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Baden in der Wellness-Sprache

Was würde eigentlich passieren, wenn Vorstände einfach ehrlich sagen, wo es klemmt? Vermutlich gar nichts. Aber man wäre wenigstens informiert.




- Mein Bankberater erklärte mir vor einigen Tagen am Telefon ungefragt, dass meine Aktien zurückgekommen seien. Das fand ich sehr schön, obschon ich mich nicht erinnern konnte, dass sie irgendwann mal weg waren. Leider stellte sich dann heraus, dass meine Aktien keineswegs zurückgekommen, sondern brutal abgestürzt sind. Am besten sollte ich mich jetzt von den Papieren verabschieden, meinte der Berater, was ich umgehend tat, auch wenn sie gerade erst zurückgekommen waren. Im Laufe des Telefonats wurde mir die angenehm sympathische Sprache der Hochfinanz allmählich vertraut. Ich merkte gar nicht, wie die Zeit verstrich. Wir diskutierten dann noch über die Themen Heimat, Familie und Liebe, bevor der Berater mich zu einem niemals zurückkehrenden Bonus-Zertifikat überredete.

Das Gespräch erwies sich als eine Art Wendepunkt in meinem Leben. Sprachliche Harmonie im Wirtschaftsleben und eine gewisse Eleganz in der Darstellung gehen mir seitdem über alles. Ich bin der Gesellschaft für deutsche Sprache beigetreten und nehme an keinem unschönen Streitgespräch über Wirtschaftsfragen mehr teil. Ich besuche Hauptversammlungen großer deutscher Unternehmen, um die Vorstandssprecher zu genießen, wie sie sprachschön das Ergebnis ihres Konzerns erläutern. Sobald die Kleinaktionäre die ganze Harmonie mit ihrem Gestreite und Gezerre dann kaputt machen, verlasse ich den Saal. Die Worte Desaster und Panne, Pleite und Krise führen bei mir automatisch zu Magengeschwüren. Ich bin da sehr anfällig.

Auch in meiner Schrankwand Göteborg habe ich aufgeräumt: Der ganze kritische Mumpitz musste raus, die Enthüllungsbücher, alles, was meine völlige geistige Entspannung verhindert: Wallraff, Bednarz, kritische CIA-Schmöker und der Irak-Murks.

Dafür steht dort inzwischen aktuelle Wellness-Literatur: 15 Geschäftsberichte, 22 Quartalsberichte, 13 Abschriften von Vorstandsreden. Sprache, die zum mentalen Baden einlädt. Apropos Baden: Sie kennen diese Werbebilder aus den Kurorten, wo eine Frau versunken in der 40 Grad heißen Moorbadewanne liegt, mit Turban auf dem Kopf und geschlossenen Augen? Genauso können Sie in schöner Wirtschaftssprache baden. Versuchen Sie das mal: Statt des Turbans nehmen Sie einen Geschäftsbericht mit in die warme Brühe. Sie können da wahllos zugreifen: Kaum sprachliche Ausreißer, nirgendwo störende Wahrheiten, nur noch "strategische Weichenstellungen", "durchschrittene Talsohlen", "mutige Investitionsentscheidungen" und "klare Performance-Ziele"; Unternehmen, die "gut gerüstet" und "nachhaltig aufgestellt" sind, die ihren "profitablen Wachstumskurs fortsetzen wollen" und dem nächsten Geschäftsjahr "optimistisch entgegenschauen". Und Menschen, die sich Tag und Nacht einsetzen, während Sie schon wohlig zu einem ausgiebigen Schlaf in Ihrer Moorwanne wegdösen: "Wir arbeiten überdurchschnittlich daran, die Erwartungen zu übertreffen."

Es ist völlig egal, ob Sie Geschäfts- oder Quartalsberichte, eine Pressenotiz Ihres Lieblings-Konzerns, Vorstandsreden oder die Abschriften von Investor-Relations-Konferenzen mit in den Wellness-Schlamm nehmen. Sicher ist, dass Sie dort von all den bösen Tatsachen aus dem Inneren unserer Unternehmen verschont bleiben, den Desastern und Krisen, den Zusammenbrüchen und Fehlentscheidungen, der chaotischen Führung, misslungenen Reorganisations-Projekten oder den Millionengräbern, in denen der Gewinn mal wieder versackt ist. Auch die Kohorten unmotivierter Mitarbeiter, die längst innerlich gekündigt haben, müssen Sie nicht fürchten, denn in der Wellness-Sprache der Konzerne bilden stets "hoch qualifizierte Mitarbeiter unser wertvollstes Kapital, in das wir mit Millionenbeträgen investieren, damit wir ihre Zukunft sichern".

Die entbeinte Floskelsprache, die kommunikative Anästhesie, das kreativistische Deutsch offizieller Unternehmensdarstellungen hält die wundersamsten Wendungen bereit: "Möglichen Risiken durch die nicht adäquate personelle Ausstattung begegnet Vossloh durch eine Vielzahl von Maßnahmen, die geeignet sind, das Unternehmen als attraktiven Arbeitgeber zu positionieren und Mitarbeiter langfristig zu binden." Kann man nicht einfach sagen, dass es derzeit schwierig ist, gut ausgebildete Mitarbeiter zu bekommen?

Liebe Manager! Eure Sprachhülsen mögen in euren Ohren gut klingen - aber sie sind albern

Ja, warum eigentlich nicht? Verlangen nicht inzwischen längst Ethik-Richtlinien und Vorgaben der Corporate-Governance-Kommission eine ehrliche, verständliche und der Realität entsprechende Darstellung der Unternehmen? Leben wir nicht in Zeiten der Transparenz, in denen Firmen sich offen erklären statt sprachlich verbarrikadieren müssen? Bilanzierung und Finanzkennziffern müssen inzwischen transparent und weltweit vergleichbar sein. Für die Konzernkommunikation gilt das leider noch lange nicht: Sie ist extrem beschönigend, oft lügt sie, im besten Fall verschweigt sie.

Selbstverständlich verlangt niemand vom Vorstand, dass er den Aktionären erklärt: "Unserem Unternehmen geht es im Moment ziemlich dreckig - ja, wir haben uns zu einem richtigen Saftladen entwickelt." Doch der Trend zur sprachlichen Problemvernebelung nimmt eher zu als ab, je größer die Probleme selbst werden: Warum jemanden auf das millionenschwere, aber leider verkorkste IT-Projekt stoßen, wenn einen keiner dazu zwingt? Wieso vom Umsatzeinbruch sprechen, wenn man das Ganze in Powerpoint als flache Flugkurve darstellen kann?

Allerdings wird diese Art der Camouflage spätestens dann zum Problem, wenn permanent Skandale, Führungsprobleme, Gewinneinbrüche, Betrugs- oder Gehaltsaffären mit der Wellness-Sprache kollidieren. Dann wird sie kontraproduktiv. Das Vertrauen der meisten Mitarbeiter in ihr Unternehmen und seine Führung ist bereits heute im Gesundheits-Schlamm versunken.

Verständlich mag ihr Gebrauch sein: Wellness-Sprache adelt. Sie strahlt Größe aus, Souveränität und Weitläufigkeit. Sie ist die Eintrittskarte in die Welt der globalen Entrepreneure. Wer so spricht, der muss wer sein. Das Sprach-Plasma wird zum Statussymbol: Es legitimiert den Absender als wichtigen "player". Doch die Well-ness-Sprache der Konzerne kann als letztes feudales Relikt einer vordemokratischen Führung auf Dauer nicht überleben.

Erfreulich wäre immerhin schon einmal, wenn die Berichterstattung solider Unternehmen nicht in eine Rätselveranstaltung ausartet: "... ist es das Know-how der Mitarbeiter, das die Marktposition von Realtech als vertrauenswürdigem Gestalter des Wandels sichert und Wettbewerbsvorteile mit klarem Profil aktiviert." Hallo?

Durch keinen Kodex und keine Schamgrenze gebremst, darf der Vorstand offenbar immer noch und wie im Delirium alles frei erfinden: Schwächelt ein Spartenergebnis, spricht er von "Maßnahmen, die ergriffen worden sind, um das Geschäftsfeld langfristig positiv zu positionieren". Kann er die Dividende nicht erhöhen, ist die Rede von einer "auf Kontinuität aufbauenden Dividendenpolitik". Ist das Wachstum unter aller Kanone, vergleicht er es einfach mit dem Industrie-Durchschnitt und kommt auf "im Branchendurchschnitt respektable Werte".

Klappt auch das nicht, nimmt er den noch schlechteren Fünfjahresdurchschnitt, das Vorjahr oder die unterjährig angepasste Prognose. Oder er formuliert es gleich wie Klaus Kleinfeld bei Siemens so verknotet intransparent, dass den Satz sicher niemand wiederholen, geschweige denn wirklich verstehen kann: "Unser grundlegendes Ziel, zweimal so schnell zu wachsen wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt - und das bei guter Profitabilität -, haben wir in jedem Quartal deutlich übertroffen."

Vor dem Gesetz kommt der Kodex. Ein Kodex hat Vergleichbares vergleichbar zu machen, auch sprachlich. Er ist freiwillig, aber er ist ethisch bindend. Konzernsprache braucht dringend einen solchen Kodex. Wenn ich in meinem Ferien-Katalog vom "geselligen Umfeld" lese, weiß ich wenigstens, dass da die Mädels in der Bar oder die Kakerlaken im Bett rumhüpfen. Wenn ein Arbeitszeugnis vom "umgänglichen Mitarbeiter" spricht, weiß ich wenigstens, ich habe den letzten Hallodri vor mir. So klar möchte ich das auch aus den Unternehmen hören: Wann ist eine Strategie "klar fokussiert"? Wann darf eine Entwicklung als "innovativ" bezeichnet werden? Wann eine Perspektive als langfristig? Wann ein Ergebnis als "über den Erwartungen liegend"?

Nachdem schon Aufsichtsräte und Wirtschaftsprüfer keine Impulse geben und nur noch ihre Testate unter solche verschwurbelte Sprache setzen, halte ich ebenso vergebens Ausschau nach den PR-Verbänden in Deutschland, die eigentlich die Federführer für ein so wichtiges Kommunikationsthema wären. Doch offenbar haben sie diese Fragen für die nächste Tagung auf Ibiza reserviert oder schlichtweg verschlafen. Wahrscheinlich beim Wellness-Urlaub in der Schlammbadewanne. -