Die Trüffelschweinzüchter

Für die Selbstständigkeit braucht man Talent, Gespür und Vorbilder. Sind Universitätsprofessoren dafür die richtigen Lehrmeister?




- Der Rapid Prototype sieht aus, als habe man es wirklich verdammt eilig gehabt: Ein paar Sperrholzlatten formen einen großen Quader, in dessen Inneren hinter einem Duschvorhang drei Bierbänke stehen, auf denen eine fleckige Matratze und alte Kissen liegen. Ist es eine Hundehütte? Eine Gefängniszelle? Nein, der Verschlag, der zwischen Stanz- und Fräsmaschinen in einer Werkstatt in Garching bei München steht, ist der erste Prototyp einer modernen Schlafkabine. Fünf solcher Kabinen sollen demnächst auf dem Flughafen München für müde Umsteiger zum Nickerchen bereitstehen - dann aber aus stabilem Plastik, mit einer schicken Liege, professioneller Lichttechnik und einem Kreditkarten-Slot. Wenn alles gut läuft, wollen die Studenten, die sich "Easysleep" ausgedacht haben, bald auch auf anderen Flughäfen ihre Schlafkabinen vermieten.

Ideen wie diese findet man viele im "Unternehmertum", einem Institut der Technischen Universität München. Ihre Erfinder sprechen schnell und mit Begeisterung von Prototypen, Marktpotenzialen und Break-even-Points. Sie haben keine Visitenkarten, aber viel Energie und tragen eher Jeans und Hemd als Anzug und Krawatte. Sie gehen für ihre Gründung mit mehr Geld um, als sie selbst jemals besessen haben, und sehnen sich nicht nach Urlaub, sondern nach Arbeit. Sie müssten müde sein - sind aber hellwach. So wie die Erfinder von Easysleep.

Oder die Jungs von der Bellpepper Mobile AG. Auch sie hatten eine Idee, die eigentlich auf der Hand liegt - wenn man sie erst mal hat. Sie vermarkten ein Handy namens "TwinBell", das zwei SIM-Karten gleichzeitig akzeptiert: eine wunderbare Erfindung für Menschen, die einen privaten und einen beruflichen Anschluss parallel in einem Mobiltelefon nutzen wollen. Neben der Begeisterung verbindet die Macher von Easysleep und TwinBell sowie andere Gründer, die in dieser Geschichte noch auftauchen werden, zweierlei: Zum einen entwickelten sie ihre Geschäftsideen an einer Universität, in diesem Fall in einem Businessplan-Seminar, mit dem sie auch Leistungsnachweise für ihr Studium sammeln konnten. Und zum anderen standen sie der Selbstständigkeit bereits recht offen gegenüber, bevor sie von der Hochschule das Handwerkszeug für eine Gründung vermittelt bekamen. Das wirft die Frage auf: Können Professoren in Seminaren und Vorlesungen Selbstständigkeit lehren? Und wenn ja: wie?

Die Suche nach Antworten führt zu drei Professoren, die es wissen sollten: Günter Faltin von der Freien Universität Berlin hat als einer der wenigen Professoren für Entrepreneurship selbst ein Unternehmen gegründet und groß gemacht. Professor Reinhard Schulte unterrichtet Gründungsmanagement an der Leuphana-Universität Lüneburg, die laut einer Studie der Universität Regensburg die "gründungsfreundlichste" Uni in Deutschland ist. Und Lambert Koch ist Professor für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung an der Bergischen Universität Wuppertal, die als eine der wenigen deutschen Hochschulen zwei Gründungsprofessuren unterhält. Zugleich ist Koch der erste Vizepräsident des Förderkreises Gründungs-Forschung (FGF), in dem sich deutsche Entrepreneur- und Gründerprofessoren austauschen.

Mehr als 50 solcher Professuren sind in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland entstanden. Internationale Studien zeigen, dass die "Entrepreneurship Education" an Hochschulen unternehmerische Grundhaltungen und Fertigkeiten fördern kann. Um allerdings auf US-Niveau zu kommen, müsste es nach Berechnungen des FGF bundesweit rund 120 Entrepreneurship-Professuren geben. "Außerdem haben einige Gründungslehrstühle hierzulande bisher eher eine Alibifunktion - sie werden eingerichtet, weil das jetzt Mode ist", sagt der Wuppertaler Professor und FGF-Vize Lambert Koch. "Gut ein Drittel dieser Lehrstühle werden an ihrer Uni nicht richtig eingebunden." Das Entrepreneurship-Lehrangebot der deutschen Hochschulen ist zwar deutlich gewachsen, was auch daran liegt, dass private Geldgeber die Angebote fördern. Die Unternehmerin Susanne Klatten finanziert zum Beispiel das "Unternehmertum" in München; den Lehrstuhl des Lüneburger Professors Schulte haben regionale Firmen gestiftet. Doch viele Hochschulen stecken noch in der Start-up-Phase.

Der Selfmademan

Wer wissen will, was sich hinter Günter Faltins "Labor für Entrepreneurship" verbirgt, kann in die Berliner Niedstraße fahren und dort neben großen hölzernen Teekisten und einem Regal voller Teepackungen in einem der gemütlichen Korbstühle Platz nehmen. Der Tee steht da nicht zufällig: Faltin hat 1985, nachdem er bereits acht Jahre an der Freien Universität Berlin als Professor für Wirtschaftspädagogik gelehrt hatte, die Teekampagne gegründet - ein Unternehmen, das Darjeeling-Tee nicht, wie sonst üblich, in kleinen Packungen und über Zwischenhändler vertreibt, sondern in Großpackungen zum günstigen Preis direkt aus Indien an die Verbraucher. "Als Professor ein Unternehmen zu gründen galt damals als völlig verrückt. Das Umfeld an der Uni war fast schon militant anti-unternehmerisch", erzählt Faltin. "Aber ich war angetreten, an der Uni anders Ökonomie zu lehren. Ich wollte unternehmerische Qualifikation vermitteln. Und dazu wollte ich selbst Unternehmer werden."

Faltin war einer der Ersten, die hierzulande mit den Konventionen an der Universität brachen. Er hatte, inspiriert von Joseph Schumpeter, Henry Ford und Andrew Carnegie, Ökonomie studiert und an der Uni erlebt, wie "ein spannendes Gebiet totgeschlagen und daraus ein stöhnend langweiliges, mit Mathematik durchsetztes Fach gemacht wurde". Anders als in der Medizin, wo man zwar beim Leichnam anfange, sich aber am Ende mit lebendigen Patienten beschäftige, habe er den "lebendigen Unternehmer" im Studium nie zu Gesicht bekommen.

Auch heute sei das selten anders. "Bildung ist nach wie vor eine Veranstaltung, in der es im Großen und Ganzen darum geht, einen Wissenskanon weiterzugeben", sagt Faltin. "Das hat Tradition, aber es ist das Gegenteil von dem, was man bräuchte, um Unternehmer hervorzubringen: Das Unternehmerische ist immer das Neue, das nicht in den Lehrbüchern steht und nicht in den Köpfen der Professoren steckt. Und dieses Neue lernt man nicht an der Universität." In Deutschland sei das Studium zu verschult und die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung zu akademisiert. Die Mehrzahl der wenigen Dozenten, die Entrepreneurship unterrichteten, hätten selbst nie ein Unternehmen gegründet. Das sei, wie wenn jemand versuche, einem anderen beizubringen, über ein Hochseil zu laufen - ohne es je selbst versucht zu haben.

Erfahrung ist für Faltin mehr wert als Forschungserfolge und Publikationen. "Der Entrepreneur ist wie ein Trüffelschwein, das eine gute Nase haben muss, um die Trüffel unter der Erde zu finden", sagt er. "Und es steht nicht im Lehrbuch, wo die Trüffel sind. Im Lehrbuch steht die Theorie der Trüffel - aber um sie praktisch zu finden, braucht man Gefühl, Instinkt, ein Gespür." Faltin glaubt zwar, dass jeder diese Fähigkeiten entwickeln kann. Aber er bezweifelt, dass Hörsäle der richtige Ort dafür sind: "Weder von den Inhalten, die dort weitergegeben werden - denn das bekannte Wissen ist nicht das, mit dem ich immer erfolgreich bin. Noch von der Form, in der sie vermittelt werden. Statt auf verschultes Lernen müssen die Universitäten auf Self-Directed-Learning setzen. Sie müssen kleine Besessene ausbilden, die hinter einer Idee her sind, nicht Schüler, die nachbeten, was im Curriculum steht."

Um einen Eindruck davon zu gewinnen, was der Berliner Professor anders macht, braucht man nur seine Geschichte von der Teekampagne zu hören und deren Folgen zu sehen. In Faltins Labor stehen inzwischen neben seiner Original-Darjeeling-Packung rund 30 weitere, ähnlich große Schwarzteepackungen anderer Teehändler im Regal - Nachahmungen, die zeigen, dass sein Konzept funktioniert hat. Nach eigenen Angaben ist das Unternehmen heute das größte Teeversandhaus der Republik.

Die Teekampagne ist ein Musterbeispiel für Faltins Methode "Funktion statt Konvention", die, wie er sagt, die "powervollste" der sieben Techniken ist, die der Professor angehenden Gründern vermittelt. "Viele Dinge sind wegen einer Konvention, wie sie sind. Meist hat diese Konvention einen guten Grund: Möbel wurden lange fertig verkauft, weil man glaubte, Laien könnten sie nicht zusammenbauen. Und Tee wird in kleinen Packungen verkauft, weil man so mehr Sorten anbieten kann", sagt Faltin. "Aber genau diese Konventionen gilt es zu hinterfragen, um die Dinge neu zu denken. Kann man Möbel vielleicht auch verkaufen, wenn man sie zum Selberbauen anbietet, wie Ikea es gemacht hat? Und ist Tee in Großpackungen vielleicht günstiger?"

Tatsächlich sind in Faltins Labor schon einige Unternehmen entstanden, die mit ihren Geschäftsideen gängige Konventionen brechen. Ein Mitarbeiter hat die Firma Raitodrink gegründet, die Apfelsaftkonzentrat zum Selbermixen vertreibt. Und einer seiner Studenten entwickelte die e-Buero AG: Sie soll das konventionelle Büro mit Sekretärin durch ein funktionelles, telefonisches Sekretariat ersetzen, das rund um die Uhr erreichbar und dennoch bis zu 90 Prozent billiger ist.

"Wer von den Funktionen statt von den Konventionen ausgeht, dem kann es gelingen, echte Innovationen zu entwickeln", sagt Faltin. Auch wenn das Ergebnis meist erstaunlich einleuchtend wirke, gehe ihm gewöhnlich ein langer Denkprozess voraus. "Es geht nicht in erster Linie um Geschwindigkeit", sagt Faltin, "sondern darum, eine originäre neue Idee zu entwickeln, ein ausgereiftes Ideenkonzept, gewissermaßen ein Ideenkunstwerk." Für Faltin ist der Unternehmer eher ein Künstler als ein Betriebswirt, der nicht notwendigerweise "in seinem Unternehmen" arbeite, um sich etwa um kaufmännische Dinge zu kümmern. Er müsse vielmehr "an seinem Unternehmen" arbeiten.

In Faltins Labor fällt der Blick sofort auf eine eindrucksvolle Skulptur aus Metall. Ein kleiner Stuhl, an dessen Lehne eine Stange mit Gewichten angebracht ist, steht auf einem dünnen Pfosten auf einem Bein. Es sieht aus, als müsste der Stuhl jeden Moment umfallen, doch die Gewichte balancieren ihn aus. Und wenn das Stuhlbein doch versagen sollte, kommt er immer noch auf einem der anderen drei Beine zum Stehen. Für Faltin ist diese Skulptur eine Metapher. "Ein gutes Business-Modell muss Stöße aushalten können", sagt er und verpasst der Skulptur einen Stoß. "Das ist es, was ich mit den Studenten mache: Wenn die glauben, ihre Idee sei fertig und sie könnten mit der Umsetzung und der Kapitalsuche beginnen, fange ich an. In der Diskussion tasten wir uns an das heran, was man aus der Idee herausholen kann, damit aus ihr ein Konzept wird, das Angriffe der Konkurrenz aushält."

Dies also ist Faltin live. Man kann sein Labor aber auch im Internet besuchen und sich auf der Website in eine Diskussion einschalten, etwa mit einem Gründer, der seine Geschäftsidee der virtuellen Konferenzen präsentiert. Wer am Bildschirm die Diskussion verfolgt, sieht, wie Günter Faltin die Idee mit Fragen systematisch abklopft, als wolle er das Gerüst aus dem Gleichgewicht bringen.

Der Networker

Vom zwölften Stock des Gebäudeteils "M" der Bergischen Universität Wuppertal sieht die Welt unwirklich düster aus, geradezu bedrohlich. Dunkle Nebelschwaden hängen über den Hügeln, die die Stadt umgeben, kleine Regentropfen kleben an den Fenstern des Hochhauses. In Raum 22 haben sich einige Jungunternehmer zusammengefunden, die es mit der Welt da draußen aufnehmen wollen. Zwei Designer, die ein neues Verfahren ausgeklügelt haben, um digitale Fotos nach bestimmten Vorgaben in großen Bilddatenbanken zu finden. Ein Ingenieur und ein Betriebswirt, die mit ihrer "Wavescape Technologies" Lärm mit Gegenschall neutralisieren wollen. Zwei gänzlich unterschiedliche Ideen - und doch verbindet die Gründer etwas: Ihre Ideen nehmen sie völlig ein und fesseln auch den, dem sie davon erzählen. Irgendwann sagen die vier, dass sie die Selbstständigkeit schon gereizt hat, bevor sie überhaupt wussten, womit sie sich selbstständig machen könnten.

Mit in der Runde sitzt Lambert Koch, Professor für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung in Wuppertal. Koch redet schneller als Faltin. Er wählt die Worte routiniert präzise, wirkt akademischer und weniger idealistisch als der Berliner Professor. Die Unterschiede der beiden zeigen sich auch in ihren Publikationen: Faltin hat jüngst eine Broschüre verfasst mit dem Titel "Erfolgreich gründen - Der Unternehmer als Künstler und Komponist". Auf knapp 60 Seiten leitet er aus Beispielen wie der Teekampagne Empfehlungen ab und zitiert unter anderem die Body-Shop-Gründerin Anita Roddick mit den Worten: "Wäre ich auf eine Business School gegangen, hätte ich nie ein Unternehmen gegründet." Koch dagegen ist Herausgeber des "Jahrbuchs Entrepreneurship", einem 350 Seiten starken Standardwerk, in dem etwa das Thema "gründungsspezifische Schlüsselkompetenzen" detailliert ausgeleuchtet wird.

"Bestimmte Grundfähigkeiten müssen vorhanden sein, um als Existenzgründer infrage zu kommen. Man muss etwa eine kreative Idee verfolgen können", sagt Lambert Koch. "Sind diese Fähigkeiten vorhanden, können wir mit einem guten, konsequenten, langfristig angelegten Unterricht den Studenten das nötige Handwerkszeug für die Selbstständigkeit vermitteln."

Das Handwerkszeug unterteilt Koch in drei "Kompetenzarten". Die Fachkompetenz, die sich zum Beispiel mit Finanzierung und Marktanalysen beschäftigt. Die Methodenkompetenz, die dabei helfen soll, Probleme in der Praxis zu lösen. Und schließlich die Sozialkompetenz. "Gerade als Gründer, der anfangs oft Mädchen für alles ist, muss man mit ganz unterschiedlichen Typen zurechtkommen. Mit Ingenieuren, die auf die Idee fokussiert sind. Mit Geldgebern, denen man übersetzen muss, was eigentlich Sache ist. Und mit Leuten im Vertrieb, die das Produkt an den Mann bringen sollen."

Auch wenn Koch Entrepreneurship anders lehrt als Faltin, gibt es durchaus Überschneidungen mit dem Berliner Professor. "Das Thema Gründung muss ganz anders präsentiert werden als traditionelle Inhalte", sagt Koch. "Wir setzen deswegen auf ein sehr starkes Interaktionsverhältnis. Die Lernenden sollen tun und machen, sie müssen Eigeninitiative entfalten. Wenn man Entrepreneurship und Unternehmertum unterrichten will, sollten die Studenten auch etwas unternehmen können." Oder um es in Faltins Vokabular zu sagen: Die Lehre soll sich an ihrer Funktion orientieren, nicht an bestehenden Konventionen.

Aber auch Koch ist kein Traditionalist. Seine Studenten gehen in Businessplan-Seminaren echte Gründungsvorhaben an oder simulieren mit einer speziellen Software, wie es ist, sich selbstständig zu machen - sei es mit einem Fahrradladen oder mit einem Biotech-Unternehmen. In Rollenspielen proben sie Gespräche, in denen sie zum Beispiel Risikokapital für ein Startup einwerben müssen. Und schließlich konfrontieren die Wuppertaler ihre Studenten mit Gründern aus der Region - in dem weitläufigen Netzwerk gebe es sehr unterschiedliche Unternehmertypen, sagt Koch. "In der Entrepreneurship-Didaktik nennen wir das , Team Teaching': Die Praktiker beschreiben Einzelfälle, die anschaulich und authentisch sind. Und als Wissenschaftler kann man den Studierenden helfen, die Fälle analytisch einzuordnen."

In diesem Fall schade es auch nicht, wenn der Lehrende selbst noch keine Firma gegründet habe. "Genau wie ein Arzt nicht jede Krankheit gehabt haben muss, mit der er sich befasst, braucht ein Professor mit Gründungsschwerpunkt nicht unbedingt selbst gegründet zu haben", sagt Koch. "Aber wie der Arzt sich mit jeder Krankheit befasst haben sollte, bevor er zu heilen versucht, sollte der Professor die Praktiker kennen." Ein Problem sei es dagegen, wenn der Lehrende ausschließlich die Praxis kenne und immer wieder die eigene Geschichte erzähle.

"Wir trainieren gewissermaßen die Talente und machen sie neugierig", sagt Koch. Ziel sei allerdings nicht, dass sich die Studenten am Ende ihres Studiums unmittelbar selbstständig machten. Man produziere auch potenzielle Gründer, die die Selbstständigkeit als Alternative im Hinterkopf mit sich herumtrügen. Sie könnten sich auch noch Jahre nach dem Berufseinstieg selbstständig machen - mit dem Handwerkszeug und dem Wissen, das die Universität ihnen einst vermittelt hat.

Der Talentscout

Heiko Henck ist ein freundlicher Mann mit einem Verkäuferlächeln. Er wirkt betriebsam und clever. Er nennt sich, nicht ohne Stolz, einen "Mehrfachgründer". An der Wand seines Büros hängt eine große Deutschlandkarte mit bunten Punkten, die zeigen, wo seine Kunden sitzen. Es sind zu viele Punkte, um sie zu zählen. Im Regal steht eine gerahmte Urkunde, die er in einem Gründerwettbewerb gewonnen hat. Wenn man Henck trifft, bekommt man das Gefühl, Unternehmen zu gründen mache Spaß. Eine seiner Firmen vertreibt bundesweit spezielle Werbemittel für Geldinstitute, eine andere verkauft Softwaresysteme, die parallel Bildschirmübertragungen und Telefonkonferenzen ermöglichen.

Henck erzählt seine Gründergeschichte gerne den Studenten im Gründungsplanungsseminar der Leuphana-Universität Lüneburg. Es ist trotz des Firmenerfolgs keine Bilderbuchgeschichte. "Wir haben anfangs unterschätzt, wie lange es dauert, ein Produkt reif für den Markt zu machen", sagt er. "Und selbst wenn man ein tolles Produkt hat, muss man es noch an den Mann bringen. Am Anfang wird einem oft die Tür vor der Nase zugeschlagen." Gleichzeitig trage man Verantwortung für die Mitarbeiter und müsse den Banken bei jeder Krise Rede und Antwort stehen. "Bis man etwas verdient, können viele Jahre vergehen, in denen man sich aufopfern muss."

Henck nimmt teil am "Team Teaching", das der Wuppertaler Professor Koch für essenziell hält. Und er ist für die Studenten in Lüneburg einer der "lebendigen Unternehmer", die der Berliner Professor Faltin in seinem eigenen Studium vermisst hat. Wenn man Selbstständigkeit lehren will, das scheint festzustehen, gehört es dazu, das Seminar aus der Universität ins Unternehmen zu verlagern und Studenten mit Unternehmern wie Henck zu konfrontieren - auch wenn deren Betrieb nur eine Handvoll Mitarbeiter zählt, Höhen und Tiefen hinter sich hat und Produkte vertreibt, die auf den ersten Blick eher unspektakulär erscheinen, dafür aber eine bestimmte Nische perfekt ausfüllen.

"Wenn die Studierenden so jemanden erleben, hat das einen starken Illustrationswert und Ansteckungseffekt", glaubt Reinhard Schulte, der Lüneburger Professor für Gründungsmanagement. Die Konfrontation mit der Realität der Selbstständigen prägt seine Lehre: Er setzt auf Projektseminare, in denen Probleme aus der Praxis theoretisch aufgearbeitet werden, etwa in einem Beratungsprozess für Firmengründer. "In solchen Seminaren wird nicht in jeder Sitzung ein Referat gehalten, bei dem die anderen einschlafen", sagt Schulte. "Die Studenten setzen sich mit dem Klienten auseinander und schreiben für ihn einen Beratungsbericht. So merken sie, dass sie mit ihrem Wissen tatsächlich etwas anfangen können." Außerdem müssten sie ihre Arbeit aufteilen und zwischenmenschliche Konflikte meistern. Schulte: "Das sind Erfahrungen, wie man sie später als Selbstständiger immer wieder erlebt."

Stellen wir uns eine Skala vor, an deren linkem Ende die Absicht steht, aus Studenten Gründer mit möglichst gut durchdachten Innovationen zu formen, und am rechten Ende das Ziel, möglichst viele Studenten mit dem Thema Selbstständigkeit vertraut zu machen. Auf dieser Skala stünde Günter Faltin sicherlich weit links. Schulte hingegen würde man eher rechts einordnen: Er versucht, möglichst vielen Studenten an der Universität Lüneburg die Selbstständigkeit als Alternative zur abhängigen Beschäftigung aufzuzeigen.

Im Wintersemester findet an seiner Hochschule zum ersten Mal das sogenannte Leuphana-Semester statt, das für alle Studienanfänger in Bachelor-Studiengängen verpflichtend ist. Wer in dem Semester die wirtschaftswissenschaftliche Einführungsvorlesung von Reinhard Schulte besucht, wird zwangsläufig mit dem Thema Gründung konfrontiert. "Damit werden wir in Zukunft so ziemlich jeden Studienanfänger erreichen", hofft der Professor. Dahinter steckt aber weniger der Gedanke, man könne jedem Studenten die Selbstständigkeit beibringen. Im Gegenteil: "Wir können nicht Unternehmertalente herbeizaubern und zurechtkochen. Aber wir können helfen, die richtigen Leute auszuwählen und weiterzubringen", sagt Schulte. "Schließlich sehen viele anfangs gar nicht, dass sie das Talent haben, ihr eigener Chef zu sein." Jahrelang hätten die Universitäten solche Talente schlummern lassen - in Lüneburg will man sie nun wecken.

Die Entrepreneurship-Entrepreneure

Wenn man sich am Ende dieser Geschichte die drei Professoren in Berlin, Lüneburg und Wuppertal als Entrepreneure vorstellt, die Selbstständigkeit und Unternehmertum an den Mann bringen wollen wie Heiko Henck seine Software oder das Team von Easysleep seine Schlafkabinen, stellt man fest, dass ihre Businesspläne und Erfolgsrezepte einige Ähnlichkeiten haben. Im Produktportfolio setzt jeder Professor auf Konfrontation mit "lebendigen Unternehmern" - etwas, das vor Jahren gegen alle akademischen Konventionen verstoßen hätte, aber gut funktioniert. Wer selbst kein Unternehmer ist, holt sich die Praktiker ins Haus - alle glauben, dass Theorie allein nicht ausreicht.

Doch während der eine Professor seine Studenten vor trockener BWL möglichst bewahren will, bieten die anderen auch Veranstaltungen zu Finanzierung und Marketing an. Während der eine an die große Kraft von Ideen und Konzepten glaubt, setzen die anderen auch auf ein Netz aus Dozenten, Beratern und Praktikern. In einem sind sich allerdings alle einig: Ihre potenzielle Zielgruppe sehen sie in den Studienanfängern, die schon eine gewisse Offenheit für Existenzgründungen und eine Neigung zur Selbstständigkeit mitbringen - auch wenn sie selbst davon möglicherweise noch gar nichts wissen. Neugierige sollen es sein, die versteckte Gelegenheiten erkennen und zutage fördern. Wie Trüffelschweine eben. -