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Was ist eigentlich ... ... EINE VERBRAUCHSSTIFTUNG?

Herkömmliche Stiftungen überdauern ihre Gründer - und nicht selten auch ihren Zweck. Die Verbrauchsstiftung ist die Alternative für Leute, die ihr Geld lieber zu Lebzeiten für etwas Sinnvolles ausgeben.




- An der Berliner Markgrafenstraße ist die Arbeit getan. Nach sechs Jahren haben die Mitarbeiter der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) - besser bekannt als Zwangsarbeiterstiftung - ihr Stiftungsvermögen von 5,11 Milliarden Euro ausgegeben. 4,7 Milliarden Euro plus Zinsen hat die öffentlich-rechtliche Stiftung an Opfer des NS-Regimes ausgezahlt, weitere 357,9 Millionen sind in den Förderfonds "Erinnerung und Zukunft" geflossen, der Projekte zur Völkerverständigung unterstützt. Mit einem Festakt am 12. Juni hat Bundespräsident Horst Köhler die größte und prominenteste deutsche Stiftung offiziell geschlossen.

Damit unterscheidet sie sich von den meisten anderen deutschen Stiftungen, die sich ihrem Zweck bis in alle Ewigkeit verschrieben haben. Die EVZ ist eine Verbrauchsstiftung. Sie schüttet ihr Kapital komplett aus und schöpft nicht nur aus den Zinsen, wie es der Gesetzgeber den rund 14 400 rechtsfähigen klassischen Stiftungen vorschreibt. Ist der Zweck der Verbrauchsstiftung erfüllt und der letzte Cent des Vermögens gestiftet, ist auch die Stiftung am Ende. Für die öffentlich-rechtliche Zwangsarbeiterstiftung eine sinnvolle Konstruktion: Die 1,7 Millionen noch lebenden Opfer der Nazi-Herrschaft sollten das Geld bekommen, bevor es für sie zu spät sein würde.

Das Modell einer Verbrauchsstiftung ist auch für private Stifter interessant. Um eine Stiftung als rechtsfähig anzuerkennen, fordert der Gesetzgeber nicht, dass die Stiftung auf Dauer besteht, sondern nur, dass sie ihr Ziel dauerhaft erreicht. Unterstützt eine Stiftung zum Beispiel die Suche nach einem Heilmittel gegen eine Krankheit oder setzt sie sich dafür ein, ein historisches Gebäude wiederaufzubauen, dann ist ihr Zweck erreicht, wenn das Medikament entdeckt ist oder das Bauwerk steht.

Eine Verbrauchsstiftung ist zeitlich begrenzt. Ihr Zweck muss weder bis zum Jüngsten Tag vorhalten noch muss über Generationen hinweg gesichert sein, dass das Management im Sinne des Stifterwillens waltet. Und vor allem kann der Stifter im Hier und Jetzt etwas bewirken - dafür verzichtet er darauf, sich ein Denkmal zu setzen. Auf die Steuervorteile muss er allerdings nicht verzichten, vorausgesetzt die Verbrauchsstiftung erfüllt dieselben Bedingungen wie eine herkömmliche Stiftung, etwa Gemeinnützigkeit.

"Für die effektive Verwirklichung bestimmter Stiftungszwecke ist oft nicht interessant, Geld irgendwo zu parken und daraus jedes Jahr nur ein paar Prozent Zinsen verwenden zu können", sagt Götz von Rotenhan, Mitgründer der Stiftungsberatung Forum for Active Philanthropy. "Wer Stiften und Spenden so unternehmerisch begreift wie sein eigenes Unternehmen, sollte die Verbrauchsstiftung unbedingt in seine Überlegungen einbeziehen."

Der Pferdefuß der Stiftung: Sie verselbstständigt sich

Der unternehmerisch denkende Stifter ist für viele ein noch ungewohnter Typus. "Meiner Erfahrung nach stellt sich der deutsche Durchschnittsbürger einen Stifter so vor: sehr alt oder tot, sehr reich und sehr egomanisch", sagt Karsten Timmer, Chef der Mannheimer Stiftungsberatung Panta Rhei und Autor der Studie "Stiften in Deutschland". Dabei gebe es "viele wohlhabende 50- bis 60-Jährige, die sich keineswegs unsterblich machen wollen, sondern ihr Geld dazu einsetzen möchten, wirklich etwas zu erreichen. Wir haben immer mehr potenzielle Stifter eines Typus, der noch zu Lebzeiten möglichst viel bewegen will." Gerade unter diesen aktiven Mäzenen könnte die Verbrauchsstiftung zu einem neuen Trend werden.

Unter Menschen wie Rochus Mummert. Der Unternehmensberater hat 2001 im Alter von 71 Jahren die "Beatrice-und-Rochus-Mummert-Stiftung" gegründet, eine der wenigen selbstständigen Verbrauchsstiftungen in Deutschland. Sie finanziert angehenden Wirtschaftswissenschaftlern und Ingenieuren aus Osteuropa ein Studium in Deutschland, die später als Führungskräfte Verantwortung in ihren Heimatländern übernehmen sollen. Zur Verbrauchsstiftung gab es für Mummert keine Alternative: "Unsere Ziele sind jetzt wichtig, sie haben nicht unbedingt für die Ewigkeit Relevanz."

Stiftungen haben einen Nachteil: Ein in der Satzung festgeschriebener Stiftungszweck lässt sich nicht flexibel an neue Umstände anpassen. "In der Gestaltung ist der Stifter erst mal sehr flexibel", erklärt Karsten Timmer. "Aber in dem Moment, in dem er seine Unterschrift unter das Papier setzt, kann selbst er nichts mehr daran ändern." Denn eine selbstständige Stiftung ist eine im Juristendeutsch "verselbstständigte Vermögensmasse". Sie handelt durch ihre in der Satzung festgelegten Organe, meist den Vorstand, einen ihn kontrollierenden Stiftungsrat und einen fachlichen Beirat, die ihre Entscheidungen der Satzung unterwerfen müssen. Aber sie hat weder Eigentümer noch Gesellschafter. Und das bedeutet: Auch das gestiftete Vermögen verselbstständigt sich gegenüber seinem Stifter. Er kann darüber nie wieder frei verfügen.

Im Falle einer rechtsfähigen Stiftung überwachen die für die Stiftungsaufsicht zuständigen Landesbehörden, ob das Geld zweckgemäß verwendet wird. Verstößt der Vorstand dagegen, kann ihn die Stiftungsaufsicht abberufen. Allerdings kontrolliert die Behörde nur, ob die Stiftung rechtmäßig handelt, und nicht, ob ihr Tun zweckmäßig oder wirtschaftlich sinnvoll ist. Darüber entscheidet das Management der Stiftung - und kein Stifter kann über Jahrzehnte oder Jahrhunderte sicherstellen, dass der Vorstand in seinem Sinne handelt. "Der Erfolg einer Stiftung basiert auf der Qualität seiner Führungsgremien", sagt Rochus Mummert. Den direkten Nachfolger könne man als Stifter bestimmen, danach gerate die Führung mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Hände von Anwälten und Beratern - "mit den allseits bekannten Konsequenzen".

Eine Verbrauchsstiftung braucht wenig Kapital. Und ein realistisches Ziel

Darüber macht sich aber nicht jeder Stifter Gedanken, genauso wenig wie über die dauerhafte Finanzierung. "Es gibt viel zu viele Stiftungen, die seit Jahrzehnten und teilweise seit Jahrhunderten bestehen und weder leben noch sterben können", sagt Marcus Lutter, Professor für Europäisches Wirtschaftsrecht an der Universität Bonn. Kriege, Naturkatastrophen, Börsenkräche oder schlechte Vermögensverwalter haben das Stiftungsvermögen so dezimiert, dass an eine Erfüllung des Stiftungszweckes nicht mehr zu denken ist. Allerdings besteht die Möglichkeit, solche handlungsunfähigen Institutionen zu bündeln, um ihnen neue Finanzkraft zu verschaffen - wenn die zuständige Stiftungsaufsicht das genehmigt.

Mit seiner Verbrauchsstiftung umgeht Rochus Mummert solche Probleme. Schon heute ist klar: Im Jahr 2040 wird die Mum-mert-Stiftung geschlossen, weil dann ihr Vermögen ausgegeben sein wird. "Wir empfehlen unseren Kunden, ihre Satzung bezüglich der Zwecke und eines möglichen Verbrauchs des Stiftungskapitals flexibel zu halten und die Stiftung nach 30 Jahren zu schließen", sagt Julian Kühn, Vorstandsmitglied der GLS Treuhand, einer Schwestereinrichtung der Bochumer GLS Gemeinschaftsbank. Die GLS-Treuhand betreut ausschließlich Verbrauchsstiftungen. 57 sind es mittlerweile, und fast alle sind juristisch betrachtet unselbstständig, um die Verwaltungskosten gering zu halten. Die Stifter, in der Regel zwischen 50 und 60 Jahre alt, haben Geld von ihren Eltern geerbt und wollen es weitergeben.

Cordula Haase-Theobald, Geschäftsführerin des Deutschen Stiftungs Trust, einer Tochter der Deutschen Bank, sagt über ihre Kunden: "Die Stifter wollen in einem absehbaren Zeitraum Gutes tun." Die Deutsche Bank betreut seit zwei Jahren Verbrauchsstiftungen. Die dort angelegten Vermögen reichen von ein paar Hunderttausend bis hin zu 20 Millionen Euro.

Viel Kapital ist für eine Verbrauchsstiftung nicht nötig. Gerade bei kleineren Vermögen bietet sie sich an. Anders als die Verbrauchsstiftung, die ihr Kapital sofort mobilisiert, binden es "ewige" Stiftungen. Sie entziehen dem gemeinnützigen Sektor sogar Geld, das anderswo gebraucht werde, wie Kritiker monieren.

Nach Schätzungen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen stehen insgesamt etwa 80 Milliarden Euro gebundenem Kapital jährlich sieben Milliarden Euro Erträge und Spenden gegenüber, die gemeinnützige Stiftungen ausgeben können. Dennoch könne sich auch eine herkömmliche Stiftung rechnen, sagt Hans Fleisch: Legt man 100 Euro mit vier Prozent an, hat man nach 25 Jahren 100 Euro an Zinserträgen erwirtschaftet - und damit das Stiftungskapital verdoppelt, das bei einer Verbrauchsstiftung abgeschöpft worden wäre. "Nach 50 Jahren haben Sie so bereits 200 Euro ins Gemeinwohl gegeben."

Aber letztlich komme es immer auf den Zweck an: "Für ein Problem, das bei vernünftiger Investition in 20 Jahren gelöst sein kann, könnte die Verbrauchsstiftung die richtige Lösung sein." Ein prominentes Beispiel für diese Art von Pragmatismus ist Bill Gates: Für den Fall, dass ein Impfstoff gegen Aids entwickelt wird, hat der Microsoft-Gründer angekündigt, das Kapital der Gates Foundation komplett dafür aufzubrauchen, um das Mittel so schnell wie möglich zu verbreiten. -