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Wir können auch ............... anders!

Die besten Arbeitnehmer sind gar keine: Hochqualifizierte machen sich zunehmend selbstständig, Angestellte fordern mehr Freiräume. Selbst und ständig über seine Arbeitskraft zu entscheiden ist kein Stigma mehr. Eine neue Initiative gibt der Unabhängigkeitsbewegung Rückenwind.




"Traut nicht dem Pferde, Trojaner! Was immer es ist, ich fürcht' die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen." Vergil (Aeneis)

1. Der Spaßverderber

Wer kennt ihn nicht, den dummen Spruch, der gern auf Abrisskalendern und billigen Spaß-Schildern zu finden ist, die sich manche Leute an die Bürowand pappen: "Wer viel arbeitet, macht viele Fehler, wer nichts arbeitet, macht keine Fehler."

Wenn das wahr wäre - die deutsche Arbeitsmarktpolitik dürfte sich makellos nennen.

Laut Prognosen geht die Zahl der Arbeitslosen auch weiterhin zurück. Der Jahresdurchschnitt an Arbeitslosen wird demnach von 2006 auf 2007 um 800 000 Personen - auf 3,7 Millionen sinken. Und im nächsten Jahr darf die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg nochmals mit dem Verlust einiger Kunden rechnen: Nicht mehr als 3,3 Millionen Arbeitslose, so die Prognose des verlässlich konservativ rechnenden Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), werden 2008 das Budget belasten. Es geht wieder voran, ein wenig: 2007 mit einem Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent, im Jahr darauf immer noch mit 2,5 Prozent. Das ist der alte Zauber der Zahlen.

Nach Dauerdepression kommt sogar die Binnenkonjunktur in Gang - man wird es niemandem verübeln können, wenn darauf mal ein Gläschen gekippt wird. Doch Sozialpolitiker und Verbandsfunktionäre haben mit kleinen Dosen nichts am Hut. Große Flaschen lieben den großen Schluck aus der ganz dicken Pulle. Aus der langen Flaute, die Deutschland selbst verschuldet hat, haben sie nichts gelernt. Reformen? Mehr Flexibilität, mehr Autonomie für den Einzelnen, damit der sich selbst helfen kann? Keine Rede davon.

Aber keiner wird sagen können, er habe es nicht gewusst. Die DIW-Konjunkturforscher legten den guten Nachrichten eine ernste Mahnung bei: Niemand möge davon ausgehen, dass sich die konjunkturelle Erholung nach 2008 auf den Arbeitsmarkt auswirken werde. Langzeitarbeitslose, die sogenannten Strukturopfer, bleiben, wo sie sind. Und ihre Zahl wird nicht kleiner. Im Grunde weiß jedes Kind, dass Wirtschaftswachstum heute nicht mehr zwangsläufig zu mehr festen Arbeitsplätzen führt. Wie steht es um die Alternative? Wie geht es der Selbstständigkeit? Haben wir was dazugelernt? Nutzen wir die Atempause der wirtschaftlichen Entwicklung, um alte Fehler nicht zu wiederholen? Lernt das Land?

2. Besser als nichts

Auf den ersten Blick fällt die Antwort enttäuschend aus. Was der aktuelle Gründungsreport der KfW Bankengruppe (Kreditanstalt für Wiederaufbau) in Sachen Gründung und Selbstständigkeit zu vermelden hat, bestätigt eher das Gegenteil: alles wie gehabt in Sachen Selbstständigkeit. Deutschland hinkt hinterher. Nur 1,1 Millionen Menschen haben sich im Jahr 2006 für eine selbstständige Existenz entschieden, etwa 200 000 weniger als im Jahr zuvor. Und auch diese Zahl trügt: Der überwiegende Teil dieser Gründer ist nur nebenberuflich selbstständig. Mit weniger als 450 000 Vollgründern liegt die echte deutsche Gründerquote damit bei 0,86 Prozent - der niedrigste Wert seit dem Jahr 2000.

Wer nun meint, daran gebe es nichts zu meckern, schließlich gelte vor allem "Hauptsache Arbeit" - der irrt mehrfach. Selbstständigkeit ist kein Selbstzweck. In ihrem Windschatten profitieren die "abhängig Beschäftigten" in hohem Maße. Im Jahr 2005 - bei 1,3 Millionen neuen Selbstständigen - wurden nach Angaben der KfW zusätzlich rund 800 000 Angestellten-Jobs durch Gründer und Selbstständige geschaffen. Im Jahr 2006 hingegen waren es nur noch etwas mehr als eine halbe Million. Selbstständige sind der Nukleus von Unternehmensgründungen, die wiederum neue Arbeit und neue Mitarbeiter mit sich bringen. Bei weniger Gründungen flacht sich dieser Effekt ab. Weniger Selbstständigkeit bedeutet auch Ungemach für die Mehrheit, die sich zu den Unselbstständigen rechnet - sicherheitshalber, wie man gern sagt.

Das aber ist nicht das einzige Problem: Wer heute gründet, sagen die KfW-Experten, versteht sich meist als "Notgründer", als jemanden, der gerade keinen festen Job abbekommen hat. Ein rundes Viertel dieser Leute wird sich spätestens nach zwei Jahren wieder ins Heer der Arbeitslosen einreihen, die eine abhängige Beschäftigung suchen. Nicht mal eine außergewöhnlich gute Konjunktur kann aber für diese Arbeitskräfte einen positiven Effekt garantieren. Genauso wenig wie die Verknappung an Fachkräften, die durch die demografische Entwicklung entsteht, an der Erwerbslosigkeit dieser Gruppe etwas ändert: Gesucht werden nämlich Hochqualifizierte, diejenigen Leute, die die KfW-Arbeitsforscher als "höheres Humankapital" bezeichnen. Die Festanstellungsangebote des klassischen Arbeitsmarktes sind für weniger Qualifizierte ein Danaergeschenk - ein trojanisches Pferd. Ein bisschen gute Konjunktur wiegt die Ängstlichen in Sicherheit. Doch dann, es dauert nicht lange, springt der alte Systemfehler aus dem Gehäuse: Arbeitslosigkeit. Alter. Abstieg.

3. Der Ausstieg der Guten

Der KfW-Gründungsreport berichtet aber auch von der wahren Trendwende der Arbeit, davon, wohin die Reise geht: "Tendenziell neigen Personen mit besseren formalen Qualifikationen und damit höherem Humankapital überdurchschnittlich stark zu Gründungen." Wer sich seiner Qualifikation bewusst ist, wer Leistung und Eigenverantwortung übernehmen will, entscheidet sich immer häufiger für die Selbstständigkeit. Auch und vor allem deshalb, schreiben die KfW-Forscher, weil sich selbstbestimmte Arbeit in den engen Karrierekorridoren der Unternehmen nicht mehr denken lässt. Und auch weil viele gelernt haben, dass sie selbst die Früchte ihrer Arbeit genießen wollen - statt ihre Karriere dem Wohlwollen einer starren Hierarchie zu überlassen. Solche Lebensläufe zeigen, wie albern die Begriffe der alten Arbeitswelt geworden sind. Es geht nicht darum, angestellt zu sein oder nicht; es geht darum, selbstständig und selbstbestimmt zu arbeiten. Das ist der Preis, den jeder verlangt, der sein Können richtig einschätzen kann.

Zeiten der eigenen unternehmerischen Tätigkeit folgen Projekte mit Arbeitsvertrag, denen wiederum eine selbstständige unternehmerische Tätigkeit folgen kann. Dafür haben Soziologen den diskriminierenden Begriff des "brüchigen Lebenslaufs" erfunden, brüchig, weil solche Leben nicht in die Berechnungen von Rentenanstalten und Regierungen passen. Doch Verträge und überholtes Recht können nicht regeln, was die Wirklichkeit nicht vorsieht. Selbstständig ist jeder, der das begriffen hat.

Der Wirtschaftswissenschaftler Rolf Sternberg verfolgt diese neue Klasse und ihre Normalität seit vielen Jahren ganz genau. Seit mehr als einem Jahrzehnt legt der Professor mit seinem Global Entrepreneurship Monitor das Zeugnis für entwickelte Volkswirtschaften vor. Haben sie sich in Sachen Anpassung an den Wandel bewährt? Fördern sie die Autonomie und Flexibilität ihrer Bürger? Oder beharren sie darauf, dass derlei nur eine Bedrohung darstellt?

Und: Kann es sein, dass die alte Arbeitswelt wiederkommt? "Ich glaube das wirklich nicht", sagt Sternberg. "Da wird gerade etwas Wichtiges verwechselt: Der alte Fordismus, zu dem der scheinbar sichere Job auf Dauer gehört, ist Vergangenheit. Das kommt nicht wieder, auch nicht in einer abgewandelten Version, wie das manche heute glauben. Niemand kann Deutschland in die sechziger Jahre zurückholen." Doch gleichzeitig warnt Sternberg davor, den Spielraum, der sich durch die Veränderung ergibt, nicht zu nutzen. "Es gibt immer mehr Leute, die ihre Freiräume verlangen und nutzen. Und sie setzen das ohne Zweifel auch durch", sagt er.

Der Ausbau von Mitarbeiterbeteiligung, hochautonome Arbeitsplätze, an denen Mitarbeiter eigenständig und ohne hierarchische Zwänge entscheiden, was zu tun ist, also praktische Selbstständigkeit, sie schreitet auf allen Ebenen voran. Umso problematischer, sagt Sternberg, sei es, dass dieser klare Trend zu mehr Selbstständigkeit in der Arbeit "kulturell und normativ beharrlich ignoriert wird. In den Schulen spielt Selbstständigkeit weder als Erwerbsform noch als Lebensziel eine Rolle. Das führt zu einer grotesken Entwicklung, denn tatsächlich werden immer mehr Leute selbstständig im eigentlichen Sinne, entscheiden also selbst über ihre Arbeit und ihren Erfolg." So läuft das Bewusstsein der Wirklichkeit hinterher. Selbstständige sind drauf und dran, auch in der Gesellschaft eine Führungsrolle, eine Vorbildfunktion zu erreichen. Doch kaum jemand bemerkt das im Deutschland von heute.

In anderen Ländern, nicht nur in den USA, ist das ganz anders. Für Sternberg sind es vor allem die einst durchaus staatsgläubigen Nationen Niederlande und Dänemark, die einen enormen Wandel in Sachen Selbstständigkeit durchgemacht haben. Am Beispiel Dänemark zeigt sich der Zusammenhang zwischen einem gründlich reformierten Staat, der fit ist fürs 21. Jahrhundert, und dem positiv besetzten Leitbild Selbstständigkeit besonders deutlich: Die Jahre der Flaute nutzte Dänemark gezielt für einen Komplettumbau seines sozialen Systems, das nach wie vor als eines der besten der Welt gilt.

Das starre Arbeitsrecht, das sehr ähnlich aussah wie das, was Deutschland heute noch gegen seine wirtschaftliche Entwicklung in Anschlag bringt, wurde abgeschafft. Es ist kein gesellschaftliches Stigma, oft den Job zu wechseln: Phasen als Unternehmer und als Angestellter wechseln einander ab. "In diesen Ländern hat niemand davor Angst, etwas Eigenes zu machen. Und das ist bei allen wichtigen Fragen der Ausbildung und der Förderung von Selbstständigkeit - die allerwichtigste Tugend, um erfolgreich zu sein: Diese Länder haben ein gutes Selbstbewusstsein. Ihre Bürger sagen sich: Ich kann es. Das ist das optimale Werkzeug", sagt Sternberg.

4. 20 Prozent plus!

Es gibt Leute in Deutschland, die sich von der beschämend niedrigen Gründerrate nicht aus dem Konzept bringen lassen. Sie glauben daran, dass das, was sie selbst als ihre Lebenswirklichkeit erfahren haben, auch für viele andere Gültigkeit haben wird: dass Selbstständigkeit nichts Schlechtes ist, sondern die wichtigste Waffe gegen Abhängigkeit und für das Recht, das zu tun, was man für richtig hält. Kein falsches Leben also. Solche Leute haben einen Namen, zum Beispiel Michael Kroheck, Helge Thomas, Frans Louis Isrif, Ralph Wagner, Andreas Thoma, Kathrin Möntenich, Martin Kaiser, Christopher Jaumann und Reiner Rösener. Sie haben in Heidelberg den Verein 20prozent e. V. gegründet:

"Der Verein 20prozent e. V. ist die unabhängige und freiwillige Interessenvertretung sowie der Zusammenschluss von zukunftsorientierten selbstständigen Menschen in Deutschland, die sich zu Unternehmertum und Selbstständigkeit sowie die daraus erwachsende wirtschaftliche und soziale Verantwortung bekennen." So lautet der erste Satz der Statuten. Das Ziel des Vereins besteht in der Förderung der Selbstständigenquote in Deutschland - 20 Prozent soll es bis 2020 geben. Das entspricht in etwa einer Verdopplung der derzeitigen Zahl an Selbstständigen im Land. Kroheck und seine Kollegen sind keine wilden Visionäre, sondern im Gegenteil ganz cool drauf, wenn es um die Frage geht, ob so ein ehrgeiziges Ziel erreichbar ist: "Natürlich. Wir haben uns hingesetzt und überlegt, wie es weitergeht mit der sogenannten Normalbeschäftigung - und es sieht einfach schlecht aus." Eine Konsequenz daraus ist für die Vereinsgründer, dass die Selbstständigenrate stark ansteigen wird.

Die Heidelberger haben die Idee für diese Initiative aus der Praxis geboren. Der Berater Michael Kroheck und einige seiner Vereinsmitglieder beraten seit Jahren arbeitslose Führungskräfte. "Das sind Leute, die auf jedem Arbeitsamt zu hören kriegen: Für Sie können wir leider nichts tun." Seit 2002 gibt es in Bonn im Rahmen der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit ein Projekt namens "Phoenix". Hier engagieren sich Kroheck und Konsorten als Berater, Coaches, als Unternehmer, die den aus dem Arbeitsleben ausgestoßenen Managern und Führungskräften aus ihrer Praxis berichten. "Wir lehren Selbstständigkeit", sagt Michael Kroheck dazu trocken. Und lobt die Einsicht einiger führender Verantwortlicher in der Bundesagentur für Arbeit, die lange Jahre als verkrustete Verwaltungsbehörde galt. Seit einigen Jahren aber hat sich die Nürnberger Behörde gewandelt. Unter dem Management von Frank-Jürgen Weise wurde das Bewusstsein dafür geschärft, dass Arbeitsvermittlung nicht mehr wie gewohnt das Anbieten von abhängiger Beschäftigung ist. So weit es die engen Grenzen der von den politischen Parteien argwöhnisch beäugten Behörde zulassen, wird die Vermittlung von Selbstständigkeit als zukunftstaugliche Alternative zur alten Praxis angesehen.

Aber was heißt das eigentlich - Vermittlung von Selbstständigkeit? Es geht darum, erzählt Kroheck, die Leute dazu zu bringen, ihr Wissen und ihr Können unternehmerisch umzusetzen. Nicht zu warten, dass die Vergangenheit wiederkommt. Sich klarzumachen, dass man nicht abhängig ist von anderen, ihre Befehle und Anordnungen nicht braucht, um gute Arbeit zu leisten. Das klingt ziemlich vernünftig, ist aber im deutschen Arbeitsalltag selbst Führungskräften immer noch fremd. Dort, wo man glaubt, dass autonome Entscheidungen getroffen werden. Im Management.

Gut 2000 hoch qualifizierte Manager nehmen die Dienste der ZAV pro Jahr in Anspruch, die Spitze des Eisbergs. Davon melden sich 300 Leute für das Phoenix-Programm an. Mehr als 60 aber kann das Projekt nicht verkraften. Nach Eignungstests, die in Zusammenarbeit mit der Universität Tübingen erstellt wurden, erhalten diese fünf Dutzend Neustarter ein wochenlanges Intensivtraining. "Da sind Menschen dabei, die bis vor Kurzem noch 200 000, manche sogar 500 000 Euro pro Jahr verdient haben", sagt Kroheck. "Es sind leitende Ingenieure, Betriebsleiter, Controller, Vorstände - querbeet durch die oberen Etagen. Jeder von ihnen hat gehört, dass er nicht mehr in das Unternehmen passt, für das er arbeitet." Wissen, Können und Erfahrung zählen in der alten, starren Arbeitswelt nicht mehr, weiß Kroheck: "Man sagt ihnen: , Sie sind leider überqualifiziert.' Oder man kündigt ihnen, weil sie zu alt sind." Da gebe es Leute, die sich für ihren Mutterkonzern im Auslandseinsatz "den Arsch aufgerissen haben", gute Zahlen lieferten - und trotzdem abgesägt wurden. "Ohne Rückfahr-Ticket", sagt der Trainer. Illoyal, könnte man sagen.

Oder leitende Angestellte, die schon vor ihrem 40. Geburtstag nicht mehr in die hippe Welt, die von Marketingleuten gezeichnet wird, passten und gehen mussten. Nicht weil sie schlecht gearbeitet hätten. Nein, sie sahen in dem Environment irgendwie nicht gut genug aus. Für diese Leute, sagt Kroheck, "klingt es wie Hohn, wenn ihnen jemand erzählt, dass die Wirtschaft nach erfahrenen Spitzenkräften sucht. Sie haben selbst erlebt, wie hohl diese Phrase immer noch ist." Als Kroheck und seine Kollegen bei Phoenix begannen, lag das Durchschnittsalter der betreuten Manager bei 52 Jahren. Das war 2002. "Heute sind die Leute im Schnitt 46 Jahre alt. Wir haben einen Manager dabei, der 36 Jahre alt ist - und seinem Konzern zu alt war für den Job."

Doch all die schlechten Erfahrungen mit der alten Arbeitswelt - ein anderer Begriff für das schöne deutsche Wort Abhängigkeit - haben noch lange nicht die Wende in den Köpfen der Betroffenen ausgelöst. Die Wende, sich selbst wichtiger zu nehmen als die Anordnungen von oben.

Berater wie Michael Kroheck, der eine Zahl erfolgreicher Gründungen hinter sich hat, lehren diese Menschen Selbstständigkeit - und stoßen auf Barrieren im Kopf: "Es geht überhaupt nicht um Qualifikation - es geht vielfach um Bewusstsein. Die meisten haben nicht einen einzigen Menschen in ihrem Bekanntenkreis, der selbstständig ist. Und sie hören, wenn sie sagen, dass sie sich selbstständig machen wollen, nur Bedenken: Schaffst du das? Hast du dir das gut überlegt?", sagt Kroheck. Dennoch schaffen 70 Prozent der Phoenix-Teilnehmer den Sprung in die Selbstständigkeit und werden Unternehmer.

Helge Thomas, Vereinsmitglied und Unternehmer, kennt gar nichts anderes als das, was er angestellten Managern beibringt -Selbstständigkeit also. "Dazu braucht man keinen Businessplan, sondern einfach ein paar Grundvoraussetzungen: eine Geisteshaltung, die Lust darauf, etwas Eigenes anpacken zu können und sich nichts vorschreiben zu lassen." Auch wenn Thomas bei 20prozent e. V. für mehr Selbstständigkeit auch als Erwerbsform kämpft, ist der Begriff für ihn nicht an Formalia gebunden: "Es ist ganz egal, ob man selbstständig oder angestellt ist - wir arbeiten vor allem dafür, dass die Leute das Handwerkszeug und das Bewusstsein kriegen, dass es besser für sie ist, wenn sie selbst über ihr Leben und ihre Arbeit entscheiden. Es geht um Menschen, die sich ihren eigenen Rahmen stecken können." Die Manager, denen der Berater begegnet, "sind äußerst diszipliniert, wenn es darum geht, zu tun, was andere ihnen auftragen - aber sie sind nicht gewohnt, sich selbst etwas aufzutragen", sagt Thomas. Nüchtern betrachtet geht es also um Freiheit. Das ist eine Sache, die fast so gut ist wie das Glück.

5. Wir können auch anders!

Unterdessen üben sich die Macher in allerlei pragmatischen Dingen. Zum Beispiel wird ein "Ideengenerator" zunächst sechsmal pro Jahr eine offene Messe für Gründerideen bieten. Hunderte von Geschäftsideen sollen dabei von den Teilnehmern entwickelt werden und können von Gründungswilligen umgesetzt werden. Vorerst finden die Ideengeneratoren in den deutschen Großstädten statt: Hamburg, München, Stuttgart, Frankfurt, Berlin und Dresden. Was dabei herauskommt, wird auf einem Internetportal für Mitglieder dokumentiert. Gleichzeitig sollen Unternehmer und Selbstständige, die bereits erfolgreich arbeiten, als Paten für die neuen Geschäftsideen fungieren (siehe auch "Ernten und säen" ab S. 122).

"Wir wollen damit auch Mut machen, dass sich die Leute trauen, ihre Vorstellungen und Ideen auszusprechen und sich Partner zu suchen", sagt Kroheck. Eine Job-Börse ist vorgesehen, die Projekte für freie Mitarbeiter vermittelt. Und ein Einkaufs-Pool, in dem Vereinsmitglieder preiswert Büromaterial einkaufen können, in denen es auch für kleine Gründer die Konditionen geben soll, die bis heute nur Großkunden bekommen. Dazu haben die Heidelberger schon einen Partner gefunden, die Firma Office Depot, die zu Europas größten Anbietern für Bürowaren zählt. All das hilft im Alltag weiter, macht es leichter, selbstständig zu sein. Normaler auch. Und das ist das Ziel. Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstbestimmheit, weil der Einzelne auch über sein eigenes ökonomisches Schicksal bestimmt. Und nicht mehr bestimmt wird. Es ist die letzte, die vergessene Emanzipation, um die es hier geht: die wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Thomas glaubt, dass die Förderung der Selbstständigkeit als Erwerbsform "enorme Auswirkungen auf den Gesamtzustand der Gesellschaft haben wird. Wenn wir eine kritische Masse an Leuten haben, die zeigen, dass sie nicht mehr täglich von Arbeitslosigkeit bedroht sind, die nicht mehr rausgedrängt werden können, weil sie älter als 40 sind oder einfach nicht in die theoretischen Schemata von Konzernen passen - dann wird das alle angehen und alle anstecken: jeden Angestellten, jeden Arbeiter." 2020 und doppelt so viele Selbstständige weiter - sagt er, das kann eine ganze Gesellschaft verändern.

Klar, sagt sein Kollege Michael Kroheck. So wird es kommen. So sicher, dass sich der Verein 20prozent sogar einen festen Zeitpunkt für seine Auflösung gewählt hat. Am 31.12. 2020 endet seine Tätigkeit. "Dann haben wir es geschafft, dann braucht uns niemand mehr", sagt Kroheck ganz selbstverständlich, ganz selbstbewusst, wie sich das für jemanden gehört, der Selbstständigkeit nach vorn bringen will: "Dann wissen die Leute: Wir können auch anders. Und besser noch dazu." -

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siehe auch:
Was wurde aus ... 20prozent e.V.?
(vom 31.10.2007)
Informationen: www.20prozent.org