Glücklich sind die Amateure

Der Amateur hat dem Profi etwas voraus: Er kann sich aussuchen, was er tut. Sein einziges Kriterium ist die Leidenschaft. Und die kann ihn weit bringen.




- Dieser Mann ist gefährlich. Ein Muskelpaket, das seelenruhig eine Zwei-Zimmer-Wohnung demoliert. Er reißt die Badewanne aus der Verankerung und wirft sie aus dem Fenster. Er zerlegt die Möbel und brüllt dabei wie ein fröhlicher, mordlüsterner Primat. Affektkontrolle ist nicht sein Ding. Das müssen später zwei Kinder büßen, die er in einem Wutanfall ins Jenseits befördert. Dass ihm dabei 800 Leute zusehen, stört ihn nicht, im Gegenteil. Denn der Mann steht auf der Bühne eines großen Theaters und spielt eine Rolle in dem Stück "Medea". Aber vielleicht spielt er auch nur sich selbst. Zumindest kann man nicht ganz sicher sein, dass dieser Mann nur spielt. Im Dunkeln möchte man ihm lieber nicht begegnen.

Der Mann heißt Frank Büttner und ist kein Schauspieler, jedenfalls kein professioneller, auch wenn er seit zehn Jahren regelmäßig in einem der größten deutschen Theater auftritt, der Berliner Volksbühne. Doch eine Schauspielschule hat der 47-Jährige nie besucht: Er kam als Fan zum Theater, lernte dort Leute kennen, und weil er Ausstrahlung hat und eine markante Erscheinung ist, fragte ihn der Regisseur Frank Castorf irgendwann, ob er mal mitspielen möchte.

Büttner lispelt, berlinert und spielt nur Rollen, zu denen er Lust hat. Wenn er mit Stars wie Sophie Rois oder Henry Hübchen auf der Bühne steht, ist der Amateur ein Fremdkörper, allerdings ein spannender. Dass er den Beruf nie gelernt hat, als Schauspieler keine Technik beherrscht und nur Figuren spielen kann, die zu ihm passen, gleicht er durch etwas aus, das man an keiner Schauspielschule lernt: Ausstrahlung. "Lispeln und berlinern gehört zu meiner Biografie. Warum soll ich mir das abtrainieren?", sagt der selbstbewusste Amateur.

Im Alltag macht Büttner etwas ganz anderes: Er arbeitet als Therapeut mit entlassenen Strafgefangenen, von denen viele wegen Gewalt- oder Sexualstraftaten verurteilt worden waren. "Wenn es gut läuft, kann man bewirken, dass diese Leute sich selbst besser kennenlernen und darüber ein anderes Verhalten entwickeln", sagt Frank Büttner. Als Bewährungshelfer begleitet er Straftäter, die aufgrund der Schwere ihrer Tat nach der Haft eine Führungsaufsicht bekommen haben. Es geht um Hilfe und die Vermeidung von Rückfällen, nicht um nette Gespräche. "Mein erstes Bestreben ist es, den Kontakt zu dem Menschen herzustellen. Wenn er mich anlügt, versuche ich zu verstehen, was hinter der Lüge steht. Ich würde mich immer wieder für diesen Beruf entscheiden. Es ist ein echtes Erfolgserlebnis, wenn jemand irgendwann ein bürgerliches Leben führt." Es gibt aber auch das Gegenteil: Einer der Straftäter, die Büttner betreut hat, wurde rückfällig. "Das ging mir sehr nahe", sagt er, "und stellte meine Arbeit für einen Moment massiv in Frage."

Die Leidenschaft interessiert sich nur für das, was sie befriedigt

Dass Büttner bei seiner Arbeit nicht langsam ausbrennt, hat, so sagt er, viel mit dem Theater zu tun. In seinen Gesprächen als Therapeut muss sich Büttner auf andere Menschen konzentrieren und sich dabei permanent kontrollieren. "Wenn ich arbeite, versuche ich, meine Person so weit wie möglich draußen zu lassen. Das hat etwas Einsames, weil man nicht wirklich in einen Dialog tritt. Man versucht, den anderen zu öffnen, bleibt als Person aber selbst verschlossen. Diese Arbeit hinterlässt oft ein Gefühl der Leere."

Im Theater geht es um das Gegenteil - und damit ist es für ihn enorm wichtig. "Das Theater hilft mir, ein sinnvolles Leben zu führen, mit mir selber und meinen Gefühlen in Kontakt zu sein. Es stabilisiert mich. Im Theater kann ich Geschichten, die ich von meinem Klienten kenne, loswerden. Zum Beispiel in Gewaltsituationen, die ich auf die Bühne bringen und ausleben kann." Kein Wunder, dass Büttner immer wieder kriminelle Randfiguren spielt, latent gefährliche Eckensteher und maulfaule Schlägertypen. Privat ist er das Gegenteil solcher Finsterlinge: ein offener und gut gelaunter Mensch, dem Momente von Verbitterung oder Resignation meist vollkommen fremd zu sein scheinen.

Während der sieben Wochen, in denen ein Stück geprobt wird, geht Büttner nach der Arbeit zur Abendprobe, die bis kurz vor Mitternacht dauert. Sein Lebensrhythmus in dieser Zeit ist straff: arbeiten, proben, schlafen. Für die Endproben nimmt Büttner seinen Jahresurlaub. Die Gage hält sich in Grenzen, aber es geht ihm um etwas anderes. Büttner zählt auf: "Man erfährt im Theater viel über sich. Ich erlebe Situationen, mit denen ich im normalen Leben nie zu tun hätte. Im Beruf muss ich für alles allein einen Weg finden, im Theater habe ich einen ungefilterten Austausch mit anderen. Die Therapie-Arbeit ist total von emotionaler Abstinenz geprägt, im Theater kann ich alle Emotionen zulassen. Außerdem wächst man bei dieser Arbeit."

Und wie gehen die anderen Schauspieler mit ihm um? "Ich fühle mich total angenommen und im Ensemble zu Hause", sagt Büttner. "Wenn man mit Profis auf der Bühne steht, merkt man, wie sie um ihre Existenz kämpfen. Und das bringt natürlich eine enorme Kraft." Aber genau das macht auch den Unterschied zum Amateur aus: Für ihn geht es um eine spannende Erfahrung, nicht um die Karriere. Es hat Büttner nie interessiert, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen.

Der Amateur ist das Dementi aller zweckrationalen Logik. Es geht ihm nicht darum, irgendein Ziel zu erreichen, Geld zu verdienen oder am nächsten Karriereschritt zu basteln. Was er macht, ist kein Mittel zum Zweck, sondern selbst ein Zweck. Der Amateur ist ein Liebhaber, der eine Sache um ihrer selbst willen tut. Und dabei wächst, weil er Dinge lernt, die er in seinem Beruf nie gelernt hätte.

Für Markus Stangl war seine Leidenschaft für Schach wichtiger als das Studium. Stangl ist Jurist, 38 Jahre alt und bei dem Münchener Telekommunikations-Dienstleister Telegate für Recht und Personal verantwortlich. Er ist der Personalchef von 3500 Mitarbeitern - und Schachgroßmeister. Stangl war deutscher Blitzschach-Meister, zehnmal deutscher Mannschaftsmeister, er gewann einen Europacup und stand in seiner besten Zeit auf Platz fünf der deutschen Rangliste. Heute liegt er "so um den 70. Platz". Es ist im Schach wie überall im Leben: Fähigkeiten, die man nicht trainiert, schwinden.

Früher hat Stangl acht Stunden und mehr am Tag gespielt, heute ist er nur noch sporadisch in der österreichischen Bundesliga aktiv. Während seines Studiums waren "etwa 70, 80 Prozent meiner Zeit und Energie für Schach reserviert". Er hatte seinen Abschluss trotzdem nach acht Semestern. "Es gibt fast nichts Schöneres, als eine Schachpartie zu gewinnen", sagt Stangl. Aber auch für den Schachspieler hat Leidenschaft mit Leiden zu tun: "Umgekehrt gibt es fast nichts Quälenderes als eine verlorene Partie."

Wenn Markus Stangl, ein nüchterner, freundlicher Mann, über seine Schach-Biografie spricht, klingt es, als sei Schach kein Brettspiel, sondern eher eine Schule des Lebens. Oder ein großes philosophisches Rätsel, das Demut lehrt. "Man trainiert analytisches Denken und lernt mit Niederlagen umzugehen, mit denen man ständig konfrontiert ist", sagt Stangl. "Man lernt, Chancen zu sehen, durchzuhalten und nicht schlappzumachen. Und man entwickelt die Fähigkeit zu kämpfen." Für die Faszination von Schach hat Stangl ein prägnantes Bild: "Zwei Gehirne, die sich gegenübersitzen und ihre geistigen Fähigkeiten messen. Das ist nirgends so extrem wie im Schach."

Wer Schach spielt, lernt in Alternativen zu denken und Entscheidungen zu treffen. Beides sind klassische Fähigkeiten des Managers. "Andere lernen in Seminaren, die Optionen des Gegners ins eigene Kalkül einzubeziehen. Für Schachspieler ist das selbstverständlich", sagt Stangl. "Man denkt im Schach prophylaktisch: Was wäre wenn? Man geht unterschiedliche Handlungsoptionen durch und entscheidet sich dann für einen Zug. Viele Manager kranken daran, dass sie endlos analysieren, Berater hinzuziehen und möglichst gar nicht oder sehr spät Entscheidungen treffen. Im Schach muss man permanent unter Zeitdruck entscheiden. Ich habe dabei gelernt, kalkulierte Risiken einzugehen: Irgendwann muss man ziehen, auch wenn der Zug unter Umständen nicht hundertprozentig der beste und gegen alle Risiken abgesichert ist."

Wer spielt, lernt: kalkulieren, entscheiden - und mal verlieren

Wer Risiken und Komplexität nicht aushält, sucht Hilfe bei einfachen Formeln. Das hält Schachspieler Markus Stangl für falsch, im Leben wie im Management: "Zahlen bilden nicht Risiken und Chancen ab." Es gibt nur Varianten, nicht eine richtige Lösung.

Schachspieler sind stetig lernende Systeme. In jeder Partie wird nicht nur vorhandenes Wissen angewendet - jede Partie produziert auch neues Wissen. "Wenn eine Entscheidung falsch war, wiederhole sie nicht in der nächsten Partie. Doch genau dieses Lernen aus eigenen Fehlern fällt Managern nicht immer leicht", meint Stangl. "Sie werden in Deutschland kaum einen Top-Manager finden, der offen die Liste seiner falschen Entscheidungen benennt. Aber Schachspieler können das. Man lernt aus Niederlagen viel mehr als aus gewonnenen Partien."

Man muss Stangl nach den Lerneffekten beim Schach fragen. Von sich aus würde er über seine Leidenschaft wohl vor allem sagen, dass er am liebsten den ganzen Tag vor dem Schachbrett säße. Die Lernprozesse ergeben sich nebenbei, sie sind kein Ziel. Weil Stangl seine Arbeit im Unternehmen mag, vergleicht er sie manchmal mit einem Schachspiel - ein größeres Kompliment könnte er ihr wohl nicht machen. "Ich bin sicher, dass Denken in mehreren Handlungsoptionen mir in vielen Verhandlungssituationen geholfen hat, gerade als Personalchef und in den juristischen Auseinandersetzungen, die wir zum Beispiel seit Jahren gegen die Deutsche Telekom führen. Darin habe ich mich richtig festgebissen: Es ist mein persönlicher Ehrgeiz, wie früher im Schach, die Deutsche Telekom zu besiegen. Diese Prozesse machen mir einen Heidenspaß."

Markus Stangl wirkt wie ein glücklicher, ausgeglichener Mensch. Eine Leidenschaft gehört für ihn zu einer gelungenen Biografie. "Dem Schach habe ich sehr viel in meinem Leben zu verdanken", sagt er über das Spiel. Zum Beispiel hat er dabei seine Frau kennengelernt.

Nicht alle Amateure haben so intensive Leidenschaften wie der Volksbühnen-Schauspieler Frank Büttner oder Schach-Großmeister Markus Stangl. Klaus-Dieter Holtemayer, ein untersetzter Berliner von Ende 40, trainiert Hunde. Er macht das seit seinem 13. Lebensjahr. Und weil er es nicht allein macht, hat er vor fünf Jahren einen Verein gegründet, den "Hunde-Sport- Club Berlin-Brandenburg e. V.". Was er über seine Hunde sagt, passt zu ihm: "Die Hunde sollen ruhig und ausgeglichen sein." Denn genau so wirkt Holtemayer auch: ruhig und ausgeglichen.

Holtemayer trainiert jeden Tag mit seinen beiden Dobermännern - wenn sie eine Übung beherrschen, kommt die nächste. Gerade hat er einer der beiden Hündinnen beigebracht, durch einen brennenden Reifen zu springen. Normalerweise haben Hunde Angst vor Feuer. "Aber das Vertrauen zu mir ist so groß, dass sie springt, wenn ich das von ihr will", sagt Holtemayer und klingt dabei ziemlich stolz. Sein Erfolgsrezept: "Man muss hundisch können. Man muss die Hunde verstehen. Ohne Liebe zum Hund kann man das gleich lassen." Profilneurotiker und Hundesportler, die ihre Tiere auf Leistung trimmen, um ihr Ego aufzupolieren, will er nicht in seinem Verein. Seine Devise klingt entspannt: "Die Hunde sollen Spaß haben, und wir wollen mit ihnen Spaß haben."

"Der Hund ist ein Rudeltier und braucht eine klare Hierarchie", sagt Holtemayer. Er selbst hat allerdings nichts von dem Klischee des herrschsüchtigen Hundebesitzers, der ohne Tier ein Würstchen ist. Was Holtemeyer an Hunden interessiert, ist nicht, dass er sie herumkommandieren kann, sondern, dass er eine Beziehung zu ihnen hat. "Langweilig ist mir das nie geworden. Man lernt jeden Tag dazu", sagt er. Die Hunde geben seinem Leben einen Rhythmus. Egal, was passiert: Er geht jeden Tag mit ihnen in den Wald und bringt ihnen eine neue Übung bei mit Geduld, hundisch und Hundekeksen als Belohnung.

Klaus-Dieter Holtemayer arbeitet als Hausmeister. Er kennt Hundebesitzer, die mit dem Hundesport anfingen, als sie arbeitslos wurden: Wer Hunde trainiert, erlebt Bestätigung und Lernprozesse. "Mit Hunden umzugehen hilft einem, mit Menschen umzugehen."

Wer etwas mit Leidenschaft betreibt, Hundesport, Theater, Schach oder sonst was, das anderen Menschen nur ein ratloses Lächeln entlockt, entwickelt dabei immer neue Fähigkeiten. Er wächst und lernt, nicht weil er muss, sondern weil ihn seine Leidenschaft zu immer neuen Entdeckungen führt. Das Kostbarste, was ein Amateur besitzt, ist etwas, das vielen Menschen in ihrem Berufsleben fehlt: Interesse. Und er entwickelt etwas, was viele Arbeitgeber bei einem Teil ihrer Mitarbeiter schmerzlich vermissen: Hingabe. Der Amateur hat in seinem Leben eine Sphäre, in der er sich komplett selbstbestimmt bewegt. Er ist als Amateur per se ein freier Mensch.

Robert Lassenius ist Anfang 40 und selbstständiger Architekt, er ist Finne und lebt seit 15 Jahren in Berlin. Lassenius hat mit seinem Bruder Rikard in den vergangenen fünf Jahren einen Animationsfilm entwickelt, gezeichnet und produziert. Die 14 Minuten Film sehen nicht wie ein Freizeitprodukt aus: Die Brüder haben auf professionellem Niveau gearbeitet. 14 Minuten Animationsfilm bedeuten bei 24 Bildern in der Sekunde mehr als 20 000 Zeichnungen. Und jedes Bild besteht aus mehreren Ebenen, aus Hintergrund, Vordergrund, bewegten und unbewegten Elementen. Um eine Minute Film zu zeichnen, brauchte Robert Lassenius etwa einen Monat. Dafür opferte er zweimal den Sommerurlaub. Lassenius: "Ein Urlaub bedeutete: eine Minute Film."

Und dann lernt man in 2000 Stunden Arbeit eine ganze Kunst

Die gesamte Arbeitszeit hat Robert Lassenius nicht berechnet, aber allein das Zeichnen dürfte mehr als 2000 Stunden gekostet haben. Dazu kamen Tage im Tonstudio und bei der Farbkorrektur sowie endlose Versuche, eine Finanzierung auf die Beine zu stellen. Etwa 70 000 Euro kostete die Produktion, inklusive Studiozeit, Computerprogrammen, kleinen Gagen für Schauspieler und Musiker, Postproduktion und Kopierkosten, um das digitale Material am Ende auf eine 35-Millimeter-Filmkopie zu übertragen. Sich selbst haben die Brüder Lassenius nichts gezahlt.

70 000 Euro sind ein Witz für einen professionell gemachten Zeichentrickfilm dieser Länge, aber es ist viel für zwei Amateure. Das Geld haben sich die beiden in den fünf Jahren aus unterschiedlichen Fördertöpfen geholt - ohne die Fördergelder "hätte es wahrscheinlich länger gedauert, und wir hätten den Film nicht so aufwendig gemacht", sagt Robert Lassenius.

"Ich habe schon früher gezeichnet, aber ohne Ehrgeiz. Comics zu machen wäre mir zu aufwendig gewesen", erzählt der Architekt. "Und man braucht ein Ziel - ohne das fängt man nicht an, ernsthaft zu arbeiten." Die Idee, einen Film zu machen, kam von seinem Bruder. Robert Lassenius schrieb das Drehbuch und zeichnete, sein Bruder Rikard, ein Grafiker, sorgte für die Animation der Bilder. Davor wussten beide über Zeichentrickfilme nicht mehr als jeder, der ab und zu die Fernseh-Serie "Die Simpsons" sieht.

Fast alles mussten sie sich selbst beibringen. "Ich habe in den fünf Jahren von Grund auf gelernt, wie man einen Animationsfilm macht. Es gibt Bücher darüber, aber ich habe sie nicht gelesen: Was man sucht, findet man dort sowieso nicht. Das meiste habe ich mir selbst beigebracht. Ein paar Sachen habe ich drei Jahre, bevor sie animiert wurden, gezeichnet. Wenn das dann in der Animation so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat, ist das schön. Einfache Bewegungen, zum Beispiel wenn ein Auto fährt, haben wir am Computer berechnet. Komplizierte Bewegungen, etwa wenn ein Glas umfällt oder ein Auto durch die Luft wirbelt, habe ich mit der Hand gezeichnet." Die Entscheidung für das Genre war pragmatisch: "Einen Animationsfilm kannst du zu Hause machen - du brauchst keine Schauspieler, keine Kamera, keine Lichttechnik."

Der Film ist autobiografisch. Er handelt von der Kindheit der Brüder in Finnland, von ihrem Dachboden, auf dem sie Seeräuber oder Zweiter Weltkrieg spielten, von der Schule und Autofahrten mit den Eltern. "Es ging auch darum, etwas mit meinem Bruder zu machen", sagt Robert Lassenius. "Wir rekonstruierten sozusagen unsere Kindheit: Wie sah die Stadt damals aus, wie unsere Küche? Wir wollten keine spektakuläre Geschichte erzählen."

So wurde es eine sehr persönliche Geschichte, die sie liebevoll und grafisch raffiniert umsetzten. Es ging bei dem Film um keine große Strategie. Robert Lassenius: "Wir hatten kein Profilierungsbedürfnis und keinen Karriereplan. Ich habe nicht gesagt: Okay, ich will jetzt berühmt werden. Es gab keine Analyse, womit wir Erfolg haben könnten." Es ging ziemlich genau um das Gegenteil eines kommerziellen Kalküls: darum, erst einmal für sich selbst etwas Persönliches zu erzählen.

Manchmal will man einfach nur sehen, ob man etwas kann

Ein weiterer Grund für das Projekt: Die Brüder wollten sehen, ob sie das wirklich können. "Vielleicht auch, weil mir die Architektur ein bisschen langweilig geworden war", sagt Robert Lassenius. "Ich habe schöne Gebäude gebaut, aber das Ergebnis ist immer abhängig vom Auftraggeber und hat wenig mit mir selbst zu tun. Bei diesem Film hat uns keiner reingeredet. Es ist eine Ästhetik entstanden, die sich ohne Plan entwickelt hat. Das war toll."

Seine Arbeit als Architekt hat Robert Lassenius nie schlaflose Nächte bereitet der Film schon. "Von dem Film habe ich meine ersten grauen Haare bekommen. Die kamen von den vielen Dingen, von denen man nicht weiß, ob man sie meistern kann, weil man sie zum ersten Mal macht. Aber man arbeitet das stoisch durch, denn es geht doch nicht darum, es sich möglichst leicht zu machen. Das Ergebnis, der fertige Film, soll schließlich erst mal mir selbst gefallen. Am Anfang wussten wir gar nicht, wie viel Arbeit uns bevorsteht. Man fängt an und denkt: Das Gebirge kann nicht höher sein als der Hügel unserer Kindheit. Dann läuft man los und merkt irgendwann, dass der Berg ziemlich hoch ist. Aber man läuft einfach weiter." Irgendwann wollen die Brüder ihren Film bei der Berlinale einreichen.

Das ist der Alltag des glücklichen Amateurs: Er fängt an. Und macht weiter. Solange das Interesse trägt. Und irgendwann hat er einen Film produziert, ist Schachgroßmeister oder Schauspieler an einem berühmten Theater. Dabei lernt er allerlei, von dem er nie etwas geahnt hat. Niemand braucht dieses Wissen. Niemand bezahlt ihn dafür. Niemand hat etwas davon. Niemand - außer ihm selbst. -