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Nützwerk

Überlegungen zur Frage der Benutzbarkeit. Oder: Warum die Welt einfacher wird.




Illustration: Humberto Gregorio

Blöde Knöpfe

In dem Einkaufszentrum ein paar Straßen weiter fahren die Aufzüge über vier Geschosse, von einem Spa im zweiten Obergeschoss bis in die Ladenzeilen im Untergeschoss. Die Knöpfe in den Aufzugkabinen sind beschriftet mit "2", "1", "EG" und "B". Neulich war ein Vater mit seinem kleinen Sohn auf dem Weg nach unten. Der Junge, der schon lesen konnte, durfte drücken. "Vati, was heißt ,B'?" Vati wusste es auch nicht. Immer wieder begegne ich in dem Aufzug Leuten, denen das "B" ein Rätsel ist. Das Kürzel für "Basement", das ein Planer wohl für weltläufig gehalten hatte, macht den Aufzug zu einem Ort, der ohne Not seine Passagiere verunsichert und Väter in Verlegenheit stürzt.

Gegenüber im Bahnhof sind in den Aufzügen zu den Bahnsteigen auf dem Knopfbrett die Funktionen auch in Braille-Schrift verzeichnet. Vorbildlich, möchte man meinen, allerdings sind die erhabenen Muster der Blindenschrift-Zeichen auf Metallfeldern angebracht, die genauso aussehen wie die Bedienknöpfe darunter. Fast jeder, der den Aufzug betritt, drückt erst mal auf die Blin-denschrift-Felder, die man intuitiv für die eigentlichen Knöpfe hält (und die Knöpfe darunter für die Beschriftung mit den Funktionssymbolen). Oft stehen Passagiere dann in dem Aufzug, haben ihn - nach ihrem Dafürhalten - bereits in Gang gesetzt und fangen an zu überlegen, ob er defekt ist.

Die Verwirrung, die realitätsfremd angeordnete oder schwachsinnig beschriftete analoge Knöpfe auslösen, wird mühelos in den Schatten gestellt durch die moderne, virtuelle Form des Knopfes, den software-geformten Button am Bildschirm. Eines der ersten Schreibprogramme, das ich vor Zeiten verwendet habe, brachte gelegentlich eine Auswahlbox mit zwei Buttons zum Vorschein, zwischen denen man wählen konnte: abbrechen oder beenden. Da das Abbrechen auch eine Art des Beendens ist, kam ich ins Grübeln. Nach einer Weile hatte ich raus, dass man mit Beenden das Programm abbrechen und mit Abbrechen das Beenden abbrechen konnte.

Mit ausdrücklicher Absicht ist hier übrigens von einem Schreibprogramm die Rede. Die Bezeichnung Textverarbeitung weist auf eine weitere Benutzbarkeitsproblematik hin, sie führt nämlich schlichtweg in die Irre. Denn so wenig, wie Michelangelo Marmorverarbeitung betrieben hat, wird jemand, der schreibt, sagen: Ich verarbeite Texte. Das "Word Processing", dessen gedankenlose Eindeutschung immer noch dem wesentlich prägnanteren Schreibprogramm Konkurrenz macht, weist auf die Herkunft des Produktes hin: die Welt der Prozessoren. Die dort tätigen Programmierer haben darüber, was ein Text ist, eine völlig andere Auffassung als jemand, der ein Memo, ein Gedicht oder einen Zeitungsartikel schreibt. Das ist unter anderem der Grund dafür, dass man seit Jahren in Textverarbeitungen zwar ganze Zeilen löschen kann, die Programme aber eines der grundlegenden Elemente geschriebener Sprache bis heute nicht kennen, nämlich den Satz.

Die Übergänge vom Analogen ins Virtuelle nehmen zu, und sie sind fließend. Als ich bei einer Freundin die Bedienungsanleitung für ein nagelneues Backrohr studierte - wir wollten eine Tiefkühlpizza erwärmen - gab ich schließlich nach einer Viertelstunde und dem Hinweis "Drücken Sie den Knopf auf Seite 16" auf - auf Seite 16 war weder ein Knopf noch ein inhaltlicher Bezug zu meinen unbeantworteten Fragen, mit denen ich mich dorthin durchgeblättert hatte. Ich überlegte kurz, die Bedienungsanleitung auf einem Backblech anzuzünden und damit die Pizza heiß zu machen.

Schamanen der Neuzeit

Es sind nicht nur Knöpfe, Bedienungsanleitungen und krude Bezeichnungen, die uns mit dem Gefühl versorgen, unfähig, hightech-behindert oder schwer von Begriff zu sein. Das Antibenutzbarkeitsvirus ist omnipräsent. Ergonomen und Usability-Experten behandeln Handhabungsmängel mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, aber ganz und gar pragmatisch, im Geist einer Reparaturwerkstatt. Sie bleiben an der Oberfläche. Dabei ist es überaus interessant, nicht einfach nur zu fragen, was nützlich und gut nutzbar ist, sondern welchen Wert eigentlich Nützlichkeit für Menschen hat und wo in der Menschenseele der Quell der Benutzbarkeitsdefizite liegt.

Eine Antwort darauf gibt eine Technik, die vor etwa 20 000 Jahren entwickelt wurde - die Keramik. Bemerkenswert an ihr ist, dass der Frühmensch - von dem man annehmen könnte, dass er aus Überlebensgründen äußerst zweckorientiert gehandelt hat einige Jahrtausende lang nur Idole, bevorzugt Frauenfiguren mit gewaltigen Brüsten und Hintern, aus gebranntem Ton gefertigt hat, ehe er sich endlich dazu durchrang, die ersten nützlichen Dinge wie Schalen und Krüge zu schaffen. Man kann das als Hinweis darauf deuten, dass Sex (oder die andere Form der Übersteigerung: Religion) in der Kulturgeschichte stets ein entscheidender Antrieb für Innovationen war. Dass sowohl Sex als auch Metaphysik nichts mit Vernunft zu tun haben, macht deutlich: Nützlichkeit und Benutzbarkeit sind untergeordnete Werte.

Manche irrationale Methode zur Hebung des Selbstgefühls aus der Zeit der ersten Töpfer hat sich bis heute gehalten, etwa der Besitz von Wissen, das nur einer eingeweihten Gruppe zugänglich ist. Was früher Schamanen und Priester hüteten, hüten heute IT-Experten. Mancher Programmierer sieht es als Teil seiner Existenzsicherung, die geforderte Programmdokumentation in kaum brauchbarer Form zu liefern, da er damit der Einzige bleibt, der zurate gezogen wird, wenn die Software entwanzt oder erweitert werden soll.

Ein ähnliches Phänomen gibt es in Kollektivform, ich nenne es das Club-Prinzip. In der Frühzeit des Internets, als es noch kein World Wide Web gab, war das Betriebssystem Unix das Mittel der Wahl, sich im Netz zu bewegen. Unix ist ein ideales Instrument für Akademiker: Es ist komplex, mächtig und kryptisch (darin steht ihm sein moderner Nachfahre, das Open-Source-Betriebssystem Linux, in nichts nach). Unix-Befehlszeilen sehen aus, als habe jemand ein eingerolltes Gürteltier über die Tastatur gewälzt.

1993 dann "Die Große Narzisstische Kränkung" (DGNK): Marc Andreessen schrieb Mosaic, nachmals Netscape, den ersten Browser, der mit Maus und ohne Befehlszeilen zu bedienen war. Plötzlich konnten auch kleine ältere Damen mit Hut innerhalb einer Stunde lernen, wie man sich durch das Internet bewegt. Man machte klick, klick - Usability vom Feinsten. Die zahllosen entwaffneten Unix-Experten mussten neue Methoden finden, ihren Status als Cyber-Sondertiere zu erhalten. Die erfolgreichste Methode ist nach wie vor das Club-Prinzip: Aus einer profanisierten Welt versucht der in die Krise geratene Insider sich in die jeweils nächstunverständlichere Region zurückzuziehen (beispielsweise Linux). Mangel an Gebrauchstauglichkeit ist eine der Erscheinungsformen des Unwillens, sich der Allgemeinheit zu öffnen.

Es gibt noch eine andere Version bizarren Nützlichkeitsdenkens. Sie reicht von den Ingenieuren, die die ersten bemannten Raumfahrzeuge konstruierten und für die der Astronaut ein "überzähliges Teil des Systems" war, über Miniaturisierer, die allzu gern zeigen würden, dass man Tastenfelder so klein machen kann, dass man sie gar nicht mehr sieht und dass alles, was diesem technischen Glanzstück noch im Weg steht, der unzulänglich dimensionierte Mensch ist, bis hin zu den Schöpfern sogenannter Ingenieurserfindungen wie etwa HDTV, deren Features Techniker ins Schwärmen bringen, während Normalmenschen nicht verstehen können (besser: nicht verständlich gemacht wird), was an der Erfindung so toll sein soll.

Gute Knöpfe

Aber es gibt Hoffnung. So hat sich etwa im Netz eine wundervolle Tradition kollektiver Nutzbarmachung von Information herausgebildet - die Antworten auf Frequently Asked Questions (FAQs). FAQs sind geistige Maggiwürfel, Konzentrate aus Gemeinschaftswissen zu einem bestimmten Thema. Das erste Online-FAQ verfasste 1982 der Nasa-Mitarbeiter Eugene Miya, nachdem er sich in der Space-Newsgroup lange genug über immer wiederkehrende Fragen von Neulingen und Gelegenheitsgästen geärgert hatte. Gewöhnlich fasst ein FAQ-Betreuer die Hinweise aus dem Netz zusammen und stellt die aktuelle Fassung regelmäßig online. Der Begriff und die Idee des FAQ haben die digitale Welt auch bereits nach draußen verlassen. Inzwischen werden Dinge wie Fahrradöl mit Beipackzetteln ausgeliefert, die FAQ heißen. Die Tausenden von FAQs zu einer Unzahl von Themen, die online verfügbar sind, sind unter anderem auf der Website des Internet FAQ Consortium (www.faqs.org) katalogisiert und abrufbar.

Auch wenn wir die Welt der Knöpfe betrachten, zeigen sich Nutzbarkeitsfortschritte in den zurückliegenden Jahrzehnten. Zur ersten Generation digitaler Heimelektronik gehörten Apparate wie etwa Nadeldrucker, die sich mit eindrucksvollem Zahnarztbohrergeräusch Respekt verschafften und in ihrem Inneren mit einem sogenannten Mäuseklavier ausgestattet waren - einer Schar winziger Dip-Schalter, an denen verschiedene Einstellungen vorgenommen werden konnten. Um sie zu bedienen, musste man jedes Mal das halbe Gerät auseinandernehmen. Das Kapitel im Druckerhandbuch, das sich mit dem zur Kommunikation mit dem Rechner nötigen Druckertreiber befasste, trug den verheißungsvollen Titel "Keine Angst vor Hexadezimalcode".

Dann kamen die Geräte der zweiten Knöpfchengeneration. Pioniere waren die immens um die Wünsche der Kunden besorgten Japaner. Sie bauten Videokameras, an denen man einfach Knöpfe mit Aufschriften wie "Sunset", "Party" oder "Snow" drücken und losfilmen konnte, an Musikanlagen hießen die Knöpfe "Pop", "Klassik" oder "Auto" (für die optimale Frequenzlage von Kassettenaufnahmen, die das Fahrgeräusch eines Pkw übertönen sollten). Das Mäuseklavier war immer noch da, schamhaft hinter einer Klappe verborgen, für diejenigen, die doch alles selbst einstellen wollen.

In Teilen hat der Nutzbarkeitsquotient digitaler Gerätschaft weiter zugenommen. Woran erkennt man einen Apple-User? Am eingeschweißten Handbuch, das er nicht braucht. Wiegeschalter und iPod-Scroll-Rad haben aus Knöpfchenkaskaden und Gummiwarzengewimmel ein fast intuitiv benutzbares Mittel des Steuerns und Suchens gemacht.

Zum Superstar unter den eingängigen Wegen in die digitale Welt ist der Google-Suchschlitz aufgestiegen. Im September 1998 hatten Sergey Brin und Larry Page die Firma Google gegründet und ihre neue Suchmaschine an den Start gebracht. Deren patentierter PageRank-Algorithmus führte bei Suchanfragen zu einer zuvor ungekannten Menge relevanter Ergebnisse. Dazu kam das supercoole Suchfenster. Es war klar und spartanisch, ohne Reklameschnickschnack und dem damals bei Portalen überbordenden Feature-Barock. Der Googlebot, Googles "Erntemaschine" für Netzinhalte, sorgte für einen rasant anwachsenden Index; trotzdem wurden Suchanfragen weiterhin in weniger als einer Sekunde beantwortet.

Die Netznutzer waren beeindruckt. Im Juni 2000 war Google mit mehr als einer Milliarde Seiten im Index Marktführer bei den Suchmaschinen. Das Suchen hat sich mit Google innerhalb eines Jahrzehnts von einem nützlichen, peripheren Dienst zur zentralen Schnittstelle des Internets entwickelt. Innerhalb weniger Jahre ist aus dem Suchen im Netz eine überall verstandene Methode geworden, durch das Informations-Universum zu navigieren. Wenn man irgendwo auf der Welt jemandem am Bildschirm ein Suchfeld zeigt, weiß er wahrscheinlich, was man damit macht.

Für passionierte Knöpfchendrücker gibt es übrigens seit Dezember 2006 für 45 Kanadische Dollar ein Paar Handschuhe zu kaufen, die iTWYF heißen; die Abkürzung steht für "I Touch With Your Fingers". Die Lederhandschuhe haben drei sensitive Bereiche, mit deren Hilfe man auch Touchscreens, Trackpads oder Sensorknöpfe in Aufzugkabinen aktivieren kann, ohne die Handschuhe ausziehen zu müssen. Die Handschuhe kommen aus Montreal, wo die Winter besonders kalt sein können. -