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Was Menschen treibt: Geisterfahrer in der Marktwirtschaft

Deutschland verändert sich. Rasant und zum Positiven, sagen viele. Ein österreichischer Jurist, der in Harvard lehrt, wollte das Wunder mit eigenen Augen bestaunen. Und war entsetzt.




1. September 2007 Wir sind in Berlin. Nach fast zehn Jahren als Professor in Harvard bin ich gespannt, wie Deutschland sich anfühlt. Aufschwung hätten und Exportweltmeister wären die Amerikaner auch gern. Die Reaktionen unter meinen amerikanischen Kollegen waren geteilt. Die einen sahen Berlin als Rohdiamant, voll naiver, kreativer Ideen. Andere waren skeptisch, verwiesen auf die strukturellen Probleme, auf eine Wirtschaftspolitik, die sich seit Jahrzehnten nachhaltig nichts mehr getraut habe, und eine Bildungspolitik des solidarischen Ausblutens. Für meine Frau und mich ist es ein spannendes Experiment - mit langfristiger Perspektive. Durch meine Vorträge und als Professor an einer neuen Elite-Uni für Manager werde ich ganz unmittelbare Einblicke bekommen. 3. September 2007 Termin bei der Deutschen Bank. Kontoeröffnung. Man lässt uns dezent 15 Minuten warten, dann geht es in ein Besprechungszimmer. Viel Kunst, viel Marmor. Wir bekommen Kaffee. Unsere Betreuerin beginnt eine dicke Mappe mit uns durchzuarbeiten. Unzählige Originaldokumente will sie einsehen. Nach einer mühsamen Stunde sind wir durch. Ob wir denn nun ein Konto eröffnet hätten, fragen wir ahnungslos. Nein. Nur einen Antrag auf Kontoeröffnung gestellt. Die Daten müssten zuerst erfasst und geprüft werden. Ob sie das macht - vielleicht gleich jetzt? Natürlich nicht. Das sei nicht ihre Aufgabe. Einer ihrer Mitarbeiter werde sich darum kümmern. In einer Woche habe sie mehr Information. Eine Woche, um ein Giro-Konto zu eröffnen? Ich bin geschockt. In den USA mache ich das in der Mittagspause. Und bei der kleinen Sparkasse in den österreichischen Bergen dauerte es weniger als fünf Minuten. Ob denn der Wettbewerb um Kunden die Banken nicht dazu bringe, schneller zu sein, frage ich naiv. Und ernte einen verärgerten Blick. Wir sind eine Bank, gibt man mir zu verstehen, und keine Marktschreier, die um Kunden buhlen. Der Markt als Feindbild. 13. September 2007 Mit Kollegen einer anderen Uni spreche ich über mögliche gemeinsame Projekte an der Schnittstelle von Wirtschaft und Politik. Was mir aufstößt hier in Deutschland nach kaum zwei Wochen, sage ich, ist ein tiefgehendes Misstrauen der Menschen gegenüber dem Markt. Lasst uns doch dazu etwas machen! Mein Vorschlag polarisiert. Schon die Vorstellung, über das Misstrauen gegenüber dem Markt zu diskutieren, ist für einen Teil der Runde unvorstellbar - damit würde man ja den Markt als einen wichtigen gesellschaftlichen Zuordnungs-Mechanismus von Ressourcen akzeptieren. Und das ginge im Sinne der Ausgewogenheit nur, wenn man gleich viel über Alternativmechanismen wie staatliche Zuteilung spricht. Planwirtschaft als Konferenzgegenstand? Schwer zu glauben, was ich höre. Und paradoxe Bestätigung meines Gefühls: der Markt als Tabuthema. 18. Oktober 2007 Workshop mit Managern eines internationalen Industrieunternehmens in Düsseldorf. Rasch wird die Front sichtbar. Die Manager aus dem Ausland - aus Schweden, Belgien, England oder den USA - bieten ihren Kunden Produkte aus eigener Fertigung, aber auch von der Konzernmutter in Deutschland an. In Deutschland hingegen ist den unternehmenseigenen Verkäufern derartiger Produktwettbewerb verboten. Wäre ja noch schöner, sagt man dort, wenn wir unseren Kunden die Wahl ließen. Unsere deutsche Fertigung würde dann mit den Produktionen unserer Tochterunternehmen in Wettbewerb stehen! Wäre es nicht vorteilhaft, werfe ich ein, wenn der Kunde aus dem ganzen Sortiment an Produkten des Unternehmens auswählen könnte? Vielleicht würde es damit seinen Markt erweitern oder jedenfalls zufriedenere Kunden finden - auch hier in Deutschland.

Sie haben die Marktwirtschaft nicht verstanden, hält man mir entgegen. Wir müssen doch Wettbewerb in den Märkten, die wir kontrollieren, verhindern, nicht fördern! Und in der Pause gesteht mir ein Produktionsleiter augenzwinkernd, dass seine Kollegen schon dafür sorgen, dass die chinesische Produktionsstätte des Unternehmens auch in den kommenden Jahren nicht das Wissen erhält, qualitativ hochwertige Produkte zu schaffen. Nur so könne man den Wettbewerb innerhalb des Unternehmens unterbinden und deutsche Arbeitsplätze bewahren. Eine beeindruckende Strategie: wirtschaftliche Ineffizienz zur Umverteilung von Arm (China) zu Reich (Deutschland). Von Modernisierungsverlierern und Hartz-IV-Empfängern hätte ich dieses Markt-Misstrauen erwartet, aber nicht von angesehenen Bossen der deutschen Industrie.

19. Oktober 2007 Vortrag bei einem traditionsreichen deutschen Finanzdienstleister. In der anschließenden Diskussion ruft der aufgebrachte Vorstandsvorsitzende, man möge sich doch bitte nicht immer so genau an die Gesetze halten. Ein paar Geldstrafen hie und da könne man sich noch allemal leisten. Denn nur mit manchmal auch zweifelhaften Tricks könne man am Markt gewinnen. In den USA würde kein Spitzenmanager so etwas so laut sagen - nicht nur wegen Enron und Worldcom. Sondern auch, weil in den USA der Markt als Hort des Wettbewerbs gilt, an dem man sich mit anderen misst und nicht versucht, sie übers Ohr zu hauen. Wer so spricht wie der honorige Vorstand aus Deutschland, zeigt nicht bloß ein Misstrauen, sondern ein Unverständnis gegenüber dem Markt. Wie, so frage ich mich, kann jemand einem so bekannten Unternehmen vor- und so wenig vom Markt verstehen? 30. November 2007 Veranstaltung mit Nachwuchskräften eines anderen deutschen Unternehmens im Banken- und Versicherungssektor. Der Vorstandsvorsitzende legt dar, dass die weltweite Finanzkrise zeige, dass Investmentbanking der falsche Weg sei, Geld zu machen. Stattdessen werde man sich in Zukunft wieder darauf konzentrieren, gutes Geld aus Bankspesen und Kreditzinsen in jenen Gebieten zu machen, in denen sein Institut den Markt beherrsche. Statt Finanzinnovation quasi-monopolistisches Kundenschröpfen, dort wo der Markt (und damit Wettbewerb) nicht ausreichend hinkommt.

Klar: Deutsches Wettbewerbsrecht unterband bis nach dem Zweiten Weltkrieg Kartelle und Oligopole selten - nicht Wettbewerb war das Ziel, sondern gesellschaftlich diktierte Profitverteilung unter Oligopolisten. Der korporatistisch organisierten deutschen Gesellschaft fehlt die Erfahrung des politischen Kampfes gegen Kartelle wie in den 1890ern in den USA. Um dem entgegenzuwirken, machte Ludwig Erhard den Deutschen mit dem Schlagwort der "sozialen Marktwirtschaft" den Wettbewerb zunächst erfolgreich schmackhaft. Aber seit den siebziger Jahren ist Erhards Lehrstück abgesetzt, weil man die "soziale" Komponente so lange betonte, bis die Menschen Marktwirtschaft nicht mehr verstanden.

Am Nachmittag müssen die Nachwuchskräfte des Unternehmens aus ganz Europa dem Vorstand Verbesserungsvorschläge unterbreiten. Zentraler Wunsch der deutschen Jungmanagerinnen und Jungmanager: Den Kolleginnen und Kollegen aus den Schwesterfirmen im Ausland möge verboten werden, sich um lukrative Deals im Ausland zu bewerben, sobald man aus Deutschland anbiete. Die Jungen haben das Misstrauen ihres Vorstandsvorsitzenden gegenüber dem Markt erfolgreich internalisiert, gehen aber einen Schritt weiter: Sie wollen auch anderen verbieten, sich des Marktes zu bedienen. Einziger Lichtblick: Am meisten gewünscht wird dann doch der Vorschlag, dem internen Telefonverzeichnis Fotos hinzuzufügen - damit man sich dann fürs private Kennenlernen nach der Arbeit leichter tut, zu wissen, wen man kontaktieren soll. Wenigstens auf dieser Ebene ist der Markt noch unumstritten (und Markttransparenz erwünscht).

10. Dezember 2007 Wir essen mit einem Kollegen zu Abend. Er will mich überzeugen, dass das kommende zentrale Thema der Informationswirtschaft die Informationsgerechtigkeit sei; und meint damit die Frage nach notwendiger informationeller Umverteilung. Wer zu viel an Information hat, dem soll genommen werden; und wer zu wenig davon hat, dem wird gegeben. Es ist kein schlechtes Thema. Was mir aber aufstößt, ist das Wort "Gerechtigkeit". Es suggeriert, dass Gerechtigkeit stets einer gesellschaftlich gesteuerten Umverteilung bedarf, dass die durch Menschen untereinander vereinbarte Verteilung, der Markt, immer einer nachträglichen staatlichen Korrektur bedürfte. Selten habe ich einen Begriff - "Gerechtigkeit" - so missbraucht gesehen wie in Deutschland in diesen vergangenen Monaten. 3. Januar 2008 In einer Runde mit deutschen Internet-Entrepreneuren. Manche waren schon erfolgreich, haben ihr Geld bei anderen aus der Runde investiert. Ich freue mich, nach der "alten" Wirtschaft das neue Deutschland kennenzulernen. Gesprächsstoff ist das neue Projekt eines Online-Marktplatzes. Es sei grenzgenial, sagt der Gründer; weltweit einzigartig, meint sein Investor. Ich frage nach: Was hebt Ihren Marktplatz von vielen anderen ab? Im Silicon Valley begänne jetzt die spannende Diskussion, weil die Entrepreneure dort die letzten Studien zum Funktionieren von Online-Märkten (immerhin ihr Unternehmensgegenstand) gelesen hätten und dankbar wären für jede konstruktive Kritik: lernen aus der kritischen Diskussion. Nicht hier in Deutschland. Wir wissen doch, wie Markt geht, höre ich, da kannst du uns doch nix erzählen! Selbstsichere Ignoranz statt unternehmerischer Wissensdurst - da tut sich der Markt schwer. Was Deutschland braucht, denke ich, ist ein Crash-Kurs in Marktwirtschaft, für alle. 28. Februar 2008 Ich lehne das Angebot ab, in Deutschland zu bleiben. Die sechs Monate waren eine interessante Erfahrung. Aber mein Bild von Deutschland aus der Ferne war zu optimistisch: Ich dachte mir, mit guter Bildung, gesellschaftlicher Homogenität und sozialer Sicherheit ließe sich trefflich (und treffsicher) Wirtschaft machen. Ich gehe also wieder. Viele meiner deutschen Bekannten sind schockiert: Es wäre doch eine Lebensstelle gewesen, eine gut bezahlte überdies. Was ich denn jetzt machen werde, fragten sie. Ein Buch schreiben, antworte ich, und mir eine neue Herausforderung suchen. Wenn das Buch gut ist, wird man sich um mich reißen. Aber wie könne ich denn dieses Risiko ertragen und einfach bloß dem Markt vertrauen! Da setzte ich mich doch einem Mechanismus aus, der geradezu brutal verlange, dass ich mich bewährte. Das sei doch viel zu unsicher und zu gefährlich. Nein, sage ich, das fände ich nicht. Und: Tschüss! -