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48703 Stadtlohn

Alles verändert sich? Nichts ist mehr sicher? Ein Weltkrieg um Wohlstand zerstört das behagliche Leben? Kann sein. Aber nicht in Stadtlohn.




- Mittags um kurz nach eins schläft Stadtlohn, zumindest sieht es so aus. Stadtlohn ist eine Kleinstadt kurz vor der niederländischen Grenze, westliches Münsterland. Flache Hügel, viel Grün, viel Gemütlichkeit, knapp 21 000 Einwohner. Hier hält kein ICE, hier hält nicht einmal der Regionalzug. Wer nach Stadtlohn will, braucht ein Auto oder muss mit einem Bummelzug namens "Der Borkener" von Essen nach Borken fahren und für den Rest der Strecke in den Bus umsteigen. In Stadtlohn heißt das Wirtshaus "Zur alten Krone", das Haushaltswarengeschäft hat gerade "Gelbe Wochen", und zwischen eins und drei ist Mittagsruhe. Nur ein Restaurant hat auf. Dort sitzen vier ältere Damen vor ihrem Nachtisch, sie unterhalten sich ausführlich darüber, dass ein Schwiegersohn das Grab einer Verwandten nicht ordentlich pflegt. Sie reden miteinander wie Menschen, die sich schon ihr ganzes Leben lang kennen und alles über die Lebensverhältnisse der anderen wissen.

Die Straßen mit den zweistöckigen Backsteinhäusern sehen aus, als wäre die ganze Kleinstadt irgendwann aus der Zeit herausgefallen. Gleich neben der Kirche steht das Rathaus, und fragt man den Bürgermeister, was sich in den vergangenen Jahren in seiner Gemeinde so verändert hat, schwärmt er vom regen Kulturleben, "da hat sich viel getan". Jeden Sommer gibt es eine Open-Air-Oper auf dem Marktplatz, die Abba-Revival-Band war auch schon da. "Ich bin auch für das Wohlgefühl in der Stadt zuständig, das ist wichtig", sagt der Bürgermeister. Er heißt Helmut Könning, ein zufriedener Mensch im grauen Anzug, Anfang 50. Nach der Lebensqualität in seiner Gemeinde befragt, sagt er, dass es hier jede Menge Sportvereine und zehn Schützenvereine gibt, bei einem ist er der Vorsitzende. Seit drei Jahren ist Könning Bürgermeister, als sein Amtsvorgänger in den Ruhestand ging, wurde "die Aufgabe an mich herangetragen". Der Rest scheint eher eine Formsache gewesen zu sein, die CDU hat hier traditionsgemäß die absolute Mehrheit. Es klingt, als sei Kommunalpolitik eine Art Fortsetzung des Schützenvereins mit anderen Mitteln.

Auf die Frage, wo er seine Stadt in zehn Jahren sieht, sagt Könning, es wäre schon schön, wenn alles so bliebe, wie es ist. Nicht, dass es nicht das eine oder andere zu verbessern gäbe, die Umgehungsstraße muss ausgebaut werden, demnächst will die Gemeinde Fahrradwege zum Fluss anlegen, und im neuen Gewerbegebiet warten Grundstücke darauf, dass sich Firmen ansiedeln. Das sind so die Probleme. Wer mit Helmut Könning redet, bekommt ein Gefühl dafür, was es bedeutet, wenn eine Gegend in sich selbst ruht: "Wir sind hier eine stark katholische Region, die Kirchengemeinde gibt es seit 1200 Jahren." Es klingt fast, als sei seit damals nichts Wesentliches passiert.

Aber das täuscht natürlich. In Wirklichkeit haben sich die Menschen in Stadtlohn vieles ausgedacht, um ihr Leben vor den Umbrüchen und Veränderungsschocks im Rest der Welt zu schützen. Man könnte sagen, sie haben im Detail alles Mögliche verändert, damit sich im Großen und Ganzen nichts verändern muss. Neue Geschäftsideen wachsen hier leise, unauffällig und erfolgreich.

Früher hat Erich Picker Gülle-Silos verkauft. Seit 21 Jahren vertreibt er Häcksler, die Holzreste zu sogenannten Pellets klein schreddern, und automatische Verbrennungsanlagen, die statt Öl diese Holz-Pellets in ihren Kesseln verfeuern. Das einzige Problem, das er derzeit hat: Die Geschäfte laufen zu gut, zu viele Aufträge, seine Leute kommen nicht hinterher. Langsam wird es eng auf seinem Werksgelände, und weil er Ende 50 ist und seine Firma Döpik Umwelttechnik in fünf Jahren an seinen Sohn übergeben will, hat er keine Lust, noch mal umzuziehen.

In Nordrhein-Westfalen ist er Marktführer, rund 2000 Groß-Heizanlagen hat er in den vergangenen zwei Jahrzehnten verkauft. So eine Anlage kostet, je nach Größe und Komplexität, zwischen 30 000 und 150 000 Euro. Und weil Pickers Leute die Anlage warten, verdient er auch nach dem Verkauf noch an ihnen. Was anderen Leuten Sorgen macht, macht Picker gute Laune, steigende Ölpreise zum Beispiel. Sie sind gut für sein Geschäft. Andererseits sind auch sinkende Ölpreise nicht schlecht. Denn die werden ein paar lästigen Konkurrenten die Umsätze verderben, die in letzter Zeit vom Handel mit Öl-Heizanlagen auf Holz-Heizungen umgestiegen sind. "Wir können gut einen kleinen Abschwung verkraften. Wir sind schuldenfrei, und der Lagerbestand ist mehr als eine Million Euro wert."

Picker ist ein hochgewachsener Mann, dem die Sätze in breitem westfälischem Dialekt behaglich und mit leichtem Spott aus dem Mund rollen. Die Frage nach dem Gewinn des Vorjahres beantwortet er mit einem wohligen Grinsen: "Jooo ..., das weiß ich jetzt gar nicht ..." 20 Mitarbeiter beschäftigt sein Unternehmen, im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 7,5 Millionen, und dieses Jahr scheint dem Chef auch keine großen Sorgen zu machen. "Wer in den schlechten Zeiten nicht durchhält, ist in den guten Zeiten nicht dabei", sagt Picker, und weil er dabei so gut gelaunt grinst, klingt der Spruch wie das Geheimnis seines Erfolges. Würde er keine Heizanlagen verkaufen, wäre er halt mit etwas anderem wohlhabend geworden.

Seine erste Anlage hat er an ein Hotel in Stadtlohn verkauft, damals war auch das Nürnberger Unternehmen, das die Heizanlagen baut, noch in den Anfängen. "Die hatten damals zwei Mitarbeiter, heute sind es 200", sagt Picker. Der Hersteller und Pickers Vertrieb sind parallel gewachsen. In den ersten Jahren waren die meisten seiner Kunden Holz verarbeitende Betriebe, die dank der Anlagen mit ihren Abfällen die Werkhallen beheizen und Entsorgungskosten sparen konnten. Inzwischen installiert Picker die Heizungen in Schulen, Kirchen, Ställen, Hotels und Verwaltungsgebäuden. Geiz ist für Picker nicht geil, im Gegenteil. "Wir machen es nicht über den Preis, wir sind mit unseren Anlagen immer bei den Teuersten. Was wir bieten, sind Service und Sicherheit, das ist unser Vorteil", sagt der selbstbewusste Mittelständler. "Wir kommen aus der Weiterentwicklung gar nicht raus, und weil wir das schon so lange machen, haben wir viel Erfahrungswissen, was man in keinem Buch nachlesen kann." Picker beschäftigt EDV-Leute, Maschinenbaumeister, Ingenieure. Er selbst "ging acht Jahre zur Volksschule, das war alles, da gab's nicht mal Englisch", sagt er entspannt. Sein nächstes Projekt hat einen lateinischen Namen: Miscanthus, zu Deutsch: Elefantengras. "Das ist ein schnellwachsendes Gras mit großem Brennwert, das pflanzt man einmal an, dann kann man das 20 Jahre lang ernten", schwärmt Picker. "Damit machen sich die Kunden unabhängig von den steigenden Holzpreisen. Wir werden hier ein Energieland - Mais, Biomasse, Holz, Miscanthus." Krise? Von wegen.

Das gibt's noch: Hier findet so gut wie jeder Hauptschulabgänger eine Lehrstelle

In Stadtlohn fühlt sich das Leben an wie in der alten, bequem gepolsterten Bundesrepublik, eine Mischung aus behaglichem Wohlstand, Einfallsreichtum und jeder Menge Arbeit. Die Arbeitslosigkeit liegt bei sieben Prozent, es gibt 6300 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze und 216 Langzeitarbeitslose. Vor drei Jahren waren es noch 319, und auch über einen längeren Zeitraum ist die Zahl der von Transferzahlungen des Sozialstaates Abhängigen zurückgegangen.

Hier haben auch Hauptschulabgänger eine gute Chance auf eine Berufsausbildung, eine Weichenstellung fürs Leben, von der viele ihrer Altersgenossen in Berlin oder Mecklenburg nur träumen können. Den laufenden Haushalt kann die Gemeinde komplett aus den Einnahmen finanzieren, die Pro-Kopf-Verschuldung liegt bei überschaubaren 900 Euro pro Bürger. Auf Menschen, die in den Krisenregionen Ostdeutschlands, in Berlin oder den deindustrialisierten Regionen des Ruhrgebiets leben, müssen diese Statistik und die Lebensverhältnisse, die sie dokumentiert, wie eine Nachricht aus einem märchenhaften Paralleluniversum wirken. Und auch die Klagegesänge, die der deutschen Wirtschaft angesichts der Globalisierung und der ausländischen Billiglohn-Konkurrenz den baldigen Untergang vorhersagen, wirken in Stadtlohn ein wenig seltsam.

Die Firma Sondermaschinenbau Günther Wensing hat ihre Werkhalle ein paar Hundert Meter von Erich Pickers Döpik entfernt errichtet. Sie stellt komplizierte Maschinen her, vor allem Streckbieger für Aluminiumprofile, mit denen Zulieferer für die Automobilindustrie von der Stoßstange bis zur Zierleiste alles Mögliche produzieren. Weil die Firma hoch spezialisiert ist und von der Konstruktion über die Elektronik bis zur Herstellung alles selbst macht, sind Arbeitsplatzverlagerungen in Billiglohn-Länder kein Thema. Als sich der Maschinenbauer vor einiger Zeit Teile aus Ungarn zuliefern ließ, war das Angebot zwar "konkurrenzlos billig", aber der Bedarf an Nacharbeit "enorm", erzählt Juniorchef Jens Wensing. Es war eine Erfahrung, die er nicht unbedingt wiederholen will.

Globalisierung bedeutet für Wensing, dass der Absatzmarkt gewachsen ist. Die Stadtlohner liefern ihre Spezialmaschinen für den Automobilbau in den Iran und nach China. Bisher sind Raubkopien aus Asien noch kein Thema, dafür sind die Maschinen zu komplex. "Aber natürlich wissen wir, dass das eine Gefahr für uns ist", sagt der Juniorchef. Das klingt aufmerksam und vorsichtig aber es ist weit von der Panik entfernt, die unter der Parole "Die Chinesen kommen" durch die Medien geistert. Die Firma hat ein gutes Jahr hinter sich, und 2007 dürfte dank eines Großauftrags für eine 1,7 Millionen Euro teure Kunststoffpresse auch nicht schlecht werden. Derzeit erwirtschaften 30 Mitarbeiter einen Jahresumsatz von drei Millionen Euro. Die Margen sind in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft - die Automobilzulieferer reichen den Kostendruck, unter den ihre Kunden sie setzen, an den Maschinenbauer weiter. "Das können wir nur durch Umsatzwachstum ausgleichen", stellt Wensing fest, "bisher ist uns das gelungen."

Der Möbelhersteller Hülsta fertigt ausschließlich im Münsterland - und fährt gut damit

In einer anderen Gewichtsklasse als Pickers Unternehmen bewegt sich der Möbelhersteller Hülsta, mit 1470 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in der Region. Der Name der vor 45 Jahren eingetragenen Marke zeugt von Heimatverbundenheit. Er besteht zur Hälfte aus dem Namen der Eigentümerfamilie Hüls und den ersten Buchstaben des Standortes Stadtlohn: Hüls-sta. Das Unternehmen ist bodenständig geblieben, gefertigt wird ausschließlich in Stadtlohn und zwei Werken in der näheren Umgebung. Das ist alles andere als selbstverständlich. Der Branchenführer Schieder aus Herford zum Beispiel hat einen Großteil seiner Produktion nach Polen verlagert. Dort arbeiten inzwischen 9000 der 11 000 Schieder-Beschäftigten. In der Möbelindustrie sind deutschlandweit in den vergangenen sechs Jahren mehr als 45 000 der damals 150 000 Arbeitsplätze abgebaut worden - ein Drittel. Hülsta baut Beschäftigung auf, im vergangenen Jahr hat das Unternehmen 60 Mitarbeiter neu eingestellt. Dem Unternehmen geht es gut, es wächst deutlich stärker als der Markt - im vergangenen Jahr um 8,8 Prozent auf einen Umsatz von 297 Millionen Euro.

Es sieht so aus, als wäre bei Hülsta in den vergangenen Jahrzehnten alles beim Alten geblieben: Der Produktionsstandort, das gehobene Marktsegment, die Eigentümerstruktur - Hülsta ist bis heute komplett im Besitz der Gründerfamilie. Möglich wurde diese beruhigende Kontinuität, weil sich das Unternehmen permanent modernisiert und erneuert hat. Es hat sich in unendlich vielen Details verändert, vom Design bis zur Produktionstechnik - um im Kern unverändert zu bleiben.

Bernd Göbel, der Sprecher der Geschäftsführung, ist einer der Männer, die diesen Prozess gesteuert haben, ein erfrischend unprätentiöser Mensch, der den Erfolg der Firma unverschnörkelt analysiert. "Als ich vor 29 Jahren bei Hülsta anfing, war das Münsterland von der Möbel- und Textilindustrie geprägt. Die Nähereien sind abgewandert, erst nach Süd- und Osteuropa, dann nach China. Die Möbelindustrie ist hier bis auf unser Unternehmen weggebrochen. Die anderen Unternehmen haben keine eigenständige Markenpolitik betrieben", erzählt er. Hülsta investiert seit Eintragung der Marke kontinuierlich hohe Beträge in Werbung und Verkaufsförderung - im vergangenen Jahr 6,9 Prozent des Umsatzes. In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe das Unternehmen insgesamt mehr als 300 Millionen Euro in die Markenpflege gesteckt, berichtet Göbel. Das hat sich gelohnt: "Wir sind die bekannteste Hersteller-Möbelmarke im deutschen Markt, mit einem Bekanntheitsgrad von mehr als 80 Prozent in der Premium-Zielgruppe."

Natürlich hängt das Überleben der Firma nicht nur am Mar-keting-Etat. Wichtiger ist, dass das Produktsortiment ausdifferenziert und an den sich verändernden Geschmack der Kundschaft angeglichen wurde. "Seit etwa fünf bis zehn Jahren ist das Thema Modernität und Design bei Hülsta immer wichtiger geworden", sagt Göbel. "Die Produkte, die vor zwei Jahrzehnten etwas traditioneller angelegt waren, sind im Design modernisiert oder durch andere abgelöst worden." Mit anderen Worten: bye-bye Schrankwand! Göbel: "Mit dieser Entwicklung haben wir Endverbraucher in neuen Segmenten in Deutschland angesprochen, gleichzeitig haben wir neue Märkte erschlossen, die bei der Nachfrage moderner ausgerichtet sind - zum Beispiel in den Niederlanden, der Schweiz, England." Und dann zählt er die neuen Produktsegmente auf, von Mitnahmemöbeln für kostenbewusste Einsteiger über hochwertige Massivholzmöbel und das "Dining"-Programm bis zu einem neuen Home-Office-Segment.

Auf die Frage, ob es für die Hülsta-Designer und -Entwickler nicht ein Problem sei, ausgerechnet vom Münsterland aus die neuen Trends zu erspüren, sagt Göbel: "Wir fahren in Städte wie Barcelona oder London, wir schauen uns neue Hotels oder Restaurants an, öffentliche Gebäude, Geschäfte, wir führen viele Gespräche, wir versuchen festzustellen, wo geht der Trend hin bei Farben, Materialien, Stoffen, Lederqualitäten, Beleuchtung, Glas. Durch diese Beobachtung und in der Diskussion des Teams versuchen wir, Entwicklungen zu interpretieren, die wir dann auf bestimmte Produktlinien übertragen."

Die Lage in der Provinz ist in diesem Prozess eher ein Vorteil als ein Handicap: "Die Bodenständigkeit des Unternehmens muss man in Verbindung mit der Produktentwicklung sehen. Wenn man in den trendigen Großstädten war und sich dann hier in Stadtlohn zur Entwicklung zurückzieht, kommt man zu einer gewissen Normalität zurück. Wir versuchen, langfristige Trends früher als andere zu antizipieren. Der Trend ist in der Breite mit Sicherheit nicht cool, sondern eher gemütlich. Der Verbraucher will sich zu Hause in seinen Räumen wohlfühlen." Klingt banal. Und ist genau das, was schrille Designer gern vergessen. So wird der Standort in der Provinz zum Filter gegen Design-Autismus. "Ich selbst bin jemand, der immer versucht, Bodenhaftung zu haben, das gilt für das gesamte Unternehmen", sagt der für die Produktentwicklung zuständige Geschäftsführer Göbel. "Unser Ziel ist nicht, etwas zu machen, das für eine kleine Zielgruppe ganz toll ist, aber sich bei Umsatz und Ertrag nicht rechnet. Im Prinzip muss sich jede Produktgruppe wirtschaftlich tragen." Geldfressende Renommierprodukte passen weder zur Unternehmensphilosophie noch zur Marken-Identität. Lieber bringt Hülsta Klassiker auf den Markt. Viele Möbel sind seit einem Jahrzehnt im Angebot. Das Wandschrank- und Regalsystem "Spectrum" verkauft sich seit mehr als 20 Jahren und war 2006 ein erfolgreicher Umsatzbringer. Es sieht so aus, als würde sich die Kontinuität im Unternehmen auf die Produkte übertragen.

Dass Hülsta mit der Produktion nicht in Billig-Lohnländer ausweicht, hat neben der Angst vor Image-Schäden auch produktionstechnische Gründe. "Unsere Stärke ist eine hohe Komplexitätsbeherrschung", sagt Michael Kasteleiner, der technische Leiter des Stammwerkes in Stadtlohn. Die meisten Hülsta-Möbel werden einzeln auf Kundenbestellung gefertigt - mit vielen Variationsmöglichkeiten in der Zusammensetzung der Komponenten und variabel in den Maßen. Für die Produktion bedeutet das, dass sie serielle Prozesse mit großem Variantenreichtum verbinden muss. Die Ausweitung der Produktpalette hat den Prozess zusätzlich kompliziert. Um ihn zu bewältigen, konstruiert Hülsta eigene Maschinen, ein permanenter Veränderungsprozess, der den Standort sichert. "Wenn die Fabriken heute die Struktur von vor 25 Jahren hätten, könnten wir unser Sortiment so nicht herstellen", sagt Göbel. "Wir haben eine hoch technisierte Fertigung, gleichzeitig ist die Arbeit handwerklich anspruchsvoll."

Globalisierung bedeutet für Hülsta nicht Produktionsverlagerung, sondern Markterschließung. "Wir haben im Oktober mit einem Partner im Design-Center New York einen Show-Room eröffnet, in diesem Markt stehen wir in der Anfangsphase." In Russland ist die Weltmarke aus dem Münsterland schon weiter. Seit dem vergangenen Jahr hat Hülsta eine Repräsentanz in Moskau, die russische Oberschicht beschert ihr jährlich Umsätze in Millionenhöhe. Auch in Japan verkauft Hülsta Möbel, und um sich im chinesischen Markt vorzutasten, unterhält das Unternehmen seit zwei Jahren einen Show-Room in Schanghai. Bernd Göbel: "Wir stellen fest, dass in Japan oder China bestimmte Produkte, die als Luxus-Güter betrachtet werden, durchaus nachgefragt werden. Das beobachten wir derzeit deutlich in Moskau. Und das wird auf Dauer auch in Hongkong oder Schanghai funktionieren."

Stadtlohn sieht immer noch verschlafen aus. Eigentlich hat sich hier kaum etwas verändert. Aber der Heizanlagen-Verkäufer Erich Picker freut sich, wenn die OPEC wieder mal mit Preiserhöhungen droht. Der Spezialmaschinenbauer Jens Wensing hat Billiglohn-Länder kennengelernt und festgestellt, dass sie keine Option für ihn sind.

Und in der Chefetage des Möbel-Herstellers Hülsta denken sie schon mal darüber nach, ob nach China vielleicht Indien in einigen Jahren ein schönes Absatzgebiet sein könnte. -