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Das geht: Die Wegbereiter

Ihre Stadt soll nicht über die Wupper gehen. Deshalb haben sich Hunderte Wuppertaler zusammengetan und eine Aufgabe übernommen, für die andernorts der Staat zuständig ist: Sie bauen einen Radweg.




- Als Carsten Gerhardt und seine Frau Annette im Februar vor zwei Jahren über die dicht bewachsenen Gleise der vor sich hin gammelnden alten Bahntrasse spazierten, waren sich der Unternehmensberater und die Ärztin schnell einig: Die malerische Strecke, die über Viadukte und durch Tunnel quer durch Wuppertal verläuft, so verrotten zu lassen sei eine Schande. Die beiden litten als eingefleischte Wuppertaler ohnehin am Niedergang der einstigen Industriehochburg und fanden: Als Weg für Radfahrer, Spaziergänger und Inlineskater ausgebaut, wäre die alte Bahntrasse eine Attraktion, eine Chance für die Stadt.

Wuppertal kann Attraktionen gebrauchen, denn Wuppertal schrumpft. Die Stadt hatte einmal 420 000 Einwohner, zurzeit sind es 360 000, und im Jahr 2020 werden es, so die Statistiker, nur noch 333 000 sein. Carsten Gerhardt hat ausgerechnet, dass den Geschäftsleuten dann jährlich 400 Millionen Euro durch die Lappen gehen werden, denn weniger Einwohner bedeuten weniger Kaufkraft. Er befürchtet, dass die Jungen und Gebildeten gehen und eine vergreiste Stadt zurücklassen.

Gemeinsam mit ihrer Stadt zu altern - so haben sich die Gerhardts ihre Zukunft nicht vorgestellt. Vor ihrem Reihenhaus steht eine Kinderschaukel, die Töchter sind vier und zehn Jahre alt. Familie Gerhardt will in einer lebendigen Stadt leben und ist bereit, etwas dafür zu tun. Erst überzeugten die Gerhardts ihre Freunde von den Vorteilen eines Radweges über den Dächern der Stadt, dann gründeten sie einen Verein. Mittlerweile haben sich der "Wuppertal Bewegung", wie die Initiative nun heißt, 450 Mitglieder angeschlossen, es gibt 1000 Spender, Unterstützer und Helfer.

Die Machbarkeitsstudie und die Pläne dafür, wie sie den Radweg gestalten wollen, haben Vereinsmitglieder geschrieben. Sechs Meter breit soll er sein und 20 Kilometer lang. Der Weg soll durch fast alle Wohngebiete der Stadt führen, über mehrere historische Viadukte, vorbei an Schulen und Einkaufzentren. Kosten des Projektes: 12 bis 16 Millionen Euro. Die nötigen Eigenmittel in Höhe von 2,5 Millionen Euro sammelt der Verein für die Stadt und hat sie fast zusammen. Täglich melden sich weitere Privatleute und Unternehmen bei den Gerhardts, weil sie etwas beitragen wollen. Abgeheftet in zwei dicken Ordnern lagern die Spendenzusagen, die bei Beginn der Bauarbeiten eingelöst werden. Nun schreiben die Vereinsmitglieder gemeinsam mit der Stadt die Förderanträge an die EU, die neben dem Land den Rest des Geldes aufbringen soll. Der Verein kümmert sich um den Bau und möchte den fertigen Weg dann in den Besitz der Stadt übergeben.

Der Stadtrat war einstimmig für den Radweg, und Handwerker und Unternehmen unterstützen die tägliche Arbeit des Vereins. Sie sponsern Getränke für Helfer, drucken und versenden Briefe. Sie wollen ihre Stadt aus eigener Kraft herausputzen. "Wir Vereinsgründer sind zum Großteil Ärzte, Physiker oder Ingenieure", sagt Carsten Gerhardt. "Wenn der Radweg fertig ist, werden wir neben der Arbeit kaum Zeit haben, ihn zu nutzen." Ihnen gehe es darum, zu zeigen, dass die Bürger selbst Verantwortung für Wuppertal übernehmen können, ohne gleich nach Hilfe aus dem Rathaus zu rufen. Gerhardt hat in München, Düsseldorf und Sydney gewohnt und ist dann gern in seine Heimatstadt zurückgekehrt. "Hier gibt es viele tolle Ecken", sagt er. "Wir müssen nur etwas daraus machen."

Statt sich im Auto bergauf und bergab in Schlangenlinien durch den Stadtverkehr zu drängen, könnten die Wuppertaler sicher über den ruhigen Radweg ins Büro radeln und viele der schönen Ecken erreichen. "22 000 Schüler besuchen Schulen in unmittelbarer Nähe der alten Bahngleise", sagt Gerhardt. Auch Jürgen Harmke, Pressesprecher der Stadtsparkasse Wuppertal, sieht Potenzial in der Strecke. "Von unseren 34 Filialen in Wuppertal wäre die Hälfte schnell über den Radweg zu erreichen." Als die Bank von dem Projekt erfuhr, sicherte sie der Initiative 250 000 Euro zu. Dafür wird sie, wenn der Weg steht, Namensgeber für ein Viadukt. Ab einer Spende von 5000 Euro dürfen Unternehmen an Banden werben. Privatleute bekommen für 200 Euro eine Metallplakette mit ihrem Namen darauf im Boden des Weges.

Wenn alles glatt läuft, kann der Verein bald erste Plaketten gravieren lassen. "Vielleicht fahren die Radfahrer schon in einem Jahr über den Weg", sagt Gerhardt. Zumindest arbeiten viele Helfer daran. In der Datenbank des Vereins steht, wer was kann: Brückenbauer und Ingenieure prüfen in ihrer Freizeit die Statik der Viadukte. Architekten überlegen, was sich am Wegesrand gastronomisch machen lässt, alle miteinander sammeln Müll entlang der Strecke, fällen Bäume und entfernen Gestrüpp aus dem Gleisbett. "An nur fünf Samstagen haben wir die Strecke weitgehend von Sträuchern befreit und die denkmalgeschützten Viadukte so vor dem weiteren Verfall bewahrt", sagt Carsten Gerhardt. "Wenn die Stadt das in die Hand genommen hätte, hätte sie erst einen Bauzaun und ein Dixi-Klo aufstellen müssen. Das wäre teuer gewesen und hätte vermutlich ewig gedauert." -

Kontakt: www.wuppertalbewegung.de