Das geht: Begeischterung statt Chakka-Chakka

Die Schülerfirma Jukon ist ein global agierendes Unternehmen. Die Gesellschafter stammen aus Göppingen, die Produkte aus Griechenland und aus dem Umland. Und die Erlöse fließen nach Bangladesch. Denn die Schüler haben begriffen: Gewinne sind wichtig aber noch wichtiger ist, was man mit ihnen macht.




- Passt die Bluse, sitzt der Text? Klara Lorenz schlotterten die Knie. Es war Anfang Mai in Hamburg bei einem Kongress. Auf der Bühne: Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger und Bankier der Armen. Im Publikum: Fotografen, Kamerateams und Hunderte Gäste, darunter Vorstände, Berater und Designer. Gleich würde Klara Lorenz mit ihrem Mitschüler Sebastian Goll aufstehen, durch die Reihen nach vorn gehen, ins Scheinwerferlicht treten und Professor Yunus einen Scheck über 1000 Euro überreichen: ihre Firmengewinne, erwirtschaftet mit harter Arbeit im Verkauf und scharfer Kalkulation am PC. Eine Spende für Yunus und seine Grameen Bank, die das Geld in Form von Kleinstkrediten an Arme in Bangladesch verleiht.

"Die Leute waren begeischtert", sagt Klara Lorenz, wenn sie von ihrem großen Auftritt erzählt. Begeisterung mit schwäbischem "sch" und Temperament gesprochen klingt gleich doppelt so enthusiastisch. Die Zwölftklässlerin benutzt das Wort oft, wenn sie über "Jukon" spricht, die Schülerfirma des Wirtschaftsgymnasiums der Kaufmännischen Schule Göppingen.

Wenn Schüler in Schülerfirmen wirtschaftliches Denken lernen sollen, gründen sie meistens einen Konzern auf dem Papier und rechnen fiktive Einnahmen gegen fingierte Ausgaben auf. Einige Schülerfirmen machen aber auch echte Geschäfte, so wie Jukon, das biologische Produkte auf regionalen Märkten in Baden-Württemberg und per Versand an einen wachsenden Kundenkreis verkauft. Von den Schülern könnte so mancher Manager etwas lernen: etwa, dass es besser sein kann, Wert auf Teamarbeit und Selbstständigkeit zu legen statt auf Hierarchien. Und dass man mit Ernst bei der Sache sein und trotzdem Spaß an ihr haben kann.

Am Anfang, vor drei Jahren, standen eine Kiste mit Olivenöl aus biologischem Anbau und ein Kontakt nach Thassos, Griechenland. Die Eltern zeichneten Anteilsscheine an Jukon, sodass die Schüler die ersten Lieferungen Öl bezahlen konnten. Dimitrios Proedrou lieferte schnell. Und immer weiter. "Mittlerweile bestellen wildfremde Leute bei uns", sagt Sebastian Sommer aus der elften Klasse. Das Geschäft mit dem Öl läuft wie geschmiert. Allerdings will Dimitrios seit kurzem mehr Geld: "Wir müssen verhandeln, sonst schrumpft der Gewinn", sagt Klara Lorenz. "Und wir müssen unabhängiger werden", sagt ihr Mitschüler Matthias Vollmer. Jukon macht deswegen, was viele Unternehmen tun: Die Schüler diversifizieren das Angebot. Himbeeressig, Walnussöl und Früchteriegel sind neu im Sortiment. Alles aus Schwaben.

Wenn man fragt, wer bei Jukon welche Aufgabe übernommen hat, zeigen die Antworten: Hinter der Firma steckt ein Team, keine Hierarchie. "Matthias ist immer da, wenn man Hilfe braucht", lobt Katharina Teut. "Katharina macht die besten Texte für die Homepage", schwärmt Lukas Schulze. "Lukas weiß, wie man die Bücher führt", sagt Anne-Christin Willmann, "und ich ziehe neue Kunden an Land." Keiner stehe oben, jeder springe für jeden ein, sagen die Schüler. "Lean Management", schwärmt Karl-Otto Kaiser, der Lehrer, der Jukon gewissermaßen als Aufsichtsrat betreut. Das war mal anders. "Anfangs haben wir feste Posten vergeben: ein Chef, zwei Sprecher", sagt Kaiser. "Das hat nicht funktioniert. Wer einmal Chef ist, will es immer bleiben." Kaiser glaubt, dass auch die Lehrer von Jukon lernen können.

Die Kaufmännische Schule in Göppingen befindet sich im Stadtteil Öde, doch die Schule steht zwischen grünen Hügeln, die Wiesen sind gemäht, von Müll keine Spur. Karl-Otto Kaiser bewegt, was geht: Er lädt Gäste wie den Obi-Chef oder einen Geschäftsführer der Drogeriekette dm zu Diskussionen ein. Der Mafia-Jäger Leoluca Orlando aus Palermo sprach über Zivilcourage. Kaiser glaubt nicht an Motivierung durch "Chakka-Chakka und Über-glühende-Kohlen-laufen". "Wenn man mit Herzblut bei der Sache ist und sein Wissen nicht für sich behält, kann man andere ungemein motivieren und weiterbringen."

Schulleiter Werner Stepanek sieht es genauso: "Wir machen die Türen auf und lassen Leute rein", sagt er. "Und wir schicken unsere Schüler raus." Es gibt ein Unterrichtsfach "Global Studies", Fremdsprachen stehen ganz oben auf dem Lehrplan. Über Jukon sagt Stepanek: "Gewinne sind wichtig. Aber die Schüler lernen auch, mit Menschen umzugehen und global Verantwortung zu übernehmen." So wie in Hamburg, als die Schüler die Firmengewinne Yunus und seiner Grameen Bank schenkten - und dafür auf eine Geschäftsreise nach Griechenland verzichteten.

Auf dem Rückweg planten die Schüler das nächste Projekt: Auch andere Schülerfirmen könnten für Grameen wirtschaften. "Mit den Krediten gibt Yunus armen Menschen die Chance, selbstständig zu werden", sagt Klara Lorenz. "Das ist doch genau das, was uns die Schule mit Jukon auch gibt." Als Schirmherr der Aktion soll Bundespräsident Horst Köhler, selbst Schwabe, gewonnen und nach Göppingen geladen werden. Lampenfieber und Begeischterung sind dann wieder garantiert. -