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Folge 14 – Die Sinnproduzenten

Der Sozialstaat ist ein Sanierungsfall. Und eine spannende Baustelle für Leute, die etwas bewegen wollen. Zum Beispiel in Frankfurt am Main.




Hier geht was

Dies ist die Geschichte von fünf sehr unterschiedlichen Menschen. Was sie verbindet, ist der Wunsch, etwas für andere zu tun.
Aus sehr persönlichen Gründen.

• In Bettina von Bethmanns Wohnung in Frankfurt-Sachsenhausen ist eine bunte Runde aus professionellen und ehrenamtlichen Helfern zusammengekommen. Neben der Gastgeberin, die Obdachlose unterstützt, sind da unter anderen: die Leiterin eines Frauenhauses, die Geschäftsführerin eines Gründerzentrums, ein Anwalt aus einer renommierten Kanzlei, der benachteiligten Jugendlichen Einblicke in die ihnen unbekannte Welt der Wirtschaft ermöglicht. Außerdem ein Psychoanalytiker, der eine Trabantenstadt untersucht und dort festgestellt hat, dass die professionellen Helfer die Eigeninitiative der Bewohner eher behindern als fördern. Und ein Abteilungsleiter aus dem Stadtgesundheitsamt, der erklärt, warum die Wartelisten der Einrichtungen für psychisch Kranke gleich lang bleiben, obwohl die Zahl der Kranken zurückgeht.

Irgendwann entsteht Streit darüber, ob das Sozialwesen an strafferem Management (der Abteilungsleiter) oder mehr Freiheitsgraden (der Analytiker) genesen könne. Was alle verbindet, ist die Lust, etwas zu unternehmen, und die Erkenntnis, dass Netzwerke nützlich sind.

Die Ausdauernde

Dorothea Schneider empfängt im Frauenhaus „Die Kanne“. Ich werde dort zunächst misstrauisch beäugt, weil Männerbesuch eigentlich strikt verboten ist. Schneider demonstriert mit der Einladung Offenheit, die in anderen Frauenhäusern unüblich ist und die bei ihr zum Konzept gehört. Die Sozialpädagogin, die viel lacht und auf charmante Weise hesselt, sagt, dass sie trotz ihres Berufs kein Problem mit Männern habe.

Sie erzählt von einem Handwerker, bei dem sie ein neues Schild fürs Frauenhaus bestellt und ihn darauf hingewiesen habe, dass es gut abwaschbar sein muss. Als er wissen wollte, wieso, habe sie etwas widerwillig erklärt, wütende Männer würden das Schild immer wieder beschmieren. Woraufhin der Handwerker entgegnet habe, dass sie ihm das ruhig sagen könne, weil er so einer nicht sei. „Da habe ich mich echt gefreut.“

Männer, die dafür sorgen, dass ihre Frauen, Schwestern und Töchter sich zu Schneider flüchten, sind kein Grund zur Freude. Sie sagt, dass sie in den 23 Jahren, in denen sie den Job macht, „von keinem gewalttätigen Mann gehört hat, der sich konstruktiv mit seiner Rolle auseinandergesetzt hätte. Von keinem einzigen“. Ihre Konsequenz: Männer sind kein Thema im Frauenhaus. Denn: „Es ist leicht zu sagen: Was für ein Mistkerl!“ Schwieriger sei es für die Frauen, sich mit ihrer eigenen Rolle auseinanderzusetzen, um das Haus als Sprungbrett in die Freiheit zu nutzen.

Damit sie es nutzen, sollten sie sich wohlfühlen und eine gewisse Zeit bleiben. Daran arbeitet Dorothea Schneider mit hartnäckiger Zuwendung. Ihr erstes Prinzip ist das der Hausgemeinschaft. Die Bewohnerinnen, die unfreiwillig und auf Zeit zusammenkommen, sollen ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln und Wärme produzieren. Sodass eine Frau, die dort unter Umständen mitten in der Nacht, zerschlagen und mit einem schreienden Kind im Arm, ankommt, sich gut aufgenommen fühlt. Dieser erste Eindruck, hat Schneider herausgefunden, ist entscheidend für den Erfolg der weiteren Arbeit. Die besteht für sie und ihre Kolleginnen darin, die Frauen – neben der Hilfe bei ihren akuten Problemen – zum Nachdenken zu bringen. Deswegen wird sehr viel geredet, jede Frau hat mindestens ein Einzel- und ein Gruppengespräch in der Woche. Situationen, so Schneider, „in denen keine Frau darum herumkommt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, den Spiegel auf sich zu richten und sich zu fragen: Was habe ich erlebt? Was will ich? Was muss ich lernen, damit ich mein Leben ändern kann?“

Mühe, die sich lohnt. Die Arbeit von Schneider, die für zwei Frauenhäuser, eine Nachsorgeeinrichtung und eine Beratungsstelle verantwortlich ist und auch die Polizei berät, gilt als vorbildlich. Sie kann das auch belegen, sie hat alle Zahlen parat. Von den Frauen, die täglich versorgt werden (150), ihren Staatsangehörigkeiten (65 verschiedene) über die Zahl der Einzelgespräche (mehr als 2000 im Jahr) bis zur durchschnittlichen Verweildauer jeder Frau (58 Tage) und der Quote derjenigen, die nicht in die „Misshandlungssituation“ zurückkehren (sagenhafte 76 Prozent).
Schneider kann auch genau vorrechnen, wie viel ein Tag im Haus pro Frau kostet: 30,66 Euro – „ein Dumping-Preis“.

In das im Helfermilieu verbreitete Klagelied stimmt sie nicht ein. Von den Problemen, die sie zu lösen hat und die meist mit Bürokratie zu tun haben, berichtet sie eher beiläufig. Zum Beispiel von einer Frau, die aus dem Kosovo stammt, schon lange in Deutschland lebt und mit Kind, aber ohne Pass ins Frauenhaus geflüchtet ist. Und nun bis Ende September Papiere braucht und einen Job, um eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Schneider ist überzeugt, dass sie das gemeinsam schaffen werden. Sie liebt die Frauen, die Kinder und ihre Arbeit, zu der sie auf Umwegen gekommen ist. Nach einer naturwissenschaftlichen Ausbildung hat sie im Museum gearbeitet, später Sozialpädagogik studiert und zunächst einen Job in der Psychiatrie bekommen, wo ihr die Haltung der dortigen Chefs – „die Patienten sind verkehrt, und wir sind richtig“ – nicht gefiel. Dann bot man ihr die Leitung des Frauenhauses an, und sie fand ihre Berufung. Sie selbst kommt aus geordneten Verhältnissen, in denen es „undenkbar war, dass mein Vater meine Mutter geschlagen hätte“. Von den Frauen, denen es anders ergeht – Schneider kann furchtbare Geschichten erzählen –, habe sie viel gelernt, „vor allem Toleranz“.
Und sie hat „ihre“ Frauen noch an keinem Heiligabend alleingelassen.

Ist das Frauenhaus ein Familienersatz für sie? „Nein“, sagt sie ohne zu zögern, „aber meine Aufgabe. Ich möchte kein Leben führen mit einer Arbeit, die ich nicht mag. Ich kenne genug Leute, die können zwar Weihnachten mit ihrer Familie feiern, sind aber den Rest des Jahres unglücklich.“
Die Sozialbranche produziert im besten Fall etwas, das die Gesellschaft zusammenhält und das viele Menschen bei der Arbeit schmerzlich vermissen: Sinn. Das macht ihre Anziehungskraft aus.

Der Entwickler

Rainer Wrenger trägt Trenchcoat und Schnauzbart, fährt einen weißen BMW und macht in Immobilien. Passt also, so der erste Eindruck, gut nach Frankfurt, der Hauptstadt der Spekulanten. Doch Wrenger ist keiner, sondern ein Unternehmer mit Sinn für „sozialen Mehrwert“, wie er es nennt. Wir treffen uns im Lindenviertel in Frankfurt-Höchst, einem ehemaligen Kasernengelände und Problemgebiet am Rande der Stadt. Wrenger, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft für Stadterneuerung und Modernisierung (BMSF), stößt dort mit Vertretern einer Wohnungsbaugenossenschaft an, die die letzten Häuser auf dem 14 Hektar großen Areal fertiggestellt haben. Insgesamt sind 600, zum Teil öffentlich geförderte Wohnungen und 220 Einfamilienhäuser errichtet worden. Ein neues Quartier, das den Stadtkämmerer das ist der Clou – dank einer Partnerschaft zwischen dem Unternehmer Rainer Wrenger und der Kommune so gut wie nichts gekostet hat.

Wrenger steckt sich eine Filterlose an und erzählt, wie es dazu kam. Er ist als einer der wenigen Gutverdiener freiwillig nach Höchst gezogen und weiß viel über den Stadtteil. Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen, die das Gelände bis 1991 genutzt hatten, war lange nicht klar, was aus dem Areal, damals im Besitz des Bundes, werden sollte. Einige Initiativen aus dem Stadtteil wollten Vereine ansiedeln oder ein Uni-Lehrgebäude einrichten, um die Gegend zu beleben. Die Politiker hatten ihre eigenen Ideen. Die CDU wollte eine Schule in der Kaserne unterbringen, SPD und Grüne ein Flüchtlingsheim. Zwischenzeitlich hatten bereits einige Betreiber von Obdachlosenunterkünften Räume in einem maroden Kasernenkomplex gemietet.

Die Verantwortlichen kamen zu keinem Ergebnis, man neigte dazu, einem Investor das gesamte Areal zu übergeben und ihm freie Hand zu lassen – um so die Verantwortung loszuwerden. Reiner Wrenger fand das nicht richtig und dachte über eine Alternative nach. Was wäre, wenn man das Interesse der Kommune an sozialer Stadtentwicklung mit unternehmerischer Initiative kombinierte? Ihm schwebte eine „sehr schlanke“ städtisch-private Gesellschaft vor, die das neu zu bauende Viertel planen und Investoren finden sollte, die diesen Plan umsetzen. Wrenger gelang es, den zuständigen Dezernenten von der Idee zu überzeugen. 1995 wurde die Konversions-Grundstücksentwicklungsgesellschaft (KEG) gegründet. Gesellschafter sind die Stadt und Wrengers BMSF. Einziger – ehrenamtlicher – Mitarbeiter ist Wrenger; der Unternehmer sollte in Form von Aufträgen und Erfahrungen von dem Projekt profitieren. Kosten: 150.000 Mark Grundkapital, das beide Gesellschafter aufbrachten. Die KEG entwickelte das Konzept eines gemischten Viertels mit sowohl öffentlich geförderten Wohnungen als auch Einfamilienhäusern. Und fand Investoren, die bereit waren, beides zu bauen. Nach langwierigen Verhandlungen mit dem Eigentümer war es 1998 so weit: An einem Vormittag kaufte die KEG das Gelände vom Bund, am Nachmittag desselben Tages wurde es an die Investoren weiterverkauft. Finanzielles Risiko für die Stadt: null. Und weil die KEG gut wirtschaftete, sprangen auch noch 200 Kita-Plätze und eine Jugendeinrichtung heraus.

Allerdings war da ein Problem: die McNair-Kaserne. Der Komplex aus den zwanziger Jahren stand unter Denkmalschutz; im Hof waren zudem bei Bauarbeiten jungsteinzeitliche Siedlungsreste entdeckt worden; und im Torgebäude gab es zwei Obdachlosenunterkünfte. Drei Investitionshindernisse – niemand wollte den Bau haben. Schließlich entschlossen sich Wrenger und die KEG, ihn selbst zu behalten, zu sanieren und zu verwalten.

Dabei halfen die Bewohner der Obdachlosenunterkünfte mitund entwickelten so Eigentümergefühle. Sie entrümpelten zum Beispiel die Kaserne und bewachten die Baustelle so gut, dass selbst Wrenger gelegentlich der Zutritt verwehrt wurde. Heute ist das Ensemble wunderschön herausgeputzt, es gibt Sozialwohnungen, eine Wohngemeinschaft für Behinderte sowie eine für Demenzkranke und ein Café. Und einen Hausservice, den ebenfalls die Bewohner der Obdachlosenheime erledigen. Diese Aufgabe tut ihnen und der Hausgemeinschaft gut: wunderbare Verwandlung eines Investitionshindernisses in sozialen Mehrwert.

Der Libero

Die Idee, die Obdachlosen als Hausmeister zu beschäftigen, hatte Rolf Mayer vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, der unter anderem die Unterkünfte in Höchst betreibt. Dort hat er Wrenger kennengelernt. Mayer kennt überhaupt allerhand Leute in der kleinen Großstadt Frankfurt. Er ist ein umtriebiger Mensch, der keine Berührungsängste hat, viel redet und viel macht. Und allein wegen seiner notorisch guten Laune so gar nicht dem Klischee des Helfers entspricht, der die Welt aus Prinzip für schlecht hält. Zu seinem Job kam der Geisteswissenschaftler zufällig („Ich sah mich eher an der Uni oder als Taxifahrer“). Während seines Zivildienstes machte er sich dank seiner EDV-Kenntnisse im Frankfurter Verein für soziale Heimstätten unentbehrlich und dort Karriere. An solche städtischen Vereine lagert Frankfurt traditionell bestimmte soziale Aufgaben aus.

Rolf Mayer ist zurzeit selbst ausgelagert: Sein Arbeitgeber hat ihn an das Rhein-Main-Jobcenter verliehen, das aus der Zusammenlegung des Sozial- und Arbeitsamtes im Zuge der Hartz-Reformen entstanden ist. Dort fungiert er als eine Art Berater ohne feste Arbeitsplatzbeschreibung, ein Exot in der Sozialbürokratie. Über die Mentalität in der Verwaltung – „Jede neue Aufgabe wird reflexartig mit der Forderung nach einer neuen Abteilung beantwortet“ – lästert er gern. Einerseits leidet Mayer darunter, andererseits genießt er die Rolle des Liberos, die er sich dort erarbeitet hat.

Leute wie Mayer sind für die Weiterentwicklung des Hilfesystems wichtig. Er ist ein Wandler zwischen den Welten, der unternehmerischen Sinn mit guter Kenntnis der Verwaltung verbindet und unorthodox denkt. Was wäre zum Beispiel, philosophiert er irgendwann, wenn das Sozialsystem nicht nach dem Prinzip der hoheitlichen Verwaltung organisiert wäre – Vater Staat hilft in Not –, sondern wie ein Club, wo man etwas beiträgt und deshalb im Fall des Falles Hilfe bekommt? Ein nur auf den ersten Blick exotischer Gedanke, der gut zu Dorothea Schneiders Frauenhausgemeinschaftsprinzip passt.

Mayer will nach seinem Ausflug ins Jobcenter nicht auf seinen alten Posten zurückkehren. Er träumt von einer Position als interner Berater, der mal hier, mal da bei komplizierten Projekten der Kommune hilft. Auf die Frage, warum ihn das, auch angesichts der mickrigen Verdienstmöglichkeiten, reize, sagt der Familienvater: „Die Freiheit, etwas zu bewegen, ist nirgendwo so groß wie im sozialen Bereich.“
Die Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen ist tendenziell unendlich. Gute Voraussetzungen für Entrepreneure.

Die Unternehmerin

Bettina von Bethmann trägt einen bekannten Namen. Ihr Mann war der letzte Inhaber der 1748 gegründeten Bethmann-Bank, die er – auch aus prinzipiellem Unbehagen mit dem Finanzsystem – verkaufte. Sie hat mit Gleichgesinnten den Verein Lazarus gegründet, der ein Tagescafé, eine Ambulanz sowie eine Wohngemeinschaft für Obdachlose betreibt. Die Ambulanz und das Café befinden sich im ersten und zweiten Stock eines Hauses am Affentorplatz in Frankfurt-Sachsenhausen. Das Haus gehört der Caritas, die im Erdgeschoss Essen an Obdachlose ausgibt; die beiden Einrichtungen haben nichts miteinander zu tun.

Wir sitzen in dem Büro der Sozialarbeiterin von Lazarus. Bettina von Bethmann fängt gerade an zu erzählen, als das Telefon klingelt. Einer der Männer, der Brötchen von einem Bäcker abholen sollte, bekommt die Sache nicht geregelt. Darüber ist er sauer, und betrunken ist er auch. Von Bethmann sagt, dass er sonst sehr nett und hilfsbereit sei und wohl einen schlechten Tag habe.

Von Bethmann ist eine Frau, die nach der Heirat nicht mehr um des Geldes willen arbeiten musste. Die aber das Bedürfnis hatte, etwas zu tun, und keine Lust zu unverbindlichen Schirmherrschaften für wohltätige Zwecke. Irgendwann Ende der Achtziger las sie im Kirchenblatt, dass eine Schwester der Deutsch-orden-Gemeinde in der Nähe Essen an Obdachlose ausgab. Von Bethmann ging einfach hin, half mit und lernte Gleichgesinnte kennen. „Das war eine ganz andere Welt für mich. Die Menschen, die sich hier eingesetzt haben, gefielen mir. Und ich habe gesehen: Hier kann ich was machen.“

Man gründete eine Initiative, aus der später Lazarus hervorging. Damals war Obdachlosigkeit in Frankfurt ein großes Problem, und im Süden der Stadt gab es keine Hilfseinrichtungen. Die ehrenamtlichen Helfer gaben erst einmal, dann zweimal, dann dreimal in der Woche Essen aus. Weil die Anwohner von den Elendsgestalten nicht begeistert waren, suchte und fand die Initiative ein Haus, wobei Rolf Mayer vom Frankfurter Verein half. Und weil von Bethmann & Co. feststellten, dass die Obdachlosen nicht nur Hunger hatten, sondern auch alle möglichen Krankheiten, gründeten sie „informell“, wie von Bethmann erzählt, auch eine medizinische Ambulanz. Später beriet man die Obdachlosen auch, kümmerte sich erst um behelfsmäßige Unterkünfte und später um Wohnraum. So wuchs der Verein wie ein Start-up – in einer Branche, die von Sozialkonzernen wie der Caritas oder der Diakonie beherrscht wird. Von diesen Konkurrenten und auch vom Sozialamt wurden die Neulinge misstrauisch beäugt, es dauerte eine Weile, bis man das ehrenamtliche Engagement zu schätzen wusste. Mittlerweile ist Lazarus eine Institution und wurde für bürgerschaftliches Engagement ausgezeichnet. Auffällig ist das familiäre Klima, das auch damit zu tun hat, dass im Verein viele Leute freiwillig und aus Überzeugung mithelfen: Auf einen Festangestellten kommen zwei ehrenamtliche Mitarbeiter.

Nach mehreren Umzügen hat Lazarus mittlerweile einen festen Sitz in dem Haus, das irgendwann die Caritas gekauft hat und dort die Obdachlosenspeisung betreibt. Eigentlich könnte das auch Lazarus übernehmen. Doch der Platzhirsch will dem kleinen Mitbewerber offenbar das Feld nicht überlassen – die Arbeit mit Obdachlosen, also augenfällig Hilfsbedürftigen, ist eine öffentlichkeitswirksame Sache. Und wenn Bettina von Bethmann, eine zarte, aber sehr energische Frau, ihr Anliegen nicht so gut verträte, wäre Lazarus vermutlich schnell wieder vom Markt verschwunden.

Über Konkurrenz spricht man im sozialen Bereich ungern, aber es gibt sie selbstverständlich. Und die Tatsache, dass man Gutes tun will, heißt nicht, dass man es auch gut tut. Einer, der sich mit dem Thema intensiv beschäftigt, ist Horst Tippelt von der Dialogicon GmbH in Hamburg. Der ehemalige Unternehmensberater hat sich auf die Untersuchung des sozialen Bereichs spezialisiert – in manchen Einrichtungen ist man von ihm ähnlich begeistert wie in Wirtschaftsunternehmen von McKinsey.

Tippelt hat im Auftrag des Landesrechungshofs unter anderem auch die Obdachlosenhilfe in Hessen untersucht. Ein Ergebnis: Die Kosten differieren stark. So gab Darmstadt im Jahr 2001 für die Unterbringung eines Obdachlosen rund 14.000 Euro aus, Wiesbaden dagegen nur rund 6500 Euro – obwohl die Qualität und die Quantität des Angebots sich nicht unterschieden.

Die Ursache ist laut Tippelt ein Markt, auf dem sich Preise nicht frei bilden, sondern politisch ausgehandelt werden. Er plädiert für eine Art soziales Controlling, um herauszufinden, wie man möglichst effektiv helfen kann. Dazu gehört es, Probleme genau zu analysieren. Beim Thema Obdachlosigkeit kam Tippelt zu dem überraschenden Ergebnis, dass es sich nicht vornehmlich um eine Folge von Armut handelt. In der Regel sind es Schicksalsschläge, die dazu führen, dass Menschen ihre Wohnung verlieren, die sozialen Probleme sind dann die Folge.

Wer erst einmal entwurzelt ist, dem ist schwer zu helfen. Viel effektiver wäre es, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Menschen überhaupt obdachlos werden, zum Beispiel, indem die Kommune bei einer Räumungsklage mit dem Mieter und Vermieter verhandelt. Und neben psychologischer notfalls auch finanzielle Hilfe in Form eines Kredits leistet, mit dem die Mietschulden beglichen werden können. In Kassel sowie in Frankfurt-Bockenheim, wo man nach diesem Prinzip verfährt, gelingt das laut Tippelts Bericht in mehr als 90 Prozent aller Fälle.
Generell ist Tippelt davon überzeugt, dass der Sozialstaat viel vernünftiger wirtschaften könnte.

Die Wegweiserin

Ellen Bommersheim ist eine gute Rechnerin. Das hat die Wirtschaftspädagogin, eine Frau, die Wärme und Gelassenheit ausstrahlt, als Beraterin unter anderem in der Automobilindustrie gelernt, wo es in der Regel darum ging, Kosten zu sparen. Dass es dabei fast immer um Personalabbau ging, gefiel ihr zunehmend weniger. Außerdem störte sie, „dass in der Beratung nur Teilprobleme gelöst wurden, um sich Folgeaufträge zu sichern“.

Bei einem Beratungsauftraglernte sie irgendwann die „Frauenbetriebe Qualifikation für die berufliche Selbstständigkeit e.V.“ kennen, das älteste Netzwerk für Gründerinnen in Deutschland. Dort ging es um Aufbau – das faszinierte Bommersheim. „Ich höre mir deine Idee an, und wir schauen, ob wir sie umsetzen können – egal, ob du jahrelange Managementerfahrung hast oder Sozialhilfeempfängerin bist.“ So stieg sie bei den Frauenbetrieben ein und wurde, als die gemeinsam mit dem Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft und der Frankfurter Wirtschaftsförderung, im Jahr 2000 die gemeinnützige GmbH Kompass gründeten, dort Geschäftsführerin. Das Zentrum in der ehemaligen Verwaltung eines Chemieunternehmens weist angehenden Selbstständigen die richtige Richtung. Sie werden beraten, können sich in Übungsbüros erproben, nach der Gründung billige Räume mieten und gegenseitig voneinander lernen. Solche Einrichtungen gibt es mittlerweile viele. Was Kompass etlichen voraus hat, ist eine breite Basis und viel Erfahrung. Das Gründerzentrum wird – ein seltener Fall – von allen Parteien und Interessengruppen unterstützt. Und es begann mit Mitarbeitern wie Ellen Bommersheim, die sich schon lange mit dem Thema beschäftigt.

Sie hat miterlebt, wie Selbstständigkeit von einer Angelegenheit von Überzeugungstätern zu einer Notwendigkeit für Menschen wurde, die keine andere Chance haben, Geld zu verdienen. Sie weiß, was geht und was nicht. Dass die Ich-AG, mit der zur Bereinigung der Statistik aus Arbeitslosen Unternehmer gemacht werden sollten, nicht funktionieren würde, war ihr früh klar. Denn Leute, die nicht wirklich selbstständig sein wollen und weder sich noch den Markt realistisch einschätzen können, scheitern.

Deshalb helfen Bommersheim und ihre Kollegen nur Menschen, die wirklich wollen – denen aber wirklich. Für jede Zielgruppe gibt es ein spezielles Programm, das etwa auf Ältere oder Hartz-IV-Empfänger mit „Migrationshintergrund“ zugeschnitten ist. Mehr Aufwand als bei einer Ich-AG und bessere Ergebnisse. Im Schnitt amortisierten sich die eingesetzten Mittel nach 15 Monaten, allein an der eingesparten Arbeitslosenunterstützung gemessen, rechnet Bommersheim vor. Bei Gründern, die zuvor Hartz-IV-Empfänger waren, verzeichnet Kompass eine Erfolgsquote von erstaunlichen 30 Prozent. Was auch an der hohen Ausländerzahl Frankfurts liegt, der einzigen wirklich multikulturellen Stadt in Deutschland. Viele haben in ihrer alten Heimat Qualifikationen erworben, die hier formell nicht anerkannt werden aus der sie als Selbstständige aber etwas machen können.

Was man so machen kann, führt Ellen Bommersheim gern vor. In einem der Übungsbüros hilft Axel Hannapel gerade seiner Büronachbarin am PC. Der 52-jährige Nachrichtentechniker hat seinen Job bei einem Konzern verloren und eine neue Mission gefunden: Er will Mittelständler über IT-Sicherheit aufklären; die Gefahren kann er bereits sehr anschaulich schildern. Seine Büronachbarin Bruria Peretz-Hoffmann plant, aus Israel heilenden Schlamm aus dem Toten Meer zu importieren und zum Beispiel an Wellnesscenter zu verkaufen. Eine Tür weiter arbeitet Christel Singer an ihrem Konzept: Trommel-Workshops zum Stressabbau. Mit Stress kennt sie sich aus, sie hat jahrelang in Callcentern gearbeitet.

Alle drei sind augenscheinlich begeistert von ihren Ideen – das ist die halbe Miete, wie Ellen Bommersheim weiß, die schon beim Ausbrüten vieler Ideen mitgeholfen hat. Und den Eindruck macht, als sei das eine sehr befriedigende Beschäftigung.---