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Die Preisfrage

Bildung kann eine Zierde sein. Bildung eröffnet Einkommenschancen. Doch was bleibt unterm Strich davon übrig? Wir meinen: rein rechnerisch.




I. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir -
Die Bildung und das liebe Geld

Soziologie? Aber was willst du denn damit mal machen, mein Kind? So klingt es, wenn der Abiturient die Lehre von der Gesellschaft einer Lehre in der Bank vorzieht. Dabei eröffnen sich dem Soziologen viele Berufsfelder: Kellner, Taxifahrer und Straßenmusiker sind die am häufigsten genannten.

Wer den Marktplatz der Mythen verlässt, trifft Soziologen in Ministerien und der Marktforschung an, in Parlamenten und Unternehmen. Doch die Frage bleibt: Lohnt sich eine solche Ausbildung aus ökonomischer Sicht für den Einzelnen? Für den Staat, die Wirtschaft? Wie ist sie zu finanzieren?

Was der Staat Steuern nennt und der Arbeitnehmer sein Gehalt, übersetzen Bildungsökonomen in die "Bildungsrendite". Sie beschreibt einen Wert, der in Prozent festlegt, wie sehr sich die Lehrjahre rechnen. Doch mit dem Versuch, eine exakte Zahl zu ermitteln, fangen die Probleme erst an. Ganz zu schweigen von der Frage, wer wem die Ausbildung bezahlt.

II. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr - Das Individuum

Friedhelm Pfeiffer, 50, bittet in sein Büro. Ein enger Raum im Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), auf dem Schreibtisch und in den Regalen stapeln sich Papiere und Bücher. Das Fenster öffnet sich zum Innenhof, davor ein Bar-Tisch. "Wir können auch stehen", sagt Pfeiffer. "Das ist innovativer." Pfeiffer ist Bildungsökonom und beschäftigt sich tagein, tagaus mit der Finanzierung von Bildung. Er greift zum Bleistift. Auf einem weißen Blatt notiert er eine Zahl: 6. Sechs Prozent. So hoch war die Bildungsrendite des letzten Ausbildungsjahres eines heute 40-jährigen Erwerbstätigen, ganz gleich, welche Ausbildung er durchlaufen hat. Zwischen Akademiker und Nichtakademiker unterscheiden will Pfeiffer nicht. "Die Ergebnisse sind im Schnitt ähnlich."

Immerhin ist die private Bildungsrendite in Deutschland damit deutlich höher als der Ertrag aus Staatsanleihen oder den gegenwärtigen Lockangeboten von Internet-Banken, die Tagesgeld zu 4,5 Prozent verzinsen. "Aber Achtung", sagt Pfeiffer.

"Das ist ein Durchschnittswert, und er bezieht sich auf die Vergangenheit. Die hier Untersuchten haben vor 20 bis 30 Jahren ihre Ausbildung gemacht. Die künftigen Verdienste der Jugendlichen, die heute studieren, lassen sich individuell nicht genau vorhersagen und daher auch nicht ihre Bildungsrendite."

Obwohl sich die Zukunft nicht vorhersagen lässt, glaubt Pfeiffer aus der Vergangenheit einen Schluss ziehen zu können: "Studieren lohnt sich immer." Wieder greift Pfeiffer zum Bleistift. Er schreibt: "1971: erster Mikroprozessor. 1981: erstes MS-DOS-Betriebssystem." Dann sagt er: "Davon haben Akademiker stärker profitiert als andere." In den vergangenen 30 Jahren haben mehr Studierende die Hörsäle bevölkert als zuvor. Seit den achtziger Jahren hat sich die Quote der Akademiker an der berufstätigen Bevölkerung verdoppelt und liegt gegenwärtig bei 18 Prozent. "Da haben manche erwartet, dass ein ökonomisches Proletariat entsteht, die Akademikerlöhne sinken und sie öfter arbeitslos werden." Eingetreten ist das nicht. Die Bruttolöhne blieben relativ stabil, die Arbeitslosenquote von Akademikern ist niedriger als vier Prozent.

Studieren lohnt sich also immer? "Im Prinzip schon", sagt Pfeiffer, grinst verschmitzt, holt Luft und sagt zwei Mal: "aber". Das erste Aber bezieht sich auf den Erfolg im Berufsleben. Die individuelle Bildungsrendite wird auf dem Arbeitsmarkt erwirtschaftet. Und dort gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. So ist die Rendite eine Mischung aus "Anstrengung, Glück und der Frage, wie viele andere dasselbe machen wie ich", sagt Pfeiffer. Es sei wie in der Wirtschaft: Wenn dort ein Unternehmen gigantisch zulegt und mit einer Innovation gut verdient, ziehen Wettbewerber nach, die Gewinne sinken.

Das zweite Aber sind die Neigungen des Studenten. Selbst wenn erwiesen ist, dass die Bildungsrendite auf dem Papier bei Zahnmedizinern wesentlich höher ist als bei Kunsthistorikern, lohne es sich für Freunde des Guten, Wahren und Schönen nicht unbedingt, am Kiefer fremder Leute zu arbeiten. Pfeiffers Erklärung ist so einfach wie einleuchtend: "Wer sich im Studium schwertut, der braucht dafür auch länger. Und wer länger braucht, gibt länger Geld dafür aus und hat kein Einkommen. Das schmälert wiederum die Rendite." Zweifelhaft sei außerdem, ob Patienten besonders gern bei einem Zahnarzt im Stuhl lägen, der eigentlich etwas ganz anderes hätte machen wollen - was wiederum das Einkommen senke.

Doch ist bei diesen Berechnungen Vorsicht geboten. Sie legen statistische Durchschnittswerte zugrunde - individuell können die Renditen ganz anders ausfallen. So ist längst erwiesen, dass Akademikerkinder, selbst wenn sie gar nicht studieren, eine höhere Bildungsrendite erzielen als Arbeiterkinder. Und die Rendite-Rechner sind zu einer eigenen Branche geworden, die immerzu neue Prozentzahlen und gewagte Thesen produziert. Zahnmedizin, so war in einem Magazin für Studenten jüngst zu lesen, habe eine Rendite von 11,62 Prozent. Ob solcher Zahlen rauft sich Pfeiffer die Haare. "Wenn ich das schon sehe! So eine Pseudogenauigkeit! Also, die Kommastelle bestimmen zu wollen, das geht doch nicht."

III. Versuch macht klug - Der Staat

Zahlen und Formeln bestimmen auch die Arbeit von Stefan Wolter. Wolter, 41, ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) und Professor für Bildungsökonomie an der Universität Bern. Er berechnet, was dem Staat, nachdem er Schulen und Universitäten finanziert hat, unterm Strich übrig bleibt. Er nimmt dafür die Durchschnittskosten für den Staat, setzt sie zum Lebenseinkommen und den abgeführten Steuern seiner Bürger ins Verhältnis. Dazu bezieht er alle Steuerformen und Sozialtransfers mit ein. Da Akademiker seltener arbeitslos werden als Nichtakademiker, spart der Staat an ihnen Sozialhilfe. Sein Ergebnis: Der Staat macht ein Plus, selbst beim kostenlosen Studium.

Nur wie hoch dieses Plus ist, darüber streiten sich die Gelehrten: Frank Ziegele, Professor für Hochschulmanagement an der Fachhochschule Osnabrück, sagt: "Die Bildungsrendite des Staates liegt deutlich unter der privaten Rendite der Studierenden." Richard Sturn, 51, Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Graz, sagt: "Es ist eine Rendite in der Größenordnung von zehn Prozent, die der Staat damit einstreicht." Ziegele forschte für das Centrum für Hochschulentwicklung, gegründet von der BertelsmannStiftung. Sturn erarbeitete eine Studie für das Deutsche Studentenwerk.

Doch die staatliche Bildungsrendite ist mehr als politische Mathematik. Sie ist auch das Ergebnis von Regulierung. Zum Beispiel bei den Ärzten. Ein Medizinstudium kostet den Staat nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 25 210 Euro pro Student und Jahr. Einmal im Beruf, deckeln die Tarifbestimmungen des öffentlichen Dienstes das Gehalt eines angestellten Arztes. So verdient ein Schweizer Klinikarzt wesentlich mehr als sein Kollege in Deutschland. Dafür geht die Lohnschere zwischen der Krankenschwester und dem Arzt im deutschen Spital nicht so weit auseinander wie in der Schweiz. Weil der Lohn jedoch bewusst niedrig gehalten wird, nimmt der Staat wiederum weniger Steuern ein. Allgemein kann man sagen: "Wenn die Länder in die Lohngestaltung eingreifen, fallen die Bildungsrenditen niedriger aus", so Wolter.

Ein prinzipielles Problem beim Ermitteln der staatlichen Bildungsrendite ist, dass ihre Berechnung immer statisch ist. Verändern sich die Bedingungen, geht die ganze Gleichung nicht mehr auf. Kostete also ein Medizinstudium plötzlich mehr Gebühren als ein Studium der Betriebswirtschaftslehre, wäre anzunehmen, dass mehr zahlenverliebte Ökonomen als Ärzte die Universitäten verlassen. Doch sicher ist das nicht. "Wenn man das Verhalten von Personen abschätzen muss, wird es schwierig", sagt Wolter.

Griffiger ist das, was Ökonomen wie Wolter die "soziale Rendite" nennen. Sie rechnet nicht auf Punkt und Komma die monetären Vorteile aus, sondern ermittelt die gesellschaftlichen Folgen der Bildung. "Gut Gebildete sorgen dafür, dass schlechter Gebildete besser verdienen", behauptet Wolter. Mit anderen Worten: Ein Ingenieur schafft Arbeitsplätze, ein Herzchirurg erhöht den Lohnspiegel in seinem Umfeld. Für den Staat lohne sich deshalb die Investition in Bildung. "Die zusätzlichen Steuereinnahmen, die von gut ausgebildeten Personen entrichtet werden, übertreffen die öffentlichen Bildungsausgaben und erwirtschaften Renditen, die normalerweise über dem realen Zinssatz liegen", sagt Wolter. Aber er schränkt die Aussagekraft seiner Zahlen gleich ein: "Bildungsrenditen sind schwierig zu ermitteln und noch schwieriger zu interpretieren, aber sie können dazu dienen, die Effizienz der Bildungspolitik zu messen."

IV. Lehrjahre sind keine Herrenjahre - Die Firma

Verheerend wäre es, investierte der Staat verstärkt in Fächer, die hohe Renditen versprechen. Die teuren Mediziner würden ihm bald ausgehen, dafür aber unzählige Ökonomen nach einem Billigstudium der Betriebswirtschaftslehre die Fakultäten verlassen. Nicht weniger verheerend wäre es, hätte der einzelne Student beim Lernen nur die spätere Rendite im Blick.

"Wer hätte im Jahr 2000 gedacht, dass Ingenieure heute so gefragt sind? Oder Betriebswirte, die sich 2002 sehr schwergetan haben auf dem Arbeitsmarkt", fragt Anja Hofmann. Hofmann, 34, hat mehrere Jahre in der Personalberatung gearbeitet und ist Mitbegründerin der Deutsche Bildung AG. Die Gesellschaft hat einen Fonds aufgelegt, der Studierenden bei der Finanzierung des Studiums unter die Arme greift, unabhängig vom Einkommen der Eltern und rückzahlbar als Anteil vom künftigen Gehalt. Damit ähnelt der private Fonds dem Modell der australischen Studiengebühren. Auf der anderen Seite der Welt bezahlen Hochschulabsolventen eine gehaltsabhängige Akademikersteuer, die das Finanzamt abwickelt. Hofmann und ihre Kollegen machen etwas Ähnliches, nur mit privatwirtschaftlichen Mitteln, bei steigender Nachfrage.

Denn die Ausbildung wird teurer, auch in Deutschland. Studiengebühren erhöhen den Druck auf Eltern und angehende Akademiker. Zusätzlich sind die Anforderungen der Unternehmen an junge Bewerber gestiegen. Auslandspraktika waren früher ein Plus, heute sind sie ein Muss; die Beherrschung von Sprachen wird vorausgesetzt; Computerkenntnisse sind inzwischen so selbstverständlich, dass sie im Lebenslauf kaum noch erwähnt werden. Damit steigen auch die Kosten für die Ausbildung - und Firmen wie die von Anja Hofmann wittern darin ein Geschäft. "Am Erfolg künftiger Akademiker mitverdienen, den die Anleger mit ermöglicht haben", nennt sie das.

Gefördert wird von ihr aber nicht die Elite, sondern die Masse. "Damit haben die Anleger eine extrem breite Risikostreuung", sagt Hofmann. "Welche Berufe der Arbeitsmarkt morgen braucht, wissen wir heute noch nicht." Und damit auch nicht, in welcher Branche die höchsten Renditen zu erzielen sind. Investoren in Hofmanns Fonds dürfen hingegen mit einer ganz privaten Bildungsrendite fremder Menschen rechnen: 6,2 Prozent Zinsen verspricht der geschlossene Fonds von Deutsche Bildung AG, bei einer Laufzeit von zwölf Jahren.

V. Wissen ist Macht - Der Rektor

Solchen Zahlenspielereien verweigert sich Birger Priddat. Er will mit Bildung etwas ganz anderes erreichen. Priddat, 58, ist Rektor der Privaten Universität Witten/ Herdecke und damit an finanzielle Turbulenzen gewöhnt. Ihm schwebt vor, den Menschen die Möglichkeit zu geben, lebenslang zu lernen, und er greift dabei zurück auf Gary S. Becker, den Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften von 1992. Der Liberale Becker schlägt vor, für Schulen Gutscheine zu vergeben, um damit die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen zu finanzieren.

Priddat würde daraus gern Studienguthaben machen und jungen Menschen Voucher geben. 80 000 bis 100 000 Euro soll ein solcher Lebensvoucher wert sein, den der Staat ausgibt. Die jungen Menschen könnten damit studieren oder eine Lehre absolvieren. Wenn sie aber im Alter von 45 Jahren noch etwas übrig hätten, könnten sie damit wieder an die Universität gehen oder den Meisterkurs machen.

Viel wichtiger als die Finanzierung ist Priddat allerdings der Inhalt. Die Wissenschaft ist für ihn der wichtigste Fokus beim Studium. "Ich will nicht unmittelbar für den Arbeitsmarkt ausbilden", sagt er. "Ich will Leute, die im Studium lernen mitzudenken, die eine Haltung haben und sich im Leben bewegen können." Also doch Soziologie? Oder ist das am Ende egal - rein rechnerisch? -

Bildung in Zahlen Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland, in Prozent: 4,6
Durchschnittsanteil in den OECD-Mitgliedsländern, in Prozent: 5,4
Öffentliche Bildungsausgaben pro Einwohner in westlichen Industrieländern, in Dollar: 1650
Öffentliche Bildungsausgaben pro Einwohner im südlichen Afrika, in Dollar: 25
Studierende an deutschen Hochschulen im Wintersemester 2007/2008: 1 947 569
Davon an Universitäten: 1 320 648 (68 %)
An Fachhochschulen: 546 167 (28 %)
Zahl der Studiengänge an deutschen Hochschulen im Sommersemester 2008: 11 369
Davon Bachelor- und Master-Studiengänge: 7606 (67 %)
Studienanfänger 2007: 358 217
Anteil der Studienanfänger eines Jahrgangs in Deutschland 1993, in Prozent: 26
Anteil der Studienanfänger eines Jahrgangs in Deutschland 2007, in Prozent: 37
Anteil der Studienanfänger eines Jahrgangs im OECD-Mittel 2005, in Prozent: 54
Anteil der Studienanfänger eines Jahrgangs in Australien 2005, in Prozent: 82
Anteil der Studienabschlussquote eines Jahrgangs in Deutschland 2005, in Prozent: 20
Anteil der Studienabschlussquote eines Jahrgangs im OECD-Mittel 2005, in Prozent: 36
Ausgaben der öffentlichen Haushalte pro Schüler einer allgemein bildenden und beruflichen Schule in Deutschland im Jahr 2005, in Euro: 4700 Davon ... ... Personalausgaben: 3900
... laufender Sachaufwand: 500
... Investitionsausgaben: 300
Ausgaben pro Hauptschüler, in Euro: 5600
Ausgaben pro Realschüler, in Euro: 4500
Ausgaben pro Gymnasiasten, in Euro: 5400
Ausgaben pro Studierendem für Hochschulen im Jahr 2004, in Euro: 11 800
Ausgaben pro Schüler in der Primarstufe in Deutschland, in Euro: 4400
OECD-Schnitt, in Euro: 4800
Ausgaben pro Schüler in der Sekundarstufe in Deutschland, in Euro: 6800
OECD-Schnitt, in Euro: 6400
Anzahl der hauptamtlichen Professoren in Deutschland 2006: 37 694
Davon Frauen: 5735
Anzahl der hauptamtlichen Professoren in Deutschland 1997: 37 668
Davon Frauen: 3392
Prozentualer Anteil der Magister- und Diplom-Studenten, die ihr Studium in Deutschland ohne Abschluss beenden: 21
Prozentualer Anteil der Bachelor-Studenten, die ihr Studium in Deutschland ohne Abschluss beenden: 30
Prozentualer Anteil der Lehramtsstudenten, die ihr Studium in Deutschland ohne Abschluss beenden: 8