Der Mann im Strom

Hajo Schubert will mit einer restaurierten Kraftwerksruine in der Lausitz Zukunft schaffen. Sein einziges Problem: Wer macht mit?




- Von weitem sind sie in der flachen Landschaft zu sehen, die kalten Schornsteine des Kraftwerks Plessa. Sie haben einen Deckel bekommen, damit sie nicht verrotten, denn sie werden noch gebraucht. Als Blickfang. Und zur Erinnerung. 1992 wurde hier in Südbrandenburg nach 65 Jahren die letzte Braunkohle in den fünf Kesseln verfeuert, produzierte die letzte der drei Siemens-Schu-ckert-Turbinen Strom. Am vorderen der mehr als hundert Meter hohen Schornsteine prangt das Wort "see" in Weiß auf blauem Grund. Es ist das Logo der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land, die sich noch bis 2010 um die Zukunft der Lausitz kümmern soll. Nachts wird es angestrahlt.

"Unsere beiden Schornsteine werden vielleicht die einzigen von rund 1000 in der gesamten Lausitz sein, die stehen bleiben", sagt Hajo Schubert. Der 54-Jährige war früher Gewerkschaftssekretär in West-Berlin. Jetzt leitet er den Umbau der 80 Jahre alten Plessaer Industrieruine zum "Erlebniskraftwerk". Am 1. Mai 1927 wurde hier die erste Braunkohle verstromt, zum 80-jährigen Jubiläum und nach sechs Jahren Umbau die Zukunft mit einem Kraftwerksfest eingeläutet. Das Datum ist symbolisch, für einen Gewerkschafter ohnehin. "Wir sollten den Tag der Arbeit in dieser Gegend an Orten feiern, an denen es vielleicht einmal wieder Arbeit gibt", sagt Schubert, "an Orten mit Zukunft."

Das soll Plessa, wo einst 300 Kraftwerker in Lohn und Brot standen, wieder werden. Dafür hat Schubert 4,5 Millionen Euro aus Mitteln der Europäischen Union und der Braunkohlesanierung bekommen. Nun ist die Ruine saniert und bequem zugänglich.

Jetzt will er Firmen in die leeren Kraftwerkshallen locken. Eine Töpferei ist eingezogen. Manchmal finden neben der verbliebenen Turbine Techno-Konzerte statt. 1500 Quadratmeter sind Museum - "authentischer Ort der Arbeit", wie Schubert lieber sagt; der Rest, 18 000 Quadratmeter Halle, eine riesige Chance.

Schubert spricht von einem Energie-Informationszentrum, von Glasbläsern, die Besucher unterrichten, von einer Schnapsbrennerei und alten Obstsorten, von Modellbauern, die Industrieanlagen für Eisenbahnfans basteln könnten. Das steht alles in der Machbarkeitsstudie, genau wie der Satz: "Die Kulisse wird zum Sinngeber." Nur hat hier noch keiner nach diesem Sinn gesucht. In der Halle mit den Ausmaßen einer gotischen Kathedrale stehen zwei alte Feuerwehrautos und ein Karnevalswagen vom Rosenmontagsumzug. Sie verstärken den Eindruck der Leere. Fände Schubert für jede seiner Ideen jemanden, der sie umsetzte, wäre längst Platzmangel. Doch er ist allein. "Jetzt sind wir mit der Renovierung fertig. Ich kann den Investoren alles zeigen", sagt er. "Vorher ging das nicht. Leute mit Geld haben selten Fantasie."

Hajo Schubert rauchte Kette. Von 100 Kippen am Tag ist er runter auf 20; vor zwei Jahren hatte er einen Herzinfarkt. Wenn er sein Haar zurückstreicht und die Geheimratsecken prominent werden, erinnert er an Jack Nicholson als Mafiaboss in dem Thriller "Departed". Auch Schubert, der Ex-Gewerkschafter, ist jetzt ein Boss. Plessa ist sein Kraftwerk. Besser noch: Er ist das Kraftwerk. Er sagt: "Wir haben im harten Winter 1973 als Einzige noch produziert." Schubert sagt "wir". Als wäre er schon seit Jahrzehnten Chef in Plessa. Und nicht erst seit dem Jahr 2000 der Verwalter einer Vision, die heißt: Wir wollen neue Arbeit schaffen in den Ruinen der alten. Während der Renovierung führte er einen mittelständischen Betrieb des zweiten Arbeitsmarktes. "In der Spitze bis zu 100 Beschäftigte" hat er in Plessa gehabt, vom Arbeitsamt gefördert. "Ich habe 50 Leute sicher in die Rente gebracht."

Der Bergbau ist längst am Ende. Geblieben ist der alte Gruß: Glück auf!

Die ehemalige Kraftwerksköchin Sonja Tomschak ist ABM-Kraft bei Hajo Schubert. Sie führt Besucher durch das Kessel- und Maschinenhaus. Noch einige Monate, dann wird sie wieder zu Hause sitzen, mit Blick auf die Schornsteine. "Ich habe die Hoffnung, dass hier wieder etwas entsteht", sagt sie.

Die blonde Frau schnappt sich eine große Taschenlampe und stapft voran. Vorbei an der frisch restaurierten Fassade, am Verwaltungstrakt des Kraftwerks mit dem Art-déco-Treppenhaus, am Süd-Schornstein, der aus der Ecke des Gebäudes herauswächst. Vorbei an den Turbinen, an den Kesseln und dem Kohleförderband. Es ist dunkel, riecht nach Schmiere, der Boden ist mit Kohlenstaub bedeckt. Die Arbeit, die es nun nicht mehr gibt, war ein dreckiges Glück. Hinauf auf den Kühlturm, innen vermodern die Holzverstrebungen. Auf den zweiten Turm geht Sonja Tomschak lieber nicht, da hat der Januarsturm Kyrill einiges durcheinandergewirbelt. Auch das Schild mit dem alten Bergmannsgruß "Glück auf" an der Einfahrt hat der Sturm abgerissen. "Glück auf, der Steiger kommt", das Lied läuft in der Warteschleife der Kraft-werks-Telefonanlage. Und manchmal singen es auch die Besuchergruppen nach der Führung. "Glück auf" begrüßen sich die Bergleute, auch wenn sie in der Lausitz längst nicht mehr in den Schacht einfahren, sondern die Landschaft mit ihren Riesenbaggern im Tagebau abnagen.

"Plessa ist ein Riesenbrocken, daran könnt ihr euch verschlucken." Rolf Kuhn wurde gewarnt. Der Architekturprofessor und Leiter der Internationalen Bauausstellung hatte das Kraftwerk zunächst nicht als IBA-Standort vorgesehen. Doch der damalige brandenburgische Kulturminister Steffen Reiche setzte sich massiv dafür ein. Dass die Maschinen noch im Originalzustand erhalten sind, ist schließlich europaweit einmalig. Die Lage erschien trotzdem hoffnungslos. Niemand wusste etwas mit dem Koloss anzufangen. Rolf Kuhn schaute sich um und fand Hajo Schubert. Der war nach dem Abschied von der Gewerkschaft als Praktikant im IBA-Vorbereitungsteam gelandet. Ein in sich ruhender Einzelkämpfer, der auch mal laut werden und lospoltern konnte. Einer, den man im Großraumbüro ungern neben sich haben möchte, der aber auf hoffnungslosem Posten nicht untergeht.

Hajo Schubert zog nach Plessa. Seine Gewerkschaft, die DAG, hatte er nach 15 Jahren verlassen. Er hatte keine Lust auf ein Leben an Bord eines "unlenkbaren Supertankers", als den er die damals entstehende Großgewerkschaft Verdi empfand. Er wollte aussteigen, Schafe züchten in Griechenland. Er ist hingefahren. Es war ihm zu langweilig. Aufs Meer schauen, einer Welle zusehen, wie sie Richtung Land rollt und über die vorige, vom Strand ablaufende, schwappt - ein ruhiges Leben hätte es sein können. Doch Schubert schaut nicht gern zu, er rotiert lieber. "Ich brauchte den Kitzel", sagt er. Nach einem "Spiegel"-Artikel über die "aus Verzweiflung gespeisten" Pläne von den "Luftschlössern" der IBA wollte er genauer wissen, was in der Lausitz geschah. Der Text klang so gehässig; das könnte spannend sein, dachte er.

Eigentlich wollte er ein "Klein-Europa" rund um einen künstlichen See nachbauen. Die Krater, die der Braunkohletagebau hinterlassen hat, werden geflutet. 14 000 Hektar neue Seen wird es in der Lausitz einmal geben. IBA-Leiter Rolf Kuhn verwahrt sich dagegen, man wolle eine "zweit- oder viertbeste Mecklenburgische Seenplatte" schaffen. Idylle allein wäre zum Scheitern verurteilt. "Die Region hat eine Chance, wenn sie zu einem Seenland wird, das einmalig ist, das seine Künstlichkeit zum Prinzip macht." Damit die Region einmal vom Tourismus und neuen Industrien leben kann. Wasser als weicher Standortfaktor.

Die Überreste des Industriezeitalters sollen das Künstliche unterstreichen. Die Schornsteine von Plessa gehören dazu, ebenso die F 60, eine 502 Meter lange, 11 000 Tonnen schwere Abraumförderbrücke aus einem Tagebau, 30 Kilometer nördlich. Die Kohle wurde von dort mit dem Zug nach Plessa geschafft und mit dem Becherförderwerk in die Hochbunker über den Kesseln gekippt. Die F 60 hat schon den Erfolg, nach dem sich Hajo Schubert in Plessa noch sehnt: 70 000 Besucher kommen jedes Jahr, um den Stahlriesen zu bestaunen, der 178 Meter länger ist, als es ein auf der Seite liegender Eiffelturm wäre.

"Das hätte niemand für möglich gehalten", sagt Rolf Kuhn. Die F 60 steht, im Gegensatz zum Eiffelturm, weitab von allen Ballungsgebieten. Das Kraftwerk Plessa, Koloss eines vergangenen Zeitalters, ist nicht besser dran. Berlin, Dresden, Leipzig, Prag keine größere Stadt liegt nahe. "Wir brauchen ein Einzugsgebiet von 250 Kilometer Umkreis", steht in der Machbarkeitsstudie, die Schubert zitiert. 8000 zahlende Besucher gab es 2006. "Das ist nicht wenig. Wir waren schließlich noch Baustelle."

Seine Kritiker kann er damit kaum überzeugen. Zuerst habe in der Dorfkneipe keiner mit ihm reden wollen, sagt er. Allmählich aber findet sein Optimismus Gehör. Einfach war das nicht. "Als ich hier ankam, hat keiner in die Hände geklatscht und gesagt: Toll, dass mal einer eine Idee hat", erzählt Schubert. "Die Leute wollten das Ding weghaben, weil sie nicht jeden Tag an die Schmach ihres Schicksals erinnert werden wollten."

Es ist eine doppelte Schmach, und sie wiegt schwer in dem 2800-Einwohner-Ort. Bis 1992 gab der stinkende Koloss des Kraftwerks Arbeit, wie die inzwischen abgerissene Brikettfabrik nebenan. Nach dem Ende der Kombinatswirtschaft folgten die Glücksritter. In Plessa war es die Hanseatische AG. Die propagierte großspurig Ideen von umweltfreundlichen Erdgaskraftwerken, auch in Plessa, doch dahinter verbarg sich ein vom Größenwahn getriebenes Schneeballsystem. Mehr als 30 000 Anleger verloren ihre Ersparnisse. Plessa blieb nach der Liquidation auf zwei Millionen Mark Schulden sitzen, die bis heute drücken.

Rolf Kuhn und Hajo Schubert redeten mit Engelszungen, um die Gemeinde zu überzeugen. "Was habt ihr davon, wenn das Kraftwerk abgerissen wird?", hat Kuhn gefragt. "Eine geschotterte Fläche? Deswegen kommt kein Investor."

Für die Kraftwerkshalle hatten sie schon einen. Ein Biodiesel-Produzent wollte sich ansiedeln, der hätte gepasst wie die Faust aufs Auge. "Eine alte Dreckschleuder wendet sich neuen Energien zu", das ist Schuberts Idee. Doch bei der Renovierung stieß man plötzlich auf Asbest. Zwei Jahre lang musste die Arbeit ruhen. Der Investor ließ sich ein Jahr hinhalten, dann sprang er ab. Es schien, als sei Plessa vom Pech verfolgt.

Wer mit Kommunalpolitikern spricht, bekommt schnell den Eindruck, dass ihnen die Pläne für das alte Kraftwerk unheimlich sind. Der heutige Bürgermeister Gottfried Heinicke (CDU) und sein Vorgänger Jürgen Schellschmidt (SPD) befürchten, dass sie ein weiteres Mal blechen müssen, sollte aus Schuberts Plänen nichts werden. Schellschmidt moniert: "Da ist noch kein Euro privates Kapital reingeflossen, nur Engagement. Schubert trägt kein Risiko. Der kann sich engagieren, so viel er will."

Hajo Schubert kennt diese Sätze, von ihnen beeindrucken lässt er sich nicht. Eher legt er sich mit dem Bürgermeister an. Schubert sieht eine "stabile rechtsextreme Jugendszene am Ort" und will gegen "diese dumpfe Angst vor dem Fremden" angehen. Will internationale Gesprächsrunden im Kraftwerk ausrichten, verbunden mit gutem Essen. Sucht nach einer tschechischen Brauerei, die im Kraftwerk eine Außenstelle eröffnen will. "Es waren böhmische Braumeister, die in der Lausitz die ersten Brauereien eröffnet haben."

Für Schubert verbindet sich immer alles, passt alles zusammen: die tolerante Gesellschaft, Arbeit für Plessa, Genießermentalität und Familientradition - schließlich war sein Großvater Braumeister in der Lausitz, ging später zu einer böhmischen Brauerei nach Rixdorf, dem heutigen Berlin-Neukölln. Vielleicht ist Schuberts Kraftwerk ein Egotrip, ganz sicher aber derzeit die einzige Chance, die es hier noch gibt.

Jetzt will er die Töpfer "marktfähig machen", wie er es nennt. "Wir müssen Ruhe und Gelassenheit verströmen", sagt Hajo Schubert, drückt die Zigarette aus und zündet sich gleich eine neue an. "Ich weiß, es wird eng. Aber wenn wir hier auch nur hundert Menschen dauerhaft in Arbeit brächten, wäre das ein Erfolg." Bisher war Schubert im Kampfmodus. Auch die ABM-Stellen erstritt er auf die klassische Tour, mit einer Protest-Aktion, als Bundeskanzler Schröder die F 60 besichtigen kam.

Jetzt muss er werben, überzeugen, leisetreten, Partner finden. Hinter ihm auf dem Büroschränkchen stehen Obelix-Figuren aus Plastik. 67 Stück hat er gesammelt. Ein Kessel mit Zaubertrank ist leider nicht dabei. Schubert hat nur einen Fördertopf. -