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Generation Gründerzeit

Einst galt die Rente vielen Arbeitnehmern als Hoffnungsstreif am Horizont: endlich ausschlafen, faul sein, ein bisschen Golf spielen, Bücher lesen und die Enkel verwöhnen. Aber das kann ganz schön anstrengend sein. Also gründen etliche Rentner von heute lieber Unternehmen.




- "In meinem Alter", wusste Eleanor Lambert, "gilt man schon als Phänomen, wenn man von der einen Seite des Raumes an die andere gehen kann und einen Satz zu Ende bringt." Als Mrs. Lambert diesen Satz 1999 einer Reporterin ins Mikrofon sprach, zählte die US-Amerikanerin bereits 95 Jahre. Und doch arbeitete die Grande Dame der Mode-PR, von der manche sagen, dass sie diesen Beruf überhaupt erst erfunden habe, nach wie vor für Kunden wie Tiffany & Co und den Edelschneider Windsor. Erst mit 99 Jahren löste sie ihr Büro in Manhattan auf, um fortan von ihrem Apartment an der Fifth Avenue aus zu arbeiten. Ein Jahr später starb sie.

Lernen lässt sich von der erstaunlichen Mrs. Lambert zweierlei: Erstens sagt das Alter wenig über Leistungsfähigkeit, Kreativität und unternehmerischen Erfolg aus. Zweitens werden ältere Entrepreneure dennoch weithin unterschätzt. Viel schlimmer aber: Die meisten unterschätzen sich selbst.

In Deutschland beispielsweise leben heute 25,4 Millionen Menschen, die älter als 55 Jahre sind - das entspricht einem knappen Drittel der Bevölkerung. Der Anteil dieser sogenannten Silver Agers an den Unternehmensgründern liegt jedoch bei unterdurchschnittlichen zwölf Prozent, wie im aktuellen Gründungsmonitor der KfW Bankengruppe nachzulesen ist. Das ist nicht nur ökonomisch nachteilig, sondern soziologisch auch höchst erstaunlich. Denn die Großelterngeneration verfügt mit ihrer (Lebens-)Erfahrung und ihren Kenntnissen nicht nur über zwei der wertvollsten Ressourcen des Wissenszeitalters, sondern auch über ausreichend Zeit, ein neues Unternehmen auf sichere Beine zu stellen: Statistisch gesehen, hat ein heute 60-Jähriger noch 19,5 (Männer) beziehungsweise 23,7 Lebensjahre (Frauen) vor sich. Doch Gründen statt Gärtnern oder Golfen mögen nur die wenigsten. Von den statistisch erfassten 170 000 Deutschen über 55, die sich im vergangenen Jahr selbstständig gemacht haben, zählen die meisten lediglich zu den Nebenerwerbsgründern, wie die KfW sie nennt: Pensionäre, die sich mit Babysitten oder Zeitungsaustragen ein paar Euro zur Rente oder zum Vorruhestandsgehalt hinzuverdienen wollen.

"Echte" Unternehmensgründer wie der Rentner Reinmar Peppmöller (siehe Seite 81), der sich mit einer Geschäftsidee und einem Partner selbstständig machte und mittlerweile zwölf Mitarbeiter beschäftigt, sind in Deutschland etwa so selten wie in der Kirchengeschichte ein Papst unter 60. "Die Bereitschaft, gegen Ende des regulären Berufslebens noch einmal unternehmerisch von vorn anzufangen, ist hierzulande sehr spärlich gesät", sagt Margarita Tchouvakhina, Direktorin der volkswirtschaftlichen Abteilung der KfW Bankengruppe. So ist es für graue Gründer ziemlich schwierig, langfristige Kredite für ihr Unternehmen zu erhalten - zu groß ist offenbar die Bange der Banken, ihr Schuldner könne sterben, bevor er die letzte Rate getilgt hat. Bei Hans Stein beispielsweise, der selbst einst Banker war, verspürte die Bürgschaftsbank plötzlich diffuse "Bauchschmerzen", als der Mittfünfziger ein Kreditkonzept für die von ihm sanierte Karosseriebaufirma vorlegte (was Hans Stein sonst noch erlebt hat, steht auf Seite 79). Und die 66-jährige Giuseppina Ehmann wurde von den Banken schlicht für "verrückt" erklärt, als sie sich ihren Traum von einer Chocolaterie erfüllen wollte (siehe Seite 82). "Schon bei Unternehmerinnen und Unternehmern, die das Alter von 55 Jahren überschritten haben und längerfristige Kredite beantragen, stellen die Kapitalgeber die Frage nach potenziellen Nachfolgern", sagt Jürgen Mehnert, Gründungsberater bei der Handelskammer Hamburg. Im Klartext: Noch bevor das Start-up überhaupt einen einzigen Cent erwirtschaftet hat, soll ihr frischgebackener Eigentümer bereits seinen künftigen Nachfolger präsentieren. Kein Wunder, dass auf diese Weise viele gute Ideen nicht zum Leben erweckt, sondern mit ins Grab genommen werden.

Die größte Hürde auf dem Weg zur eigenen Firma aber ist für viele Ältere eine mentale."Als die Altersgruppe der heutigen Rentner in den sechziger und siebziger Jahren beruflich sozialisiert wurde, war das Thema Unternehmensgründung extrem unpopulär", sagt KfW-Volkswirtin Tchouvakhina. "In Zeiten der Vollbeschäftigung war es viel prestigeträchtiger, Beamter oder Angestellter zu werden. Und eine solche Mentalität ändert sich nur sehr, sehr langsam. Wahrscheinlich wird sich erst die nächste Alterskohorte mit dem Gründungsgedanken identifizieren."

Deshalb, so die Gründungsexpertin, habe ihr Institut das Thema Seniorengründer auf die Forschungsagenda gesetzt "ganz einfach, weil es in den nächsten Jahren zunehmend zum Thema werden wird". Zum einen lässt der demografische Wandel immer mehr Deutsche in die Gruppe der potenziellen Seniorengründer hineinaltern. Die Deutschen werden immer älter, und die Älteren werden immer mehr. Zum anderen ist das Land ökonomisch darauf angewiesen, dass aus den potenziellen Gründern in Zukunft immer mehr tatsächliche werden - eben weil einer alternden Gesellschaft die Jungunternehmer ausgehen. Sollte es bei der aktuellen Altersverteilung unter Existenzgründern bleiben - mehr als 70 Prozent sind zum Zeitpunkt ihrer Firmengründung jünger als 44 Jahre -, bedeutet das nichts anderes, als dass die Anzahl der Unternehmer in Deutschland in Zukunft überproportional schrumpfen wird. Mit anderen Worten: Alte Gründer braucht das Land, und zwar schnell.

Nüchtern betrachtet, sind die Jahre nach dem regulären Berufsleben in vielerlei Hinsicht die besten für eine Unternehmensgründung. In den USA ist die Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen heute schon diejenige, aus der die meisten Gründer kommen. "Viele ältere Gründer haben einen Riesenvorteil: Sie wirken erfahrener, sicherer und überzeugender als Jüngere und können deshalb gegenüber Geschäftspartnern und potenziellen Kunden sehr viel seriöser auftreten", sagt Helmut Kleinen, Gründerberater bei der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Zudem verfügten viele dieser Gründer qua Lebensalter nicht nur über profunde Qualifikationen, sondern auch über ausreichendes, im Laufe der Jahre angesammeltes Eigenkapital. Giuseppina Ehmann beispielsweise hat nach dem Nein der Banken ihren Schokoladenladen kurzerhand mit Selbsterspartem eröffnet. Reinmar Peppmöller versilberte eine Lebensversicherung im Wert von 150 000 Euro zugunsten seines Start-ups - eine Investition, die sich "definitiv gelohnt hat", wie er sagt. Und Elsbeth Müller, Umweltberaterin aus Hamburg-Wellingsbüttel, überbrückte die finanzielle Durststrecke ihrer ersten Gründerjahre mit einer überaus soliden, sicheren, verlässlichen Finanzierung: der eigenen Rente. Die monatliche Stütze war wichtig, weil Frau Müller mit einem Produkt handelt, das unsichtbar ist, weil sie eine Technik propagiert, die umstritten ist, und weil sie für eine Philosophie wirbt, die in Deutschland kaum jemand kennt. Und doch kann die Jung-Unternehmerin mittlerweile Erfolge vorweisen, die manch 30-jährigen Gründer blass werden ließen. "Irgendwie", meint die 76-Jährige, "strahle ich eine Überzeugungskraft aus, die man einer Jüngeren einfach nicht abnehmen würde."

Mehr Informationen:

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie stellt in seiner Zeitschrift "GründerZeiten", Nr. 52, Tipps und Förderprogramme für ältere Gründer vor. Bestellung über: bmwi@gvp-bonn.de oder Download über www.existenzgruender.de

Spezielle Beratung für ältere Gründerinnen bietet die bundesweite Gründerinnenagentur: www.gruenderinnenagentur.de

Ein Blick auf den aktuellen Gründungsmonitor der KfW Bankengruppe, der das aktuelle Gründungsgeschehen in der Bundesrepublik beleuchtet, lässt sich unter www.kfw.de werfen.

Günstige Gründungsdarlehen mit Laufzeiten, die auch für ältere Unternehmer sinnvoll sind, vergibt unter anderen die KfW Mittelstandsbank: Mikrodarlehen mit fünf Jahren Laufzeit und bis zu 25 000 Euro

Darlehenshöhe kosten 6,3 Prozent Zinsen, das StartGeld mit zehn Jahren Laufzeit und bis zu 50 000 Euro Darlehenshöhe 5,4 Prozent Zinsen.

Elsbeth Müller:

Die Wiedergeborene

- Soziologisch gesehen ist Verwaltungsbeamtin i.R.Elsbeth Müller das Gegenteil einer geborenen Unternehmerin. Die 76-Jährige, der man die hanseatische Herkunft noch bei jedem scharfen "S" anhört, stammt aus einem klassischen Beamtenhaushalt und diente der Hamburger Stadtverwaltung mehr als 40 Jahre in verschiedenen Funktionen, um schließlich als verdiente Verwaltungsamtmännin ("Ja, so hieß das damals noch") in Pension zu gehen. So weit, so vorhersehbar. Vor vier Jahren aber wurde aus der dreifachen Großmutter auf eine ziemlich schmerzhafte und zugleich wundersame Weise eine Art wiedergeborene Unternehmerin, die zu Fortbildungen nach Asien reist, bundesweit Vorträge und Seminare veranstaltet und ein kleines Beraterteam führt.

Diese unternehmerische Bilanz ist umso erstaunlicher, als Frau Müllers Geschäftsgrundlage äußerst klein, genauer gesagt: mikroskopisch winzig ist. Effektive Mikroorganismen (EM) nennt sich ein vom japanischen Agrarwissenschaftler Professor Teruo Higa entwickelter Mix von Mikroorganismen, der Böden reaktivieren, Trinkwasser veredeln und Kranke heilen soll. "Das alles ist ja nix Neues", sagt die resolute Seniorin, "ohne Mikroorganismen gäbe es beispielsweise keinen Wein, kein Bier und keinen Käse." Professor Higas ganz spezieller Bakterien-Cocktail aber soll im Boden, Wasser und im menschlichen Körper Prozesse auf natürliche Weise verbessern, was wissenschaftlich nicht ganz unumstritten ist. Fest steht nur: Bei Frau Müller hat er gewirkt.

Als sie Mitte 50 war entwickelten sich bei der Verwaltungsbeamtin nämlich plötzlich schwere Allergien gegen alle möglichen Lebensmittel und Gräser. 1986 musste Elsbeth Müller vorzeitig in Ruhestand gehen und war schwer krank, verbrachte ihre Tage in einem abgedunkelten Keller und wurde geschüttelt von Migräneanfällen und allergischen Schocks. "Niemand hat damals mehr etwas auf mich gegeben, niemand", sagt Frau Müller, die nach der üblichen, vergeblichen Ärzte-Odyssee eher zufällig auf die effektiven Mikroorganismen stieß. Diese Art von Mainzelmännchen aber, wie sie sie liebevoll nennt, brachten, davon ist sie überzeugt, nach und nach ihr Immunsystem wieder ins Gleichgewicht, verbesserten den heimischen Boden so, dass sie zumindest ihr selbst angebautes Gemüse wieder essen und zu einem Leben zurückfinden konnte, das diesen Namen einigermaßen verdient. "Ich habe mich damals entschlossen, dem lieben Gott etwas für meine Rettung zurückzugeben", sagt sie, "und als vor fünf Jahren mein zweiter Mann starb, habe ich die Unternehmensgründung auch gezielt zur Trauerarbeit genutzt."

Am Anfang ihrer ganz persönlichen Gründerzeit standen eine Ausbildung zur geprüften EM-Beraterin, Reisen nach Japan und Thailand (wo der EM-Gedanke nach Frau Müllers Auskunft weitverbreitet ist) sowie die Anmietung von Räumen in Hamburg-Wellingsbüttel, die das Einfrauunternehmen heute für Seminare und den Verkauf von EM-Produkten nutzt.

Dabei kam ihr vieles zugute, was sie als leitende Beamtin gelernt und gelebt hatte: Buchhaltung und Menschenführung, Disposition und Geschäftsplanung, Verhandlungsgeschick und Stehvermögen beispielsweise. "In meinem Job war ich meistens die einzige Frau, ich musste mich immer durchsetzen. Ich habe Hubschraubereinsätze geleitet und den Umzug ganzer Kliniken organisiert. Dagegen ist mein jetziges Unternehmen richtig leicht zu führen." Die Kundenkartei dieses Unternehmens umfasst heute 1100 Namen, darunter Ärzte, Heilpraktiker und Landwirte, die sich von der 76-Jährigen beraten lassen. Ihre Arbeitstage sind mittlerweile wieder fast so lang wie früher, als sie noch Verwaltungsleiterin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf war. In Rente gehen will sie dennoch nie wieder.

Die Frage ist natürlich, was aus Frau Müller ohne jene brutalen biografischen Brüche geworden wäre, die am Beginn ihrer zweiten Karriere standen. "Wenn mein Mann noch leben würde und ich nicht krank geworden wäre", glaubt sie, "wäre ich heute sicher eine ganz normale Rentnerin. Andererseits hätte ich mir auch da irgendetwas gesucht. Nur zu Hause zu sitzen und Strümpfe zu stricken - das ist nicht mein Ding." -

Hans Stein, C. Miesen GmbH: Der Übernehmer

- Wenn einer eine gut bezahlte, angesehene, quasi unkündbare Stelle hat, von der aus er seinen Vorruhestand bereits mit den Händen greifen kann, und wenn er dennoch alles hinschmeißt, um sich auf seine alten Tage zu verschulden und eine Pleitefirma zu übernehmen, muss er entweder ziemlich verrückt sein - oder einen ziemlich guten Grund haben.

Hans Stein hatte einen extrem guten Grund. "Wenn Sie angestellt sind, haben Sie kaum Bewegungsfreiheit", sagt der 56-Jährige. "Ich habe 23 Jahre in der Immobilienfinanzierung bei ein und derselben Bank gearbeitet, ein Beraterteam geführt und gut verdient, doch letztlich habe ich nur Papier hin- und herbewegt. Hier aber kann ich jeden Tag etwas bewegen, anfassen und vorführen."

Hier, das ist der Betriebshof der C. Miesen GmbH in Wachtberg bei Bonn, einer Spezialfahrzeugbaufirma mit mehr als 130jähriger Tradition. Der Unternehmensgründer Christian Miesen war einer der Ersten, der eine Kutsche zum Krankenwagen umbaute, später lieferte sein Familienunternehmen mobile Kliniken in die halbe Welt, bis es Ende der Neunziger selbst zum Notfall abrutschte. Ein Großauftrag über 400 Krankenwagen aus dem Irak, der nicht mehr abgerufen wurde, weil beim Kunden gerade die Amerikaner einmarschierten, brach ihm schließlich das Genick. Damals bat der stellvertretende Produktionsleiter, zufällig ein Nachbar Steins, den Banker um Rat: "Lässt sich da nicht doch noch etwas machen?" Stein sah sich die Konkursbilanz an, fand, dass sich beim Rettungsfahrzeugbauer vielleicht doch noch etwas retten ließe, und kam auf den Geschmack, es einfach selbst zu versuchen.

Ein Jahr lang rechnete und plante Stein, ließ sich von seiner Bank freistellen, verhandelte mit Unternehmensberatern, Handelskammer und Konkursverwalter, ergatterte nach diversen Absagen eine Landesbürgschaft über 1,5 Millionen Euro und stellte zum 1. April 2005 einen Teil der alten Belegschaft wieder ein. "Die ersten Monate waren grauslig, jeden Tag tat sich ein neues Loch auf. Es gab ein paar Tage, an denen ich mir gesagt habe: Was hast du dir da angetan?", erinnert sich der Senior-Chef. Mittlerweile aber läuft es besser. Sein Partner, der ehemalige stellvertretende Produktionsleiter, kümmert sich als geschäftsführender Gesellschafter um alles Technische, Stein steuert die kaufmännischen Angelegenheiten. "Auf diese Weise verstehen wir uns prächtig. Allerdings ist mein Kompagnon 20 Jahre jünger als ich, der reißt hier notfalls auch 15-Stunden-Schichten ab. Ich selbst bin nach acht Stunden Arbeit meistens völlig geschafft."

Im Moment gibt es bei der C. Miesen GmbH wieder jede Menge Arbeit. 38 Mitarbeiter montieren im Gewerbegebiet von Wachtberg Blaulichter auf Tourans, setzen die Dächer von T-Modellen höher und rüsten Mercedes-E-Klasse-Modelle zu modernen Mini-Kliniken auf, die sich dank des Miesen-Rufs weltweit vermarkten lassen. Am Rande der Montagehalle telefoniert Miesen-Exportleiter Ibrahim Schatlo gerade mit einem chinesischen Interessenten ("Yes, I'll send you the prices, definitely"). Schatlo hat vor ein paar Monaten selbst ein Rettungsfahrzeug die 4500 Kilometer von Bonn nach Jordanien gelenkt, um auf der Messe Rebuild Iraq 2006 die neueste Produktentwicklung vorzustellen. Im kommenden Jahr wird er wieder in Amman sein, das Interesse sei groß, der Bedarf natürlich auch.

"Der Einsatz der Mitarbeiter ist großartig, und wir haben jetzt schon Produktionsauslastung fürs gesamte Jahr 2007", sagt Stein. "Aber da muss nur irgendwo ein Auftrag platzen, dann kriegen wir wieder eins auf die Nase." Ob sein Unternehmensabenteuer ein gutes Ende nehme, könne er daher erst in zwei, drei Jahren beurteilen. "Mein Kompagnon und ich sind hier mit vollem persönlichen Risiko beteiligt. Das heißt: Wenn wir scheitern, ist alles weg. Dann weiß ich wirklich nicht, was ich für den Rest meines Lebens mache. Wäre ich bei der Bank geblieben, hätte ich es genau gewusst. Genau das hat mich gestört." -

Reinmar Peppmöller, Geohumus: Der Regenmacher

- Nicht viel hätte gefehlt, und eine vielversprechende, mittlerweile mit mehreren Gründerpreisen ausgezeichnete Geschäftsidee wäre, bevor sie das Licht der Welt erblickte, sang- und klanglos in einer Überdosis Ammoniak untergegangen. Es war spätabends vor ein paar Jahren, als die Krefelder Rentnerin Frauke Peppmöller bei ihrer Rückkehr von der abendlichen Gymnastik daheim von furchtbarem Gestank umnebelt wurde. "Damals machte ich auf dem Dachboden gerade meine Versuche mit Gülle", erzählt Reinmar Peppmöller, Ehemann von Frau Peppmöller und Urheber der Stinkbombe, "so was verursacht natürlich einen enormen Geruch. Da ist meine Frau schier durchgedreht."

Glücklicherweise jedoch verfügte Frauke Peppmöller, deren Mann jahrelang bei der Krefelder Stockhausen GmbH gearbeitet hatte, über eine gewisse Toleranz für seltsame Substanzen. Einige der Stoffe, mit denen der promovierte Chemiker in der Entwicklungsabteilung experimentierte, waren sogenannte Superabsorber, die enorme Flüssigkeitsmengen aufnehmen, unter anderem in Windeln gepackt werden und von Stockhausen tonnenweise für den Großkunden Procter & Gamble produziert wurden. Als die Firma verkauft und Peppmöller 1997 in die Frühpensionierung geschickt wurde, nahm er die Überzeugung mit, dass das Anwendungspotenzial der Saugwunder bei weitem noch nicht ausgeschöpft war.

"Die Superabsorber haben mich einfach nicht losgelassen", erzählt der 69-Jährige - mit schlohweißem Haar, Schiebermütze und beigem Blouson ein Rentner wie aus dem Bilderbuch. Zum Interview im Peppmöllerschen Bungalow gibt's Kaffee und Zimtsterne. Vor der Tür steht ein silberner Mercedes, auf der Couch lümmelt Terrier Teddy. Unterm Dach des Hauses aber versteckt sich Peppmöllers privates Laboratorium, in dem der findige Großvater nach seiner Frühpensionierung sieben Jahre lang an neuartigen Superabsorbern tüftelte, die nicht nur beachtliche Mengen Feuchtigkeit aufsaugen, sondern sie - anders als bei Windeln auch wieder abgeben können: ein Effekt, der zum Beispiel in der Landwirtschaft oder im Gartenbau sehr fruchtbar sein könnte. "Typischerweise wird nur ein Drittel des Gießwassers von Pflanzen aufgesaugt, der Rest verdunstet oder versickert", sagt Peppmöller, "das ist besonders in heißen Regionen der Erde ein enormer Kostenfaktor." Seine Erfindung, ein braunes Granulat, das im Boden über das 20-fache des eigenen Gewichts speichern kann und sich nach ein paar Jahren angeblich völlig umweltneutral zersetzt, ist ein Coup. Was ihm fehlt, ist jemand, der Geohumus wie die Innovation genannt wird - auf den Markt bringt.

"Ich bin vom Typ her eigentlich kein Unternehmer", erzählt Peppmöller, "aber verkaufen wollte ich das Patent auch nicht, da wäre ich abgespeist worden." Zusammen mit Wulf Bentlage, einem entfernten Verwandten, der mit Telefonbüchern erfolgreich ist und all die unternehmerischen Erfahrungen mitbringt, die Peppmöller abgehen, gründete der Rentner 2005 die Geohumus International GmbH & Co.KG.Deren zwölf Mitarbeiter produzieren heute in einer alten Frankfurter Lagerhalle 5000 Tonnen Geohumus pro Jahr, die sie an Reitvereine, Golfer und Gärtner von Sylt bis Dubai verkaufen. Allein bei einem der größeren Golfclubs am Persischen Golf, sagt Bentlage, versickere Monat für Monat Wasser im Wert von 250 000 Euro im Wüstenboden - "ein Riesenmarkt". Am liebsten würde Peppmöllers Partner daher im Mittleren Osten eine Lizenzfertigung aufbauen, doch fürs weltweite Wachstum braucht die Geohumus GmbH Geld - mehr Geld, als der Rentner Peppmöller riskieren mag. Kurz bevor die junge Firma 2006 mit dem Deutschen Gründerpreis geehrt wurde, verabschiedete sich der Gründer daher als Gesellschafter aus dem eigenen Unternehmen.

Für ihn als Rentner sei finanziell einfach "das Ende der Fahnenstange" erreicht gewesen, sagt er, am wichtigsten aber sei doch, dass die Geohumus-Idee weiter wachsen könne. Dafür sorgten bei seiner Firma jetzt potentere, externe Geldgeber, er selbst kassiere seine Erfindervergütung plus ein schönes monatliches Beraterhonorar, und in die Frankfurter Firmenzentrale müsse er auch nur noch fahren, wenn's mal Probleme bei der Produktion gebe. "Auf diese Weise kann ich mich voll und ganz auf die Weiterentwicklung des Produktes konzentrieren", so Peppmöller. "Und da ist noch vieles denkbar, zum Beispiel was die Zusammensetzung der Gesteinsmehle betrifft."

Gut möglich also, dass es im Peppmöllerschen Haus auch in Zukunft mächtig Stunk gibt.-

Giuseppina Ehmann, Chocolaterie St. Anna No 1: Die Unbeugsame

- Sie schwört, den Film bis vor kurzem gar nicht gekannt zu haben, wirklich nicht. Dabei wirkt alles ganz genau so, als sei es nach dem berühmten Vorbild gestaltet: das enge, mit Espressokannen, Sarotti-Mohren und Pralinenschachteln vollgestopfte Ladenlokal, der Kristalllüster unter der Decke, dessen Licht auf eine alte Registrierkasse fällt, der handbemalte Eistresen und die goldglänzenden, samowarähnlichen Wärmeautomaten, in denen den ganzen Tag über die allmorgendlich eigenhändig zubereitete Trinkschokolade rotiert. Die Aromen von Vanille, Zimt und Kakao in der Luft. Die Kunden, die aus der Heidelberger Winterkälte fröstelnd herein- und lächelnd wieder herauskommen, wobei viele staunend bemerken, alles sei "ja genau wie in dem Film". Vor allem aber die Besitzerin des Ladens selbst, eine kleine, gebeugte 66-jährige Italienerin mit sanfter Stimme, großem Humor und einem unbeugsamen Willen.

Giuseppina Ehmann kam am 10. Dezember 1961 aus Parma nach Heidelberg, um zwei Tage später ihren deutschen Verlobten zu heiraten. Die folgenden 40 Jahre lang arbeitete sie in der Parfümerie ihrer Schwiegereltern, bevor sie, wie sie sagt, "mit 62 Jahren aufs Abstellgleis geschoben" und immer unglücklicher wurde. Bis sie sich eines alten Kindheitstraums entsann.

Nein, sagt die energische Frau Ehmann, den Film "Chocolat", in dem Juliette Binoche als fantasievolle Schokoladenverkäuferin ein ganzes Dorf auf Trab bringt, habe sie wirklich nicht gekannt. Doch von einem eigenen Schokoladengeschäft habe sie schon als Kind in Italien geträumt. "Ich bekam von meinen Eltern nur ganz selten Schokolade, aber den Traum von der Schokolade habe ich immer bewahrt."

Verwirklichen musste sie ihn auf ihre alten Tage allerdings allein. Denn die Banken räumten der Seniorin keinen Kredit ein, die Familie zweifelte an ihr, die Architekten lieferten nur untaugliche Entwürfe für coole Schokoladen-Shops, die Giuseppina Ehmann nicht gefielen. "Die größte Schwierigkeit war, dass ich es nicht hingekriegt habe, so etwas wie einen Geschäftsplan zu formulieren. Ich hatte unendlich viele Ideen, die standen auf unendlich vielen Zetteln und haben sich unendlich oft verändert. Aber ich hatte kein Konzeptpapier. Und ohne das braucht man bei Banken und Baubehörden gar nicht vorstellig zu werden."

Nun wäre Giuseppina Ehmann aber nicht Giuseppina Ehmann, wenn sie sich von derlei bürokratischen Bedenken aufhalten ließe. Ihren Traum von einem Schokoladenladen baute sie kurzerhand selbst mit 100 000 Euro Erspartem und der Unterstützung eines begnadeten Dekorateurs auf, den sie noch von der Parfümerie her kannte. Sie las alles, was ihr über Schokolade in die Finger kam, reiste von Süßwarenmesse zu Süßwarenmesse und schnackte einem alten italienischen Eismacher, der sich zur Ruhe setzen wollte, seine Rezepte ab. Am Wahlsonntag 2005 dann schloss sie ihre Chocolaterie St. Anna No 1, die ihren Namen der gleichlautenden schmalen Heidelberger Altstadtgasse verdankt, erstmals auf. "Ich habe mir gedacht: Die Wähler brauchen ganz dringend was Süßes!"

Offensichtlich lag die alte Dame damit goldrichtig, denn die Heidelberger lieben ihren Laden, auch wenn es immer noch welche gibt, die wissen wollen, ob sie in ihrem Alter das Schuften denn wirklich noch nötig habe.

Und was wäre, wenn ihr Traum scheitert? "Dann bringe ich mich auch nicht um, ich kann doch weiterarbeiten." Ihr Ratschlag für ältere Gründer? "Nicht auf Ratschläge hören, nur auf sich selbst. Umfallen tut man auch, wenn man zu Hause bleibt." Ihre Zukunft? "Vielleicht ein zweiter Laden, einen mit Toasts und Paninis." Aber wäre das nicht ein wenig zu anstrengend? "Unsinn. Wenn mir abends alles wehtut, weiß ich, dass ich noch lebe." Undwann, denken Sie, ist es an der Zeit für einen wirklichen Ruhestand? "Entschuldigen Sie, aber können Sie mir sagen, warum der Papst noch nicht in Rente ist? Und warum ihn niemand danach fragt?"

Sechs Tage pro Woche steht Frau Ehmann von morgens um neun bis abends um sieben im Laden, nur sonntags sperrt sie zwei Stunden später auf. Jeder dieser Tage, sagt sie, sei für sie "ein Feiertag". Die meisten Kunden begrüßt sie mit Namen, und hinter jedem schließt sie eigenhändig die Tür ihres Ladens, auf dessen Wand sie in geschwungener Goldschrift ein Zitat des Filmhelden Forrest Gump hat pinseln lassen. "Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel", heißt es da. "Man weiß nie, was man bekommt." -