Partner von
Partner von

Wege und Umwege

Die wichtigste Frage im Leben lautet: Was will ich wirklich? Die Antworten finden sich im Leben. Sechs Beispiele.




Der Ausprobierer

Nach einer Karriere in der IT-Industrie verlegt sich Axel Thelen auf eine ganz neue Branche - Kinderbetreuung. Sein Credo bleibt das alte:
Am besten lernt man durchs Machen.

Axel Thelen, der seine Geschichte im rheinischen Singsang erzählt, strahlt dabei eine gelassene Hartnäckigkeit aus. Dieser Wesenszug war ihm bei seinem Abenteuer sehr nützlich. Der 45-Jährige ist Betriebswirt, hat als Manager beim einstigen Inter-net-Provider Compunet und beim US-Konzern General Electric (GE) gearbeitet. Um sich dann, finanziell abgesichert, einem ihm unbekannten Geschäftsfeld zuzuwenden.

Das Unternehmen, das er mit Marcus Bracht 2001 gegründet hat, heißt Educcare und betreibt Kindergärten beziehungsweise "Orte des Lernens und der Entwicklung". Den pädagogischen Jargon hat Thelen mittlerweile gut drauf. Als Mann aus der Wirtschaft ist er in seiner neuen Branche aber immer noch ein Exot. Die für die Genehmigung von Kitas zuständigen Behördenvertreter, bei denen Thelen und Bracht unermüdlich für ihre Idee warben, waren lange skeptisch. Was wollen diese Männer, die nicht mal Pädagogik studiert haben?

Die Konkurrenz der etablierten Kita-Träger war auch nicht begeistert von den Newcomern. In Stuttgart antichambrierten Thelen & Co. zwei Jahre, bevor sie den ersten Kindergarten eröffnen konnten. Mittlerweile betreibt Educcare bundesweit acht Einrichtungen (für vier weitere liegen die Aufträge vor) und beschäftigt rund 100 Mitarbeiter, davon 10 in der Kölner Zentrale. Um es als Außenseiter so weit zu bringen, muss man überzeugt sein von seiner Sache und einen langen Atem haben.

Den hat der umtriebige Thelen früh bewiesen. Schon als Gymnasiast begann er, bei einer Unternehmensberatung zu jobben, wo er sich später während seines Studiums vom Hiwi bis zum Dozenten hochdiente, der seinen Kollegen Computerprogramme erklärte. In dieser Funktion fing er Ende der achtziger Jahre auch bei der aufstrebenden Internet-Firma Compunet an. Eher beiläufig lernte er dort den charismatischen Chef Jost Stollmann kennen, der kurzzeitig als Wirtschaftsminister in Gerhard Schröders erstem Kabinett vorgesehen war. Und diente sich ihm noch vor dem Examen als Vorstandsassistent an. Stollmann war zuerst nicht begeistert von der Idee, weil er diese Position bei Compunet für unnötig hielt - ließ sich aber schließlich überzeugen. Thelen definierte, so erzählt er, seinen Job weitgehend selbst. In der schnell wachsenden Firma fielen ihm rasch allerhand Projekte zu, die eigentlich eine Nummer zu groß für ihn waren. Er durfte machen, lernte dabei, fiel manchmal auf die Nase und genoss das Vertrauen, das man ihm entgegenbrachte. So lernen idealerweise auch Kinder, was Thelen aber erst später klar wurde.

Er stieg in der später vom US-Giganten GE übernommenen Firma bis zum geschäftsführenden Gesellschafter auf und verließ das Unternehmen 2000, weil ihm das rigide Konzernregime nicht gefiel. Thelen nahm sich eine Auszeit, um zu überlegen, was er nun tun könnte. Mit seiner Frau, einer Brasilianerin, ging er für eine Weile nach Rio de Janeiro, wo sie ihren Sohn in einen privaten Kindergarten schickten. Dort hatten die Thelens ihr Schlüsselerlebnis. Eines Morgens wurde das Ehepaar zum Elterngespräch in die Kita zitiert. Und die Kindergärtnerin gab ihnen einen detaillierten Bericht über den Sohn. Wie er sich gemacht hatte. Wofür er sich interessierte. Was seine Stärken waren. Und worauf die Eltern noch achten könnten. Vater Thelen war beeindruckt: "Sie wusste viele Dinge über meinen Sohn, die ich nicht wusste." Allerdings sah er den Kindergarten nicht als etwas Besonderes an: "Ich dachte, dass ein solches Engagement allgemein üblich ist."

Nach der Rückkehr in die deutsche Heimat wurde er eines Besseren belehrt. Sein Sohn hatte Probleme, sich dort im neuen Kindergarten einzugewöhnen, und die Botschaft der Erzieher war, dass der Junge da eben durchmüsse. Thelen war unzufrieden wie viele Eltern mit der Kinderbetreuung hierzulande. Einige gründen dann eigenhändig Kitas, quasi zur Selbstversorgung. In Thelen aber keimte die Idee, einen Schritt weiter zu gehen. Er erkannte in dem Mangel eine unternehmerische Möglichkeit. Und wusste nun, womit er seine Zeit verbringen wollte.

Mit Marcus Bracht, ebenfalls Familienvater und damals als Berater tätig, fand er einen Gleichgesinnten. Die beiden Autodidakten stürzten sich in ihr Projekt. Sie recherchierten bei Freunden, Bekannten und deren Freunden und Bekannten, wie eine ideale Kita aussehen müsste. Sie lasen sich ein, sprachen mit Fachleuten, rechneten und entwickelten schließlich ihr Konzept für "ein zweites Zuhause", in dem Kinder Anregungen bekommen, die Welt auf ihre Weise zu entdecken. Wichtig war den Gründern, dass ihre Kitas keine Luxus-Einrichtungen für Besserverdienende sein sollten, sondern allen Eltern offen stehen. Und zwar zum selben Preis wie die Einrichtungen anderer Träger.

Educcare wurde als gemeinnützige GmbH gegründet, mit dem Anspruch, "frühkindliche Bildung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie neu zu denken". Dabei sind die Ideen nicht wirklich neu. "Es gibt keinen Mangel an guten Konzepten", sagt Thelen, "sondern nur einen Mangel an guter Umsetzung. Unser Vorteil war, dass wir eine Kita ganz neu denken konnten." Ähnlich wie damals, als er sich seinen Assistentenjob geschaffen hatte.

Von diesem Vorteil musste die Welt allerdings erst überzeugt werden. Überall, wo Thelen und Bracht präsentierten, bekamen sie zu hören: Kommen Sie wieder, wenn Sie uns eine Kita zeigen können. Die Gelegenheit bekamen die Gründer 2003 von dem IT-Unternehmen Lion Bioscience in Heidelberg, wohin die beiden Kontakte hatten. Mit diesem Betriebskindergarten (den es nicht mehr gibt, weil die einstige Neue-Markt-Firma extrem geschrumpft ist) konnten sie zeigen, dass ihr Konzept funktioniert. Es ist sehr detailliert und beschreibt von der "herzlichen und authentischen Begrüßung der Kinder und Eltern" bis zu ihrer Verabschiedung unzählige "Prozesse". Der Kern der Bildungskindertagesstätten ist ein System zur akribischen Beobachtung und Dokumentation der Entwicklung jedes Kindes - dem man die Herkunft der Gründer aus der IT-Industrie anmerkt. Damit die Erzieher so kompetent Auskunft geben können, wie Thelen es in Brasilien erlebt hat. Viel Mühe wird auf die Auswahl und Fortbildung des Personals verwandt, das laut Educcare-Konzept mit "authentischer Begeisterung" an die Arbeit gehen soll.

Nach der Referenz-Kita kamen weitere in familienfreundlichen Kommunen hinzu, die Plätze in dem von Educcare für nötig gehaltenen Maße bezuschussen, sodass die Elternbeiträge niedrig gehalten werden können; die Subventionen schwanken von Gemeinde zu Gemeinde stark. Zur Etablierung des Unternehmens trug auch die "Offensive Bildung" bei, eine unter anderem von der BASF 2005 in Ludwigshafen ins Leben gerufene bundesweit einmalige Initiative zur Förderung der frühkindlichen Bildung. Educcare ist für das Gesamtmanagement zuständig - und hat so Gelegenheit, ihre Ideen weiter bekannt zu machen.

Axel Thelen hat es wieder geschafft und eine neue, selbst gesuchte Aufgabe gemeistert. Nach langen dürren Jahren, in denen die Gründer viel Geld und Zeit in ihr Projekt gesteckt haben, zahlen sie sich mittlerweile auch Gehälter aus. Thelen peilt für Educcare eine maximale Größe von 50 bis 60 Einrichtungen an. Klein genug, um beweglich zu bleiben, und groß genug, um die Branche zu verändern. Denn: "Man muss sich was zutrauen."

Die Zielstrebige

Manchmal entscheidet eine einzige Weiche über die Zukunft. Bei Carla Köhler hat sie ein medienbegeisterter Lehrer gestellt.

All den Stationen im Leben dieser jungen Frau zu folgen ist nicht einfach. Im Mai schließt Carla Köhler das Zweite Juristische Staatsexamen ab. Sie arbeitet seit acht Jahren als Radioreporterin, wovon sie auch ein Semester in London nicht abgehalten hat. Momentan bereitet sie eine Dissertation vor und verbringt ihre letzte Referendariatsstation in der Redaktion Recht und Justiz des ZDF. Vor Kurzem war sie für drei Monate im deutschen Generalkonsulat in Atlanta. Verantwortlich für ihren Weg ist ein Lehrer, der seinen Schülern außerhalb des regulären Stundenplans etwas anbot, auf das Carla Köhler sich einließ.

"Ohne die Medien-AG wäre ich nicht dort, wo ich jetzt bin. Ich hatte davor gar kein Medieninteresse", sagt die 26-Jährige, zehn Jahre nachdem sie ihr Lehrer Gerhard Laubscher am Wilhelm-von-Humboldt-Gymnasium in ihrer Heimatstadt Ludwigshafen fragte, ob sie nicht Moderatorin werden wolle. Laubscher hatte zusammen mit seinem umtriebigen Kollegen Karl Ludwig Kemen eine Schülergruppe aufgebaut, die in einem eigens eingerichteten Fernsehstudio Sendungen produzierte.

Drei Jahre lang hat Köhler "Humboldt-TV", eine Sendung von Schülern für Schüler, im Offenen Kanal Ludwigshafen moderiert. Sie lernte, vor der Kamera zu sprechen und auf schwierige Situationen zu reagieren. Die wenigsten Jugendlichen müssen damit fertig werden, dass sich während der von ihnen moderierten Live-Sendung bärtige Männer ungefragt neben sie setzen, weil sie zufällig gerade vorbeikommen. Ihr Lehrer Kemen war sehr froh, als Carla den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck ("Huch, was machen Sie denn hier?") gleich erkannte.

Diese Erfahrung war nützlich für das Praktikum beim regionalen Radio Regenbogen und die sich daraus ergebende freie Mitarbeit. Carla Köhler betreute Gewinnspiele für Hörer, machte Beiträge zu Kinofilmen und führte Interviews als freie Reporterin mit Musikern und Politikern, um Routine und Arbeitsproben zu sammeln. Denn das Ziel war seit der Medien-AG klar: "Dass ich zum Fernsehen will, vor die Kamera, am liebsten im Nachrichtenbereich, um eine Sendung so sympathisch zu moderieren, dass viele Menschen sie sehen wollen."

Die Idee, dem Ziel mit einem Volontariat näher zu kommen, verwarf sie nach dem Praktikum. "Ich wollte nicht aufhören zu lernen. Die Kollegen beim Radio meinten, Jura zu studieren sei gut, weil man sich dann auch in einem wichtigen Gebiet auskennt und weil das Fach ein breites Allgemeinwissen vermittelt. Und man legt sich damit nicht so früh fest, falls man noch etwas anderes machen möchte."

Während die meisten Juristen lange über die Qualen des Repetitoriums berichten, ist Carla Köhler diese Zeit der juristischen Vorbereitungs-Galeere auf das Staatsexamen kaum einen Satz wert. Nur so viel, dass sie im Studium einiges gelernt habe, um einzuordnen, was in der Welt so passiere, im Europarecht beispielsweise, und dass sie nach dem vierten Semester beinahe hingeworfen hätte, als sich ihr das Spannende an Bau- und Verwaltungsrecht nicht erschloss.

Im anschließenden Referendariat lernte sie unter anderem einen künstlerisch ambitionierten Staatsanwalt (Spezialgebiet Aktmalerei) in Lederhose, T-Shirt und mit Rockmusik im Hintergrund kennen, der sie fachlich wie menschlich sehr beeindruckt habe und bei dem sie gesehen habe, dass die reale Welt der Strafverfolgung und Ermittlung oft wenig zu tun hat mit Umständen, wie sie in Klausuren stehen: "Das sind ermittelte Sachverhalte, reine Theorie. In der Praxis kommt es aber nicht darauf an, was passiert ist, sondern nur darauf, was man beweisen kann. Das ist auch eine Frage der Kreativität."

Sie vertrat den Staatsanwalt in Sitzungen und erfuhr, dass auch das Gericht eine kleine Bühne ist, auf der es aufzutreten gilt, wie sie es in der Medien-AG gelernt hatte. Dass Theorie und Praxis bisweilen zweierlei sind, zeigte sich auch in der Referendariatsstation beim deutschen Generalkonsulat in Atlanta. Zunächst ist der diplomatische Dienst weniger romantisch, als man sich das gemeinhin vorstellt: Es geht um Pässe, Erbscheine, Adoptionsurkunden, es gibt mehr Stempel als schöne Empfänge. Aber es geht auch um Menschen, um die Betreuung von deutschen Strafgefangenen zum Beispiel, die in den USA einsitzen, die schlimme Erfahrungen machen hinter Gittern und die im Land außer den Konsularbeamten niemanden haben, der sie besucht.

Köhler erzählt: "Man fährt hin, fragt: Können wir etwas für Sie tun? Vielleicht Anträge stellen? Ich habe mit Behörden telefoniert, die ohnehin langsam arbeiten, bei Ausländern manchmal noch langsamer. Du weißt dann, dass jemand mit gebundenen Händen am Ende der Kette sitzt und nur du ihm helfen kannst. Diese Menschen bauen darauf und sind extrem dankbar für jede Kleinigkeit, die man für sie tut. Ich habe das bis zum Exzess getrieben, und als es dann Früchte getragen hat, habe ich mich richtig gut gefühlt. Ich habe gelernt, dass es darum geht zu kommunizieren und dass man mit formaljuristischem Vorgehen nicht immer weiterkommt. Dass nur Anrufen, Nerven, Fragen hilft."

Wie es die Lehrer der Medien-AG gab und den Staatsanwalt in Lederhosen, gab es auch in Atlanta mit dem Generalkonsul einen Menschen, der prägend war für diesen Abschnitt im Bildungsleben von Carla Köhler. Er hörte alle Mitarbeiter an und fragte sie nach ihrer Meinung, ungeachtet ihrer Position und Qualifikation. Sie möchte sich diese Erfahrungen bewahren, falls sie selbst einmal Chefin sein sollte.

Nun wird Carla Köhler aber erst einmal ihre Dissertation schreiben. Sie möchte noch weiter lernen, und ehrgeizig ist sie natürlich auch. Sie wird weiter am Ziel arbeiten, Nachrichten im Fernsehen zu moderieren. Beim ZDF haben sie ihr das Referendariat schon einmal bis Juni um eine Hospitanz verlängert. Die Station hat sie darin bestärkt, in den Medien zu bleiben, zumal die Redaktionsleitung trotz immer kürzerer Beiträge daran arbeitet, komplexe Sachverhalte verständlich aufzubereiten. Nicht nur, weil sie Jura studiert hat und fleißig war, sondern vor allem, weil ein Lehrer sie in der elften Klasse fragte, ob sie moderieren wolle, steht ihr das alles jetzt offen.

Die Energische

Nare Yesilyurt-Karakurt hat den ersten Pflegedienst für Migranten gegründet. Und sich fast alles, was sie dafür wissen musste, selbst beigebracht.

Als sie 1999 Deta-Med gründete, wusste Nare Yesilyurt-Karakurt nicht, wie das geht: eine Firma leiten. Sie hatte keine Ahnung von Personalführung, Steuern, Kalkulation. Was sie hatte, war eine Idee. Sie wollte Einwanderern einen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Pflegeservice anbieten. Damals war das so neu, dass die Bankangestellten skeptisch abwinkten, bei denen sie um Kredit nachsuchte. "Sie sagten, es gebe keinen Bedarf - wenn es Bedarf gäbe, gäbe es schon länger solche Einrichtungen. Die Banken dachten, dass ich zwei und zwei nicht zusammenzählen kann, weil ich nur eine Ausbildung als Krankenschwester und eine als Diplompädagogin habe", erzählt die 40-Jährige. Heute hat Deta-Med rund 200 Mitarbeiter, Filialen in drei Berliner Bezirken und, so die Gründerin, einen Jahresumsatz von mehr als drei Millionen Euro. Nare Yesilyurt-Karakurt ist eine eher kleine Frau, die genau weiß, was sie will. Sie hat einen langen Weg hinter sich, und das nicht nur, weil die Selbstständigkeit nicht zu ihrem Lebensplan gehörte: "Ich wollte nie Unternehmerin werden." Ihre Eltern kamen als türkische Gastarbeiter nach Deutschland. Ihr Vater ist Postbote, die Mutter Wäscherin in einem Krankenhaus. Und es sind offenbar kluge Leute. "Meine Eltern haben mich sehr gedrängt, eine Ausbildung zu machen. Ich wollte mit 17 heiraten, da hat meine Mutter gesagt: Du heiratest erst, wenn du eine Ausbildung hast und unabhängig bist", sagt Nare Yesilyurt-Karakurt und widerlegt nebenbei das Klischee von den türkischen Eltern, die ihren Töchtern kein selbstbestimmtes Leben gönnen.

"Ich hatte nur einen Hauptschulabschluss und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester", fährt sie fort. "Meine Familie hat mich dazu gedrängt, im Abendlehrgang meinen Realschulabschluss nachzuholen. Was mir passiert ist, passiert vielen Migrantenkindern. Sie werden willkürlich auf die Hauptschule geschickt, egal, wie gut ihre Noten sind. Ich bin auf die Hauptschule gegangen, weil der Lehrer das so wollte, nicht weil ich das wollte. Wenn ich wirklich zu dumm für das Gymnasium gewesen wäre, hätte ich heute nicht dieses Unternehmen." Das klingt verärgert und sehr selbstbewusst.

Immerhin: Deutschland hat ihr die Chance gegeben, weiterzulernen und am Ende zu studieren. Nare Yesilyurt-Karakurt nutzte sie - Bildung muss man wollen. In ihrem Leben war sie kein Geschenk und nichts Selbstverständliches, sondern ein kostbares Ziel, für das sie sich angestrengt hat. Auf den Realschulabschluss folgte die Ausbildung zur Diplompädagogin. Sie arbeitete im Krankenhaus und half nebenbei ehrenamtlich in einer Arztpraxis älteren Ausländern beim Ausfüllen ihrer Schwerbehinderten- und Rentenanträge. "Die haben mir leid getan. Gerade unter den Gastarbeitern, die vor 30, 40 Jahren nach Deutschland gekommen sind, gibt es viele, die nicht gut Deutsch sprechen. Sie sind jetzt alt und oft auch krank. Ich sah, wie groß der Bedarf nach einem Pflegedienst ist, der auf die Bedürfnisse dieser Menschen eingeht."

Nare Yesilyurt-Karakurt wagte den entscheidenden Schritt: Mit dem Arzt als Teilhaber gründete sie ihren Pflegedienst, den ersten dieser Art in Deutschland. Das Angebot reicht von Hauswirtschaftsservice und Grundpflege bis zur ambulanten 24-Stun-den-Intensivpflege für Schwerkranke. Was dann begann, war ein Prozess, auf den sie keine ihrer Ausbildungen vorbereitet hatte: "Ich habe jeden Tag etwas Neues gelernt." Wäre sie dabei nicht schnell, nüchtern und pragmatisch gewesen, wäre ihr Unternehmen längst gescheitert.

"Als ich Deta-Med gegründet habe, wusste ich nicht einmal, nach welchen Sätzen ich mit den Krankenkassen abrechnen kann. Ich hatte ein super Pflegekonzept, aber wirtschaftlich keine Ahnung", erzählt Nare Yesilyurt-Karakurt, und es klingt, als sei sie heute über ihre Anfängerfehler amüsiert und schockiert zugleich. So etwas wie einen Geschäftsplan gab es nicht. Die Jungunternehmerin wusste nicht einmal, wie viel sie für einen Patienten tatsächlich einnehmen würde. Als das Finanzamt im ersten Jahr mehr Geld von ihr wollte, als sie im ganzen Jahr an Umsatz gemacht hatte, wurde ihr klar, dass ihr Steuerberater unfähig war, und suchte sich einen neuen. Um eine Kassenzulassung zu bekommen, musste sie von Anfang an acht Krankenschwestern einstellen - die dann, weil es noch keine Patienten gab, Däumchen drehten.

Im ersten halben Jahr stiegen nur die Schulden, nach einigen Monaten waren es 180 000 D-Mark. "Ich habe weiter an meine Idee geglaubt, aber ich war die Einzige. Mein Mann hat nicht daran geglaubt. Je höher die Schulden wurden, desto öfter hatten wir Ehekrisen, irgendwann waren wir geschieden. Von Mai bis August hatten wir so gut wie gar keinen Umsatz, uns kannte ja niemand", erinnert sie sich. "Die türkische Bevölkerung in Berlin wusste nicht, was ein Hauskrankenpflegedienst ist. In der Türkei können sich das nur reiche Menschen leisten."

Nare Yesilyurt-Karakurt hat dies geändert und erklärte den Berliner Türken in türkischen Radio- und Fernsehsendern, dass der Sozialstaat ihnen helfe, wenn sie alt und krank seien. Die Sender bekamen gratis ein nützliches Programm, die Unternehmerin erhielt gratis Werbung. Ihr Angebot sprach sich herum. Sechs Monate nach der Gründung zog der Umsatz langsam an, weitere anderthalb Jahre später war Deta-Med schuldenfrei, der stille Teilhaber ausbezahlt.

Dass ihre Firma überlebt hat, liegt auch daran, dass Nare Yesilyurt-Karakurt Fehler erkennt und korrigiert. "Personalführung habe ich sehr spät gelernt. Ich wollte keine Chefin sein. Ich war so gutgläubig. Die Firmenfahrzeuge konnten die Mitarbeiter ohne Kontrolle verwenden, ich ging einfach davon aus, dass sie sie nicht privat benutzen. Irgendwann bekam ich Strafzettel aus Hamburg, und keiner wollte es gewesen sein. Eine Mitarbeiterin hat mir meinen Geldbeutel geklaut, ich hatte Schulden bis zum Hals und habe ihr verziehen, weil sie in einer schwierigen Lage war. Das waren Anfängerfehler." Ebenso sachlich zählt sie auf, was sie von Anfang an richtig gemacht hat: "Ich habe weiter sparsam gelebt, auch als Deta-Med gut lief." Lieber investiert sie in ihre Leute. "Ich stecke viel Geld in die Ausbildung, sodass die Pfleger die Patienten qualifiziert betreuen können. Auch in schweren Zeiten habe ich die Gehälter immer pünktlich gezahlt, was in der Branche nicht unbedingt üblich ist."

Diese Kombination aus Fairness, Pragmatismus und der Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen, hat funktioniert. Für das, was Nare Yesilyurt-Karakurt neben ihrer Ausbildung brauchte, um Deta-Med zu gründen und am Leben zu halten, hat sie etwas spöttisch ein schönes, altmodisches Wort: "Bauernschläue."

Der Unentschiedene

Christian Laue lebte wie viele seiner Generation ein unbekümmertes Leben. Bis es sich gegen ihn zu verschwören schien. Jetzt ist der Volkswirt Hartz-IV-Empfänger. Und versucht, die Kurve zu kriegen.

Eines Tages beschloss er, Bilanz zu ziehen. Christian Laue setzte sich in seiner Bonner Wohnküche mit den vielen Grünpflanzen an den Schreibtisch und schrieb den "Erfahrungsbericht eines 32jährigen Hartz-IVlers". Es ist ein offenherziger Text, halb Bewerbung, halb Lebensbeichte, in dem er keine Niederlage ausspart. Nach 16 Semestern Studium der Volkswirtschaftslehre (VWL) hat Laue mit der Note 3,5 abgeschlossen. Während seine Kommilitonen über Praktika den Einstieg in adäquate Jobs fanden, arbeitete er anderthalb Jahre zu einem Hungerlohn in einem Callcenter, bevor er dort entlassen wurde. Nun ist er schon eine ganze Weile arbeitslos. Die vergangenen drei Monate nutzte er zur Weiterbildung in der Unternehmens-Software SAP.

Seinen Erfahrungsbericht hat er an ein gutes Dutzend Zeitungen geschickt. Mit dem Hinweis, sie könnten den Text veröffentlichen, wenn sie im Gegenzug eventuelle Anfragen von Unternehmen an ihn weiterleiteten. Im letzten Absatz weist er noch darauf hin, dass er "in der gleichen Zeit sicher drei bis vier Bewerbungen hätte schreiben können, welche ich ggf. bei der Stadt mit fünf Euro pro Stück geltend machen kann".

Von den meisten Zeitungen bekam er keine Antwort, nur zwei schickten nichtssagende Mails. Laue, ein gut aussehender Mann, der problemlos als Student durchginge, erzählt, dass seine Bilanz ihm nicht schwergefallen sei, weil er bei den mehr als 200 Bewerbungen, die er mittlerweile geschrieben hat, viel über sich nachdenken musste. Vor allem darüber, wie man einen Lebenslauf wie den seinen wohl verkaufen könne. Auf der Haben-Seite sieht er vor allem seine vielfältigen Erfahrungen und seine soziale Kompetenz, die er seiner nicht sehr geradlinigen Vita verdanke. Laue ist einer, der, weil er beim Sprechen denkt, lange für seine Sätze braucht.

Aufgewachsen ist er in einem bildungsbürgerlichen Elternhaus. Der Vater ist Arzt, die Mutter Lehrerin; sie übte ihren Beruf allerdings nicht aus, weil sie als ehedem aktives Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) Berufsverbot hatte. Laue zieht noch vor dem Abitur aus, weil er mit seinen Eltern im Clinch liegt. Ein Streitpunkt ist seine Fußball-Leidenschaft, die ihn nach Meinung der Eltern von der Schule ablenkt. Heute fragt er sich gelegentlich, ob es nicht eher umgekehrt war. Immerhin hat er es damals bis in eine Jugendauswahl gebracht und hätte vielleicht eine Kicker-Karriere anpeilen können. Oder einfach eine Lehre machen. Das wäre vermutlich vernünftig gewesen.

Stattdessen entscheidet er sich für das in seinem Milieu Naheliegende. Trotz seines mauen Abiturs beginnt er nach dem Zivildienst in der ambulanten Pflege ein VWL-Studium an der Universität Bonn. Dort gibt es keinen Numerus clausus, und die Mischung aus Politik und Ökonomie reizt ihn. Er beginnt 1997, in einer Zeit der Prosperität, als namhafte Unternehmen auf dem Campus um Studenten werben. "Damals hieß es: Mach dein Studium fertig, und du hast einen Job." Laue lässt es ruhig angehen und amüsiert sich. "Mir hat", schreibt er in seinem Bericht, "die Sonne aus dem Arsch geschienen." Das ändert sich, als er mit 22 Vater wird. Er heiratet die vier Jahre ältere Mutter seines Sohnes und strengt sich erstmals richtig an, weil er den Ernst des Lebens spürt.

Doch sein Elan endet etwa zwei Jahre später nach einem Erlebnis, das er als das schönste seines Studiums bezeichnet. Über einen Professor bekommt er Wind von einem Kongress, bei dem es um die Entwicklung Chinas und der Kapitalmärkte geht. Die Veranstaltung findet im Juni 2000 in der Zehn-Millionen-Ein-wohner-Industriestadt Chongqing statt. Laue reist auf eigene Faust dorthin; das Geld leiht ihm seine Frau, die aus einer wohlhabenden Familie kommt. In China darf der Student Laue einen Vortrag über Risikokapital in Europa und Amerika halten. Und fühlt sich großartig im illustren Kreis von Bankern und Regierungsvertretern. Noch heute erzählt er begeistert davon; den Kongress-Ausweis hat er aufgehoben.

Euphorisch kehrt Laue zurück an die Universität und wird kühl empfangen. Sein Trip wird weder anerkannt, noch bekommt er die Kosten dafür erstattet. Das wurmt ihn sehr, seine Leistungen fallen wieder ab, seine Frau ist sauer, weil es in seinem Studium nicht vorangeht. Laue macht neben seinem Studium dies und das. Mal arbeitet er in einer Consulting-Firma, die Kommunen beim öffentlichen Nahverkehr berät, mal für eine Web-Seite mit Informationen für Investoren, mal als Pförtner im Krankenhaus.

In der Ehe kriselt es immer stärker, irgendwann trennt sich das Paar. Der Verlust von Frau und Kind wirft Laue aus der Bahn. Er beendet sein Studium mit Ach und Krach. Als frisch diplomierter Volkswirt arbeitet er in einem Callcenter in Köln, um, wie er sagt, dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen, seine Unterhaltsverpflichtung zu erfüllen und sich parallel zu bewerben. Ein Knochenjob. In der anfangs stark wachsenden Firma, die für einen Telefonanbieter arbeitet, herrscht wegen des Arbeitsdrucks und der miserablen Bezahlung große Fluktuation. Laue erzählt, dass die Belegschaft einmal pro Monat ausgetauscht wurde. Und, nicht ohne Stolz, dass er zuletzt einer von nur fünf gewesen sei, die 18 Monate durchgehalten hätten.

Als das Geschäft mit den Telefonanschlüssen einbricht, wird Laue entlassen - und ist nicht sehr unglücklich darüber. Im Callcenter hat er nach Abzug aller Kosten nur 120 Euro mehr verdient als jetzt mit Hartz-IV. Er freut sich, wieder Freunde treffen und Sport treiben zu können. Seit einiger Zeit arbeitet er ehrenamtlich als Fußballtrainer, auch sein Sohn ist in der Mannschaft, die er betreut.

Schließlich bemüht er sich um eine SAP-Weiterbildung, weil in vielen Anzeigen Kenntnisse der Software verlangt werden. Durch die erste Prüfung ist er durchgefallen, den zweiten Anlauf besteht er kurz nach unserem Treffen. Den Teilnehmern des Kurses sei gesagt worden, sie könnten, je nach Berufserfahrung, mit einem Einstiegsgehalt von 35 000 bis 40 000 Euro im Jahr rechnen. Auf Laues Frage, womit Leute ohne Berufserfahrung rechnen könnten, habe er keine befriedigende Antwort bekommen. Laue peilt einen Job im Controlling an und wäre mit einem Einstiegsgehalt von 20 000 Euro im Jahr zufrieden.

Auf die Frage, ob er nicht neidisch auf seine Ex-Kommilitonen sei, die es geschafft hätten, schüttelt er den Kopf. Und sagt: "Was mich wirklich stört an meiner Situation, ist die Meinung der Leute, jemand wie ich müsse unglücklich sein." Das sei er aber nicht, schließlich habe er eine Menge gelernt in seinem Leben. Das Wichtigste sei, mit Tiefschlägen zurechtzukommen. Bei allem Hadern mit dem Schicksal wirkt Laue nicht unzufrieden. Und hat phasenweise eine recht realistische Sicht der Dinge. Er gehört zu einer privilegierten Generation, deren Hauptproblem die Unentschiedenheit ist. Und die irgendwann vor der Erkenntnis steht, dass man irgendeine der vielen Möglichkeiten, die das Leben bietet, nutzen muss.

An diesem Punkt ist Laue jetzt. Er kann die Kurve kriegen zu einer "normalen" Karriere. Oder auch nicht. Er sagt: "Es gibt keinen Grund, sich aufzugeben, und es gibt keinen Grund, euphorisch zu sein." Irgendwann während des Gesprächs macht der Pflanzenliebhaber die Bemerkung, dass er sich auch vorstellen könne, selbstständig als Gärtner zu arbeiten und den Leuten die Hecke zu schneiden oder den Rasen zu mähen.

Das wäre ein ziemlicher Umweg, hin zu etwas ganz anderem. Aber gelegentlich ist ein Leben genau das.

Der Außensteher

Zephanja Arzt ist 17 Jahre alt und hat über sich und die Welt schon mehr gelernt als viele Erwachsene - außerhalb des Lehrplans und ganz ohne Noten.

Auf dem Hof tollen vier oder fünf Hunde herum, genau ist das nicht zu sagen, weil sie Besucher und Familie wie ein schwarzweißes Wollknäuel in ihrer Mitte einschließen. Dahinter geht es durch vom Regen matschige Wiesen zu den Pferden, und danach kommt nichts als flaches, weites Havelland. Seit der fünften Klasse lebt Zephanja Arzt hier. Zusammen mit seiner Familie war er aus seiner Geburtsstadt Berlin gekommen. Der Pferdevirus hatte damals, wie Vater Gregor sagt, die Mutter infiziert, worauf sie hier einen geeigneten Hof gefunden hatten. Der Vater beschäftigt sich als Geomant mit einer Art westlichem Feng Shui.

Seit die Familie dort lebt, muss Zephanja, der mittlerweile 17 Jahre alt ist, auf dem Hof mitanpacken. Nebenbei absolviert er ein regelrechtes Bildungsexperiment: Er wechselt die Schulen wie andere Menschen die Arbeitsplätze. Die Gründe sind meist die gleichen: Lehrer, die nicht auf Fragen eingehen, und lebensferne Lehrpläne. Die haben ihn bis nach Pakistan getrieben.

Aber der Reihe nach. Den ersten, die Zukunft entscheidenden Bruch bringt die dritte Klasse. Zephanjas Lehrerin an einer Berliner Grundschule legte, wie er erzählt, keinen großen Wert auf Dialog: "Sie sagte immer: , Schön gerade sitzen, Öhrchen spitzen und die Hände auf den Tisch'." Deshalb meldeten ihn seine Eltern, nachdem er lesen und schreiben konnte, an einer freien Schule in Tempelhof an, die ihn bis heute prägen sollte.

Das Gebäude sah aus wie ein besetztes Haus. Die Wände waren mit Lehrerbeschimpfungen beschmiert. Es gab keine Klassen, keinen regulären Unterricht, keinen Lehrplan. Wer spielen wollte, spielte. Es gab Fünftklässler, die weder lesen noch schreiben konnten. "Ich sah dort jemanden mit langen Haaren, er hing immer etwas gestresst und heulend in der Ecke. Das war auch so ein Außenseiter. Wir haben uns zusammengeschlossen und noch einen anderen gefunden." Sie bauten sich in der Schulwerkstatt ein Refugium aus Holz. Ab und an gab es Prügeleien mit anderen Schülern, aber die Lehrer schritten nicht ein und sagten den Eltern: Das wird sich regeln. Zephanja lernte, sich zu behaupten: "Das hat mir sehr viel Selbstbewusstsein gegeben."

An dieser Schule hat er gelernt, selbstständig zu arbeiten. "Freunde und Verwandte, die andere Schulen besuchten, sagten: Wir machen in Deutsch Fälle und in Mathe das Einmaleins, und ihr seid auf so einer idiotischen Schule. Das war großer sozialer Druck. Ich ging dann mit meinen beiden Freunden zu den Lehrern, und wir sagten: Macht mal die Kippen aus, wir wollen Mathe machen", erinnert sich Zephanja. Sie lernten in der Dreiergruppe in ein paar Tagen das Einmaleins und danach noch Bruchrechnen. Zephanja wusste nach einem Jahr Spielen: Wenn er etwas lernen will, muss er es sich holen. Nach dem Umzug aufs Land wechselte er Mitte der fünften Klasse auf eine Montessoriorientierte Schule, auch weil er Angst hatte, vielleicht den Anschluss an das Gymnasium nicht zu schaffen. Er musste in der neuen Klasse einigen Stoff selbstständig nachlernen, was ihm dank der Erfahrungen in der freien Schule gelang, und schloss das Jahr mit einem Notendurchschnitt von 1,6 ab.

Auf dem Gymnasium bekam er dann von einer Lehrerin tatsächlich zu hören, Mathematik bedeute, Vokabeln auswendig zu lernen. Dennoch hat Zephanja dort eine der wichtigsten Lernerfahrungen gemacht, allerdings außerhalb des Stundenplans. Eine Schülergruppe baute Roboter aus Lego, die sie programmierten und bei Wettbewerben vorstellten. Sie schafften es zweimal zur Weltmeisterschaft nach Atlanta. Die betreuende Lehrerin brachte Obst in den ständig besetzten Arbeitsraum und sammelte bei Sponsoren Geld, um Reisen und Material zu finanzieren.

Neben Maschinenbau im Kleinen hat Zephanja dort über sich selbst gelernt, dass er sich ungern nach Teams richtet. Schließlich konstruierte er seinen Roboter allein, ein anderer Schüler programmierte. "Ich war damals kein Außenseiter mehr, ich wurde immer respektiert. Vielleicht war ich mehr ein Außensteher." Seinen Blick auf die Welt veränderte das elfte Schuljahr. Er hatte mittlerweile das Gymnasium wieder gewechselt und gemerkt: "Ohne Abwechs lung noch einmal drei Jahre Schule, das halte ich nicht aus. Weil ich später vielleicht in die Entwicklungshilfe möchte, wollte ich zunächst ins Ausland und danach das Abitur machen."

Die Idee, nach Südamerika zu gehen, scheiterte am Widerstand der Eltern, zumal sie ihn auf dem Hof brauchten. Als seine Mutter eine Dokumentation über eine Initiative in Pakistan sah, erlaubte sie ihm, dort ein paar Monate zu verbringen. Die Initiative hilft Menschen in einem Dorf, Puppen und Blechspielzeug herzustellen und zu verkaufen. Im vergangenen Herbst flog Zephanja für dreieinhalb Monate dorthin und konnte seine beim Verschlagbau an der freien Schule und beim Roboterbau erworbenen Kenntnisse anwenden: "Die können dort alle Blechmodelle perfekt kopieren, aber haben keine Ideen für Neues, weil sie ja nicht wissen, was es in der Welt alles gibt. Ich habe dann eine Lokomotive und einen Drachengleiter als neue Vorlagen gebaut." Außerdem reiste er durch das Land und lernte, dass es gar nicht leicht war, Teile für eine Windmühle zu organisieren, und dass es gilt, kreativ mit den vorhandenen Mitteln umzugehen. Er traf viele freundliche Menschen, die neugierig auf ihn und seine Heimat waren. "Ich dachte vorher: In Entwicklungsländern geht es den Menschen schlecht, und ich habe Glück, in Deutschland zu leben. In Pakistan sah ich, dass die Menschen dort mit dem Lebensstil, den sie jetzt haben, viel glücklicher und netter sind als die Menschen hier und dass es sie nur unglücklich macht, über die Medien zu sehen, was die anderen haben."

Zephanja hat Konsequenzen aus diesem bislang letzten Bildungsabenteuer gezogen: "Gleich Maschinenbau zu studieren, das ist mir zu theoretisch. Ich möchte nicht ein Semester lang berechnen, wie ein Windmühlenflügel sein muss. Da baue ich lieber fünf und schaue, welcher der beste ist." So soll die Arbeit nach der Schule erst mal Mittel zum Zweck sein, um Geld für Reisen zu haben: "Ich habe kein Problem damit, etwas Einfaches zu machen, als Bauarbeiter oder so, das habe ich ja hier auf dem Hof gelernt." Studieren könne er später. Ihm laufe sonst die Zeit da von.

Der Zuversichtliche

Alexander Artopé macht mit seinem Kreditportal den Banken Konkurrenz im Internet. Sein Motto: Suche nach Gelegenheiten und packe fest zu, wenn du eine entdeckst.

Damals, vor dem schüchternen Start seines Berufslebens, hat er noch auf den Dienstweg vertraut, hat telefoniert und korrespondiert, hat Bewerbungen verfasst, Zeugnisse eingereicht, hat immer wieder nachgefragt, hat sich vertrösten oder abwimmeln lassen. Hat brav gewartet, geduldig und im Vertrauen darauf, dass seine Bitte um ein Praktikum auf diesem Dienstweg bestimmt an der richtigen Stelle in den USA landen würde, in der Zentrale des weltgrößten Medienkonzerns. Doch nach einem halben Jahr ohne Antwort mochte Alexander Artopé nicht mehr warten. Der Student flog selbst nach New York, bat von einer Telefonzelle aus um einen Vorstellungstermin und bekam ihn sofort. Er gab seinen Lebenslauf in der Zentrale von Time Warner ab - und schon am nächsten Tag hatte er die Zusage und konnte anfangen. Aus drei Monaten Praktikum wurden am Ende sechs, zuerst in New York, später in Los Angeles.

In seiner Vita ist diese Erfahrung zu fünf dürren Worten geronnen - Corporate-Finance-Projekt, Time Warner. Tatsächlich war es eine Lektion fürs Leben: Du darfst nicht auf eine Gelegenheit warten. Sondern du musst suchen, finden, zupacken.

Dabei hatte er so etwas schon als Kind mitbekommen, aber nicht auf sich bezogen, diese spannenden Berichte seines Vaters, abends bei Tisch, nachdem er spät aus einer Konzernkarriere in die Selbstständigkeit gewechselt war. Der Sohn hat diese Geschichten nicht als Teil von steter, beiläufiger Prägung oder gar Erziehung empfunden, sondern hat sie einfach genossen.

Und er hat sich dieses Erleben bewahrt und später zu eigen gemacht: Er wird emotional, wenn er vom Arbeiten spricht. Dann benutzt er Worte wie Spaß, Chance, Ausprobieren, Vertrauen, Entschlossenheit, und er hört sich dabei an, als wär's die reine Lust. Genauso wie damals, beim Besuch zahlreicher Start-ups im Silicon Valley; wie glücklich die Gründer in ihren spärlich möblierten Büros saßen und etwas aufbauten, woran sie glaubten. Dass es ihnen nicht darum ging, auf die Schnelle reich zu werden, sondern eine Idee zu verwirklichen. Dass sie sich offenbar keine Sorgen machten. Was konnte ihnen denn Schlimmes passieren? Ginge es schief, würden sie eben etwas Neues versuchen. Dieses Erlebnis, sagt er, habe ihn nicht mehr losgelassen.

Artopé hat nach dem BWL-Examen gemeinsam mit Freunden die Datango AG in Berlin gegründet und aufgebaut, eine Software-Firma mit den Schwerpunkten E-Learning und Support. Und hat deren Vorstand nach sechseinhalb Jahren und im Frieden wieder verlassen, um eine neue Idee auszubrüten. Die erhielt den Namen Smava - ein Akronym, geformt aus "smart value". Und eine ehrgeizige Vorgabe: "Smava ist wie ein Ebay für Geld", sagt Artopé. "Anstatt Gebraucht- und Konsumwaren zu verkaufen, wird bei Smava Geld von Mensch zu Mensch vermittelt." Eine Banklizenz war dazu nicht erforderlich, stattdessen aber ein Kreditportal im Internet, das erste dieser Art in Deutschland.

Fast drei Jahre nach der Gründung und ein Jahr nach Geschäftsbeginn ist nun Gelegenheit zur Zwischenbilanz. Die Firma besteht inzwischen aus zwanzig Leuten, das Portal hat 30 000 registrierte Nutzer. 1500 Anleger und Kreditnehmer haben Verträge geschlossen. Mehr als 440 Kredite über insgesamt rund zwei Millionen Euro sind ausgezahlt worden: für eine Wohnungsrenovierung oder einen Umzug, für das Ausrichten einer Hochzeit oder die Kosten eines Gebisses. Nur vier Kredite sind bislang geplatzt, eine spektakulär niedrige Quote. Zufall?

Nicht für Alexander Artopé und seinen virtuellen "Marktplatz für Geld". Wer auf der Homepage spazieren geht, sich in das Geschäftsmodell einliest, im Forum die Wortmeldungen verfolgt zwischen denjenigen, die ihren Antrag beschreiben und einen Zins anbieten, und allen anderen, die sich darüber austauschen und fragen, ob sich die Anlage wohl lohnt; wer schließlich die aktuellen Kreditlisten überfliegt und ob Zins und Tilgung pünktlich bezahlt werden, kommt sich tatsächlich vor wie auf einem Marktplatz. Allerdings einem ganz ohne Geschrei und Tricks, ohne versteckte faule Stellen an der Ware und das dumme Gefühl, doch irgendwie übers Ohr gehauen zu werden.

Transparenz und Selbstbestimmung - das sind zwei von Artopés Schlüsselbegriffen für eine Erfahrung, wie sie besonders im Umgang mit dem traditionellen Geldgewerbe selten geworden ist. Weil sie unvereinbar ist mit Lockvogelangeboten, versteckten Kosten und Knebelverträgen. Eine Erfahrung, die sich über Smava hinaus immer weiter herumspricht. Sie ist längst Teil einer Art von Glaubensbekenntnis für den 38-jährigen Unternehmer geworden: dass sich der informierte und mündige Verbraucher verlässlich und risikobewusst verhält; dass man ihm etwas zutrauen darf und ihn nicht wie ein Kind gängeln muss; dass Fairness und Respekt im Kreditgewerbe möglich sind; dass man nur verspricht, was man auch halten kann.

Auf die Frage, woher er diese Zuversicht nimmt und das Vertrauen in die Netz-Ökonomie, deren Mitspieler gelegentlich, aus welchen Gründen auch immer, anonym bleiben und allein deshalb schon häufig für unseriös gehalten werden, muss der Geschäftsführer des Marktplatzes für Geld passen. Erfahrung, sagt ein arabisches Sprichwort, ist die Brille des Verstandes. Bei Alexander Artopé passt beides perfekt zueinander. -

------------

siehe auch:
Was wurde aus ... educcare?
(vom 31.3.2009)