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Wer viel hat, dem wird gegeben

Jeder Geistesblitz in der universitären Forschung beginnt mit ihm. Jeder Nobelpreis, jede wissenschaftliche Erkenntnis. Selbst wenn eine Entdeckung die Welt aus ihren Angeln heben sollte: Am Anfang steht immer der Antrag. Auf Forschungsförderung. Ein Bericht über Geist und Geld.




Antragsteller

Dr. Dirk Böttcher - Betriebswirt, Alter: 33 Jahre
Dr. Peter Gaide - Betriebswirt, Alter: 37 Jahre

Grund

DFG-Antrag auf Einzelforschungsförderung
Summe: 140 000 Euro für zwei Jahre

Thema

Evaluation von Forschungsförderung an deutschen Hochschulen

Einzelantrag, Sachbeihilfe, Personal

2 Forscherstellen, 1 Hilfskraft

Antragsnummer

GB 8021/1-1

- Nur mal angenommen, uns schwebt ein Forschungsprojekt vor. Die Idee ist brillant. Wir - das sind zwei frisch promovierte Betriebswirte einer kleinen Universität im Nordosten Deutschlands. Unsere Idee: "Evaluation von Forschungsförderung an deutschen Hochschulen". Die Ergebnisse sollen in eine nationale Forschungsdatenbank eingespeist werden. Denn so etwas wie ein bundesweites "Forschungs-Controlling" gibt es in Deutschland bislang nur in Ansätzen, obwohl Projekte, die von externen Geldgebern finanziert werden, immer wichtiger für die klammen Hochschulen werden. 17,2 Milliarden Euro betrugen die staatlichen Forschungsmittel für Universitäten und weitere Forschungseinrichtungen im Jahr 2006, und man weiß, dass bis 2010 weitere sechs Milliarden ausgeschüttet werden sollen.

Was man nicht recht weiß, ist, wie effizient diese Gelder verteilt und eingesetzt werden, geschweige denn, wie sich das überhaupt messen lässt, erfolgreiche Förderung und Forschung. Dass es für Letztere nicht genügend Geld gibt und die Universitäten außerdem nicht genug davon abbekommen, glauben wiederum alle zu wissen. Ist das so? Dies herauszufinden, fehlt wiederum uns das Geld. Von unserer kleinen Universität im Nordosten haben wir nichts zu erwarten. Die kämpft schon damit, die monatlichen Heizkosten zusammenzukriegen.

Beantragen wir also Forschungsförderung bei einem Geldgeber. Wir sind hoch motiviert.

27. November 2007, Termin beim Projektträger Jülich des Forschungszentrums Jülich, Außenstelle Rostock

"Erfolgreiche Forschung braucht mehr als gute Wissenschaft", behauptet gleich der erste Satz im Geschäftsbericht 2006. Mit gut 350 Mitarbeitern betreute der Projektträger Jülich, eine Ausgliederung des Forschungszentrums Jülich, in diesem Jahr 5583 Projekte mit einem Fördervolumen von 632,5 Millionen Euro. Der Großteil - 563,8 Millionen Euro für 5115 Projekte - floss aus den Ministerien des Bundes, die den Projektträger Jülich mit der Vorbereitung und Abwicklung ihrer Forschungsförderungsprogramme betrauen. Diese werden wiederum von den Jülichern mit entwickelt, und am Ende weiß niemand mehr so genau, wer nun wen betreut und berät - jedenfalls gibt es hier Geld, glauben wir zumindest.

Nur leider kommen wir wohl aus dem falschen Fachgebiet. Seitdem die Bundesregierung die "Hightech-Strategie" ausgerufen hat, die bis 2009 rund 14 Milliarden Euro in die deutschen Universitäten und Forschungsgesellschaften pumpen soll, braucht man als Geisteswissenschaftler im Land der Dichter und Denker nicht mehr auf den großen Wurf zu hoffen. Für geisteswissenschaftliche Forschungen hatte der Jülicher Projektträger 2006 ganze 800 000 Euro übrig. In der Forschungsförderungsmathematik bewegt sich dieser Wert gegen null. Zum Vergleich: Für das regionale Forschungsprogramm "Neue Werkstoffe für Bayern" wurden 3,4 Millionen Euro aufgewendet. Die Erforschung von "kondensierter Materie" schlug mit 2,2 Millionen Euro zu Buche, die Meeres- und Polarforschung war den Jülichern 55 Millionen Euro wert. Am stattlichsten gefüllt war der Trog beim "Rahmenprogramm Biotechnologie" mit 149 Millionen Euro.

Weltweit einzigartig verteilt Deutschland Forschungsgelder mit einem Zweisäulenmodell an Universitäten und öffentliche Forschungseinrichtungen. Bedacht werden Denkfabriken wie die Helmholtz-Gemeinschaft (2,6 Milliarden), die Max-Planck-Gesellschaft (1,3 Milliarden), die Fraunhofer-Gesellschaft (1,2 Milliarden) oder die Leibniz-Gemeinschaft (900 Millionen). Außerdem fließen Forschungsmittel direkt in die Wirtschaft. Die Hochschulen partizipieren unterdurchschnittlich: Aus dem 5,8 Milliarden Euro schweren Topf des Bundesministeriums für Bildung und Forschung konnten sie im Jahr 2007 nur 1,75 Milliarden Euro abgreifen. Und von den 2,19 Milliarden Euro des Wirtschaftsministeriums flossen gerade einmal 120,9 Millionen Euro an die Hochschulen.

Dabei lebt der Universitätsbetrieb von Drittmitteln. 2005 bezahlten die Hochschulen mehr als 52 000 Stellen aus externen Geldquellen - immerhin jede zweite Forscherposition. Den weitaus größten Teil der Forschungsausgaben, nämlich 41 Milliarden Euro, bringt in Deutschland die Wirtschaft auf, wobei die Dax-Unternehmen mittlerweile die Hälfte ihrer Forschungsarbeiten ins Ausland verlagert haben. Der Anteil sämtlicher öffentlicher und privater Forschungsaufwendungen von mehr als 59 Milliarden Euro entspricht 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Damit unterschreitet Deutschland europäische Standards: In ihrer Lissabon-Agenda hatten sich die EU-Regierungen im Jahr 2000 dazu verpflichtet, drei Prozent ihres BI Ps in die Forschung fließen zu lassen. Im Vergleich zu Ländern wie den USA, Südkorea, Schweden oder Israel schneidet Deutschland deutlich schlechter ab.

Wer etwa beim Projektträger Jülich Förderanträge stellt, muss allerhand Fragen beantworten: Was ist die Innovation? Welchen Mehrwert bietet sie für die Region, für Deutschland, für Europa - wie nachhaltig ist das Projekt? Geisteswissenschaftler oder Betriebswirte kriegen da selten zündende Antworten zustande. Es ist also Zeit, bei anderen Geldgebern anzuklopfen. Eine häufige Empfehlung lautet dann, es doch mal bei der DFG zu versuchen.

Das haben wir gemacht.

Antragsteller:

Dr. Dirk Böttcher - Betriebswirt, Alter: 33 Jahre
Dr. Peter Gaide - Betriebswirt, Alter: 37 Jahre

Grund:

DFG-Antrag auf Einzelforschungsförderung
Summe: 140 000 Euro für zwei Jahre

Thema:

Evaluation von Forschungsförderung an deutschen Hochschulen

Einzelantrag, Sachbeihilfe, Personal:

2 Forscherstellen, 1 Hilfskraft

Antragsnummer:

G B 8021/1-1

Der DFG-Antrag ist das Standardformular der universitären Forschergemeinschaft dieser Republik. Mit einem Jahresetat von 2,1 Milliarden Euro - bereitgestellt von Bund, Ländern und privaten Spendern - ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft der größte Drittmittelgeber für deutsche Hochschulen. Der Etat hat sich in den vergangenen zwölf Jahren mehr als verdoppelt, die Zahl der Anträge ebenfalls. Gegründet als unabhängige Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft mit Sitz in Bonn, schmiert die DFG den akademischen Forschungsbetrieb. Ohne diese Mittel säßen die Hochschulen weitgehend auf dem Trockenen - mit ihnen vielerorts auch. Erfolgreiche Drittmittelanträge können für eine Universität wegen bürokratischer Kollateralschäden mitunter teuer werden.

Nehmen wir beispielsweise an, unsere kleine Universität im Nordosten wäre die Universität Rostock, dann hängte der Kanzler Joachim Wittern an das "klein" auch noch "arm". An Grundmitteln stehen für Forschung und Lehre bei 14 000 Studenten sechs Millionen Euro bereit, was für eine Universität wiederum gleichbedeutend mit null ist. Der Gesamtetat beträgt 125 Millionen Euro, 32 Millionen davon sind Drittmittel für Forschung. Größtenteils vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, ein Fünftel kommt aus der Industrie.

Mehr als 300 Stellen werden aus diesem eingeworbenen Forschungsgeld bezahlt, sie zu verwalten und zu beantragen bindet nach Uni-Angaben 7,4 Mitarbeiter. Die Bürokratie der Antragstellung nennt Wittern "überbordend". Jeder DFG-Antrag braucht eine 10- bis 20-seitige Projektdarstellung, einen Finanzierungsplan, getrennt nach Sachmitteln und Personal, aufgeschlüsselt bis in die Fahrtkosten für jede geplante Dienstreise. Alles muss begründet werden, und danach wird später auch abgerechnet, gewöhnlich bis auf jeden einzelnen Beleg.

Welche Anträge überhaupt aussic htsreich sind, hat die Universität Rostock noch nicht geprü ft. Nur eines ist sicher: Egal, ob großer oder kleiner Antrag, der Verwaltungsaufwand ist hoch. Dennoch darf jeder Wissenschaftler in Rostock Anträge stellen. Also auch wir. Anfang Dezember geht er in die Post. Einer von bundesweit 23 000 DFG-Anträgen im Jahr 2007.

4. Dezember 2007, 7.42 Uhr - Bonn, D FG-Geschäftsstelle, Poststelle

André Roate ist ein freundlicher Mann um die 50, hellbraunes Hemd, Schnauzbart. Er gähnt kurz und macht sich auf seine erste Tagestour durch die labyrinthartigen Gänge des DFG-Gebäudes. Er schiebt einen mit Schriftstücken und Mappen beladenen Botenwagen. Das rechte vordere Rad quietscht ein wenig. Unser Antrag mit der Nummer GB 8021/1-1 ist am Vortag per Post eingegangen, nachmittags wurden die 72 Seiten eingescannt.

Deutsche Wissenschaftler können bei der DFG ohne fachliche Vorgaben jederzeit einen Antrag einreichen. Der wird in einem einheitlichen Verfahren geprüft und schließlich bewilligt oder abgelehnt. Das Verfahren besteht aus mehreren Stufen - eine ausgeklügelte Mischung aus Bürokratie und Wissenschaft. Die Bewilligungsquote lag 2007 nach Angaben der DFG bei durchschnittlich 40 Prozent. Einziges Entscheidungskriterium soll dabei sein: wissenschaftliche Exzellenz.

Joachim Wittern, Kanzler in Rostock, verwendet in diesem Fall lieber das Gleichnis vom Teufel, der sich stets für den größten Haufen entscheidet. Der liegt in der deutschen Hochschullandschaft im Süden und verfügt über mehr Grundmittel, mehr Köpfe, mehr Ausstattung und neuerdings auch über mehr Exzellenz in Gestalt von Elite-Universitäten. Die DFG nennt das kurz Drittmitteltauglichkeit, die wiederum mehr Drittmittel bedeutet. Braucht ein Biotechniker etwa ein 100 000 Euro teures Mikroskop für sein Forschungsvorhaben, so erwartet die DFG, dass die Universität dies bezahlt. Fördern würde die DFG so etwas nicht, leisten kann sich dies eine Uni wie Rostock allerdings meist auch nicht, und somit steckt besagter Teufel auch noch im Detail.

Dass ein Forscher mitunter ein Forschungslabor benötigt, das bestenfalls auch beheizt und gereinigt wird, erkennt die DFG seit Jahresbeginn immerhin an. Der Betriebswirt nennt solche Zusatzkosten Overheads. Mit ihnen kann sich eine Universität schon mal überheben: Es fließen zwar Forschungsgelder, der Unterhalt muss aber aus eigenen Mitteln bestritten werden. Die DFG finanziert solche Overheads nun zu 20 Prozent, die EU zu 15 Prozent - und Joachim Wittern zuckt die Schultern: "Die EU-Forschungsförderung finanziert aber auch lediglich 75 Prozent der Projektkosten."

4. Dezember 2007, 8.33 Uhr - Bonn, DFG-Geschäftsstelle, Vorzimmer M-320

Anja Metzger (Name geändert) schaltet ihren Computer ein. Auf dem Flachbildschirm sitzt rechts ein Engel-Schlumpf und links ein Teufel-Schlumpf. Auf ihrem Schreibtisch liegen zwei hellblaue Mappen, auf die die Buchstaben "DFG" geschrieben wurden.

Zwei neue Anträge, einer davon ist Antrag-Nr. GB 8021/1-1. Die Sachbearbeiterin blättert ihn durch und erkennt, dass - wie so oft - die Lebensläufe beider Antragsteller fehlen. Am Nachmittag ruft Metzger die Herren Böttcher und Gaide an und bittet darum, diese nachzureichen. Der komplette Antrag landet später im Nebenzimmer, im Regal FK 112 von Michael Schuster. FK steht für Fachkollegium Wirtschaftswissenschaft. Dort liegen bereits 18 Anträge, die der Referent in den kommenden Wochen bearbeiten wird.

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Die DFG hat in der universitären Grundlagenforschung nahezu ein Förder-Monopol. Dass diese Konstellation, ein Anbieter und Zehntausende Nachfrager, eine gewisse Machtkonzentration heraufbeschwört, scheint keine sonderlich abwegige These zu sein. "Für einen Soziologen sind solche Prozesse eine ganz normale Entwicklung", sagt Richard Münch. Er ist Soziologe und spricht als solcher weiter: "Die Akteure im Feld hören das natürlich nicht so gern."

Plädoyer für Klein- statt Großmacherei

- Richard Münch, Wissenschaftssoziologe, Universität Bamberg, Autor des Buches "Die akademische Elite" brand eins: Wo sehen Sie eine Machtkonzentration?

Münch: Zum Beispiel besetzen 17 Universitäten heute mehr als die Hälfte der DFG-Ausschussposten - und nehmen auch mehr als die Hälfte der DFG-Mittel ein.

Aber die größten Universitäten forschen doch auch am meisten.

Das sei erst mal dahingestellt. Ich beobachte eine immer stärkere Konzentration in der Forschung, die vielen kleinen Hochschulen nicht mehr die kritische Masse lässt, überhaupt noch für Sonderforschungs- oder EU-Programme infrage zu kommen. Diese beträchtlichen Mittel akkumulieren sich bei den großen Universitäten. Entscheidend ist heute, was dem Standort, nicht aber dem Forscher zugetraut wird. Die Gutachter von Forschungsförderungsanträgen stehen unter großem Druck. Wer kann schon die Erfolgsaussichten eines Forschungsprojektes zu kondensierter Materie tatsächlich überschauen? In der Regel vertraut man denen, denen man in der Vergangenheit auch schon vertraute.

Aber noch mal, was ist daran schlecht?

Dass einige Universitäten allein mit diesem institutionell erworbenen, also symbolischen Kapital die anderen an den Rand drängen. Das stellt die Vielfalt als Potenzial für Wissensevolution und Wettbewerb infrage.

Wie kam es, dass in der deutschen Bildungspolitik der Elite-Fokus Einzug hielt?

Die gegenwärtige Manie ist ein gewisses Bemühen um Anerkennung. Wobei der Blick fälschlicherweise von den kleinen Einheiten, den Forschern und Instituten, hin zu den Institutionen und Universitäten wanderte. Die können im internationalen Wettstreit nicht mithalten, aber trotzdem über erstklassige Forscher und Forschungsinstitute verfügen.

Was ist zu tun?

Das Zauberwort heißt Wettbewerb. Man sollte das Monopol der DFG brechen, vielleicht vier eigenständige Fachbereiche ausgliedern und die großen Stiftungen, wie die von Volkswagen oder ThyssenKrupp, aufwerten, auch mit öffentlichem Geld. Derzeit bündeln die drei größten Forschungsstiftungen zehn Prozent des DFG-Etats.

Was fehlt denn noch - außer Geld?

Die größte Innovationsquelle überhaupt: die jungen Wissenschaftler. Sie werden von der Forschungsförderung systematisch ferngehalten. Sie reiben sich an den Hierarchien der Forschungsinstitute, deren Mitarbeiter oft einem einzigen Institutsleiter untertan sind und diesem zuarbeiten. Ich würde gern einmal die Karriereverläufe junger Forscher und die Zeit, bis diese unabhängig forschen dürfen, untersuchen. Im internationalen Vergleich wäre das bestimmt sehr aufschlussreich.

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Für die staatliche Forschungsförderung in Deutschland befand bereits im Jahr 1999 eine internationale Gutachterkommission der DFG und der Max-Planck-Gesellschaft, dass es an einem "kontinuierlichen Monitoring" und einem "selbst voranzutreibenden System der Qualitätssicherung" fehle. Wie sich das allerdings bewerkstelligen ließe, ist eine gute Frage.

"Qualität in der Wissenschaft zu messen versucht man seit über hundert Jahren. Den universellen Zollstock gibt es bislang nicht", sagt der Soziologe Stefan Hornbostel, Leiter des Bonner Instituts für Forschungsinformationen und Qualitätssicherung (IFQ). Die DFG fördert das IFQ als "Hilfseinrichtung der Forschung" mit jährlich 1,3 Millionen Euro, leistet sich also einen Schnüffeldienst für das eigene Haus. Anders als bei Wirtschaftsgütern gibt es in der Grundlagenforschung keinen Markt, auf dem über die Qualität geurteilt wird. "In der Grundlagenforschung urteilt die Wissenschaft selbst über die Qualität", so Hornbostel, und er lässt keinen Zweifel daran, dass dies auch der einzig mögliche Weg sei: "Alle Versuche einer externen Beeinflussung sind jämmerlich gescheitert." Das IFQ arbeitet immerhin daran, eine Datenbank über DFG-Projekte aufzubauen.

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So eine Datenbank sucht man schon an Universitäten vergeblich. Auch weil in der Forschung - das gehört zu ihrem Wesen - nicht gewiss ist, wo man am Ende landet. Folglich weiß man bei der Forschungsförderung ebenso wenig, was das Geld nun tatsächlich bewirkt - und ob überhaupt. In der Wissensevolution ist es unvermeidlich, dass Geld verpulvert wird für Projekte ohne nützliches Ergebnis, was in der Gesellschaft nicht leicht zu vermitteln ist. Der einzelne Bürger hätte mitunter von einer Ortsumgehung mehr als von einem Meilenstein in der Grundlagenforschung zu kondensierter Materie. Daher arbeiten Forscher und Förderer nicht selten Hand in Hand, um den Bürger mit solchen Überlegungen nicht zu belasten. Man schweigt und forscht oder schweigt und fördert, und still ruht der See.

Wer will, kann darin ein Kartell der Intransparenz sehen. Zwar wird mittlerweile auch über Forschung geforscht. So veröffentlicht das Gütersloher Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) ein jährliches Ranking, das fächerspezifisch deutsche Forschungsinstitute bewertet, was aber gleich zu einem neuen Problem in der Forschung führt: Drittmittel landen wiederum dort, wo sie laut Ranking - in der Vergangenheit schon waren. Oder anders gesagt, scheißt der Teufel weiter auf den immerselben Haufen. Ist das gerecht?

"Darum geht es nicht. Ein Verfahren kann nur fair und transparent sein", sagt Ernst-Ludwig Winnacker. "Die Frage lautet: Ist das System so gebaut, dass ein hervorragender Wissenschaftler in Deutschland ordentlich Drittmittel einwerben kann? Mit Blick auf die DFG sage ich: Ja, das kann er."

Plädoyer für Groß- statt Kleinmacherei

- Ernst-Ludwig Winnacker, Generalsekretär des EU-Forschungsrates ERC (European Research Council), Professor für Biochemie, neun Jahre DFG-Präsident, Aufsichtsratsmitglied des Pharma-Unternehmens Medigene, Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften brand eins: Als Verwaltungschef, Geschäftsmann und Forscher haben Sie gleich drei Herzen in Ihrer Brust. Bleibt da alles im Gleichklang?

Winnacker: Das Forscherherz schlägt am lautesten. Forschung ist der Ausgangspunkt von allem. Alles andere ist zweit- und drittrangig. Die Forschung muss deshalb in der Lage sein, ihr Verhältnis zu den Instrumenten der Förderung und zur Politik selbst bestimmen zu können.

Welches Problem hat die Forschung in Deutschland?

Eine mittelgroße deutsche Universität mit 11 000 bis 12 000 Studenten hat heute einen Jahresetat von knapp 100 Millionen Euro. Die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich (ETH), die genauso viele Studenten hat und zu den führenden Unis Europas zählt, verfügt über rund 800 Millionen Euro. Im Schnitt müssten die Etats der deutschen Unis also drei- bis viermal so hoch sein wie derzeit, damit Deutschland als Forschungsstandort Schritt halten kann.

Das werden die Länder unmöglich aufbringen können.

Im starren Föderalismus liegt das Problem. Man müsste aus 16 Bundesländern 5 machen. Warum gründen wir nicht zwei oder drei Bundesuniversitäten, wie sich das jetzt in Karlsruhe anbahnt? So könnten zwei, drei Hochschulen in Deutschland finanziell vernünftig ausgestattet werden.

Neben den Finanzen sind auch die Köpfe für Forschung entscheidend, die der jungen Wissenschaftler vor allem.

Exakt. Der ERC wird in den kommenden Jahren 7,5 Milliarden Euro zur Förderung von Spitzenforschung in Europa ausgeben. Das erste Programm startet in diesem Jahr: Stipendien für junge Wissenschaftler. Rund 9000 junge Forscher reichten Anträge ein, 300 von ihnen setzten sich schließlich durch, davon 37 aus Deutschland. Ich würde das Problem aber nicht nur auf die jungen Forscher beschränken. Noch ein Beispiel von der ETH Zürich: Der Anteil der ausländischen Professoren liegt dort bei 60 Prozent. An deutschen Hochschulen liegt er bei drei Prozent. Auf die Idee, in Deutschland zu arbeiten, kommen ausländische Spitzenkräfte so gut wie nie. Und das liegt nicht nur an der teils schlechten Bezahlung.

Woran dann?

Hauptgrund ist das Berufungsverfahren. Die Fakultäten wollen häufig keine Ausländer. In meinen Augen sind die Fakultäten die größten Sünder, weil sie die Freiheiten, die sie bereits haben, nicht wahrnehmen und nicht international berufen. Sie haben Angst vor dem Wettbewerb. Es ist leichter, in der Nische zu leben, als sich ständig mit anderen auseinandersetzen zu müssen, noch dazu mit Kollegen, die nicht aus dem gleichen Kulturkreis kommen. Aber global gesehen, ist es das Einzige, was zählt!

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15. Januar 2008, 14.15 Uhr - Bonn, DFG-Geschäftsstelle, Raum M-320

Aus einer Hundertschaft von Betriebswirtschaftsprofessoren in ganz Deutschland hat der Referent Michael Schuster zwei Gutachter für den Förderungsantrag von Böttcher/Gaide ausgewählt. Für Schuster ist das der wichtigste Arbeitsschritt. "Ihre Gutachter dürfen weder befangen sein, noch dürfen sie sich in Konkurrenz zu Ihnen oder Ihrem Doktorvater befinden. Andererseits dürfen sie nicht zu weit vom Thema entfernt sein, als dass sie es nicht beurteilen könnten. Man könnte von einer gesunden Halbdistanz sprechen", erläutert Schuster. Wer die Gutachter sind, sagt er nicht. Sie bleiben anonym - das soll die Unabhängigkeit und die Qualität der maximal zweiseitigen schriftlichen Stellungnahmen garantieren.

Hätten wir unseren Antrag im Fach Zellbiologie gestellt, wäre er vielleicht bei Dieter Weiss gelandet. Er ist Professor an der Universität Rostock und einer von denen, die mitunter über Forscherkarrieren entscheiden, ohne dass es jemand mitbekommt. Während in den USA zumindest die Gruppe von Wissenschaftlern bekannt ist, die den Antrag begutachtete, erhält der Einreicher in Deutschland allenfalls einen anonymen Auszug der Gutachter-Begründung. Mit den Gutachtern sei es dabei wie mit den Schiedsrichtern im Fußball: "Was die entscheiden, stimmt - auch wenn es Quatsch ist", so Weiss. Dagegen könne man kaum etwas machen, außer einen neuen Antrag stellen. Glücklicherweise seien krasse Fehlentscheidungen, wie im Fußball, recht selten.

Gewöhnlich werden ihm die Anträge mit der Bitte um Begutachtung einfach zugeschickt. Er muss dann abwägen, ob er befangen ist und ob er sich zu dem Gutachten fachlich imstande sieht. Wichtig bei der Bewertung sind für ihn der Neuigkeitswert, bisherige Publikationen, die Erfolgsaussichten, die bereits erwiesene Leistungsfähigkeit des Forschers sowie die Verhältnismäßigkeit der beantragten Mittel. "Da wird dann üblicherweise noch etwas eingespart", sagt Weiss. Von unserer beantragten ganzen Assistentenstelle bliebe wohl nur eine halbe Stelle übrig. Alles in allem sei so ein Gutachten ein "Standard-Tagesgeschäft".

29. März 2008, 11.15 Uhr Bonn, DFG-Geschäftsstelle, Besprechungsraum

13 Wirtschaftswissenschaftler aus ganz Deutschland sitzen an hufeisenförmig zusammengeschobenen Tischen. Es gibt bei der DFG 48 Fachkollegien, untergliedert in 201 Fächer. 577 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind dort ehrenamtlich tätig. Alle drei Monate tritt ein solches Gremium zusammen. Es bewertet die Anträge auf der Basis der beiden schriftlichen Gutachten. Michael Schuster schaut aufmerksam in die Runde und führt Protokoll. Hier wird heute über unseren Antrag beraten und über 29 weitere.

Nach den Arbeitstiteln seiner Forschungsprojekte befragt, antwortet der Biologe Matthias Rillig, Professor an der Freien Universität Berlin, die wären im Wortlaut "ziemliche Schnarcher". Eines heißt "Mykorrhizapilze und Landnutzungsgradienten" das Thema sei allerdings "superspannend". Das muss es wohl tatsächlich sein, ist es der DFG doch eine dreijährige Förderung wert. Rillig forschte viele Jahre in den USA und spricht von einem "Schlaraffenland".

Wohlgemerkt, er meint Deutschland. In den USA lag die Bewilligungsquote für seine Förderungsanträge bei der mit der DFG vergleichbaren National Science Foundation (NSF) bei ungefähr sieben Prozent. In Deutschland sind es für sein Fachgebiet 30 bis 40 Prozent. In den USA musste er sich kümmern, "da bekommst du erst mal nichts", so Rillig. Neun Monatsgehälter werden Professoren gezahlt, die restlichen drei sind über Forschungsförderung selbst aufzubringen. Nicht mal eine Pipette gibt es ohne Drittmittel, vom Telefon im Labor ganz zu schweigen.

"Der Druck ist da", sagt Rillig. Der Profit aber auch, für Forscher wie Universitäten. Bei Overhead-Finanzierungen durch die NSF von 50 bis 60 Prozent bedeutet Forschungsförderung für die Hochschulen lukrative Einnahmen, nicht in erster Linie Aufwand wie in Deutschland. Entsprechend sind Engagement und Effekt, zuvorderst bei privaten amerikanischen Elite-Universitäten. Während hierzulande private Universitäten unterdurchschnittlich von der staatlichen Forschungsförderung profitieren, erhalten sie in den USA die größten Zuwendungen. Eine Universität wie Harvard bestreitet ein Fünftel ihres Etats mit öffentlichen "research grants", jährlich etwa 600 Millionen Dollar - etwas weniger als die Hälfte des Betrages, den die 28 deutschen Elite-Universitäten aus der zweiten Exzellenzinitiative insgesamt über die kommenden fünf Jahre einstreichen.

Rillig war in den USA nicht nur damit beschäftigt, das Geld für seine Pipetten und seine Telefonrechnung einzutreiben, er musste seine Forschungen auch verkaufen - vor allem an die Öffentlichkeit. Die Außenwirkung der geförderten Projekte ist der NS F ebenso wichtig wie die reine Forschung. Deshalb stand Rillig statt im Labor auch oft im Klassenzimmer einer Schule. So gesehen hätte er in Deutschland mehr Zeit zum Forschen müsste er nicht dreimal so viel lehren, für jedes Reagenzglas einen Bestellzettel per Hand ausfüllen, unterschreiben und irgendwo hinfaxen oder die Studenten über die Feuerschutzbestimmungen aufklären.

21. April 2008, 16.20 Uhr - Bonn, DFG-Geschäftsstelle, Raum E-201

Obwohl unser Antrag einen der beiden Gutachter nicht überzeugte, lautet die Empfehlung des Fachkollegiums: bewilligen. Angenommen ist der Antrag damit nicht. Er muss noch an Volker Kreutzer vorbei. An den Wänden seines Büros hängen keine Bilder, keine Fotos, keine Plakate. Der Jurist mag es puristisch. Alles andere lenke nur ab. Kreutzer ist stellvertretender Leiter der "Gruppe Qualitätssicherung und Verfahrensentwicklung" und prüft ein letztes Mal, ob die Gutachter wirklich nicht befangen sind, alle Unterlagen korrekt ausgefüllt wurden, ob es formale Widersprüche gibt. Dann wird der Antrag mit dem Bewilligungsvorschlag an den DFG-Hauptausschuss geschickt. Im schriftlichen Verfahren wäre der Antrag nach Ablauf einer dreiwöchigen Frist bewilligt.

Angenommen, wir erhalten eine Ablehnung - gäbe es auch einen Anfang ohne Antrag? Mit einer Anfrage könnten wir es in diesem Fall noch bei der Wirtschaft versuchen. Vielleicht fände sich ein Unternehmen, das Interesse hätte, sich etwas Forschung über Forschung einzukaufen. In Rostock ist man von solchen potenten Partnern aber weit entfernt. Auch Mäzene sind im Nordosten rar. Der Wissenschaft etwas zuzustecken lohnt sich in Deutschland auch nicht. Wer eine Hochschule mit einer Spende bedenkt, kann davon vom Gesamtbetrag der Einkünfte nur fünf Prozent, in Ausnahmefällen bis zu zehn Prozent, von der Steuer absetzen. Bei einer Parteienspende sind es 50 Prozent.

Die Universität Rostock muss also andere Wege gehen, etwa über ihre Patentverwertungsgesellschaft. Nach Auskunft von Kanzler Wittern sei diese aber bislang ein Zusatzgeschäft, auf das Jahrhundertpatent warte man hier noch. Der neueste Versuch, ans Licht zu treten, trägt den Arbeitstitel "Rostock Research": eine Forschungs-GmbH, die noch in diesem Jahr gegründet werden und sämtliche Forschungsaktivitäten abseits der universitären Bürokratie bündeln soll. Die Wissenschaftler könnten auf Dienstreisen dann mit der Bahn sogar erster Klasse fahren, bislang ist das nach dem Haushaltsrecht verboten.

Davon abgesehen, böte die GmbH die handfeste Chance, sich weltweit um jene Forschungsförderungsprogramme zu bewerben, von denen Hochschulen ausdrücklich ausgeschlossen sind. Etwa um die Regionale Strukturförderung für kleine Unternehmen von der EU, da spräche man von ganz anderen Summen. Um mit dieser Idee an neue Geldtöpfe zu kommen, fehlt der Universität Rostock allerdings zunächst wieder das Geld. Nach dem Landeshochschulgesetz darf eine Universität zwar eine GmbH gründen, diese aber nicht aus den laufenden Haushaltsmitteln finanzieren. Die Kapitaleinlage ließe sich nur aus dem Vermögen der Hochschule abzweigen, das bewegt sich aber wiederum gegen null.

Wie sich diese Komplikation auflösen lässt, daran forscht nun der Kanzler Joachim Wittern - seinerseits ausnahmsweise mal ohne Antrag. -

PS: Den Antrag GB 8021/1-1 hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Die beiden promovierten Betriebswirte - leider - auch nicht.