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Mach dein Ding

Wieder einmal wird der Ingenieurmangel beschworen. Zu Unrecht, sagt Franziska Schreyer vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Ein Gespräch über Schweinezyklen und Bildungs-Strategien.




brand eins: Frau Schreyer, Sie sagen, es gebe keinen Mangel an Ingenieuren. Ist die allgemeine Klage darüber unbegründet?

Franziska Schreyer: Die aktuelle Diskussion ist in der Tat oft übertrieben und undifferenziert. Es gibt derzeit keinen allgemeinen Ingenieurmangel, sondern lediglich Engpässe in einzelnen Berufen, vor allem bei Maschinenbau-, Elektro- oder Wirtschaftsingenieuren. In den Baufächern wie Architektur und Bauingenieurwesen ist eine erfreuliche Entspannung auf dem Arbeitsmarkt zu spüren - von einem Mangel an Architekten kann aber keine Rede sein.

Können Sie all das auch belegen?

Die Zahlen sprechen für sich. Obwohl der Eindruck erweckt wird, der Arbeitsmarkt sei leer gefegt, gibt es aktuell noch mehr als 23 000 arbeitslos gemeldete Ingenieure, darunter sind viele Ältere und Frauen. Hinzu kommen an die 39 000 Ingenieurinnen, die weder erwerbstätig noch arbeitslos gemeldet sind, etwa wegen Erziehungsaufgaben - auch von ihnen könnten vermutlich etliche bei einem Ausbau öffentlicher und betrieblicher Kinderbetreuung wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Was steckt also hinter dem Klagelied?

Für Unternehmen ist es angenehm, unter vielen Bewerbern auswählen zu können. Zudem erleichtert die öffentliche Aufmerksamkeit für den angeblichen Ingenieurmangel auch das Durchsetzen politischer Ziele. So können ausländische Studenten mittlerweile nach ihrem Abschluss leichter in Deutschland bleiben was aber auch längst überfällig war.

Warum stören Sie sich dann an der Debatte?

Einerseits schadet die übertriebene Diskussion arbeitslosen Ingenieuren, die teils händeringend versuchen, eine Stelle zu bekommen. Mancher nimmt nun an, diese Leute seien faul oder unfähig. Andererseits wird über vorhandene Potenziale von Frauen hinweggesehen. Ich denke hier an die oft fachfremd eingesetzten Ingenieurinnen in den neuen Bundesländern und an die arbeitslosen Ingenieurinnen. Deren Arbeitslosenquoten sind auch in jüngerer Zeit doppelt so hoch wie bei den Ingenieuren.

Sehen Sie auch die Gefahr, junge Leute zu einem Ingenieurstudium zu verleiten, die dann feststellen, dass kein Bedarf besteht?

Diese Gefahr des sogenannten Schweinezyklus war bei Ingenieuren durchaus gegeben, nimmt aber künftig eher ab. Mittelfristig ist ein größerer Akademikermangel zu befürchten, auch in technischen Berufen.

Welche Fächer sind für den Zyklus prinzipiell besonders anfällig?

Neben Ingenieuren auch Betriebswirte; Sozialwissenschaftler sind weniger anfällig. Zum einen ist das Berufsfeld von Geistes- und Sozialwissenschaftlern nicht allzu konjunkturabhängig. Zum anderen stehen bei ihrer Studienwahl die Inhalte des Fachs im Mittelpunkt, weniger die Aussicht auf Karriere, Gehalt und Prestige.

Folgt aus dem, was Sie sagen, dass es das Beste wäre, wenn jeder das studierte, was er wirklich will?

Das ist das wichtigste Kriterium. Übrigens auch deswegen, weil man ein anspruchsvolles Studium wie etwa Maschinenbau sonst gar nicht durchstünde. Selbstverständlich ist es nicht verkehrt, den Arbeitsmarkt im Auge zu behalten, aber das sollte nicht das Entscheidende sein. Man weiß nie, wie es kommt, und deshalb ist es sinnvoll, ein Fach zu studieren, an dem das Herz hängt.

Reicht es, wenn jeder Einzelne sein Ding macht? Und das System kann so bleiben, wie es ist?

Auf keinen Fall. Wir vergeuden zu viel Bildungspotenzial. Kinder aus bildungsfernen Schichten werden zu wenig gefördert. Außerdem sollten wir junge Frauen nicht nur ermuntern, berufstätig zu sein, sondern - für sie wie für die Männer - auch die Arbeitsbedingungen ändern. In Ingenieurberufen liegt etwa die Teilzeitquote mit vier Prozent weit unter dem Durchschnitt von 18 Prozent. Zudem muss die Parole vom lebenslangen Lernen Wirklichkeit werden. Nicht zuletzt sollten die Unternehmen ihre Personalpolitik verstetigen: Wer im Abschwung viele entlässt, darf sich im Aufschwung nicht wundern, wenn die Leute fehlen.-