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Was Marken nützt: Schlimmer geht immer

Das ist das Motto der "Praline", Mutter aller Schmuddelblätter. Sie ist weit heruntergekommen, wurde schon totgesagt – und lebt munter fort.




• In meiner Jugend versüßte mir die "Praline", ich gestehe es hier offen, den Besuch beim Kieferorthopäden. In seinem Wartezimmer konnte man die im neutralen Lesezirkelumschlag eingeschlagene Zeitschrift in aller Ruhe studieren und sich von den dort gebotenen nackten Tatsachen über die bevorstehende und stets unerfreuliche Behandlung hinwegtrösten lassen. Heutzutage findet sich die "Praline" aus gutem Grund in kaum einer Praxis mehr, und auch der vieles gewohnte Kioskbesitzer an der Hamburger Mönckebergstraße rückt sie, so scheint's, nur widerstrebend heraus. 1,80 Euro kostet das Blatt mit dem Charme eines Bau-markt-Prospektes: billiges Papier, billige Mädchen und viele teure Telefonsexnummern.

Der Niedergang eines großen und einst sogar respektablen Magazins (siehe Randspalte links) verweist paradoxerweise auf einen Erfolg des Hamburger Heinrich Bauer Verlages, der sie vor mehr als 50 Jahren gründete. Denn es gelang ihm, die Leser ins Internet zu ziehen, wo praline.de laut Bauer die "erfolgreichste Erotik-Site Deutschlands" betreibt. Dort locken viele kostenpflichtige Angebote: von Pornofilmen ("Polen privat. Ungelernte Sexarbeiter geben alles!" bis hin zu "Leserstorys" ("Enthaltsamkeit mit heißen Folgen"). So ist Praline Interaktiv – noch vor Spiegel Online – das Paradebeispiel für die erfolgreiche Migration einer Marke ins Netz.

Die gedruckte Ausgabe kam parallel dazu immer weiter herunter. Ob trotz oder wegen prominenter Mitarbeiter wie den FDP-Politikern Dirk Niebel ("Mit Niebel und "Praline" raus aus der Arbeitslosigkeit") und Silvana Koch-Mehrin, die sich noch vor wenigen Jahren als Kolumnisten für die Zeitschrift betätigten, darüber darf spekuliert werden. In der Branche rechneten jedenfalls alle mit der Einstellung des Busenblatts. Das wurde aber im Oktober vergangenen Jahres überraschend vom ungarischen GLM-Verlag mit dem Deutschen Robert Gabor an der Spitze übernommen. Sein Verlag hatte hierzulande mit Fachzeitschriften wie "Genial obszön" und unerwünschten Werbeanrufen, sogenannten Cold Calls, bereits auf sich aufmerksam gemacht. Die "Praline"-Website blieb bei Bauer. Mit der Übernahme der Zeitschrift, so jubilierten die Verantwortlichen, werde nicht nur ein Stück deutsche Mediengeschichte erhalten, sondern der interessierten Zielgruppe "weiterhin detaillierte Information in allen wichtigen Bereichen des Lebens und des Alltags geboten". Zum Beispiel Antworten auf die Frage, wie das ist, "wenn der Postbote dreimal kommt".

Darüber würde man natürlich auch gern mal mit der Redaktion im ungarischen Dunasziget reden, doch die ist telefonisch bedauerlicherweise nicht zu erreichen. Am Lesertelefon in Baden-Baden läuft nur ein Band. Irgendwann ruft eine Dame zurück und erklärt, dass Verleger Gabor alle Anfragen höchstpersönlich beantworte, nur in nächster Zeit leider nicht zu erreichen sei.

Vermutlich denkt er über die Weiterentwicklung seines Blattes nach. Schlimmer geht immer. •

Geschichte: Die "Praline" wurde 1954 vom Hamburger Heinrich Bauer Verlag als Unterhaltungsmagazin gegründet. Die ersten Ausgaben wirken - vom derzeit gerade wieder modernen Taschenbuchformat bis hin zur Themenmischung - erstaunlich frisch. Das Blatt berichtete bereits damals über die Wechseljahre des Mannes und das "Weltproblem Müdigkeit". Es enthielt lehrreiche Rubriken ("Konflikte des Herzens") und investigative Storys: "Yussuf hat drei Frauen: Mit der Farbkamera im Harem." In den Siebzigern fand die "Praline" zu ihrer typischen Mischung aus nackter Haut und abstrusen Geschichten - "Impotenter Arzt (46) besorgte seiner Frau (30) einen Neger (38) als Geliebten"- und brachte es damit zu einer Auflage von mehr als einer Million. Noch in den Neunzigern wurden rund 430 000 Hefte abgesetzt, kurz vor dem Verkauf des Blatts sollen es lediglich noch 66 000 gewesen sein. Nach Auskunft des deutschen Vertriebs erfreut sich die "Praline" derzeit "bester Gesundheit". Und verzeichne als einzige am Kiosk erhältliche, frei verkäufliche wöchentliche Erotikzeitschrift kontinuierlich Verkaufszuwächse. Was, wenn's stimmte, eine alte Marketingweisheit, bestätigte: Unten ist immer Platz. Druckauflage: mehr als 80 000; Zahl der in 2/2007 abgebildeten blanken Brüste: 144; Online-Nutzer von praline.de im Jahr 2006: 1,2 Millionen