, dass er das von ihm erbetene Geld nicht, wie ursprünglich behauptet, für die Reparatur seines Transporters brauchte, geht inzwischen leer aus. "Und kein Mensch wird mir übel nehmen, dass ich dem in Zukunft nie mehr etwas gebe."

Familiäres Teilen ist nach Auffassung des Literaturwissenschaftlers Robert Muponde eine Kunst, die strategisches Gespür und rücksichtslose Selektion erfordert: "Da man ohnehin nicht die ganze Sippe unterstützen kann, muss man auswählen und knallhart Bedingungen setzen", sagt der Simbabwer. Er selbst profitierte von diesem Selektionsprinzip. Das vierte von zwölf Kindern wurde bereits in der Grundschule als besonders begabt identifiziert: Man schickte es in die beste Schule; außer von seinen Eltern wurde es auch noch von seiner Tante unterstützt. Und wie Millionen afrikanischer Leidensgenossen steckten seine Geschwister ohne zu murren zugunsten des Hoffnungsträgers zurück. Der enttäuschte die Erwartungen nicht: Er beendete die Schule mit Bravour, studierte, promovierte und lehrt inzwischen als Professor an der südafrikanischen Witwatersrand-Universität. Selbstverständlich erwartet nun seine in Simbabwe noch immer trostlos vor sich hin farmende Familie, dass der Auserwählte seinen "Kredit" zurückbezahlt - und Muponde wäre der Letzte, der sich dieser Verpflichtung zu entziehen suchte.

Doch der schwere Fehler, den sich der anfangs erwähnte Ugander Paul Kabanda in Mupondes Augen zuschulden kommen ließ, wird dem Professor nicht unterlaufen. Der hat bereits zwei jüngere Verwandte entdeckt, die er seinerseits als künftige Hoffnungsträger unterstützt, andere gehen leider leer aus. Auch lässt er keineswegs jedes Familienmitglied, das seine Chance gekommen sieht, in seinem Johannesburger Haus einziehen: Wer dafür infrage kommt, wird von dem Gastgeber sorgfältig ausgesucht. Und darf seinen Aufenthalt auch nur als zeitlich begrenztes und inhaltlich genau definiertes Projekt verstehen. "Man muss in diesen Dingen genauso abgebrüht vorgehen wie bei der Einstellung eines Angestellten", sagt Muponde schmunzelnd.

Der Wirtschaftswissenschaftler Frederick Obeng räumt ein, dass im familiären Ausbeutungssystem möglicherweise die Wurzel einer der Fehlentwicklungen des Kontinents zu suchen ist: die Entstehung der sogenannten Big Men - reicher, autokratischer Führer, die sich gegenüber niemandem zu verantworten haben. Tatsächlich ist wohl einer der wichtigsten Unterschiede zwischen dem staatlichen europäischen und dem familiären afrikanischen Sozialsystem, dass ersteres zumindest von seiner Idee her strikt egalitär ist, während letzteres autoritäre Züge trägt.

Deshalb plädiert der Simbabwer Robert Muponde dafür, das afrikanische Solidaritäts- und Teilungsprinzip von allen ideologischen "Sentimentalitäten" zu befreien. Er selbst gebe einen Teil seines Gehalts keineswegs weiter, weil sich das so gehöre oder um die Ahnen freundlich zu stimmen - sondern allein aus dem pragmatischen Bewusstsein heraus, dass er auch anderen Familienangehörigen zum Erfolg verhelfen muss, um schließlich nicht allein für die ganze Sippe verantwortlich zu sein.

"Mein" und "unser", Individualismus und Kollektivismus, sind für Muponde keine gegensätzlichen oder sich ausschließende Konzepte. "Ich weiß, dass es den Menschen um mich herum gut gehen muss, wenn es mir selbst gut gehen soll", sagt der Wissenschaftler. "Und wenn ich mich in meiner Familie geistreich unterhalten will, dann muss ich eben dafür sorgen, dass jemand seinen Geist auch ausbilden konnte." In seiner Muttersprache Shona sei diese Wechselwirkung bereits in der Begrüßungsformel enthalten, wenn auf "Wie geht es dir?" stets geantwortet werde: "Wenn es dir gut geht, dann geht es auch mir gut." Folgten mehr Menschen dieser Einsicht, ist der Simbabwer überzeugt, dann sähe die Welt schon viel besser aus. -