Der dezente Riese

Der Strom-Gigant Electricité de France bewegt sich seit Jahren auf leisen Sohlen. Und wird deshalb kaum wahrgenommen. Ein Einblick in einen sehr französischen Konzern.




- Vergleiche mit Comic-Figuren verbieten sich. Eigentlich. Mit seinem Haarkranz um den Hinterkopf und der markanten Nase erinnert Pierre Gadonneix, Vorstandsvorsitzender von Electricité de France (EdF), aber tatsächlich an Monty Burns, den bösartigen Atomkraftwerksbesitzer aus der Serie "Die Simpsons". Rein optisch natürlich. In Charakter und Auftritt ist der 64-jährige Chef des größten Atomstromproduzenten der Welt ein Gegenentwurf zur selbstherrlichen Comic-Figur. Der wohl wichtigste französische Manager wirkt höflich, zurückhaltend und ausgeglichen. Er sagt Sätze wie: "Ich überzeuge lieber, als dass ich zwinge." Er stellt einen Besprechungstisch in das riesige Büro seines Vorgängers, damit es kleiner wirkt. Und den Nachbarstaaten sendet er diplomatische Botschaften wie: "Der Energiesektor ist nicht nur in Frankreich politisch hochsensibel. EdF hat daher seine Auslandsexpansion nur dort vorangetrieben, wo wir politisch willkommen sind."

Die Zurückhaltung hat System und findet sich in der gesamten Selbstdarstellung des teilprivatisierten Exmonopolisten. Zum Beispiel in der Fernsehwerbung für den französischen Heimatmarkt. Der aktuelle TV-Spot reiht übliche Energie-Assoziationen schnell aneinander: Strommasten, Lichtermeer, Computer-Nerds, Wissenschaftler vor Elektronenmikroskopen. Ein blaues EdF-Service-Auto fährt durchs Bild. Es folgen idyllische Ansichten von einem Atomkraftwerk, einer Wassertalsperre und einem Windkraftrad. Dann der auf seine leise Art eher selbstbewusste Claim: "Auch morgen wird unsere Energie immer an Ihrer Seite sein." Mit dieser Botschaft bewegt sich EdF auf sicherem Boden. Zwar dürfen zum 1. Juli auch andere Anbieter privaten Haushalten Strom verkaufen - aber es steht nicht zu befürchten, dass die Konkurrenz aus Belgien, Deutschland, Spanien oder Italien künftig in Frankreich das dicke Geschäft machen wird. Dafür sorgt der französische Staat mit einer Strompreisbindung, die sich nur bei Stromerzeugung mit abgeschriebenen Atomkraftwerken rechnet. Und - der leise Monsieur Gadonneix.

Deutsche Strommanager poltern gern. Mit dieser Taktik hatten sie zuletzt mäßigen Erfolg, wie etwa Eons gescheiterte Übernahme des spanischen Versorgers Endesa zeigte. Der französische Riese fährt das Gegenprogramm. Er duckt sich weg. Seit Gadonneix EdF führt, hat er sein Unternehmen aus den Schlagzeilen herausgehalten. Das war auch dringend nötig. Nach einer Phase wilder Expansion unter seinem Vorgänger drohten rote Zahlen, und es musste Ordnung in den Konzern gebracht werden. Mit der Ordnung kamen gute Zahlen, die auch im Ausland zur Kenntnis genommen wurden. Und Mitte Mai auf der östlichen Seite des Rheins doch wieder zu Schlagzeilen führten. Konkret: EdF will RWE kaufen!

Der Südwestrundfunk hatte das Gerücht am 11. Mai als Erster über den Sender gejagt. Die Anstalt - in der ARD nicht als Blitzmerker bekannt - wollte erfahren haben, dass EdF bereits im Bundeskanzleramt vorstellig geworden sei und die Investmentbank Dresdner Kleinwort die Übernahme abwickeln solle. Auch für das im Strommarkt besonders wachsame Kartellamt habe man schon eine Lösung. EdF würde zackig ihr 45-Prozent-Paket an der baden-württembergischen En BW an den australischen Finanzinvestor Babcock & Brown losschlagen, und schon wäre der Weg für den Großeinstieg in Nordrhein-Westfalen frei.

Presseagenturen, Online-Medien und Tagespresse kolportierten die vermeintliche Nachricht trotz zügiger Dementis aller Beteiligten. Inzwischen ist klar, dass sie keine Substanz hatte. Mit etwas Abstand betrachtet liegt der Verdacht nahe: Die Gerüchte wurden von Spekulanten gestreut, die auf RWE-Aktien gewettet hatten. Das ist Börsenalltag. Interessant ist allerdings, dass alle fachkundigen Beobachter den Eindruck hatten: Wenn die Franzosen wollten, könnten sie das, ohne mit der Wimper zu zucken.

EdF ist ein Kind der Linken und Rechten. Beide eint der Glaube an den starken Staat

"EdF hat zurzeit eine günstige Ausgangsposition", sagt Matthias Cord, Vizepräsident und Energiemarktexperte bei der internationalen Unternehmensberatung A. T. Kearney. "Auf dem Heimatmarkt profitiert sie nach wie vor von einer starken politischen Unterstützung, die es ausländischer Konkurrenz schwermacht, Fuß zu fassen. Und bei den Auslandsbeteiligungen schlagen wie bei allen anderen die steigenden Strompreise positiv zu Buche." Die Zahlen des letzten EdF-Jahresberichts sprechen eine deutliche Sprache. Der Gewinn stieg 2006 um fast 74 Prozent auf 5,6 Milliarden Euro, der Umsatz um immerhin 15,4 Prozent auf knapp 59 Milliarden Euro. Die Verschuldung konnte um rund ein Viertel auf 14,9 Milliarden Euro gedrückt werden.

Diese Bilanz beeindruckt umso mehr, bedenkt man, dass EdF unter Gadonneix' Führung auch endlich Zukunftsrisiken finanziell absichert. Im vergangenen Jahr legte der Konzern 3,4 Milliarden Euro für den Abriss alter Atomkraftwerke und die Lagerung des Atommülls zurück - Aufgaben, die der ehemalige Staatskonzern bis vor Kurzem sträflich vernachlässigt hatte. Auffällig ist zudem: EdF punktet im Ausland besonders gut. Die Beteiligungen dort liefern die Hälfte des Konzerngewinns und schneiden deutlich über Marktniveau ab. Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. Und um ihn zu verstehen, ist ein Blick auf die Geschichte des Unternehmens und die Besonderheiten der französischen Energiepolitik nützlich.

Die Geschichte von Electricité de France beginnt im Jahr 1946 und ist eng mit dem Namen Charles de Gaulle verbunden. Den Polit-General bewegte bekanntlich die Frage, wie man ein Land regieren kann, das 246 Sorten Käse produziert. Bezogen auf die 900 Stromerzeuger, die in der Vorkriegszeit mit Preisabsprachen die Preise hochtrieben, ohne die Versorgung wirklich sicherzustellen, hatte er eine klare Antwort parat: Verstaatlichung. Da traf es sich gut, dass der zuständige Minister für industrielle Produktion, Marcel Paul, Kommunist und Gewerkschafter war. Paul sorgte dafür, dass der Kartellwirtschaft der Stromkapitalisten das Staatsmonopol von EdF folgte. Darüber gab es im Grundsatz keinen Streit: Der industrielle Aufstieg war auch für die Rechte eine Frage zentraler Planung. Und die Energieversorgung schien viel zu wichtig, als dass man sie weiter den unzuverlässigen privaten oder öffentlichen Regionalanbietern überlassen durfte. Die Linke bekam ordentlich Zuckerbrot.

Die Strategie: die heimische Bastion eisern verteidigen und von dort aus Europa erobern

"Die Gewerkschaften haben sich immer als Motor der Veränderung bei EdF verstanden", sagt Jean-Pierre Sotura, Generalsekretär der technischen Angestellten bei der Fédération Nationale des Mines et de l' Energie (FNME). Im Klartext heißt das: Sie haben für Ruhe gesorgt und alle wichtigen strategischen Entscheidungen mitgetragen - oder zumindest den Protest unter Kontrolle gehalten. Die FNME ist eine Untergewerkschaft der kommunistisch orientierten Confédération Générale du Travail (CGT) und beherrscht bei EdF den Betriebsrat. Dem geht es sehr gut.

Seit der Gründung geht ein Prozent des Umsatzes an die von den Gewerkschaften kontrollierte Sozialkasse des Unternehmens, die Caisse Centrale d' Activités Sociales (CCAS). Unter der Ägide von FNME-CGT baute der Sozialfonds Ferienzentren, Sanatorien und Restaurants, in denen es sich die Mitarbeiter und ihre Familienangehörigen seit den fünfziger Jahren für wenig Geld gut gehen lassen. Die Belegschaft empfindet das als angemessene Kompensation für die traditionell bescheiden honorierten, aber unkündbaren Arbeitsverträge im öffentlichen Dienst. Ein unbestimmter Teil der jährlichen Zuwendungen für die Sozialkassen blieb über die Jahrzehnte auch im gewerkschaftlichen Filz hängen. Zum populären politischen Gemeingut in Paris gehört die These, dass es die Kommunistische Partei ohne verdeckte Transfers aus der CCAS nicht mehr gäbe. Aber daran störte sich in Frankreich kaum jemand, schon gar nicht die EdF-Führung, sicherte die CGT doch dauerhaft innerbetrieblichen Frieden und damit konstanten Energiefluss in einem Land, das durch fast jede größere Berufsgruppe, von den Bauern über die Fischer bis hin zu den Lehrern und Schaffnern, in regelmäßigen Abständen lahmgelegt wird.

Den wachsenden Energiehunger der französischen Wirtschaft und Gesellschaft stillte EdF in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem mit der Verstromung fossiler Brennstoffe. Damit machte sich das Land besonders abhängig von Importen der Energieträger, zumal nicht einmal einheimische Kohle in ausreichendem Maße vorhanden war. Unglücklicherweise setzte die ehemalige Kolonialmacht besonders stark auf das Öl. 1973 wurde rund die Hälfte des französischen Stroms mit Ölkraftwerken erzeugt. Die Ölkrise traf die Franzosen entsprechend hart. Die Hinwendung zur Wunderwaffe zivile Kernenergie fiel radikal aus: Binnen weniger Jahre gingen in Frankreich Dutzende Atommeiler ans Netz - und Electricité de France stieg zum größten Atomstromproduzenten der Welt auf.

Heute kommen fast drei Viertel des EdF-Stroms aus 58 eigenen Meilern. Ihnen verdankt der Konzern seit den neunziger Jahren seine Stärke. Denn die billigste Art, in großem Stil Strom zu produzieren, sind abgeschriebene Kernkraftwerke aus den siebziger und achtziger Jahren. So gesehen erwies sich die Ölkrise für EdF als später Glücksfall: Mitte der neunziger Jahre, zum Zeitpunkt der europäischen Strommarktliberalisierung, verfügte das Unternehmen über die größten Kapazitäten an günstigem Strom und zudem über einen Heimatmarkt, der für die kommenden Jahre politisch besser geschützt war als die Märkte der großen Nachbarn. Das war die Zeit, als der Begriff "nationale Champions" in der Energiebranche die Runde machte.

Dieser Begriff war ganz nach dem Geschmack der nationalen Wirtschaftselite Frankreichs, die enger mit dem politischen Establishment verzahnt sein dürfte als in jedem anderen westeuropäischen Land. Die Strategie des Champions der Grande Nation war so einfach wie effektiv: schnell im Ausland expandieren und Märkte sichern, bevor die EU allzu hartnäckig auf die Öffnung des Heimatmarktes drängen würde.

Mit Unterstützung der politischen Klasse ging EdF auf Einkaufstour und erwarb Anteile auf allen wichtigen europäischen Märkten. Der damalige Vorstandsvorsitzende François Roussely setzte dabei eine Energie frei, die viele private Konkurrenten überraschte. Roussely war durch die politische Kaderschmiede der Ecole Nationale d' Administration (ENA) und seine Ministeriallaufbahn gut in Machtbewusstsein und Winkeltaktik geschult. Er umgarnte Wettbewerbshüter in Brüssel und bot fast immer den besten Preis, wenn irgendwo zwischen Atlantik, Nordkap und am Schwarzen Meer ein Versorger Anteile abzugeben hatte. Zur Jahrtausendwende war EdF der größte Stromerzeuger Europas, hatte auch in Südamerika kräftig investiert und sich einen Ruf als besonders fintenreicher Akteur gesichert.

Die Kassen waren nach der jahrelangen Einkaufstour allerdings erst einmal leer. 2002 begann die europäische Konjunktur zu schwächeln. Und in Brasilien und Argentinien sorgte eine Rezession für hohe Verluste der EdF-Töchter. Das Unternehmen musste mit einem deutlichen Kurswechsel reagieren. Und Premierminister Jean-Pierre Raffarin drängte auf einen Personalwechsel an der Spitze, zumal Roussely nicht nur die Fortune ausging - er galt auch noch als Linker galt und war von den Sozialisten in sein Amt gehoben worden.

Pierre Gadonneix gehört zu den wenigen echten Liberalen in Frankreich. Er ist in New York geboren, hat in Harvard promoviert und vor seinem Eintritt in den Staatsdienst eine Computerfirma gegründet, die er nach drei Jahren gewinnbringend losschlug. Als Chef des staatlichen Gasversorgers Gaz de France erwarb "Gado" sich den Ruf, bei Zukäufen Chancen und Risiken genau abzuwägen. Auf dem Chefsessel von EdF blieb er Pragmatiker. Nach Amtsantritt trennte er sich von den Verlustbringern in Südamerika. Expansionspläne für Asien wurden vorerst auf Eis gelegt. Seine Strategie ist: Chancen in Europa nutzen, aber keine Mondpreise bezahlen. Sie ging auf. Es wurde erst einmal ruhig um den Konzern.

Mit steigenden Gewinnen im Rücken bereitete der neue Mann an der Spitze den Börsengang von EdF vor. Seit der ersten Notierung im November 2005 kennt der Aktienkurs nur eine Richtung: aufwärts. Wer zum Börsenstart kaufte, hat sein Kapital heute mehr als verdoppelt. Unter französischen Analysten wird Pierre Gadonneix als "Glücksfall für das Unternehmen" gehandelt.

Sein Erfolgsrezept klingt einfach und hat offiziell drei Säulen:

_Sicherung der Heimatbasis durch Kundenbindungsprogramme, um der Konkurrenz den Markteintritt zu erschweren.

_Integration der europäischen Beteiligungen, wobei die Pariser Zentrale vor allem auf Synergieeffekte zwischen den Länderbeteiligungen in Deutschland, Großbritannien und Italien hofft.

_Systematische Verbesserung der Geschäftszahlen als börsennotiertes Unternehmen durch Spar- und Effizienzprogramme.

Klingt gut und machbar. Über Hausaufgaben, die intern zu lösen sind, reden die EdF-Vertreter allerdings öffentlich selten bis nie. So ist die Produktion des teilprivatisierten Staatsunternehmens mit dem alten Nuklear-Park dank der Rahmenbedingungen zwar billig, aber alles andere als effektiv. "EdF vergeudet nach wie vor viel Energie durch Überkapazitäten", sagt Christoph Weber. Der Elsässer mit französischem Pass hat an der Universität Essen den Lehrstuhl für Energiewirtschaft inne und beobachtet den Ex-Monopolisten seines Heimatlandes stets besonders aufmerksam. Die Beobachtung ergab unter anderem: EdF fährt eine Reihe ihrer Reaktoren immer wieder im Teillastbetrieb. Das muss logischerweise so sein, wenn drei Viertel des Stroms aus Atomkraftwerken kommen, rechnet sich aber in dem Moment nicht mehr, wenn neue Reaktoren ans Netz gehen. Denn dann schlagen die hohen Kapitalkosten, die ein Kernkraftwerksneubau mit sich bringt, gnadenlos zu. Ein Atomkraftwerk ist so teuer, dass man es am Wochenende voll laufen lassen muss.

Eine Lösung des Problems wäre der Stromexport, zum Beispiel nach Deutschland. Allerdings lässt sich Strom nicht so leicht ins Ausland verkaufen wie Autos. Die Kopplungskapazitäten sind nach wie vor begrenzt, und die Netzbetreiber tun immer noch wenig, dies zu ändern. Denn sie sind - trotz rechtlicher Trennung - nach wie vor auch immer Stromerzeuger. Und die heißen den billigen Strom aus Frankreich alles andere als willkommen.

In Frankreich gelten Atomkritiker als Spinner. Und die Meiler sollen 60 Jahre laufen

Weber ist überzeugt: "Die Kernkraftmonokultur kann sich unter Marktbedingungen langfristig auch in Frankreich nicht halten." Das dürften auch die EdF-Strategen so sehen. Sie versuchen nun zaghaft, ihr Angebot durch Solartechnik, Wasser- und Windkraft zu ergänzen. Das dürfte aber kaum reichen. Und bei der betriebswirtschaftlich attraktivsten Alternative - der modernen Kohleverstromung, am besten mit umweltfreundlicher CO2-Abspaltung hat EdF ein massives Problem: Das Wissen auf dem Gebiet der "sauberen Kohle" tendiert gegen null. Hinzu kommt, dass der Konzern nur im Ausland wachsen kann; in Frankreich beherrscht man den Markt bereits.

Das Unternehmen hat nach einer Phase brachialer Expansion gut daran getan, in den vergangenen Jahren zu konsolidieren. Doch nun fehlt ihm eine Wachstumsperspektive, wenn es an der offiziellen Strategie "Konzentration auf Europa" festhalten möchte. "Vermutlich schielt auch EdF intern stark nach Asien", sagt Reiner Haier. Der Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg geht davon aus, dass man sich in Paris über "Übernahmen bestehender Strukturen in Fernost Gedanken macht". Doch die bergen, wie nahezu überall auf der Welt, erhebliche Risiken. Jeder politische Kurswechsel kann eine scheinbar sinnvolle Investition rasch in ein finanzielles Desaster verwandeln.

Bei EdF gilt das nicht nur für Auslandsabenteuer. Die französischen Sozialisten haben vor den jüngsten Präsidentschaftswahlen laut darüber nachgedacht, den teilprivatisierten Konzern wieder voll zu verstaatlichen. Nach dem Sieg von Nicolas Sarkozy scheint diese Gefahr erst einmal gebannt. Doch auch der ehemalige Wirtschaftsminister ist kein überzeugter Marktliberaler. Er macht keine Anstalten, weitere Anteile in private Hände zu geben oder gar auf eine Gesetzesänderung hinzuwirken.

Zurzeit ist der Staatsanteil bei EdF auf mindestens 70 Prozent festgeschrieben. Eine Vollprivatisierung wäre aber die Voraussetzung, damit EdF bei Auslandsbeteiligungen wieder in die Offensive gehen könnte, denn der französische Staat wird gewiss keine Steuermittel in die Hand nehmen, um Investitionen im Ausland vorzufinanzieren. Hinzu kommt: Die Strompreise für den französischen Verbraucher hat die vorige Regierung auf Jahre an die Inflationsrate gebunden. Das ist populär. Dem Unternehmen aber raubt es Entwicklungspotenzial.

Dennoch: Die Aussichten könnten deutlich schlechter sein. Im Unterschied zu den deutschen Kernkraftwerksbetreibern muss EdF nicht gegen eine Verkürzung der Laufzeiten auf 35 Jahre oder weniger kämpfen, sondern darf auf eine Verlängerung auf bis zu 60 Jahre hoffen. Unter französischen Atomtechnikern herrscht weitgehend Konsens, dass die Meiler aus den Siebzigern und Achtzigern so lange sicher betrieben werden können. Was EdF aber nicht daran hindert, neue Reaktoren zu bauen. Der erste wird zurzeit bei Flamanville in der Normandie in Angriff genommen. "Es steht nicht zu befürchten, dass Proteste den Bau aufhalten werden", ist sich Christoph Weber sicher. Die französischen Atomkraftgegner bleiben eine belächelte Randgruppe.

Derweil formiert sich gerade eine neue energetische Konstellation in Paris. Präsident Sarkozy hat in seiner ersten Rede am Abend seines Wahlsiegs den Kampf gegen den Klimawandel zu einem seiner wichtigsten Ziele erklärt. Frankreichs Antwort ist bekannt. Sarkozy wird sie mit EdF in die Welt tragen und dabei ein zweites großes Staatsunternehmen einbeziehen: den Weltmarktführer im Atomkraftwerksbau Areva. Pierre Gadonneix wird nichts dagegen haben, und selbst wenn, wäre es ohne Belang: Anfang 2008 scheidet er altersbedingt aus. Die besten Aussichten, die Nachfolge anzutreten, hat die Areva-Präsidentin Anne Lauvergeon. Unter ihr wird sich EdF vermutlich wieder angriffslustiger zeigen. Der Spitzname der beinharten Managerin eignete sich prima für eine Comic-Superheldin: Atomic Anne. -