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Was ist eigentlich: ... TRINKGELD?

Die Kellner in Berlin, die Taxifahrer in München, die Stadtführer in Hamburg: Sie alle halten die Hand auf. Aber wie viel Trinkgeld gibt man wem und wann?




- Speicherstadt, Trockendocks, Containerterminal - wer sich in Hamburg zur Hafenrundfahrt einschifft, sieht viel vom zweitgrößten Hafen Europas, muss aber auch reichlich Kalauer über sich ergehen lassen. "Wenn Sie seekrank werden, seien Sie froh", sagt der Kapitän beim Ablegen. "Es ist eine Krankheit, bei der wenigstens was herauskommt." Und als die Barkasse wieder an den Landungsbrücken anlegt: "Vielleicht fragen Sie sich: Woher hat der Mann all sein Wissen?" Andächtige Pause. "Aus den umliegenden Kneipen. Damit ich da auch heute wieder hinkann, freue ich mich über ein Trinkgeld." Und tatsächlich: Die Gäste werfen Münzen in die Kapitänsmütze.

Viele Dienstleister erwarten Trinkgeld, neben Stadtführern halten auch Kellner, Taxifahrer, Pizzaboten und Pagen die Hand auf, in Friseursalons und Blumengeschäften stehen Sparschweine auf den Theken. Aber wie viel gibt man wem, und wann ist es in Ordnung, einfach passend zu zahlen?

Eine, die sich mit den ungeschriebenen Regeln des Trinkgeldgebens auskennt, ist Agnes Jarosch, Chefredakteurin der Benimmfibel "Der große Knigge" und Initiatorin des Deutschen Knigge-Rats. Zunächst einmal, sagt sie, müsse man unterscheiden, ob es einen Service gibt, den man mit dem Trinkgeld belohnen kann oder nicht. In Imbissbuden etwa, in denen man sich selbst bedient, könne man guten Gewissens darauf verzichten, etwas in die Spardose auf dem Tresen zu werfen, meint Jarosch. "Auch den Chefs zahlt man kein Trinkgeld", sagt die Expertin, "sondern nur den bedienenden Angestellten." Das ist die Idee des Trinkgeldes, das manchmal auch Bedienungsgeld genannt wird: denjenigen einen Bonus zu zahlen, die wenig verdienen, aber viel Einfluss auf die Qualität der Dienstleistung haben.

Ganz eindeutig ist diese Faustregel aber nicht. Stewardessen erwarten zum Beispiel kein Trinkgeld. "Dagegen hat es sich eingebürgert, im Restaurant oder Café einen Betrag in Höhe von fünf bis zehn Prozent des Rechnungsbetrages zu geben", sagt Jarosch. Wenn man mit Kreditkarte zahlt, seien zwischen sieben und zwölf Prozent angemessen. Sonst mindern die Kartengebühren den Bonus zu sehr.

Die angemessenen Sätze zu kennen macht es aber nicht immer einfacher. Beim Überschlagen der Prozente kommen bisweilen krumme Zahlen heraus. "Wenn der Milchkaffee 2,40 Euro kostet und es einem zu viel ist, auf drei Euro aufzurunden, kann man bedenkenlos 2,70 Euro geben", sagt Jarosch. Für den Fall, dass man mit prozentualen Aufschlägen nicht weiterkommt, weil ein Bezugspreis fehlt - zum Beispiel, wenn man sich vom Pagen den Koffer auf das Zimmer tragen lässt -, rät sie: "Hier sind ein bis zwei Euro oder sogar ein Schein angemessen. Das sollte man von der Hotelkategorie abhängig machen."

Wie wichtig das Trinkgeld für die Kellner ist, weiß Andre Haak, Oberkellner im Restaurant Tucher am Brandenburger Tor in Berlin. Haak kennt die internationalen Trinkgeldgewohnheiten sowie die der ganzen Republik und derer, die sie lenken. Er hat festgestellt: Die Menschen aus dem Westen geben mehr, dafür sind die aus dem Osten freundlicher. Im internationalen Vergleich seien Amerikaner lukrativ, außerdem Norweger, Briten und Schweizer. "Aber wenn Italiener kommen, dann ..." - Haak rollt mit den Augen. Im Tucher speisen auch Politiker, die vom Bundestag herüberspazieren. "Gute Hausnummern" seien Guido Westerwelle oder Gregor Gysi, sagt Haak. "Aber die meisten Politiker geben eher wenig oder nichts." Dabei ist das Trinkgeld für Haak und seine Kollegen eine wichtige Einnahmequelle: "Manch einer geht hier mit 1000 Euro netto im Monat nach Hause. Da macht das Trinkgeld schon einen Bonus von 30 bis 50 Prozent aus."

So ist das seit dem Mittelalter, als man damit anfing, Kutscher und Knecht ein paar Groschen zuzustecken, auf dass sie sich in den umliegenden Wirtschaften einen Schnaps gewähren konnten. Die Gewohnheit wurde zur Sitte. So verwiesen im 19. Jahrhundert die Dienstherren Hausknechte und Laufburschen schon bei der Bemessung des Lohnes auf das Trinkgeld, mancher bekam abgesehen vom Trinkgeld überhaupt keinen Lohn mehr.

In den USA, in denen die Einwanderer aus Europa den Trinkgeldbrauch verbreiteten, ist das heute noch ähnlich: Dort liegt der gesetzliche Mindestlohn im Gastgewerbe um mehr als 40 Prozent niedriger als der sonst vorgeschriebene, nämlich bei 2,13 Dollar pro Stunde. Dafür erwarten Kellner einen "Tip" in Höhe von 15 Prozent des Rechnungswertes - nirgendwo sonst ist das ungeschriebene Gesetz des Trinkgeldgebens so bindend.

Deswegen kommen die bedeutendsten Werke der Trinkgeldforschung auch aus den USA. Professor Michael Lynn von der New Yorker Cornell University hat zum Beispiel festgestellt, dass Kellner mehr verdienen können, wenn sie sich vorstellen, die Bestellungen wiederholen, lächeln, die Gäste kurz an der Schulter berühren, Smileys auf die Rechnung malen oder in die Hocke gehen, um mit dem Gast auf Augenhöhe zu kommunizieren. Umgekehrt gilt: Wer in den USA den Tip nicht zahlt, kann sich auf einen handfesten Streit mit dem Kellner einstellen.

"Bevor man ins Ausland reist, sollte man sich in einem Reiseführer schlau machen", rät die Benimm-Expertin Agnes Jarosch. "In manchen asiatischen Ländern wird Trinkgeld sogar als Beleidigung empfunden."

Für Deutschland rät der Online-Reiseführer Wikitravel dazu, kein Trinkgeld zu geben, wenn man mit dem Service nicht zufrieden war. Hat man allerdings nichts auszusetzen, erwarten zum Beispiel Taxifahrer, dass man den Betrag auf den nächsten oder übernächsten Euro aufrundet. Das sagt auch Thomas Thebe. Thebe fährt seit 1984 Taxi in München. Auf den Armaturen seines Taxis liegt eine Staubschicht - einen großen Teil seiner Arbeitszeit verbringt er damit, auf Kunden zu warten. "Das Trinkgeld ist weniger geworden", sagt Thebe.

Ähnliches berichten die Kellner in Fernzügen, die früher gut verdienten. Ottó Horváth ist Kellner im original ungarischen Speisewagen. Die Sitze hier sind mit rotem Stoff bezogen, auf jedem Tisch stehen Plastikblumen. Seit 30 Jahren ist Horváth im Dienst und bewirtet Europa: Um sieben Uhr früh hat er Reisenden aus Budapest das Frühstück gebracht, um zwölf den Passagieren aus Prag das Mittagessen serviert. Vor Ludwigslust bestellt jemand "SertésPörkölt" - Schweine-Gulasch. Trinkgeld? Horváth schüttelt den Kopf. "Schweden, Österreicher, die geben was. Aber Deutsche? Nur ganz wenig. Früher war das besser."

Wenn der Face-to-face-Kontakt stimmt, dann klappt's auch mit dem Trinkgeld

Tatsächlich gilt heute für die Preise auf allen deutschen Speisekarten: "Bedienung inklusive". Die Gewerbeordnung definiert Trinkgeld als "Geldbetrag, den ein Dritter ohne rechtliche Verpflichtung dem Arbeitnehmer zusätzlich zu einer dem Arbeitgeber geschuldeten Leistung zahlt". Also freiwillig und zusätzlich, wie ein Geschenk. Deshalb muss Trinkgeld, das seit 1923 einkommensteuerpflichtig war, seit 2002 auch nicht mehr versteuert werden. Umgekehrt kann der Geber es nicht von der Steuer absetzen oder bei Geschäftsessen vom Arbeitgeber einfordern - schließlich steht es auch nicht auf der Rechnung.

Mit der Theorie vom Homo oeconomicus, der seinen Nutzen maximiert, lassen sich solche Geschenke nur unzureichend erklären. Nämlich nur dann, wenn "nicht nur Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit", sondern "Eigennutz" dahintersteckt, wie der Jurist Reinhold Lange schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seiner Dissertation zu Fragen des Trinkgeldes unterstellte. Das ist dann der Fall, wenn der Geber eine Gegenleistung erwarten kann. Etwa wenn er hofft, beim nächsten Restaurant-Besuch eine Extraportion Fritten zu bekommen. Als Stammkunde Trinkgeld zu geben hat also Sinn.

Daran sollte man denken, wenn man in Urlaub fährt, jeden Tag im gleichen Restaurant isst und das Zimmer Tag für Tag gereinigt wird. Expertin Jarosch empfiehlt, nicht erst am Ende einen Tip zu geben, sondern immer wieder in kleinen Portionen. Trinkgelder sind dann Belohnung und Anreiz zugleich. "Außerdem wechseln die Zimmermädchen - und wenn man nur am Ende Geld dalässt, kann es passieren, dass diejenige es bekommt, die am letzten Tag zufällig Dienst hat", sagt Jarosch.

In vielen Situationen kann Eigennutz aber keine Rolle spielen, denn die meisten Begegnungen von Trinkgeldgeber und -empfänger sind, spieltheoretisch betrachtet, sogenannte "One-Shot-Games", also Einmalspiele. Trotzdem wird Trinkgeld gezahlt. "Dafür gibt es zwei Erklärungen, die hier zusammenwirken könnten", sagt Jeannette Brosig, experimentelle Wirtschaftsforscherin an der Universität zu Köln. "Zum einen existiert eine soziale Norm, die besagt, dass man Trinkgeld geben sollte. Zum anderen findet direkte Face-to-face-Kommunikation zwischen Geber und Empfänger statt." Brosig hat herausgefunden, dass Menschen, die Auge in Auge miteinander kommunizieren, deutlich besser kooperieren.

Im "Bayerischen Hof", dem berühmten Hotel in München, gibt man sich offiziell diplomatisch: Das Personal sei professionell und aufmerksam, egal, ob der Gast Trinkgeld gebe oder nicht, sagt eine Sprecherin. Im "Palais Keller" des Hotels kann man das testen. Bestellt wird Leberkäse, Tafelspitzbrühe und ein Helles. Macht 12,90 Euro, angemessen wären 14 Euro. Dann die Herausforderung: passend zahlen. Der Kellner schaut ungläubig, bleibt aber freundlich und wünscht noch einen schönen Tag. Das zeigt dreierlei. Erstens: Im Bayerischen Hof kann man wirklich passend zahlen. Zweitens: Ungewöhnlich ist es trotzdem. Drittens: Es kostet eine Menge Überwindung, gegen die Norm zu verstoßen. Vor allem, wenn der Kellner wirklich nett war und sein Service tadellos. -