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In welchem Stück bin ich hier eigentlich?

Angeblich imitiert das Theater das Leben. In Wirklichkeit ist es umgekehrt.




Zeichnung: Manu Burghart

- Es muss anstrengend sein, immer freundlich zu bleiben. Zu jedem Kunden, auch wenn er nervt. Zu jedem hysterischen Anrufer, der nicht weiß, weshalb sein Computer nicht mehr funktioniert. Zu jedem Touristen, der ein Rumpsteak bestellt, aber bitte nicht zu blutig, aber auch nicht zu durch, verstehen Sie, Fräulein? Und Freundlichkeit allein genügt nicht. Das Lächeln muss echt sein. Der Kunde merkt, wenn es aufgesetzt ist. Nur echte Gefühle verkaufen Produkte.

Die amerikanische Soziologin Arlie Russel Hochschild hat in einer Untersuchung zur "Kommerzialisierung der Gefühle" für die professionelle Freundlichkeit den schönen Ausdruck "Gefühlsarbeit" geprägt. Die Gefühlsarbeit von Stewardessen, Kellnern, Portiers und Verkäufern ist ein schwieriger Job, er verlangt ein ausdifferenziertes "Gefühlsmanagement". Das muss man trainieren. Spätestens das ist der Augenblick, an dem sich der Ser-vice-Arbeiter in eine Art Schauspieler verwandelt. Was aussieht wie eine Dienstleistung, ist in Wirklichkeit ein Mini-Theaterstück mit vorgegebenen Rollen, und zumindest der Service-Profi hat ein vages Drehbuch, nach dem er seinen Text improvisiert, ein eingespieltes Repertoire an Gesten, Sätzen und Betonungen.

Weil das Lächeln der guten Service-Kraft von Herzen kommt, weil sie irgendwann gelernt hat, sich wirklich über ihre Kunden zu freuen (zumindest hofft das ihr Chef), könnte man sagen, dass Konstantin Stanislawski derzeit der einflussreichste Theoretiker der Dienstleistungsgesellschaft ist. Stanislawski, ein russischer Regisseur, hat am Ende des 19. Jahrhunderts die Theorie entwickelt, ein guter Schauspieler müsse seine Rolle von innen nach außen entwickeln: "Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst." Erst muss er das richtige Gefühl für die Figur finden, und aus diesem Gefühl formt er dann seine Rolle. Disziplin und Kompetenz allein reichen einfach nicht, genau wie in modernen Dienstleistungsunternehmen.

Das Ballhaus Ost, ein kleines Berliner Theater im Prenzlauer Berg, hat das Spiel umgedreht. Regisseur Dirk Cieslak bringt in seiner Inszenierung "Einfache Dienstleistung" das Real-Theater der Callcenter, Tresenkräfte und Stewardessen auf die Bühne. Das produziert ziemlich lustige und irritierende Brechungen. Wenn das wirkliche Leben funktioniert wie Theater, wirkt das echte Theater auf einmal wie die Fortsetzung eines Verkaufsgespräches mit anderen Mitteln. Vollends verschwimmen die Grenzen zwischen Theater und Dienstleistungsbranche, wenn im Ballhaus Ost ein Schauspieler einen Coach spielt, der seine Nachwuchs-Service-Kräfte mit Parolen trainiert, die so jederzeit auch in eine Schauspielschule passen könnten: "Wir sind professionell, weil wir menschlich sind, wir sind menschlich, weil wir professionell sind. Es geht um die authentische, ehrliche Performance, in der du dich auflöst. Deine Stimme, dein Körper wird identisch mit dem Projekt." Das Projekt ist in diesem Fall allerdings kein Theaterstück, das den ganzen Einsatz verlangt, sondern der Dienst am zufriedenen Kunden.

Das Spiel, Theater probeweise als Dienstleistungsjob zu verstehen, demontiert nebenbei ein paar Lebenslügen, mit denen sich Menschen in Kreativ-Berufen das Leben gern schönreden - zum Beispiel indem sie miserable Bezahlung und prekäre Lebensverhältnisse mit hübschen Vokabeln wie "Selbstverwirklichung" rosa einfärben.

Der Regisseur René Pollesch hat für die Tatsache, dass Schauspieler auch nur Arbeitnehmer sind, in seiner neuen Inszenierung im Berliner Prater ein schön bösartiges Bild gefunden. Das Stück heißt "Tod eines Praktikanten", und die Schauspielerinnen haben sich Schilder, auf denen die Höhe ihrer Abendgage wie ein Preisschild steht, an ihre Brautkleider geklebt: "207,50 Euro netto". Mit der Strategie, Theater und Wirklichkeit ironisch übereinanderzublenden, ist das Theater auf der Höhe der Zeit. Es reagiert spöttisch auf die Theatralisierung sozialer Interaktion und verwandelt sich selbst in eine Art Raubkopie des Real-Theaters, wie es jeden Tag in einer durchinszenierten Wirklichkeit stattfindet.

Eine hübsche Inszenierung im Real-Theater hat sich Ende vergangenen Jahres die Kassenärztliche Bundesvereinigung ausgedacht. Statt ihre Mitglieder darum zu bitten, selbst gegen die Gesundheitsreform zu demonstrieren, hat sie für den mühsamen Demo-Job Profis engagiert, die in weißen Kitteln und mit Protestplakaten dekorativ in Berlin herumstanden und für schöne Fernsehbilder sorgten, angeblich für eine Tages-Gage von 30 Euro, ein Honorar, für das ein Chefarzt vermutlich keine Krankenakte in die Hand nähme.

Kein Wunder, dass diese unter Demokratie-Gesichtspunkten nicht ganz unproblematische Professionalisierung des Demonstra-tions-Wesens zu neuen Geschäftsideen führte. Der virtuelle Marktplatz Erento vermittelt inzwischen neben Baumaschinen, Autos und Computern auch Demonstrations-Dienstleister. Steffi aus München zum Beispiel (Artikelnummer 1429504686) demonstriert für eine Tagesgage von 145 Euro. "Wer eine Meinung hat, soll die sagen. Ich komme zu Ihrer Demonstration", erklärt die Demo-Jobberin auf der Internet-Seite. Und weil eine Demonstration wie jede gelungene Inszenierung von der sorgfältigen Komposition lebt, gehört es zum Service von Erento, dass die potenziellen Demonstrations-Dienstleister wie in einem Casting-Büro ihre Maße angeben: Körpergröße, Erscheinungstyp, Haarfarbe, Haarlänge, Konfektionsgröße, Augenfarbe.

Verglichen mit diesem kundenfreundlichen Service-Angebot, wirken die Preisschilder auf den Brautkleidern in René Polleschs Prater-Inszenierung rührend naiv. Vielleicht hat das Theater der Wirklichkeit die Wirklichkeit des Theaters längst überholt. -

Theater:

"Einfache Dienstleistung", Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Berlin;

22. bis 25.2., 28.2 bis 4.3., jeweils 20 Uhr

"Tod eines Praktikanten", Prater der Volksbühne, Kastanienallee 7-9, Berlin;

2., 3., 10., 15., 16.2., jeweils 20 Uhr

Theorie:

Arlie Russell Hochschild: Das gekaufte Herz - Die Kommerzialisierung der Gefühle. Campus 2006; 232 Seiten; 19,90 Euro