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Dann geh doch!

Die Deutschen klagen über den Brain Drain die Schweiz und andere europäische Länder fördern ihn. Aus guten Gründen.




- Man könnte es auch als Fluchthilfe bezeichnen: Staat bezahlt Unternehmer die Abwanderung ins Ausland! Klingt verrückt, ist es aber nicht. Doch der Reihe nach. Der Schweizer Franco Dal Molin hatte 2003 die Idee für ein Programm, das Teams in aller Welt die Zusammenarbeit erleichtern kann. Online sollten Arbeits gruppen ihre Dateien, Kommentare, Notizen, selbst Telefonate hin- und herspielen können. Also klapperte Dal Molin potenzielle Geldgeber ab; alle lehnten ab oder boten lächerliche Summen. Als das Geld von Freunden und seine Hoffnung langsam zur Neige gingen, sprang 2005 die Eidgenossenschaft ein. Das Start-up-Programm CTI befand Dal Molins Firma Collanos für förderungswürdig, und die Schweizer schickten den Jungunternehmer mit den besten Empfehlungen nach - Kalifornien.

Das Schweizer Konsulat in San Francisco half ihm mit einem kleinen, aber feinen Programm: Schreibtisch, Telefonanschluss, Kontakte zu Fachleuten, Geldgebern und anderen ersten Adressen im Silicon Valley. In San Francisco baute Dal Molin in den folgenden zwei Jahren seine Firma auf, machte sein Produkt marktreif, holte einen erfahrenen Chef und schließlich institutionelle Investoren an Bord. "Auch wenn ich nicht sofort Geld auftrieb: Die neue Perspektive war entscheidend, um die Kurve zu kriegen", sagt er rückblickend. Inzwischen lebt er wieder in Zürich.

Der spendable Fluchthelfer heißt Swissnex. Diese Schweizer Einrichtung betreibt ein ebenso erfolgreiches wie unorthodoxes Experiment zur Wirtschaftsförderung, das Handelsattachés der alten Schule die Haare zu Berge stehen lässt. Swissnex hilft angehenden Unternehmern dabei, ihre Ideen in Kalifornien auszuloten, dort Firmen zu gründen und sogar dauerhaft auszuwandern. Derartige mit Steuermitteln finanzierte Starthilfen leisten sich neben der Schweiz eine ganze Reihe europäischer Länder.

Sie alle fürchten eines noch mehr als die heimische Kritik am subventionierten Brain Drain: den Anschluss an kreative Zentren wie etwa San Francisco zu verlieren. Weil die Talentwanderung ohnehin nicht aufzuhalten ist, so die Überlegung, sollte man versuchen, sie in die besten Bahnen zu lenken. In Deutschland dagegen hält man offenbar nichts von solchen Experimenten.

Das Swissnex-Gebäude im Herzen von San Francisco macht vor, wie eine intelligente Wirtschaftsförderung im Zeitalter kleiner, virtueller Firmen und grenzenloser Zusammenarbeit aussehen kann. Der zweistöckige Backsteinbau dient im Erdgeschoss als Kulturzentrum und Veranstaltungsort, und im ersten Stock haben Swissnex-Direktor Christian Simm und die Inkubator-Leiterin Birgit Coleman eine ganze Reihe von Schreibtischen für ihre Gäste aus der Heimat eingerichtet.

"Das Modell gibt es seit 2004, aber wir entwickeln es kontinuierlich weiter", sagt Coleman, die das Programm seit Mai 2007 leitet. Anfangs bestand die Idee darin, jeweils zwei Unternehmer für maximal ein halbes Jahr in San Francisco unterzubringen und ihnen bei der Marktsondierung, Kontakten mit Geldgebern und der Entwicklung ihres Geschäftsplans zu helfen.

Solche Unterstützung bieten normalerweise Risikokapital-Geber oder Unternehmen wie Yahoo, um neue Ideen im Eilverfahren ausbrüten zu lassen. Sie offerieren Nestwärme, Beziehungen und Ratschläge im Gegenzug für eine prozentuale Beteiligung. Für Gründer aus Europa stehen solche Brutkästen wie Y Combinator oder Idealab selten offen, da sie eine Präsenz vor Ort voraussetzen, um überhaupt aufgenommen zu werden. Konsulate sind kein Ersatz: Sie dürfen keine Geschäfte machen, bei denen Geld oder Aktien den Eigentümer wechseln.

Nur keine Angst vor dem Brain Drain: Der Gründer-Export nutzt der Heimat

Swissnex hat ein alternatives Fördermodell entwickelt. Dabei gibt es eine enge Kooperation mit einer Initiative des Wirtschaftsministeriums in Bern namens KTI (englisch: CTI), die seit zwölf Jahren Erfolg versprechende Neugründungen begutachtet, mit Mentoren begleitet und bei guten Aussichten auf geschäftlichen Erfolg zertifiziert. Bisher sind rund 1500 Ideen für gut befunden worden. Für Birgit Coleman ist die CTI-Auszeichnung eine Art Exportbescheinigung, denn sobald ein Start-up diese Hürde genommen hat, kann es sich bei ihr um einen Platz im Inkubator bewerben. Das tun keineswegs alle, und umgekehrt muss man nicht durch die CTI-Schule gehen, um bei Swissnex Gehör zu finden.

"Da CTI pro Jahr um die 30 Firmen zertifiziert, ist die Pipeline immer voll", sagt die Swissnex-Frau. "Wir haben aber schnell gemerkt, dass die Einheitsformel - ein Schreibtisch für sechs Monate, das war's - nicht funktioniert. Ein Gründer oder eine Firma mit zwei, drei Leuten braucht für den großen Sprung in die USA eine Brücke." Manchmal reichen einem Programmierer zwei Wochen vor Ort und ein paar Telefonnummern, um die Lage zu sondieren. Andere Firmen, die mit komplizierter Technik zu tun haben, benötigen zwei Büroplätze für ein ganzes Jahr.

Seit Simm und Coleman das Förderprogramm im vergangenen Jahr flexibilisierten, haben sie mehr als 50 jungen Firmen aus der Schweiz geholfen - von ein paar Telefonaten oder E-Mails zur Einführung im Silicon Valley bis hin zu einem langfristigen Aufenthalt. "Unser Budget ist gleich geblieben, aber wir haben jetzt bedeutend mehr Wirkung", sagt Coleman. Swissnex plant, im Herbst ein Dutzend CTI-prämierter Nachwuchsfirmen für eine knappe Woche nach San Francisco einzufliegen und in einem Marathonprogramm mit der örtlichen Unternehmer- und Finanzprominenz in Verbindung zu bringen. In Boston organisiert das örtliche Schweizer Konsulat unter dem Namen Share schon seit sieben Jahren eine ähnliche Veranstaltung.

Swissnex nimmt dabei in Kauf, dass die so geförderten Unternehmer Gefallen an den USA finden, Geldgeber überzeugen und sogar die Firma verlagern. Insider sprechen vom "Flippen", wenn ein europäisches Start-up seinen Sitz nach Kalifornien verlegt und sich wie fast alle US-Firmen im extrem unternehmerfreundlichen Bundesstaat Delaware registrieren lässt. Mehrere von Colemans Klienten haben diesen Schritt getan, um sich im Silicon Valley als glaubwürdiges Unternehmen präsentieren zu können. "Das ist oft ein notwendiger Schritt, um wachsen zu können", erklärt die Inkubator-Leiterin. "Wir stellen gerne die Kontakte her, um Finanzierung zu bekommen. Dabei behalten wir Start-ups so lange bei uns, wie es nötig ist - und solange sie keine kommerziellen Aktivitäten aus Konsulatsräumen betreiben."

Eigentlich gelten solche Gründer als verlorene Söhne Europas. Wer sein geistiges Eigentum mitnimmt und sich mit ausländischem Risikokapital finanzieren lässt, trägt zum oft beklagten Brain Drain bei, also der Abwanderung kreativer junger Geister, die eigentlich in ihrer Heimat Arbeitsplätze schaffen sollten. Wie viele Europäer es genau in die Region rund um San Francisco verschlagen hat, ist nicht feststellbar. Mehrere Tausend Schweizer, mehrere Zehntausend Deutsche - die vage Liste lässt sich um viele weitere Nationalitäten verlängern.

Selbst die Botschaften kennen keine Zahlen, denn viele Gründer wie Franco Dal Molin reisen mit mehreren, aufeinander folgenden "Besuchervisa" als Tourist ein, ohne jemals bei ihren Ländervertretungen und Handelskammern aufzutauchen. Letztere schielen in der Regel nur auf größere Fische: mittelständische oder große Unternehmen, die nach neuen Absatzmärkten, Vertriebspartnern oder Fertigungsstandorten suchen. Allesamt klassische Aufgaben der Wirtschaftsförderung, als Waren und Dienstleistungen entweder von A nach B oder von B nach A flossen.

Das Swissnex-Programm dagegen hilft Firmen, die noch nicht einmal über die Idee hinausgewachsen sind, keine Produkte im herkömmlichen Sinne herstellen und mit einer kleinen Schar Mitarbeiter auskommen. Als Beihilfe zum Brain Drain sieht Birgit Coleman ihr Programm keineswegs. "Wir wollen dabei helfen, Technologie zu evaluieren, zu validieren und daraus ein Geschäft zu machen. Egal wo ein Start-up am Ende wächst und Arbeitsplätze schafft, es ist immer eine Schweizer Erfolgsgeschichte. Sollen sie lieber in der kleinen Schweiz sterben oder hier in Kalifornien erfolgreich sein? Im Idealfall bekommt jeder etwas ab."

Viele Tech-Firmen mögen zwar ihren Firmensitz in die USA verlegen, aber sie behalten ihre Entwicklungsabteilung zu Hause und beschäftigen Programmierer von Indien bis zur Ukraine. So schaffen sie trotz - oder gerade wegen - ihrer Aktivität im Ausland auch Arbeitsplätze in der Heimat. "Europa mag zwar bei der Grundlagenforschung stark sein", sagt Coleman, "aber wir können bei der Markteinführung von Ideen von den USA alle nur lernen. Für einen Gründer, der beides kennt, ist das die beste beider Welten." Eine genaue Erfolgsbilanz, was Investitionen und Jobs angeht, hat sie noch nicht angelegt, aber Coleman ist sich sicher: "Es gibt einen Return on Investment! "

Rein auf die Schweiz bezogen, haben die CTI-Väter sehr wohl Bilanz gezogen. Danach waren zehn Jahre nach Start des Coaching-Programms 138 der 157 zertifizierten Firmen noch im Geschäft und hatten etwa 5500 Arbeitsplätze geschaffen. Zudem ist rund um Swissnex bereits ein kleines transatlantisches Firmengeflecht entstanden. Dazu zählt der US-Schweizer Risikokapital-Geber Ecosystem Ventures, der im selben Gebäude wie Swissnex sitzt, Neuankömmlingen beim Eingewöhnen hilft und sich bei ihnen finanziell engagiert.

"Was die Schweizer auf die Beine gestellt haben, ist vorbildlich. Davon könnten sich die Deutschen eine dicke Scheibe abschneiden", findet Achim Hölzle. Der Rechtsanwalt arbeitet seit zehn Jahren in San Francisco und betreibt seit 2002 eine eigene Kanzlei. Seine Feldberg Pacific Law Group konzentriert sich auf kleine und mittelständische Firmen in den Branchen Informationstechnik, Internet und erneuerbare Energien. Viele von Hölzles Mandanten sind deutsche Gründer aus der Berliner Web-2.0-Szene, die deutsche Risikokapitalfonds an ihn verweisen, wenn der Umzug nach Kalifornien ansteht.

"Als Anwalt für Gründer ist man mehr als nur ein Rechtsbeistand, der Verträge regelt. Es geht auch um eine gewisse persönliche Hilfestellung, um sich zurechtzufinden", sagt Hölzle. "Ich betrachte mich als jemanden, der Ideen und Vorstellungen auf ihre vernünftige Basis abklopft." Sein Rat ist umso gefragter, als es für deutsche Web-Gründer so gut wie keine Unterstützung durch Konsulat, Handelskammer oder die wenigen, noch verbliebenen Außenposten deutscher Wagniskapitalfirmen gibt. "Wer mit Mitte 20 hierherkommt und in seinem Wohnzimmer an einer Idee werkelt, der taucht bei diesen Stellen gar nicht erst auf dem Radarschirm auf. Leider - das ist eine vertane Chance, um neue Personen und Trends im Auge zu behalten", so Hölzle.

Steli Efti ist das beste Bespiel. Der 25-jährige Stuttgarter mit griechischen Eltern bastelt seit vergangenem Sommer in San Francisco an einer Web-Plattform fürs Fernstudium, bei der die Schüler, nicht die Lehrer, am Drücker sitzen. In "Supercool School" können an einem Thema interessierte Leute selbst einen Kurs ein- und sich selbst unterrichten. Aus der Plattform soll später eine Version für Fortbildung in Unternehmen werden, bei der die Personalabteilung im Hintergrund bleibt, die Leute machen lässt - und unter den aktiven Lernern und Lehrern Experten auf bestimmten Gebieten ausfindig machen kann.

"Das Thema E-Learning wird seit Langem propagiert, aber die meisten Angebote gehen von der falschen Annahme aus, dass alle Menschen scharf aufs Lernen sind", sagt Efti zu seiner Geschäftsidee, mit der er Ende März 2008 auf der Networking-Seite Facebook gestartet ist. "Wir gehen die Sache realistischer an: Lernen ist eine soziale Aktivität, die Spaß machen muss, sonst lässt man sie schnell links liegen."

Bislang finanziert er seine Firma selbst, ums Technische kümmern sich ein Geschäftspartner sowie mehrere Programmierer in Indien und Kanada. "Die Suche nach Hilfe von deutscher Seite stand für mich nie zur Debatte, da mir die ganzen Stellen vor Ort überhaupt nicht bekannt waren", sagt der Gründer. An Hölzle als Anwalt und Berater geriet er über Empfehlungen anderer Startups mit europäischen Wurzeln. "Er hilft mir ungemein, und zwar wenn es darum geht, das System hier zu verstehen und eine andere Kultur zu entschlüsseln. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, meine Idee hier aufzuziehen und nicht zu Hause."

Das Silicon Valley zieht Garagen-Firmen magisch an. Ob mit oder ohne Förderung

Wieso dann überhaupt der Wegzug aus Deutschland? "Der Standort spielt streng genommen heutzutage keine Rolle mehr, da wir alle global denken und arbeiten", sagt Efti. "Aber beim genaueren Hinsehen ist er doch wichtig, denn es erhöht meine Erfolgschancen, in San Francisco zu sein. Ein Prozent mehr dank des ganzen Technologie-Ökosystems, ein Prozent mehr dank der kritischen Masse an anderen Gründern und Programmierern. Das rechnet sich." In Berlin etwa, sagt der Jungunternehmer, suchen Geldgeber fast ausschließlich nach Kopien von Web-2.0-Ideen, die es in den USA bereits gibt und die somit vermeintlich ergiebiger sind als völlig neue Geschäftspläne. "Sie tauschen Sicherheit gegen Originalität ein. Und das wollte ich nicht."

Ebenso sehen das zwei weitere Deutsche, die seit ein paar Monaten ihre Zelte in San Francisco aufgeschlagen haben. Jörg Lamprecht, 38, und Carlo Velten, 30, haben mit einem dritten Partner aus Deutschland Qitera gestartet. Die Suchmaschine, die bislang nur einigen Testern zugänglich ist, bedient sich des semantischen Webs, will also das Beziehungsgeflecht zwischen Personen, Begriffen, Orten und Aktivitäten maschinenlesbar machen.

Obwohl die drei Gründer aus Kassel dort bereits mehrere Firmen aus der Taufe gehoben und anschließend für siebenstellige Beträge verkauft haben, siedelten sie sich diesmal in Kalifornien an. "Das semantische Web ist ein Trend der Zukunft, und wir wollten dorthin, wo es Menschen, Technik und Gründergeist gibt", sagt Lamprecht. Und: "Ich kann hier an einem Tag in vier Cafés an Besprechungen erledigen, was mich in Europa eine ganze Woche Herumreisen kosten würde. So dicht gedrängt sitzen die richtigen und wichtigen Leute."

Obwohl Lamprechts Geschäftspartner Velten an der Universität Kassel am dortigen Zentrum für Unternehmertum namens Startnetz maßgeblich beteiligt war, haben die Qitera-Gründer um derartige öffentliche Hilfe einen großen Bogen geschlagen. "Wir sind nicht scharf auf Förderungsmöglichkeiten, da sie einen Rattenschwanz an Papierkram nach sich ziehen. Das stiehlt einem nur Zeit, sodass wir am Ende nur noch mit uns selbst beschäftigt wären", sagt Velten. Deswegen arbeiten die beiden bis auf Weiteres bescheiden in ihren Wohnungen - auf der Suche nach Kontakten, Ideen und vor allem Geldgebern. In Kassel sind sechs Mitarbeiter verblieben, die sich ums Technische kümmern.

Dabei wären sowohl Steli Efti und sein Anwalt Hölzle als auch Lamprecht und Velten für eine gewisse Portion institutioneller Starthilfe dankbar. Sie alle wünschen sich eine deutsche Initiative nach dem Vorbild des Swissnex-Inkubators, bei dem öffentliche und private Stellen an einem Strang ziehen, um Gründern den Sprung in die USA zu erleichtern. Etwa ein Haus, in dem Jungunternehmer als Stipendiaten ein paar Monate arbeiten, Kontakte knüpfen und an ihrer Präsentation feilen können. "Das wäre eine Superidee. Wenn deutsche Risiko-Kapitalisten klug wären, würden sie alle zusammenlegen, um so etwas in San Francisco einzurichten", sagt Velten. "So sehen sie möglichst früh, was alles an Ideen entsteht." Ebenso gut könnte die Deutsch-Amerikanische Handelskammer oder deren Halb-Konkurrenz, die German American Business Association (GABA), die in San Francisco und Los Angeles präsent ist, eine solche Einrichtung schaffen. "Wenn sie es nicht tun, kriegen sie erst mit, dass es deutsche Neugründungen wie Qitera gibt, wenn eine Firma verkauft wird oder pleitegegangen ist", ergänzt Velten.

Immerhin gibt es reichlich Vorbilder aus anderen europäischen Ländern, die ihre eigene Version der Wirtschaftsförderung in Form von Fluchthilfe ausschütten. Dänemark etwa hat im Juni 2006 ein Innovation Center in Palo Alto unweit der Universität Stanford eröffnet. Das Zentrum ist ein Pilotprojekt, an dem sich ähnliche Einrichtungen in Schanghai und seit Neuestem in München orientieren. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Auftrag der neun Mitarbeiter kaum von einer klassischen Förderung. Es geht darum, Dänen den Markteintritt zu erleichtern und US-Firmen für Investitionen in Dänemark zu gewinnen. Aber dahinter verbirgt sich ein neues Denken.

Kleine europäische Länder zeigen, wie's geht. Deutschland traut sich offenbar nicht

Rund 15 Firmen haben sich subventionierte Büroflächen oder Briefkästen im Center gemietet, fünf davon sind permanent anwesend, berichtet die Programmleiterin Lene Sjorslev Andersen: "Seit wir eröffnet haben, reißt der Andrang nicht ab. Wir scheinen eine ideale Adresse zu sein, damit neu gegründete Firmen ihre Geschäftsidee verfeinern und vor einem kritischen Publikum prüfen können." Eine der Firmen ist bereits in eigene Büroräume gezogen, andere werden möglicherweise unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Einer von Andersens Kollegen kümmert sich darum, Professoren und Studenten mit den führenden Hochschulen der Gegend für Konferenzen, Stipendien und generellen Austausch in Kontakt zu bringen. Und da in Stanford oder Berkeley bei jeder neuen Idee vom Internet bis zum Sprit aus Algen die Geldgeber nicht weit sind, wird aus fast jeder Begegnung schnell ein Brainstorming rund um die Vermarktung neuer Techniken.

Ebenso aktiv ist ein weiteres skandinavisches Land. Pekka Pärnänen leitet in Personalunion die beiden finnischen Einrichtungen Finpro und FinNode. Sie sind eine Kombination aus klassischer Wirtschaftsförderung, Marktforschung, Trendscouting und Informationsdrehscheibe für Finnlands Hightech-Industrie, vom kleinen Start-up bis zum Handyriesen Nokia. An dem globalen Netz Finpro sind Regierung, Hochschulen, Investmentfonds und Unternehmen aus Finnland beteiligt.

FinNode hingegen wurde erst Anfang 2007 im Silicon Valley aus der Taufe gehoben, berichtet Pärnänen, der den Laden mit drei Angestellten betreibt. Das Programm soll wie eine Art hyperaktiver Ehevermittler Ideen und Gründer, Forschung und Entwicklung aus Finnland wie aus Kalifornien zusammenbringen.

"Ich bin so lange im Geschäft, früher selbst als Unternehmer, dass ich meine Kontakte spielen lasse, um neue Ideen und neue Firmen zu finden und sie mit passenden Gelegenheiten zu kombinieren", sagt Pärnänen, der im Schnitt einmal im Monat nach Europa fliegt. " Jedes unserer Gründungsmitglieder verfolgt seine eigene Agenda, von Forschungsprioritäten bis zur Suche nach Investitionen. Was uns vereint, ist die strategische Ausrichtung: neue Trends rechtzeitig zu erkennen, was digitale Medien, Telekommunikation, Anwendungen im Gesundheitswesen und saubere Technologien angeht." Wenn Pärnänen an einer Idee Gefallen gefunden hat, bringt er finnische Gründer mit amerikanischen Unternehmen ins Gespräch. "Ich stelle Leute hauptberuflich einander vor, aber ich verlange nichts dafür! " Normalerweise hat Pärnänen um die 30 Firmen in der Kartei, die er zwischen drei Monaten und einem Jahr begleitet.

Ist es schlimmer, einige helle Köpfe zu verlieren oder Chancen in Übersee zu verpassen?

Dass derlei aus Steuermitteln finanzierte Starthilfe zum Brain Drain beitragen soll, hält der Finne für Unsinn. "Ich sehe lieber drei junge Finnen, die hier etwas Cooles entwickeln und es vielleicht an eine US-Firma verkaufen, als dass sie in Helsinki vor sich hin dämmern. Wenn sie Erfolg haben, stehen die Chancen gut, dass sie zu Unternehmern werden und zu Hause etwas Neues anfangen. Hier gibt es nun einmal optimale Startbedingungen, und dafür muss man das Risiko eingehen, ein paar gute Leute dauerhaft zu verlieren. Die Gefahr, den unternehmerischen Drang zu Hause durch Nichtstun zu ersticken, ist größer."

Johannes Buchholz, Leiter der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in San Francisco, hält sich dagegen eher an die klassischen Aufgabengebiete, nämlich mittelständischen Unternehmen den Markteintritt in Kalifornien zu erleichtern. Die Handelskammer, ein Ableger der Einrichtung in New York, bietet seit einiger Zeit gegen eine kleine Gebühr auch "virtuelle Büros" an, also Sekretariatsdienste für deutsche Klienten. "Wir haben sechs Firmen, die das nutzen, und wir wollen das Angebot ausbauen." Theoretisch, sagt Buchholz, gibt es bei der Firmengröße nach unten keine Grenze, sodass auch ein Zwei-Mann-Unternehmen mit einer Internet-Geschäftsidee zu ihm kommen könnte. Aber passiert sei das noch nicht.

Außerdem organisiert die Kammer Besuche auf Messen und Begegnungstage für bestimmte Branchen, bei denen amerikanische und deutsche Firmen zusammengebracht werden - sofern sie eine bestimmte Größe erreicht haben und mit ihren Produkten ins Ausland wollen. Dabei kommen so schöne Programme wie das "Vermarktungshilfeprojekt" heraus, die allesamt nur etablierten Unternehmen beim Export helfen.

Wie sieht es mit Starthilfe für Jungunternehmer aus? Da muss Buchholz passen: "Wir können nicht durch Deutschland fahren und verkünden: Leute, kommt rüber und gründet eure Firma hier! " Auch die Fallstricke des Föderalismus muss die Kammer im Auge behalten, denn der Freistaat Bayern leistet sich als einziges Bundesland in Palo Alto eine Außenstelle zur Wirtschaftsförderung an der Westküste. Auch dort sind es vor allem Mittelständler, die die Leiterin Lucie Merkle im Auge hat, und nicht Kleinstfirmen aus der Garage oder dem Wohnzimmer - auch wenn das die Keime der Innovationskultur sind, die Palo Alto zum Talentmagneten gemacht haben.

"Die meisten Deutschen, die hier unternehmerisch aktiv sind, wollen sich das alles einmal ansehen und dann wieder zurück wenn es eine Art Kreislauf gäbe, von dem sie profitieren können", sagt der Gründer Steli Efti nicht ohne Blick auf die eigene Biografie. Die Investition in einen deutschen Exil-Inkubator würde sich in vielerlei Hinsicht lohnen, glaubt er. Wer im Ausland einen solchen intensiven Crash-Kurs absolviert hat, der wird auf jeden Fall zur Inspiration für andere Tüftler in Berlin oder München. Wer darüber hinaus Erfolg hat, wird früher oder später zum Business Angel in Deutschland und hilft, den Innovationszyklus in Schwung zu halten. Oder seine Firma wächst und schafft irgendwo auf der Welt Arbeitsplätze. "Egal, wie man es rechnet", sagt Efti, "Deutschland profitiert immer davon." -

Informationen im Netz: www.swissnexsanfrancisco.org
www.siliconvalley.um.dk/en www.finnode.com