Die Ungeliebten

Wer lügt, hat nicht unbedingt unrecht.




- Mingering Mike war der erfolgreichste Soul-Star aller Zeiten. Zwischen 1968 und 1977 veröffentlichte er mehr als 50 Alben und mindestens ebenso viele Hit-Singles bei 35 Plattenfirmen, die er alle selbst leitete. Er gab rund um die Welt Konzerte und drehte neun Filme, in denen er selbstverständlich auch die Hauptrolle spielte. Die Menschen liebten ihn, seine Karriere war makellos - bis auf eine Kleinigkeit: Sie ist komplett erfunden.

Mingering Mike war das alter Ego eines jungen Mannes aus Washington, der 1968 begann, sich die Musikkarriere, von der er träumte, selbst zu erschaffen. In den folgenden zehn Jahren zeichnete und bastelte er Platten-Cover mit erfundenen Song-Titeln und Kommentaren, in denen schwarze Scheiben aus Pappe steckten, auf denen mit Filzstift Rillen gemalt waren: Singles, LPs, Doppel-LPs, in deren Zentrum handgemalte Labels fiktiver Plattenfirmen um sorgfältig ausgeschnittene Mittellöcher klebten. Es waren rohe, aber in sich perfekte Kopien echter Platten, die nie für die Öffentlichkeit gedacht waren. Erst als Mingering Mike (der bis heute anonym bleiben will) einen Teil seiner Plattensammlung inklusive der eigenen Werke verlor und zwei Plattensammler einen Stapel seiner Platten auf einem Flohmarkt entdeckten, begann sich seine imaginäre Karriere in eine reale zu verwandeln. Inzwischen ist das Gesamtwerk des heute als Außenseiter-Künstler gehandelten Mannes in dem Band "Mingering Mike - The Amazing Career of an Imaginary Superstar" zu bestaunen, im Juni wurde eine Ausstellung in seiner Heimatstadt eröffnet. Mike wird langsam berühmt - und ist glücklich.

Viele Menschen haben ein Problem damit, bedeutungslos zu sein. Man kann das belächeln, doch die Psychologie behauptet, dahinter stehe bloß der Wunsch, geliebt zu werden. Das ist schlicht menschlich. Berühmtheit verlangt jedoch eine gewisse Leistung, und da beginnt das Problem. Wahrscheinlich ist jeder Mensch in der Lage, Außergewöhnliches zu vollbringen, doch gerade die mit dem größten Wunsch nach Liebe glauben häufig, zu nichts fähig zu sein. Liebe schafft Selbstbewusstsein schafft große Taten schafft Liebe - ein schöner Kreislauf, der zum Teufelskreis wird, wenn die Liebe fehlt. Um sich trotzdem ein wenig am Licht des Ruhmes wärmen zu können, hängen sich Menschen an Berühmtheiten, in der Hoffnung, deren Glanz würde auf eine magische Weise auf sie abfärben. Das ist die Basis des Starsystems.

Tom Kummer hat von 1993 an für das "SZ-Magazin", den "Spiegel", die "Zeit" und mehrere Illustrierte Interviews mit Hollywoodstars und anderen Prominenten geführt. Er war damit sehr erfolgreich, bis ihn im Jahr 2000 das Magazin "Focus", für das er nicht arbeitete, als Fälscher entlarvte - die meisten Interviews waren ausgedacht. In seinem Buch "Blow up" erzählt der Schweizer seine Geschichte: von einer unauffälligen Kindheit, der steilen Karriere bei der Zeitgeist-Illustrierten "Tempo" und seinen frustrierenden Erfahrungen in Hollywood. Kummer war nicht wichtig genug, um eigene Interview-Termine mit den Stars zu bekommen - so durfte er nur an Press Junkets teilnehmen.

Press Junkets sind allgemein gängige Massen-Interviews mit sehr strengen Regeln. Ernsthafte Fragen, die sich nicht direkt auf das zu vermarktende Produkt, den Film, beziehen, sind bei dieser Art der Journalistenabfütterung nicht erwünscht, echte Gespräche entstehen nicht. Die Stars treffen (meist in teuren Hotels, um die Aura des Events zu heben) auf Gruppen von Reportern (in der Regel aus verschiedenen Ländern, damit die Antworten für das jeweilige Herkunftsland "exklusiv" sind), die brav die üblichen Worthülsen abnicken: Die Zusammenarbeit war ganz toll, der Film war mir sehr wichtig, ich bin sehr glücklich über das Ergebnis und so weiter, blablabla. Im Einzelfall kann das auch mal stimmen, aber in der Regel sind diese Sätze so ehrlich wie eine bezahlte Anzeige. Das läuft schon lange so, und keinen stört es - exklusive Star-Zitate bringen schließlich Leser und Einschaltquoten.

Kein Wunder also, dass die Magazine von Kummers Interviews begeistert waren, so exklusiv wie er war keiner. Auch kein Wunder, dass sie sich später alle zügig von dem Autor, der heute als Tennistrainer arbeitet, distanzierten: Seine Werke waren viel zu nah an der flott geschmierten Lügenmaschine Hollywoods, in der es nicht um Wahrheit geht oder Realität, sondern schlicht um Aufmerksamkeit - wer den meisten Platz in den Medien bekommt, kann sein Produkt am besten verkaufen.

Es ist aber auch verständlich, dass Kummer die Aufregung nicht so ganz begreift: Er glaubt, in einer imaginären Welt Interviews zu erfinden sei nicht so schlimm. Und will nicht verstehen, dass es gar nicht um irgendeine Realität geht, sondern um eine Lüge, auf die man sich geeinigt hat, weil sie für alle gut ist. Kummer hat den Konsens missachtet - und das wird bestraft.

Tom Kummer ist kein besonders guter Autor. Sein Buch ist zäh, seine Ideen sind prätentiös, sein Themenspektrum ist etwas eingeschränkt: ich, ich, ich und die Stars, ich und meine Frau Nina, ich und Los Angeles und, tja, ich. Er nervt. Aber was seine Kollegen - Kollegen, die er für Freunde hielt - mit ihm gemacht haben, ist trotzdem widerlich. Von einem Tag auf den anderen redete keiner mehr mit ihm, er war für sie gestorben. Kummer ist darüber bis heute fassungslos, aber ich kann es mir vorstellen. Zeitgeistjournalismus ist ein populäres Berufsfeld für die Ungeliebten, weil man dort mit relativ wenig Arbeit relativ viel Applaus ernten kann. Kummer hat für seine Kollegen das Leben gelebt, das sie gern selbst gelebt hätten. Als das Spiel aufflog, fühlten sie sich ertappt, und zwar zu Recht: Sie hatten den größten Quatsch geglaubt, weil sie ihn glauben wollten.

Doch ich denke, es gab noch einen Grund: Ohne Liebe zu leben macht böse. Wer immer nur nach oben guckt, wird irgendwann anfangen, auch nach unten zu gucken. So gesellen sich zu den unerreichbaren Stars auf der anderen Seite des Spektrums die Verlierer, auf die man hinabsieht, um das eigene Selbstwertgefühl zu steigern. Die Kollegen haben Kummer dafür benutzt, sie haben ihn zu einem Verlierer gemacht, auf den sie hinabsehen können. Aber das begreift der Schweizer nicht, da ist er so naiv wie der rührende Mingering Mike. Zumindest das hebt Tom Kummer dann doch über die Masse. -