Maklers Märchenland

In keiner europäischen Metropole leben mehr Reiche als in London. In keiner anderen explodieren die Preise wie hier. Eindrücke aus einer maßlosen Stadt.




- Es ist 30 Jahre her. "Zu lange", sagt Kenneth Abbott traurig. Damals verkaufte der Geophysiker sein Haus im Süden Londons, in Croydon, um mit seiner Familie nach Deutschland zu ziehen. Eine interessante Stelle lockte ihn, und weil die Hauspreise in Deutschland damals höher waren als in England, musste er zur Finanzierung seine Londoner Immobilie verkaufen.

Heute ist es umgekehrt: "Wenn wir jetzt unser Haus in Ratingen verkaufen würden", sagt Kenneth Abbott, "könnten wir uns von dem Geld in London eine überschaubare Wohnung in einem Viertel außerhalb kaufen." Es wäre eine so drastische Einschränkung an Lebensqualität, dass seine Frau Patricia Luise ihr Veto einlegen würde. Dabei hat der 71-Jährige Heimweh: "Nichts ist mit dem Leben in London vergleichbar." Wenig sei so spannend, so interessant. "Aber vielleicht", fügt er dann nachdenklich hinzu, "ist auch das lange her."

Ist es nicht. Dem Wirtschaftsbericht der City of London zufolge hat die Stadt inzwischen selbst New York den Rang abgelaufen und zählt zu den wenigen Orten, wo Konzerne nicht nur sein wollen, sondern sein müssen. Und wo so viel Geld ist, folgen Jobs, Kunst, Kultur, Dienstleistungen, Prominenz wie von allein. Seit Maggie Thatcher 1979 das staatliche Wohlfahrtsideal für gescheitert erklärte und den Monetarismus zum Maßstab der Politik machte, hat sich England grundlegend verändert und bietet Investoren das liberale Umfeld, das sie in den - mittlerweile stärker regulierten - USA vermissen.

"Das Land ist ein Phänomen", so Michael Schröder vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). "Viele sprechen von einer großen Blase, die irgendwann zerplatzen muss" - doch das sei nicht abzusehen. Es sei allenfalls eine gelegentliche Konjunkturberuhigung zu erwarten, ergänzt sein Kollege Friedrich Heinemann. "Von der Einkommensseite her zeigt sich England stabil. Und solange Beschäftigung da ist, ist kein Kollaps etwa des Immobilienmarktes zu erwarten."

Letzterer zeigt sich weiter munter im Aufwind, wobei man die Zahlen aus dem Makler-Märchenland kaum glauben mag: In den gefragten Vierteln Kensington und Chelsea steigen die Immobilienpreise dank der Nachfrage immens verdienender Citybanker und Fondsmanager sowie vermögender Ausländer derzeit monatlich um zehn Prozent. Haus- und Wohnungsbesitzer werden in Briefen von Maklern täglich mit neuen schwindelerregenden Summen in Versuchung geführt, Heim und Hof zu verkaufen während sich Mieter angesichts proportional steigender Mieten die Haare raufen. Oder immer wieder umziehen: David Anderson beispielsweise, freiberuflicher Immobilien- und Grundstücksinvestor, ist, wie viele in Notting Hill Beheimatete, gerade mit seiner Familie nach Brook Green gezogen, das preislich - noch "vernünftiger" ist.

Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses Viertel be Shepherd's Bush für Normalverdiener unbezahlbar sein wird, zumal in der Nähe das Luxus-Einkaufscenter White City entsteht. "Die Londoner Preise ziehen Kreise wie ein Stein im Wasser", sagt Anderson. "Immer mehr Menschen mit ausreichend Geld wollen in ein und dieselbe Stadt, also verteuert sich auch das Umland stetig und drängt die Bewohner dort immer weiter raus."

Wegen eines begrenzten Angebotes und einer stetig wachsenden Nachfrage haben sich die Preise für Häuser in Inner-London in den vergangenen zehn Jahren fast verdreifacht. Während ein Haus im März 2006 durchschnittlich noch 450 000 Euro kostete, sind es jetzt 560 000 Euro.

Seinen Ursprung hat der Immobilienboom in England im Thatcherismus der Achtziger. Der hoch verschuldete Staat kürzte damals Sozialleistungen und Subventionen, verkaufte Staatsunternehmen, förderte privates Engagement und entmachtete die Gewerkschaften. "Steueranreize für Spitzenverdiener lockten hohe Investitionen, Finanz- und weitere Steuererleichterungen förderten Immobilienkäufe und in der Folge hohe Hypotheken auf dieselben, sodass der private Konsum regelrecht angekurbelt wurde und immer noch wird", erklärt Friedrich Heinemann vom ZEW. Damit einher gingen eine höhere Armut, Obdachlosigkeit und die noch immer wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Ein britischer Unternehmer, der vor 20 Jahren etwa 30-mal so viel wie einer seiner Angestellten verdiente, könne heute das Hundertfache einstreichen, ermittelte die EU-Kommission im Februar in ihrer Studie über Reichtum in der Europäischen Union.

"Wie wir, die unteren Einkommensgruppen, das Leben in London finanzieren, wird mir selbst immer ein Rätsel bleiben", sagt Monica Radulescu. Die 33-Jährige arbeitet als Verkäuferin in Islington und lebt weit draußen im Norden. "Natürlich weiß ich, dass die meisten pendeln wie ich. Oder in Wohngemeinschaften leben. Aber es bleibt schwierig." Auch wenn die Steuern niedriger sind als beispielsweise in Deutschland und das staatliche Gesundheitssystem kostenlos ist. "Dafür steht man dann für bestimmte Behandlungen oder Operationen auf langen Wartelisten." Dennoch will Radulescu im boomenden London bleiben.

Die britische Wirtschaft befindet sich, sieht man von der Rezession Anfang der neunziger Jahre ab, seit den achtziger Jahren im Aufschwung. Bereits 1998 hatte das Land einen Haushaltsüberschuss zu verzeichnen und senkte im Jahr 2000 die Steuern durchschnittlicher Lohnempfänger von 33 auf 30 Prozent (im Euro-Raum zu dem Zeitpunkt 43,6 Prozent), während sich die Arbeitslosenquote auf fünf Prozent halbierte. "Das ist nahe an der Vollbeschäftigung", fasst Friedrich Heinemann zusammen. "Eine Langzeitarbeitslosenquote mit all den sozialen Folgen, wie wir sie haben, haben die Thatcher-Reformen vermieden. Und das ist doch das Faszinierende an England und insbesondere an London: Wie sich in einem völlig heruntergewirtschafteten Land innerhalb von zwei Jahrzehnten das Wirtschafts- und Finanzzentrum der Welt etablieren konnte."

Problematisch könnte eines Tages die hohe Verschuldung Englands werden. Eine Billion Pfund Hypotheken (1474 Milliarden Euro) lasten auf dem Land, ermittelte Raiffeisen Research im Februar 2007. "Gerät der Konjunkturzyklus deutlich in Schwingung, kann hier etwas in Bewegung kommen", so Michael Schröder. Aber danach sehe es vorläufig nicht aus. Solange die britische Wirtschaft derart brummt, zieht sie mit Leichtigkeit - und dank der gastfreundlichen Steuerpolitik - auch das ganz große Geld an. Der Noch-Premierminister Tony Blair hat den liberalen Grundansatz der konservativen Reformpolitik seiner Vorgängerin nie in Frage gestellt. Superreiche Russen, Inder, Araber, Chinesen haben inzwischen schlossähnliche Wohnsitze in London. Sie mögen nur gelegentlich dort sein, was Straßenzüge in Mayfair, Belgravia, Knightsbridge oder Regent's Park bisweilen ausgestorben erscheinen lässt und Menschen wie Kenneth Abbott in Ratingen geradezu das Herz bricht. Doch wenn die Milliardäre mal da sind, treiben sie die Wirtschaft an.

Hauspersonalagenturen, Chauffeurdienste und Delikatessengeschäfte profitieren von ihnen ebenso wie Kaufhäuser, Schönheitschirurgen, Möbelgeschäfte, Stylisten, Galerien und Innenarchitekten. Der Londoner Gastronomie haben sie zu Glanz und Sternen verholfen, die Tische sind auch wochentags zweimal gebucht. So profitieren viele vom Reichtum der wenigen.

Eine wachsende Anzahl von Künstlern und Kreativen gehört allerdings nicht dazu - sie können sich London nicht mehr leisten. "Ich habe schon oft über Berlin nachgedacht", sagt etwa der Fotograf Lawrence Watson, der gerade in den Maverick Showrooms seine berühmten Musikerporträts ausstellt. Der Maler Daniel Preece reist inzwischen meist von New York nach Berlin oder Paris und macht nur zwischendurch Stopp in seiner Heimatstadt London. "Gerade habe ich Glück: Für begrenzte Zeit habe ich eine Sozialwohnung in London und ein Studio bekommen, das ich mit einem Freund teilen kann. Aber auf lange Sicht?" Daniel zuckt mit den Schultern. "London dreht sich nur noch ums Geld. Als gäbe es nichts anderes."

Selbst der Kindergeburtstag wird zum Geschäft

"Das Leben hier gleicht einem Monopoly-Spiel, bei dem eine ansehnliche Anzahl von Menschen unablässig über Los läuft und Geld einstreicht", sagt Katharina Immordino. Die ehemalige PR-Beraterin von Bulgari in Rom lebt seit acht Jahren in London und hat sich daran gewöhnt, dass an der Themse mehr Dolce Vita herrscht als in ihrer zweiten Heimat Italien. Dass Handwerkerrechnungen astronomisch hoch, die Probleme aber nie behoben sind. Dass sie bei Cocktailpartys auf Frauen trifft, die eine neue Wohnung kaufen, weil in der alten kein Platz mehr für ihre Handtaschen war. Dass der Zugang zum kleinen umzäunten Privatpark in ihrer Nachbarschaft Nichtanwohnern für 25 000 Pfund Jahresbeitrag (etwa 37 000 Euro) verkauft wird. Dass ein Banker seiner Putzfrau einfach so eine Uhr für 34 000 Euro schenkt.

"Man müsste ein bisschen Luft aus dem Ballon lassen", sagt sie und lächelt. Und backt auch darum die Geburtstagskuchen für ihre Kinder immer noch selbst, während sich doch rund um Wiegenfeste für die Kleinen längst eine Branche etabliert hat; in Hochglanzmagazinen buhlt sie mit schillernden Namen wie Smartie Artie, Ali Do Lali oder Birthday Dreams um Kundschaft. Landeier mögen sich mit Topfschlagen und Blinde Kuh zufriedengeben. Im Herzen des Empire werden Themen gewählt, Einladungen gedruckt, alle Kinder aus der Schulklasse oder Kindergartengruppe eingeladen, ausreichend große Räume gemietet, Entertainer und Maskenbildner engagiert, Buffets und Thementorten geordert, Geschenke für die Gäste gepackt. Ab 1000 Pfund (rund 1500 Euro) kostet so ein nettes Fest.

Und da stehen sie dann, die Investmentbanker, Fondsmanager und Anwälte in Jeans und Polohemd, zwischen kleinen Feen, Elfen und Piraten mit bunt bemalten Gesichtchen, und reden, obwohl sie es selbst kaum mehr hören können, über die Londoner Verhältnisse. Über ihre fantastischen Bonuszahlungen und über die fantastischen Preise in London. "Alles ist nach oben hin offen", sagt der Immobilieninvestor David Anderson bei einem Schluck Champagner aus dem Peter-Pan-Pappbecher. "Übrigens auch das Dach der 100 Quadratmeter großen und wöchentlich 2200 Euro teuren Wohnung unserer Ex-Nachbarin, einer Investmentbankerin. Es regnet auf ihre antiken Kelims", fügt er trocken hinzu. Auch das ist London. "Sie kauft einfach neue. Geld relativiert viele Werte."

Ab 100 Millionen Pfund wird es unübersichtlich

Normalverdiener kommen nicht mal in die Nähe dessen, was in der City gern in zwei Kategorien geteilt wird: Leute, die ihr Geld noch zählen können, und Leute, die es nicht mehr können. Leicht unübersichtlich, so die Faustregel, werde es ab 100 Millionen Pfund (etwa 150 Millionen Euro). Eine Größenordnung, die auch die von hohen Boni verwöhnten Banker nicht erreichen, deren Summen alljährlich ein fast obszönes Bild des Bankgewerbes vermitteln.

Ein Junior-Analyst bei einer der größeren Banken verdient laut "The Independent" um die 82 000 Euro und einen 30-Prozent-Bonus. Associates mit rund fünfjähriger Berufserfahrung streichen etwa 120 000 Euro plus einen 60-Prozent-Bonus ein. Vizepräsidenten nehmen zwischen 450 000 und 600 000 Euro mit nach Hause; einen Teil des Bonus als Aktienpaket, um sie ans Unternehmen zu binden. Allein beim Branchenprimus Goldman Sachs flossen 2006, begleitet von hysterischem Medienrummel, weltweit 14 Milliarden Euro an fleißige Mitarbeiter. Wie viel die stilleren Kollegen, die nach ihren gängigen Londoner Bürostandorten "Mayfair Mafia" genannten Hedgefonds-Manager, kassierten, wagte "The Independent" nicht mal zu schätzen.

Dass aber infolge dieser Zahlungen regelmäßig stark renovierungsbedürftige ehemalige Kutscherhäuser für Millionenbeträge die Besitzer wechselten, blätternde Stuckfassaden für Käufer nur oberflächlich poliert und die Mängel von Interessenten gelassen in Kauf genommen würden, sei Alltag, erzählt Barbara von Wissel, ehemalige Investmentbankerin und heute Modemacherin mit der Marke Jayasilks. "Die Lebenshaltungskosten und die Bonuszahlungen hier sind schlicht absurd. Es gibt viele Momente, in denen ich sprachlos darüber bin, wie viele Menschen jegliche Bodenhaftung und jegliches Wertesystem verloren haben." Auch das sei ein Grund, warum sie sich entschied, den Job zu wechseln und mit ihrer Arbeit dafür zu sorgen, dass andere faire Arbeitsbedingungen und überhaupt ein festes Einkommen erhalten. Sie tut das in Kambodscha, wo Jayasilks Familienbetriebe unterstützt.

So erscheint der Preis eines maroden Hotels am Pembridge Square läppisch. An dem Platz, an dem die mit langen Wartelisten ausgestatteten Privatschulen Wetherby und Pembridge Hall liegen, mit illustren Schülern wie den Kindern von Claudia Schiffer und Liz Hurley (Preis für den Schulbesuch pro Jahr und Kind: rund 17 000 Euro), schlug jetzt ein Hedgefonds-Manager zu und kaufte für 13 Millionen Pfund das gartenlose Hotel, um es für weitere fünf Millionen Pfund zum Einfamilienhaus umzubauen.

Schilder weisen auf den privaten Wachdienst hin, der die Baustelle Tag und Nacht sichert, was auf die guten und schlechten Seiten des pekuniären Irrsinns verweist: "Diese Stadt", sagt ein Anwalt, Partner einer amerikanischen Finanzkanzlei, "erfindet sich dauernd selbst. Wird ein Reinigungsunternehmen gegründet, gründet jemand im Anschluss einen Fahrdienst für Reinigungsunternehmen. Baut jemand um, erfindet jemand einen Baustellenwachdienst, der wiederum jemanden einstellt, der besonders schöne Baustellenschilder malt. Ob das für den Kunden Sinn hat oder funktioniert oder nur Zusatzkosten produziert, ist Nebensache. Es schafft Arbeit."

Nicht mal mit Geld lässt sich hier Eindruck schinden

Diese Arbeitsmaschine läuft und läuft und läuft. Fließen die Bonusgelder, polieren Makler, Händler, Köche ihre Schuhe auf Hochglanz und stehen parat. Nun schnellen wieder ihre Umsätze nach oben. Auch die Personal-Shopping-Assistenten des Luxuskaufhauses Harvey Nichols reiben sich die Hände: It's GSW-Time die Goldman-Sachs-Wives kommen.

Über Summen möchte Peter Robinson vom Modehaus nicht sprechen, aber er fügt an, dass es, geradezu demokratisch, "keinen Mindestumsatz beim Personal Shopping gibt". Die Ehefrauen der Investmentbanker sind in den schicken Kosmetiksalons von Cowshed bis Bliss, in den Restaurants von Cipriani bis Zuma und die Sloane Street rauf und runter eine so feste Umsatzgröße, dass das Londoner Society-Magazin "Tatler" sie in Restaurantkritiken extra aufführt. "Gäste: Schauspieler, Musiker, GSW. "

Es gibt so unvorstellbar viele Reiche in London, dass man nicht mal mit Geld Eindruck schinden könnte. Selbst wenn man Robbie Williams im Matrosenanzug beim Kindergeburtstag von der nahenden Depression singen ließe. Vielleicht würden aber alle ehrfürchtig staunen, wenn man es stattdessen mal mit Sackhüpfen, Topfschlagen und Eierlaufen versuchte.

Kenneth Abbott sagt, dass er wirklich gern in Deutschland gewesen sei. Er schwärmt von den Theatern, der Oper, den Restaurants. "Und das Bier hier ist auch besser als in England. Trotzdem möchte ich jetzt nach Hause - aber nicht um jeden Preis."

Ein kleines renovierungsbedürftiges Häuschen mit handtuchgroßem Garten in Croydon, am Stadtrand von London, kostet derzeit ab 200 000 Pfund (rund 300 000 Euro). -