Zurück in die Zukunft

Schwedens Wohlfahrtsstaat war ein Vorbild. Bis die Staatsausgaben außer Kontrolle gerieten. Jetzt gibt es keinen Weg zurück. Oder doch?




- Der Admiral wollte ganz sicher sein. Er trommelte 30 seiner Männer zusammen und befahl ihnen, mehrere Male von steuerbord nach backbord zu rennen. Wie befürchtet geriet die Vasa, das prächtigste Kriegsschiff aller Zeiten, noch vor der ersten Ausfahrt ins Wanken. Der Kiel war zu lang. Die Kanonen waren zu schwer. Doch weil es der König war, der Kiel und Kanonen angeordnet hatte, lief die Vasa am Ende trotzdem aus. Sie war ein Traum von einem Machtsymbol. Und schaffte es bei ihrer Jungfernfahrt im August 1628 ganze 1200 Meter durch das Hafenbecken von Stockholm. Dann kippte sie zur Seite und sank. Unter vollen Segeln. Bei friedlicher See.

Der Vasa wurde in den Schären von Stockholm ein Museum eingerichtet. Es ist ein Symbol, das man auch auf den schwedischen Wohlfahrtsstaat anwenden kann, der immer noch von vielen als Vorbild wie als Schreckgespenst bemüht wird. Das Volk übernimmt die Rolle des Souveräns, sein Schiff, der Staat, ist ständig von der Überfrachtung durch Sozialausgaben bedroht.

In einem Land, in dem nicht einmal die Opposition das "schwedische Modell" kritisiert, ist es freilich schwer, über die Grenzen des Machbaren zu reden. Zwar steigt in Schweden seit Jahrzehnten der Anteil derer, die Leistungen des Sozialsystems in Anspruch nehmen, der Krankenstand ist nirgends höher, und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mahnt, Schweden dürfe "nicht erst auf eine Krise warten", um überfällige Reformen anzustrengen: Damit sind vor allem die Förderung der Privatwirtschaft und der Abbau von Bürokratie gemeint.

Eine grundsätzliche Diskussion über den Wohlfahrtsstaat aber ist nicht in Sicht. Warum auch, sagen die Schweden. Die Wirtschaft brummt. Die amtliche Arbeitslosenquote ist niedrig. Und bei allen Mängeln herrscht doch Einigkeit darüber, dass hohe Steuern und ein allgegenwärtiger Staat die richtigen Mittel seien, um den bisherigen Lebensstandard zu halten.

Da bleibt nicht viel Raum für einen neuen Kurs. Diejenigen, die das Manöver wagen wollen, gehen so vorsichtig vor wie die Kreativdirektoren einer Marketing-Abteilung: Sie behalten den Markennamen bei, arbeiten aber still und heimlich an einer zeitgemäßen Veränderung des Inhalts - und stellen dabei fest, dass sie nicht die Ersten sind, die das schwedische Modell auf diesem Wege verwandelt haben.

An der Kungsträdgårdsgatan in Stockholm, wo die Uferstraße vom Hafen in die Innenstadt abknickt, steht ein wuchtiger alter Bau, über dessen Portal einige Steinfiguren wachen. Das Lichtdach in der Halle wird von schwarzen Säulen getragen. Im Innenhof stehen Bürowürfel aus hellem skandinavischem Holz. Sie wirken ganz klein, ein freundliches Zugeständnis an die Moderne wie der Geldautomat nebenan. Hinter dem Aufzug, einem rappelnden Lift wie aus einem alten Detektivroman, zweigen die Zimmer zu allen Seiten ab. Ein Raum ist ringsum mit Landkarten getäfelt. Vor einem anderen steht ein Globus, dessen Markierungen vom häufigen Mit-dem-Finger-Draufzeigen stellenweise abgenutzt sind. Ein weiteres Zimmer geht zur Straße hinaus: Gemälde an den Wänden, das Ticken einer englischen Standuhr.

Für den Chef des Bankenimperiums endete das schwedische Modell in den siebziger Jahren

In diesem Bau hat sich nicht viel geändert, seit die Stockholm Enskilda Banken, Vorläufer der Skandinaviska Enskilda Banken, vor fast einhundert Jahren einzog. Hier, nur einen Steinwurf von Königsschloss und Parlament entfernt, laufen die Fäden eines Imperiums zusammen, das im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Industrialisierung Schwedens finanzierte. Es soll noch vor Kurzem weltweit an fast 150 Unternehmen beteiligt und annähernd 40 Prozent der an der Börse in Stockholm notierten Werte kontrolliert haben. Saab und Electrolux, Scandinavian Airlines und Ericsson, ABB und Astra Zeneca, gewaltige Stiftungen und selbstverständlich die SEB, die erste Privatbank des Landes: Über all das herrscht der Wallenberg-Clan, eine fast unsichtbare und stille schwedische Macht, die hinter den Kulissen des Neun-Millionen-Staates an der Ostsee die Fäden in der Hand hält: Esse, non videre - sein, ohne wahrgenommen zu werden. Unter diesem Familienmotto führen heute zwei Cousins in wechselnden Funktionen die weitverzweigten Geschäfte.

Marcus Wallenberg ist der Stillere von beiden. Als er das Zimmer betritt, wird er von einem früheren Staatssekretär begleitet, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Bankhauses kümmert, und von einem älteren Herrn, der als engster Berater der Familie gilt. Der Auftritt des Trios ist imposant, staatsmännisch bis zum Händedruck, er erinnert an Filmszenen mit Staatspräsidenten. Und so falsch ist das nicht. Die Premierminister Schwedens mögen wechseln, zwei Dinge aber bleiben: die Wallenbergs, ohne deren Rückendeckung im Norden angeblich keine wirtschaftspolitische Entscheidung getroffen werden kann, und das schwedische Modell, was immer man auch darunter verstehen mag.

"Ich weiß gar nicht, ob es dieses schwedische Modell überhaupt gibt." Marcus Wallenberg spricht wie in Zeitlupe. Er weiß, dass dieses Modell im Ausland spätestens seit den siebziger Jahren als durch und durch staatsgläubige Wohlfahrtsideologie verstanden wird. Er weiß auch, dass sich solche Eindrücke kaum mehr korrigieren lassen, wenn sie erst einmal in der Welt sind. Also beginnt er bei null und sagt: "Wenn man in Schweden über das Modell spricht, meinen wir eigentlich das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Industrie, und zwar unmittelbar vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals gab es ein großes gegenseitiges Verständnis dafür, welche politischen Maßnahmen notwendig waren. Es verschwand in den siebziger Jahren. Und mit ihm das schwedische Modell der Zusammenarbeit." Man muss in die Geschichte eintauchen, um das zu verstehen: Bis zur Weltwirtschaftskrise 1929/30 war die schwedische Wirtschaftspolitik liberal. Schwedische Banken und Unternehmen wie Ericsson oder Ivar Kreugers Zündholzunternehmen waren als Global Player etabliert und erste Sozialversicherungen nach deutschem Vorbild geschaffen. Liberale und Sozialdemokraten teilten sich zuweilen die Regierung. Schweden erlebte eine Art zweite wirtschaftliche Großmachtzeit. Der rasant steigende Lebensstandard wurde pragmatisch verwaltet, sowohl vom Unternehmertum wie auch von der Sozialdemokratie, die jeglichen sozialistischen Ballast über Bord zu werfen schien.

In den dreißiger Jahren war die Welt begeistert von der schwedischen Idee des Sozialstaats

Erst nach einer schweren Vertrauenskrise des schwedischen Liberalismus, die 1932 durch einen Skandal um den Zündholzkönig Ivar Kreuger ausgelöst wurde, übernahm die Sozialdemokratie entschlossen das Ruder. Kreuger hatte einen großen Teil der schwedischen Unternehmen kontrolliert, doch sein Finanzimperium basierte auf einem unüberschaubaren System aus Krediten, außerdem hatte er über Darlehen und Zahlungen an Politiker weltweit Märkte und Monopole errichtet. Als er im Frühjahr 1932 Selbstmord beging, stürzte sein Imperium wie ein Kartenhaus ein. Es riss Bankhäuser mit sich, Tausende Kleinsparer verloren ihr Geld - und es wurde bekannt, dass der liberale Premierminister in Kreugers merkwürdige Geschäfte verwickelt war.

Aus dieser Katastrophe konnte die Sozialdemokratie für Jahrzehnte Kapital schlagen. Geschickt übernahm sie die Rhetorik der politischen Gegner, um ein schwedisches "Volksheim" aufzubauen, das demokratische Gegenstück zum Aufbau der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" in Deutschland. Die neuen Parolen befriedigten sozialdemokratische wie nationalistische Interessen und kamen zugleich modern daher. Sie erwiesen sich ebenso als Wahlkampfschlager wie die Sozialreformen, die sinkenden Geburtenraten entgegenwirken sollten: mit Ehestandsdarlehen, Entbindungsbeihilfen, einem Kündigungsschutz für Mütter, Ausbesserungsdarlehen für Wohnungen und einer überwiegend aus Steuern finanzierten "Volkspension" ab 67 Jahren.

Der amerikanische Journalist Marquis Childs, der 1936 das Buch "Sweden - The Middle Way" veröffentlichte, war überwältigt von dem Land, in dem Einvernehmen herrschte zwischen König, Unternehmern und Sozialisten. Den neuen Kurs, der staatliche Eingriffe wagte und auf soziale Absicherung setzte, aber den Konsens mit der Wirtschaft suchte, fasste er als Alternative zu rein kapitalistischen oder rein sozialistischen Wirtschaftsmodellen auf. So schlug Schwedens Mittelweg hohe Wellen, sowohl in Amerika und Großbritannien, wo sogleich Kommissionen nach Schweden entsandt wurden, als auch unter deutschen Sozialdemokraten, die den Krieg im skandinavischen Exil überlebten. Unter ihnen waren Kurt Heinig, der 1947 das Büchlein "Der schwedische Mittelweg - Soziale Sicherheit" veröffentlichte, und Willy Brandt, unter dessen Führung die deutsche SPD ab Mitte der sechziger Jahre eine Skandinavisierung der Bundesrepublik propagierte, die unternehmerfreundliche Seite des Modells aber herunterspielte.

Gewerkschafter und Arbeitgeber schlossen einen historischen Pakt, um Streiks zu vermeiden

Dabei ist sie ein Schlüssel zum Erfolg: In Saltsjöbaden, einem idyllischen, von den Wallenbergs gegründeten Badeort vor den Toren Stockholms, schlossen Gewerkschafter und Arbeitgeberverbände 1938 einen historischen Vertrag: Sie kamen in zentralen Tarif- und Arbeitsschutzfragen überein und entschieden, diese auch künftig friedlich nach fest vereinbarten Verhandlungsregeln zu lösen. Diese Verpflichtung zur Suche nach einem Konsens hatte bis in die siebziger Jahre Bestand. Sie war die Grundlage für den Aufbau des Sozialstaates. Die Arbeitnehmerseite profitierte, weil sie ihre Anliegen vorbringen und erläutern konnte. Die Arbeitgeberseite ebenfalls, da sie sich ihrerseits erklären und darauf vertrauen durfte, dass lähmende Arbeitskämpfe im "Geist von Saltsjöbaden" der Vergangenheit angehörten.

"Das funktionierte, bis die Ideologisierung einsetzte", sagt Marcus Wallenberg. Er sagt es in einem Ton, als wäre der beste Freund der Familie gestorben. Früher sei es die Richtschnur aller Regierungen gewesen, den Freihandel zu fördern und den Konsens zu suchen. Spätestens in den siebziger Jahren aber habe die Radikalisierung alle Seiten des Arbeitslebens erfasst, die etwa zu einer aktiven Währungspolitik führte, mit der die Inflation beschleunigt wurde, oder zu einer krassen Liberalisierung, wodurch ausländischem Kapital der Zugriff auf schwedische Unternehmen erleichtert wurde. "Das alles führte zu einer Entfremdung von dem Geist, der uns früher ausgezeichnet hatte."

Einzelne Schuldige will Wallenberg nicht beim Namen nennen. Das gehört sich nicht für eine Familie, die als graue Eminenz der schwedischen Wirtschaft agiert. Wallenberg sagt lieber, dass die Rolle guter Führungspersönlichkeiten in Politik und Wirtschaft nicht unterschätzt werden dürfe, um Wirtschaft und Politik einander wieder näherzubringen. "Wir müssen verstehen, dass die freie Marktwirtschaft auch positive Seiten hat. Ohne eine effiziente Wirtschaft können wir kein effizientes Wohlfahrtssystem haben. Erst seit der Krise in den Neunzigern beginnt man das wieder zu begreifen, auf lokaler Ebene, in den Unternehmen, wo Arbeitnehmer und Arbeitgeber ein neues Verständnis für das Ganze entwickeln. Womöglich kommen Stärken des alten Modells zurück."

In den sechziger und siebziger Jahren wandelte sich die gemeinsame Suche nach einem Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus zum Konsens per Verordnung, und zwar mit einem kräftigen Drall nach links. Einzig der Staat sorgte im "Volksheim" für das menschliche Glück. Die Sozialdemokratie, die seit 1932 ununterbrochen an der Macht war und in der Gewerkschaftsbewegung einen einflussreichen Verbündeten hatte, konnte ihren Bürgern zwar zunehmend neue Angebote machen: den Ausbau etwa von Mutterschafts- und Kindergeld, den sozialen Wohnungsbau oder Umschulungshilfen. Doch um das dogmatisch propagierte Versprechen der "jämlikhet", der Gleichheit, halten zu können, nahm man Einfluss auf die Löhne und drehte an der Steuerschraube (Mehrwertsteuer 1965: 6 Prozent, 1971: 18 Prozent; Arbeitgeberabgabe vor 1960: 0 Prozent, 1970: 12 Prozent, 1977: 32 Prozent). Während sich die Staatsausgaben zwischen 1960 und 1980 verdoppelten und die Kaufkraft rapide sank, stieg die Staatsverschuldung immer stärker an. Eine Folge davon: Unter den 50 wichtigsten schwedischen Unternehmen von heute soll es nur ein einziges geben, das nach 1970 in Schweden gegründet wurde.

Das Staatsschiff war kurz davor, Schlagseite zu bekommen. Auch mental. Mit der Gleichheitsideologie, die selbst konservative Gesellschaftskreise erfasst hatte, ging eine Diffamierung von Wettbewerb, Profitorientierung und individueller Leistung einher. Das zweite wichtige Buch zum schwedischen Modell, das Anfang der siebziger Jahre erschien, löste keine Begeisterungsstürme aus. Der Verfasser war ein langjähriger Korrespondent des britischen "Observer", den die schwedische Gegenwart an die finstere Vision von Aldous Huxleys "Brave New World" erinnerte. "New Totalitarians" hieß das Pamphlet im Original, "Wohlfahrtsdiktatur" in der deutschen Übersetzung. Die Reaktionen fielen vernichtend aus. Der Autor, Roland Huntford, wurde über Nacht zum Gesellschaftsfeind abgestempelt.

Als Astrid Lindgren 102 Prozent Steuern zahlen sollte, war das Ende der Regierung besiegelt

Joakim Palme blickt mitten in Stockholm durch sein Bürofenster auf eine Landschaft aus Beton: Plattenbauten, Springbrunnen, Kreisverkehr, Kulturhaus. Sie alle sind steinerner Ausdruck der Planungswut der schwedischen Gesellschaft. An einem kleinen Zelt, das ein Asylbewerber vor dem Kulturhaus aufgestellt hat, hängt ein Stoffbanner mit der Aufschrift: "Wir wollen als Menschen behandelt werden."

Palme entschuldigt sich für seinen unaufgeräumten Schreibtisch. Er ist der Sohn des 1986 ermordeten Premierministers Olof Palme, der wiederum der Sohn des Direktors einer Versicherungsfirma war. Joakim Palme führt das Erbe seiner Vorväter als Sozialwissenschaftler fort, der sich auf das Leistungsvermögen von Wohlfahrtsstaaten spezialisiert hat und führenden europäischen Politikern bei Gelegenheit auch Denkschriften zu den Stärken der nordeuropäischen Demokratien zusteckt. Sein Institut trägt den Namen Institut für Zukunftsforschung. Die Hauszeitschrift "Framtider" ("Zukunftszeiten") beschäftigt sich mit Themen wie dem demografischen Wandel, der politischen Ethik und der staatlichen Überwachungswut.

"Ach, das schwedische Modell", sagt Palme. Auch er spricht von den Vorkriegsjahrzehnten, als Liberale und Sozialdemokraten die Modernisierung vorantrieben. "Das war es womöglich", sagt er. "Aber es gab nie einen Masterplan, abgesehen von dieser Vereinbarung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Im Zuge der Radikalisierung der siebziger und achtziger Jahre wollte man von Saltsjöbaden aber nichts mehr wissen. Das führte nicht zuletzt dazu, dass sich in Schweden eine starke Politikverdrossenheit breitmachte."

Von der immensen Steuerbelastung der Schweden spricht Palme nicht. Dabei sollten die enormen Steuern die steigenden Staatsausgaben decken. Sie waren es auch, die zu Zeiten der großen Ölkrisen die erste Protestbewegung provozierten. Mitte der fünfziger Jahre war die Steuerbelastung noch mit der anderer Staaten vergleichbar. Doch ab 1970 war sie die höchste in der industrialisierten Welt. Ausgerechnet die Schriftstellerin Astrid Lindgren, die mit "Pippi Langstrumpf" und den "Kindern von Bullerbü" das Schwedenbild im Ausland prägte, bekam einen Steuerbescheid, der von ihr - kein Witz - 102 Prozent Steuern forderte. In einer Boulevardzeitung veröffentlichte sie daraufhin das Märchen von "Pomperipossa in Monismanien", wo es "so viele Prozente gibt, wie man braucht".

Lindgrens Empörung besiegelte das Ende der ersten Regierung Olof Palmes. Erstmals seit 44 Jahren verlor die Sozialdemokratie 1976 die Macht. Als Palme 1982 ins Amt zurückkehrte, war er noch immer davon überzeugt, den öffentlichen Sektor vor Privatisierungen schützen zu müssen. Aber immerhin richtete er sich darauf ein, bessere Rahmenbedingungen für die Exportindustrie zu schaffen. Eine schwierige Aufgabe angesichts der hohen Inflation und dem Problem, dass die Beibehaltung des mangelhaften Systems mittlerweile trotz allem günstiger erschien als der Ausstieg.

Joakim Palme hat nicht unrecht, wenn er sagt, der ausländische Blick auf die hohe schwedische Steuerlast sei ein wenig verlogen - zumindest heute. "Die Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland sind marginal", sagt er. "In Deutschland gibt es mehr versteckte Belastungen, bei uns sind viele soziale Leistungen schon enthalten, die bei Ihnen hinzugerechnet und extra bezahlt werden müssen." Früher allerdings war die Steuerlast ungewöhnlich hoch, und die Auswirkungen des schwedischen Bestrebens, ein umfangreiches Sozialsystem auszutüfteln, waren verheerend. Zu ihnen zählt auch das gestiegene Anspruchsdenken, das sich nicht nur in den sinkenden durchschnittlichen Arbeitsstunden niederschlug: Um 1970 nahmen etwa zehn Prozent der schwedischen Bevölkerung im Alter zwischen 20 und 64 Jahren soziale Leistungen des Staates in Anspruch. 2005 waren es 25 Prozent.

Natürlich suchten Regierungen vor allem in den vergangenen 15 Jahren nach Alternativen: Man reduzierte 1991 die Unternehmenssteuer, wagte sich an Privatisierungen und Deregulierungen, wurde Mitglied der EU und versuchte sich an einer Reform der Altersfürsorge. Aus dem Jammertal aber, sagen die Kritiker, kämen die Schweden noch nicht heraus, so sehr die Wirtschaft auch wachse, die Staatsverschuldung sinke, Haushaltsüberschüsse und Arbeitslosenstatistiken glänzten. Gerade unter Jugendlichen und Immigranten soll die Arbeitslosigkeit wesentlich höher sein, als offizielle Statistiken glauben machen. Publizisten wie der liberale Jungstar Johan Norberg, der die verdeckten Zahlen der kreativen Buchführung addiert, das marode Gesundheitssystem seziert, in seinen Büchern und Artikeln ein "anderes Schweden für möglich hält" und die Stärken des alten schwedischen Modells betont, dringen im Königreich der Rundumversorgung kaum durch. Nicht einmal die neue bürgerliche Regierung wagte es, im Wahlkampf eine prinzipielle Debatte zum Thema Wohlfahrtsstaat anzustoßen. Zumindest nicht öffentlich.

In der schwedischen Politik geht es zu wie im riesigen Freilichtmuseum Skansen, einem beliebten Ausflugsziel, in dem eine Holzhausidylle mit Elchen, Waffeln und Kinderprogrammen am Leben gehalten wird, als sei im "Volksheim" die Welt noch in Ordnung. "Die Leute", sagt Joakim Palme, der an die Kraft der Umverteilung glaubt, "sind eben nicht mit dem Sozialstaat unzufrieden, sondern bloß mit seiner Effizienz." Aus der Nummer mit dem Wohlfahrtsstaat für alle kommt Schweden nicht mehr heraus.

Keiner will den Wohlfahrtsstaat abschaffen, denn der sichert den schwedischen Individualismus

"Das wollen wir auch gar nicht." In einem schmalen Restaurant am Rande der schmucken Altstadtinsel schüttelt ein Journalist den Regen von seiner Jacke, setzt sich an den Ecktisch und bestellt einen Caesar's Salad. Henrik Berggren, der Leitartikel für "Dagens Nyheter" verfasst, hat gemeinsam mit dem Historiker Lars Trägårdh ein Buch geschrieben, das zu erklären versucht, warum eine grundsätzliche Debatte über die Leistungsfähigkeit des Wohlfahrtsstaates ausbleibt, ja, warum es in Schweden niemals eine Debatte über staatliche Bevormundung gegeben hat. Berggren schafft es, die Antwort mit einem Salatblatt im Mundwinkel zu präsentieren. Sie ist nichts Geringeres als ein Manifest zur Ehrenrettung des schwedischen Modells in seiner Nachkriegsform, wenn auch mit Betonung seiner liberalen Aspekte. "Aus deutscher oder amerikanischer Sicht mag es seltsam klingen. Aber wir halten am Wohlfahrtsstaat fest, weil es in Schweden einen Individualismus gibt, der sich nur so ausleben lässt."

Berggren zeichnet ein Dreieck auf die Serviette: Staat. Individuum. Familie. Deutsche Wohlfahrtsdebatten, sagt er, suchten stets nach einer Lösung zwischen den Kraftfeldern Familie und Staat, amerikanische zwischen Familie und Individuum - und die schwedischen zwischen Staat und Individuum. Das schwedische Freiheitsgefühl sei darauf ausgerichtet, das Glück des Einzelnen von Familien und Arbeitgebern unabhängig zu machen. "Die Romanfigur Pippi Langstrumpf", sagt er, "ist der Inbegriff dieses Freiheitsstrebens. Ihre Mutter ist nicht da, ihr Vater lebt weit entfernt. Sie aber lebt glücklich, ist fantasievoll und ihren bürgerlichen Freunden ein ganzes Stück voraus." Er spießt das nächste Salatblatt auf. "Und wenn sie einmal Geld braucht, dann hat sie in einer Truhe einen Goldschatz." Der ist irgendwie immer vorhanden. Die Truhe ist irgendwie immer voll.

Das schwedische Modell zwischen einer Theorie der Liebe und Nachfragen aus Nordkorea

Die Schweden sind von ihrem Staat mittlerweile wohl ebenso abhängig wie einst von Familien und Arbeitgebern - und vertrauen ihm gleichwohl, wie auch Pippi ihrem Papa, dem König von Taka-Tuka-Land, stets Vertrauen schenkt. Das System mag nicht perfekt sein: Negative Erfahrungen aber, wie sie andere Länder mit ihrem Staat machten, sind den Schweden fremd. Henrik Berggren bezeichnet die Schweden als hoffnungslose Romantiker, die sich einem nicht unproblematischen "Staatsindividualismus" verschrieben haben: Der Wohlfahrtsstaat, sagt er ohne Ironie (aber mit Blick auf den 1839 veröffentlichten Roman "Die Woche mit Sara" von Carl Jonas Almqvist), sei Teil einer schwedischen Theorie der Liebe, eine Erweiterung eindimensionaler wirtschaftsliberaler Theorien zur Glücks- statt zur Gewinnmaximierung.

Damit ist er nicht weit von Joakim Palme entfernt, der sagt, erst der Sozialstaat könne Wachstum ermöglichen, zugleich aber stutzt und mit einem anzüglichen Grinsen fragt: "Wussten Sie, dass neuerdings auch Nordkorea Interesse am schwedischen Modell bekundet?"

Palme mag den Sozialstaat der Wirtschaft voranstellen, doch er trifft sich mit Marcus Wallenberg, wenn er auf eine Rückkehr zu den Wurzeln drängt, zur Anpassung an die Globalisierung und zu einem schwedischen Modell im sozialliberalen Sinne: Läuft die Wirtschaft, dann läuft auch der Sozialstaat.

Das sind die Anzeichen eines Kurswechsels, der bereits im Gange ist: mit einer Neudefinition des schwedischen Modells, das in seiner aktuell propagierten Form mehr Gemeinsamkeiten mit der ordoliberalen sozialen Marktwirtschaft hat als mit dem Rundum-sorglos-Paket des Wohlfahrtsstaates der Siebziger. "Wir bewegen uns auf eine Situation zu, die ich als gesund empfinde", sagt Marcus Wallenberg. Er lobt Unternehmer, die sich bewegen, Gewerkschafter, die sich bewegen, Arbeitgeber, die ihre Verantwortung kennen, und Arbeitnehmer, die sich auf Kompromisse einlassen. Ist das ein Vorbild? "Wir sind neun Millionen Menschen. In Deutschland sind es 80 Millionen. In Schweden sollte die Anpassung möglich sein. Es ist leichter möglich, ein kleines Schiff auf neuen Kurs zu bringen als ein großes." Eine Pause. "Wenn dann aber, im Erfolgsfall, in Deutschland irgendjemand Halleluja ruft und auf Schweden zeigt, wäre ich sehr skeptisch."

Die Zeit der Ideologien ist vorbei. -

Gemäß einer Zusammenstellung des "Report on the European Economy 2007" des Sachverständigenrates CESifo, der auch ein online einsehbares Kapitel über "Scandinavia today: An economic miracle" enthält, betrug 2004 das Steueraufkommen in Schweden 50,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, in Deutschland 38,7 Prozent. Staatliche Ausgaben machten in Schweden 56,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus, in Deutschland 46,7 (2005). 23 Prozent der schwedischen und 7,7 Prozent der deutschen Erwerbstätigen waren bei einer staatlichen Einrichtung beschäftigt.
Das Statistiska Centralbyrån gibt die aktuelle Arbeitslosenquote (April 2007) mit 4,6 Prozent und das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes mit 3 Prozent an. Die schwedische Sozialdemokratie war seit 1932 fast ständig an der Macht (Ausnahmen: 1976-1982, 1991-1994). 1940 und 1968 erreichte sie die absolute Mehrheit, im Herbst 2006 wurde sie abgewählt. Schweden, das im Zweiten Weltkrieg neutral blieb, ist Mitglied der EU, aber nicht der NATO. Per Volksentscheid votierte das Land 2003 gegen die Einführung des Euro.