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Bilder, die die Welt verändern

Normalerweise wollen Filmproduzenten vor allem viele Zuschauer, gut bezahlte Fernsehausstrahlungen und viele schöne Preise. Das will Oliver Stoltz auch. Aber bei seinem Dokumentarfilm „Lost Children“ ging es darum, Menschenleben zu retten und einen afrikanischen Bürgerkrieg zu beenden.




- Eigentlich wollten Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi nur einen Dokumentarfilm drehen. Dass daraus eine politische Kampagne mit weitreichenden Folgen bis hin zu einem Bundestagsbeschluss wurde, lag am Thema des Films: das Schicksal von Kindersoldaten in einem der grausamsten Bürgerkriege Afrikas. Und es lag daran, dass den beiden Regisseuren bei ihrer ersten Reise in die Krisenregion an der ugandisch-sudanesischen Grenze klar wurde, dass sie den Film nicht als neutrale Beobachter drehen wollten. Stoltz und Ahadi lernten dort in einem Auffanglager der Caritas Kinder kennen, die von der Rebellenbewegung "Lord's Restiance Army", kurz LRA, geflohen waren. Vor ihrer Flucht waren sie Kindersoldaten, die meisten waren von Warlords entführt und in die LRA gezwungen worden.

Kindersoldaten sind billig, sie essen weniger als Erwachsene, sie bekommen keinen Sold. Und sie machen so gut wie alles, was man von ihnen verlangt. Fast alle Kinder in dem Lager hatten unvorstellbare Gewaltverbrechen begangen. Im Film erzählt ein Junge, wie er selbst andere Kinder zu Soldaten gemacht hat. Erste Lektion: Töten lernen. Die Milizen schlugen einen Gefangenen tot, anschließend mussten die Rekruten sein Gehirn essen. "Sie sollten den Schädel sauber lecken. Ihre Gesichter waren voller Blut, sie durften sich nicht waschen", erzählt der Junge. Er lacht dabei. Er spricht nicht ohne Stolz von seiner Zeit bei der LRA.

Der Junge heißt Opio. Er ist acht Jahre alt. Sein Selbstbewusstsein zieht er aus seiner Gewalterfahrung. "Ich weiß, wie man mit einer Waffe schießt. Es ist sehr einfach. Wenn du abdrückst, tötest du." Ein anderes Kind erzählt, wie sie im Busch einen Jungen und ein Mädchen gefangen genommen haben. Sie fesselten den Jungen und befahlen dem Mädchen, ihn mit der Machete in Stücke zu hauen. Anschließend musste das Mädchen den Kopf des Ermordeten wie einen Ball in die Luft werfen und auffangen, immer wieder.

Grace Arach, eine 24-jährige Sozialarbeiterin, die in dem Auffanglager mit den traumatisierten Kindern arbeitet, sagt, dass sie bisher etwa 800 Kinder betreut habe. Nur jedes fünfte hatte keine Morde begangen. Manchmal fragt sich Grace, wie lange sie diese Arbeit noch machen kann, ohne wahnsinnig zu werden. Aber ohne ihre Arbeit hätten die Kinder keine Chance, je in ein normales Leben zurückzukehren. "Diese Kinder haben grauenvolle Dinge getan, aber es sind trotzdem Kinder", sagt Oliver Stoltz, einer der beiden Regisseure und der Produzent des Films. Stoltz und Ahadi beschlossen, dass sie mehr machen wollen, als einen Film zu drehen.

Vom Filmproduzenten zum Menschenrechtsaktivisten - und das ist erst der Anfang

"Bei unserer ersten Drehreise wurde uns klar, dass wir nicht einfach nur einen Film drehen können. Schließlich sind wir die Einzigen, die Medikamente und ein bisschen Knowhow haben", sagt Stoltz. "Wir sind keine Journalisten. Deren Neutralitäts- und Objektivitätsbegriff hat uns in der Situation nicht eingeleuchtet. Wir haben einen Standpunkt, wir wollten uns für diese Kinder einsetzen, auch über den Film hinaus." Sie haben bei den nächsten Reisen Medikamente mitgebracht. "Die Leute sind dort gestorben, weil es einfachste Mittel gegen Maleria oder Durchfall nicht gab. Wir haben bei Weihnachtsfeiern in unserem Freundeskreis und in der Filmszene Geld gesammelt, das war Ende 2003. Da sind 10 000 Euro zusammengekommen. Caritas International hat noch einmal die gleiche Summe dazugegeben. Mit diesem Geld konnten wir für ein Jahr Medikamente und eine Krankenstation finanzieren, eine medizinische Basisversorgung in einem Camp, in dem 20 000 Menschen leben. Vorher gab es dort absolut nichts."

10 000 Euro sind viel Geld. Etwa so viel, wie bei einer Filmpremiere das Büfett und der Champagner kosten. Mit ihren privat gesammelten Spenden haben Stoltz und Ahadi Menschenleben gerettet. Das war ihr erster Erfolg, lange bevor ihr Film fertig wurde. "Und das war ein gutes Gefühl", sagt Stoltz heute. Mit diesem guten Gefühl fing sein langer Weg vom Filmproduzenten zum Menschenrechtsaktivisten an.

Als sie ihren Film "Lost Children" vor zwei Jahren auf der Berlinale zeigten, begriffen die beiden Regisseure, dass sie nicht am Ende, sondern am Anfang ihrer Arbeit standen. Mit der prominent platzierten Uraufführung auf dem Filmfestival kam eine kleine Lawine ins Rollen. "Uns wurde klar, was der Film politisch bewegen kann. Menschen wollten spenden, es hagelte Einladungen von Festivals, wir hatten schnell einen Weltverleih", erinnert sich Stoltz. "Wir merkten, was für eine Plattform wir mit dem Film bekommen hatten. Auf einmal führten wir Diskussionen mit verantwortlichen Politikern. Wir haben den Film im Auswärtigen Amt gezeigt, der UN-Botschafter war da, ein Vertreter der KSK-Truppen, hochrangige Diplomaten, die Staatssekretärin Kerstin Müller. Der ugandische Botschafter war auch im Auswärtigen Amt, der hat danach das Weite gesucht."

Die Filmemacher lernten, Politik zu machen. Und sie lernten, sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Stoltz erinnert sich, wie "plötzlich alle möglichen Hilfsorganisationen auf der Matte standen. Das ist ein Business. Ich hatte Sorge, dass unser Film zum Gutmenschen-Spendenfilm wird. Wir wollten aber nur mit Caritas International und ,Ärzte ohne Grenzen' arbeiten, weil wir gesehen hatten, was die in Nord-Uganda machen. Andere Hilfsorganisationen haben mit dem Thema in Deutschland viel Geld eingesammelt und vor Ort nichts getan".

Die beiden Filmemacher leisteten mit ihrem kleinen Fünf-Mann-Team und einem Produktionsetat von 100 000 Euro, was großen Fernsehanstalten und Nachrichtenagenturen nicht gelingt, weil es sie nicht interessiert: Aufmerksamkeit für einen vergessenen Krieg zu schaffen. Seit 20 Jahren kämpft die LRA gegen die ugandische Zentralregierung und die Zivilbevölkerung. Sie entführt Kinder, ermordet Zivilisten und vertreibt die Bauern aus ihren Dörfern. Fachleute der UN schätzen, dass mehr als 200 000 Menschen ermordet wurden, zwei Millionen Flüchtlinge leben in Lagern. Die ugandische Armee geht kaum weniger brutal vor als die LRA. In den Medien ist der Krieg kein Thema. Er dauert schon zu lange, um für Schlagzeilen zu taugen. Obwohl die ARD den Film mitfinanzierte, hatte sie kein Interesse, ihn im Ersten Programm auszustrahlen. Nicht kommerziell genug für den 23-Uhr-Sendeplatz fand ihn der damalige ARD-Chefredakteur von der Tann, berichtet Stoltz.

Nach der Berlinale machten die beiden Filmregisseure etwas, woran sie vor der Uraufführung ihres Films nie gedacht hätten: Sie starteten im Alleingang eine Kampagne. Sie zwangen Politiker, sich mit dem vergessenen Krieg zu beschäftigen, sie beeinflussten am Ende die Bundesregierung in ihrer Entwicklungshilfepolitik, und sie übten erkennbaren Druck auf die von Hilfszahlungen abhängige ugandische Regierung aus. Ihr Dokumentarfilm war für Ahadi und Stoltz auf einmal kein Endprodukt mehr, sondern ein Instrument, das sie einsetzten, um Öffentlichkeit herzustellen. Ein Jahr lang haben sie den Film auf unzähligen Veranstaltungen gezeigt. Sie haben mit Politikern diskutiert und Schulklassen gebeten, Briefe an den lokalen Bundestagsabgeordneten zu schreiben. Der Bundespräsident lud sie zu einer Podiumsdiskussion ein, und sie haben ihren Film im Europäischen Parlament gezeigt. Menschenrechtsaktivisten in halb Europa benutzen den Film für ihre Arbeit.

Manchmal hatten die Filmvorführungen und Diskussionen überraschende Folgen. "Nach der Vorführung auf dem Festival in Toronto haben zwei Jungs etwas Erstaunliches gemacht", erzählt Stoltz. "Sie sind einen Monat lang jeden Tag die Strecke gelaufen, die die Kinder in Uganda gehen müssen, um sich vor den Rebellen in Sicherheit zu bringen, das sind etwa 20 Kilometer. Die sind jeden Abend vor das Büro des Bürgermeisters marschiert und haben dort geschlafen. Das hat in Kanada ein enormes Medienecho ausgelöst. Daraus ist eine Organisation entstanden, die das Thema in Kanada vorantreibt. Solche Geschichten gibt es viele."

In dem Jahr ihrer Kampagne haben Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi so gut wie kein Geld verdient. Sie wirken nicht besonders unglücklich darüber. Sie haben auf jeder anderen Ebene gewonnen: menschlich, moralisch, intellektuell, politisch.

180 000 Euro sind durch den Film an Spenden geflossen. Nun ist er Beweismaterial vor Gericht

Ihr größter Erfolg war nicht der Deutsche Filmpreis, den sie im vergangenen Jahr für "Lost Children" bekommen haben. Ihr größter Erfolg war, dass ihre Kampagne den Menschen in den Lagern Nord-Ugandas geholfen hat. Caritas International, eine Hilfsorganisation, die unter erheblichem Risiko im Kriegsgebiet Flüchtlingslager unterhält, verzeichnete nach dem Filmstart einen deutlichen Anstieg der Spendenzuflüsse. Etwa 180 000 Euro an Spendengeldern, schätzt Christoph Klitsch-Ott, der Uganda-Experte bei Caritas, seien direkt durch den Film mobilisiert worden. Mindestens genauso wichtig ist der politische Effekt. Der Film gehört mittlerweile zum Beweismaterial des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, der ein Verfahren gegen den LRA-Führer Joseph Kony anstrebt.

"Ich kenne kein vergleichbares Beispiel, dass ein Film über ein Krisengebiet solche politischen Folgen hatte", sagt Christoph Klitsch-Ott. "Die Filmemacher sind große persönliche Risiken eingegangen. In dem Gebiet sind Entführungen und Morde an der Tagesordnung. Am Tag des Filmstarts wurde eine Caritas-Mitarbeiterin in Nord-Uganda ermordet."

Stoltz' Produktionsfirma "Dreamer Joint Venture" ist ein kommerzielles Unternehmen, in dem Millionen-Etats bewegt werden. Derzeit bereitet der Produzent die Verfilmung von Thomas Brussigs Bestseller "Wie es leuchtet" vor. Stoltz war Assoziierter Produzent des erfolgreichen Kinofilms "Knockin' on Heaven's Door", für Warner Brothers hat seine Firma lustigen Trash produziert ("Kai Rabe gegen die Vatikankiller"), und bei RTL und ProSieben hat der Produzent mit Beziehungskomödien Geld verdient ("Wie man seinen Ex verlässt"). Seine Firma ist profitabel gewachsen, die Krisen der Branche konnten ihr wenig anhaben. Das hätte alles so weitergehen können, wenn Stoltz nicht irgendwann beschlossen hätte, einen Film zu drehen, der mehr bewegen soll als Einschaltquoten und den Kartenverkauf an der Kinokasse. Der 37-Jährige formuliert das denkbar nüchtern: "Es ging um Relevanz." Dass er und sein Co-Regisseur Ali Samadi Ahadi einen Film über Kindersoldaten machen wollten, hat auch persönliche Gründe.

Ahadi ist Iraner, als Kind wurde er in ein militärisches Ausbildungslager gesteckt. Er konnte irgendwie nach Europa fliehen. Damals war er 14 Jahre alt. Die anderen Kinder aus seinem Ausbildungslager wurden im Krieg gegen den Irak dafür benutzt, Minenfelder zu räumen, indem man sie zwang, über vermintes Gelände zu marschieren.

Das Ziel der Kampagne von Stoltz und Ahadi war ehrgeizig. Stoltz wollte die ugandische Regierung unter Druck setzen. "Dieser Konflikt ist für die ugandische Regierung lukrativ. Durch den Krieg kann die Regierung gegenüber den Geberländern, der Weltbank, den Entwicklungshilfe-Institutionen legitimieren, dass sie einen Teil des Staatshaushalts ausgibt, um eine Armee zu finanzieren. Ein Teil der Gelder für die Armee versickert in der Korruption. Mehr als die Hälfte des Staatshaushalts wird durch Entwick-lungshilfe-Gelder finanziert. Die Geberländer müssen Druck auf die ugandische Regierung ausüben, sodass für sie der Friedensprozess lukrativer wird als die Fortsetzung des Krieges. Entwicklungshilfe muss an einen Fortschritt der Friedenspolitik in Nord-Uganda geknüpft werden."

Genau das hat Stoltz erreicht. Der Film wurde für die Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses, des Menschenrechtsausschusses und des für Entwicklungshilfe zuständigen Ausschusses gezeigt - mit der Folge, dass im Mai 2006 Bischof Odama aus Nord-Uganda zu Anhörungen vor den zuständigen Ausschüssen und im Außenministerium eingeladen wurde. Folge: Im Juli 2006 wurde im Bundestag ein fraktionsübergreifender Antrag angenommen, in dem die Abgeordneten die Bundesregierung auffordern, die ugandische Regierung unter Druck zu setzen und einen Friedensprozess einzuleiten. Andere Länder haben ähnlich gehandelt. Großbritannien hat seine Entwicklungshilfe für Uganda vorläufig eingefroren.

Die ugandische Regierung kommt unter Druck. Gleichzeitig ist der LRA durch einen Regierungswechsel im Nachbarland Sudan die Nachschubbasis weggebrochen. Die Chancen auf Frieden in diesem Konflikt sind derzeit besser als jemals in den vergangenen zwei Jahrzehnten. -

Lost Children. Regie: Ali Samadi Ahadi, Oliver Stoltz. 96 Minuten. Als DVD erhältlich bei Absolut Medien