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Vorwärts, Fremder!

Nichts scheint vertraut, alles ist neu, immer weniger begreifbar. Die Entfremdung breitet sich aus. Wer hat sie eigentlich reingelassen?




1. Die Welt, ein Jammer

Das Ende ist nah, der Untergang unausweichlich, und deshalb könnte man auch alles liegen und stehen lassen. Es gibt kein Entrinnen. Aus. Schluss. Ende. Das ist schrecklich, aber andererseits kein Grund, das Elend nicht aufzuschreiben. Wie gut, dass es Reporter gibt.

Was schreibt unser Reporter? Auf den Straßen und Plätzen versteht man kein Wort mehr. Überall Ausländer, Fremde, die Sprachen sprechen, die die Alteingesessenen nicht verstehen. Ruhe? Das war einmal. Heute herrscht überall brüllender Lärm, Trubel, Chaos und Durcheinander. Bürger, die noch vor kurzem in Sicherheit lebten, in Wohlstand und der Gewissheit, dass das auch für ihre Kinder Gültigkeit haben würde, haben nichts mehr zu melden. Ohnmächtig und hilflos müssen sie zusehen, wie alles sich verändert. Nur einige wenige Neureiche profitieren vom Untergang, sie protzen mit ihren Besitztümern, kennen keine Traditionen und pfeifen auf die anderen. Kein Zweifel: Die Kultur liegt am Boden. Und die Natur? Ach - am besten wär's, man wär' nicht mehr.

In den Städten und Dörfern mieft es, tote Bäume überall, deren Äste sich klagend gen Himmel richten. Wo sich einst satte Weiden erstreckten, ist das Gras nun braun, trocken und verdorrt. Das Wasser ist gelb und trüb. Das Essen eine trostlose Pampe. Die Luft ist verpestet. In diesem Zustand, im Irgendwo zwischen Zusammenfassung und Zusammenbruch, schreibt unser Reporter treffend: Die ganze Menschheit erscheine ihm als "verirrte Herde, die keinen Hirten hat". Da kann man sich eigentlich nur die Kugel geben - vorausgesetzt, man hat eine.

Im Falle unseres Katastrophenreporters ist das unwahrscheinlich. Denn auch wenn die Geschichte klingt wie frisch im Hauptabendprogramm gelaufen oder vom Titelblatt einer Illustrierten gerissen - der Mann, der sie aufschrieb, ist seit gut 4000 Jahren unter der Erde, deren Zerfall er so wortreich beklagte. Die Story, die er hinterließ, wurde von dem Schweizer Ägyptologen Erik Hornung wiederentdeckt. Sie ist typisch für die mentale Verfassung der ägyptischen Gesellschaft der sogenannten Ersten Zwischenzeit. In der Forschung wird diese Stilform Klagedichtung genannt. Bis heute ist sie ein respektierter Zweig der Publizistik geblieben. Das Zetern boomt, wenn die Vernunft versagt - wenn Neues und Fremdes ins Leben der Menschen tritt. Das ist die Stunde der Litanei und des Lamentos: Früher war alles besser, weil bekannter, heute ist alles schlechter, weil fremdartig - oder neu, wie man auch sagen könnte. Zur Tradition gehört es auch, dass aus dem Fremden, dem Neuen, nichts werden kann. Hat man da nicht das Recht darauf zu klagen, bevor man vor lauter Entfremdung in Ohnmacht fällt?

2. Fortschritt

Lasst die Taschentücher stecken. Auch dieses Rätsel der Pyramiden ist keines. Das Geplärre ist uralt, und es führt zu nichts. Was war vor 4000 Jahren geschehen? Das alte Reich der Ägypter hatte einen Kulturschock erlitten, den es selbst verursacht, sogar nach Kräften gefördert hatte. Der Erfolg der ersten Pharaonengeneration war außergewöhnlich. Die Herren am Nil waren gleichsam die Herren der Welt. Das hatte Folgen. Händler, Forscher, Kaufleute und Arbeiter strömten ins Zentrum der neuen Macht. Sie brachten eine Menge Erfindungen und Neuerungen mit, die die Wirtschaft und den Alltag am Nil viel angenehmer machten.

Doch leider vergaß das ägyptische Establishment eine Kleinigkeit: Man nutzte die Verbesserungen, ohne sie zu durchschauen. Man beutete den Fortschritt aus, um schnell besser zu leben - ohne sich selbst mit dem Neuen anzufreunden. Man nahm, aber lernte nicht. Von diesem Punkt an nimmt einen das Schicksal an die Hand. Die, die wussten, wie es geht, übernahmen allmählich die Führung, während die Konservativen immer stärker an Einfluss verloren. Mehr und mehr entglitt ihnen mangels Wissen und Lernwilligkeit die Macht. Der Fortschritt, der Geist, den sie gerufen hatten, war nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen. Ein ganz normaler Weltuntergang also. Schon 2000 Jahre zuvor hatten die Sumerer ähnliche Litaneien in Tontafeln geritzt - seit es die Schrift gibt, wird über Entfremdung gejammert.

Was steckt dahinter? Wir selbst. Entfremdung ist normal, zumindest solange wir denken können. Der Homo sapiens, der moderne Mensch, taucht vor etwa 160 000 Jahren auf. Für die Dauer von elf Zwölfteln dieser Zeitspanne, bis etwa vor 13 000 Jahren, hätte kein zufällig auf die Erde verschlagener Alien einen allzu großen Unterschied zwischen unseren Vorfahren und anderen entwickelten Säugetieren feststellen können. Man lebte in Höhlen und für den Tag, und dass jeder davon der letzte sein konnte, war kein Spruch, sondern hochwahrscheinlich. Der Mensch war Teil der Natur, was sehr hübsch klingt, doch natürlich war das damals gleichbedeutend mit lebensgefährlich und blieb es noch lange. Erst im Neolithikum wurden aus getriebenen Jägern und Sammlern allmählich sesshafte, geordnete und vorausschauende Menschen. Mit neuen Werkzeugen und Methoden beackerte man den Boden, züchtete Vieh und schuf durch ökonomisches Handeln mehr, als man für den eigenen Bedarf im Hier und Heute brauchte. Da blieb Zeit, sich mehr einfallen zu lassen, als nur den Tag zu überleben. Zeit, um das Fremde zu entdecken und es für sich zu nutzen. Der Mensch begann, zu entdecken, zu begreifen und das Begriffene anzuwenden. Mit anderen Worten: die Welt zu verändern. Die Natur ist nicht länger der einzige, brutale Maßstab der Existenz. Die Tempovorschriften der Evolution gelten nicht mehr. Der Mensch drückt auf die Tube, er stellt von nun an die Uhr. Alles, was nach der großen Abfahrt aus der Natur geschah, und das ist alles, was wir wissen, folgte diesem Prinzip von Kultur und Fortschritt.

Das hat zwei Konsequenzen: Die vom Menschen vorangetriebene Aneignung der Natur führt dazu, dass sehr bald niemand mehr weiß, was diese alte Realität wirklich ist. Die Natur wird zur Legende, um die sich zahlreiche Vorstellungen ranken. Je weiter sie vom Leben der Menschen entfernt ist, desto freundlicher, harmonischer, mütterlicher scheint sie. Nichts von dem entspricht der Realität.

Die zweite Konsequenz ist ebenso banal: Irgendwann begreifen die Insassen des Vehikels, das sie sich da gebaut haben, dass sie gar nicht mehr zurückkönnen, dass ein Umkehren unmöglich ist. Damit wird ihnen etwas recht Ungemütliches bewusst: Dass es nur vorwärts gehen kann, dass es keine Umkehr gibt. Es gibt nicht mal eine Bremse. Was kommt, das kommt, wir müssen damit umgehen, ganz gleich, wie es kommt. Das Fremde, das Neue lässt sich nicht verhindern. Der Preis für ein besseres Leben ist die permanente Anpassung an Überraschungen, ans Neue, ans Fremde. Das ist ein Kultur-Gesetz.

3. Begreifen

An Versuchen jedoch, den Lauf der Geschichte umzudrehen, herrschte nie Mangel. Ein junger Mann aus dem Rheinland, Karl Marx, hat den Entfremdungsbegriff sogar zum Ausgangspunkt seiner Ideen gemacht. Marx war ein typisches Kind seiner Zeit. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Zeit extremer Veränderungen. Die französische Revolution hatte die jahrhundertelange Ordnung aufgehoben. Der Einfluss der Religion war gebrochen. Fremd war aber noch mehr: Die Industrialisierung wirbelte in kürzester Zeit das Leben der Menschen völlig durcheinander - den Ablauf des Tages, die Art der Arbeit, die Umgebung, in der sie verrichtet wurde, die Technik, der man sich unterordnete. Die Fabrikarbeit war der größte Umbruch dieser Tage, in dem, wie Marx später im Kommunistischen Manifest schrieb, alles "Ständische und Stehende verdampft". Die Aufklärung bot wenig Trost. Sie hatte die Naturwissenschaften als Ausweg gepriesen. Ihr Leitbild war der schaffende Mensch, der Homo faber, jener Menschenschlag, der seit der großen Weggabelung so viel zustande gebracht hatte - und sich immer weniger in der selbst geschaffenen Welt zurechtfand.

Wie die meisten jungen Menschen damals war Marx Romantiker. Die Romantik war die Leitkultur - vor allem der Deutschen - dieser Zeit. Wie immer, wenn einem etwas zutiefst fremd ist, träumt man sich in eine Scheinrealität. In der Romantik verehrte man das Mittelalter, eine Zeit also, über die man auch heute noch wenig weiß. Der Idealisierung der "guten alten Zeiten" folgte eine Überhöhung der Natur, der alten, längst vergangenen Realität also. Diese Natur schien den Romantikern gut und edel, fern von den Niederträchtigkeiten und Verirrungen der eigenen Lebensbedingungen. Karl Marx schwärmte im ersten Band von "Das Kapital" von dieser tollen Zeit: "In England war die Leibeigenschaft im letzten Teil des 14. Jahrhunderts faktisch verschwunden. Die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung bestand damals und noch mehr im 15. Jahrhundert aus freien, selbst wirtschaftenden Bauern." Diese Verhältnisse, so Marx weiter, hätten einerseits zum "Volksreichtum" des späten Mittelalters in England geführt, andererseits aber auch den ihm verhassten, mit neuen Zeiten und Technologien verbundenen "Kapitalreichtum" ausgeschlossen. Das waren noch Zeiten: Die Menschen begriffen, was sie produzierten, im Wortsinn, und sie besaßen es auch.

In der Fabrik war das anders, völlig anders: "Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber", schreibt Marx 1844 in Paris. Der Arbeiter besitzt die Waren nicht, die er erzeugt. Er begreift oft nicht mal, wozu die in kleine Arbeitsschritte aufgeteilte Arbeit nützlich ist. Was er in der Lohnarbeit tut, die der Industriekapitalismus mit sich bringt, ist andauernde Entfremdung. Die Arbeit, bis zu diesem Zeitpunkt untrennbarer Teil des Lebens, wird so zu einer "äußeren Existenz", die vom Arbeiter "unabhängig" und "fremd" existiert. Dieses Dasein tritt dem Arbeiter in der Fabrik wie "eine selbstständige Macht gegenüber (...) feindlich und fremd".

4. Der G-Punkt

Bei Marx gibt es einige Dinge, die kaum zu bezweifeln sind: Etwa, dass nur sehr wenige seine einflussreichen Hauptwerke - die drei Bände des "Kapital" - gelesen haben. Noch weniger Publikum dürfte sein - sprachlich und gedanklich nicht gerade eleganter - Text "Die Entfremdung von der Arbeit" gehabt haben. Mit Sicherheit aber hat er es verstanden, den G-Punkt der Menschen seiner Zeit zu treffen. G steht für Gefühl oder Glaube, das kann sich jeder aussuchen. Bis heute ist das so geblieben. Sozialismus und Scholle gehören in Deutschland untrennbar zusammen. "Natürlich", was immer das ist, gilt selbst unpolitischen Konsumenten als gut und edel. Die Verwendung der Beifügung "Bio" hat längst andere Qualitätsbezeichnungen ersetzt. Während sich über Menschenschutz trefflich streiten lässt, ist Naturschutz über alle Partei- und Lagergrenzen hinweg ein Herzensanliegen geworden.

Die geistige Elite wie auch der Stammtisch sind sich einig, dass zu viel Technik und zu viel Informationen die Ursache für moderne Entfremdungsgefühle sind. Irgendwie will jeder irgendwo aussteigen. Kaum jemand macht sich die Mühe, die Frage der Entfremdung mit einfachen Erkenntnissen zu verknüpfen: Was zu Lebzeiten Marx' schon als ausgemacht schien, dass nämlich die Proletarier (und ihre Erben, die Angestellten) auf immer und ewig recht- und besitzlose Sklaven der Kapitaleigner blieben, hat sich als falsch herausgestellt. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit haben so viele so viel besessen wie heute. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese Entwicklung abreißt.

Der Reichtum ist gekommen, aber die Romantik ist geblieben. Auch das ist ein Grund, ein wesentlicher, weshalb sich über Entfremdung nach wie vor kaum emotionsfrei und pragmatisch diskutieren lässt: Jeder hat seinen ganz persönlichen G-Punkt, der sich beliebig erweitern lässt. Doch richtig ist eben auch das: Ein Arbeiter bei Volkswagen kann heute ganz selbstverständlich das Produkt kaufen, zu dessen Entstehung er beiträgt. Dieser Arbeiter verfügt über deutlich höhere Bildungschancen als sein Vorgänger, der in den düsteren Fabriken des frühen Industrialismus schuftete. Unser Arbeiter kann im Laufe seines Lebens eine Vielzahl von Tätigkeiten aufnehmen, ohne seine Existenz aufs Spiel zu setzen. Er muss nicht Arbeiter bleiben. Entfremdung ist eben kein Schicksal. Können wir jetzt weiter?

5. Erdbeben

Können, sagt Hartmut Rosa, ist gut - aber wollen können ist auch nicht schlecht. Der Jenaer Sozialphilosoph weiß, dass sich immer mehr Menschen in dem, was sie tun, "nicht wiederfinden", um die moderne Variante des alten Begriffs der Entfremdung zu bemühen: "Eigentlich müsste es besser werden. Eines der großen Versprechen der Moderne war ja, dass die Menschen die Autonomie über ihr Leben erhalten, selbst entscheiden können, was sie tun und wie. Heute machen wir aber eher die Erfahrung, dass wir nach wie vor abhängig sind - von einer Vielzahl an Dingen und Sachverhalten."

Politiker, aber auch Manager würden in einem hochkomplexen System nur noch "Folgeschäden bekämpfen, immer wieder nur das Schlimmste verhindern - aber eigentlich keine Lösungen mehr parat halten. Das führt dazu, dass längst die Mehrheit der Menschen das Vertrauen in die Institutionen verloren hat - und sich allein fühlt, ein anderes Wort für fremd". Entfremdung ist also kein materielles Problem mehr, im Gegenteil. Der zügige Wohlstandsschwung durch den Kapitalismus hat dazu geführt, dass die Wahlmöglichkeiten enorm zugenommen haben. Das gilt für eine bunte Warenwelt mit schnell wechselnden Produktzyklen ebenso wie für Jobs und Biografien: Das hohe Tempo der Entwicklung verhindert, so Rosa, dass "uns irgendetwas vertraut werden kann. Wir haben nur mehr die Wahl zwischen unendlich vielen fremden, unbekannten Optionen". Es sind ganz einfache, alltägliche Fremd-Kontakte, die dabei die persönliche Entfremdung formen: "Wir wollen Strom, aber wir erhalten die Angebote unzähliger Stromanbieter, die wir gar nicht überschauen können. Dasselbe passiert, wenn wir versuchen, einen Internetanschluss zu bekommen, ein Telefon. Oder ein Auto kaufen wollen. Ganz gleich, was wir tun, wir werden in unbekannten Nebensächlichkeiten erstickt", beschreibt Rosa ein für viele Zeitgenossen vertrautes Gefühl.

Der eigentliche Umgang mit dem Neuen, das sich erschließen und nutzen lässt, bleibt dabei zusehends auf der Strecke: "Es ist alles auf grenzenlose Dynamik eingestellt. Niemand sagt, hier können wir es auch ruhiger angehen lassen, oder da machen wir mal eine Grenze. Doch eine hohe Dynamik nur der hohen Dynamik wegen ist einfach idiotisch", sagt Rosa. "Bewegung macht überhaupt nur Sinn, wenn sie vor einem stabilen Hintergrund spielt. Wo aber alles in Bewegung gerät, ist das keine Dynamik mehr, sondern ein Chaos." Das gleicht nach Rosa einer Landschaft, in der sich alles bewegt: Berge, Wege, Fahrzeuge, Insassen. "Wir laufen in einem Erdbeben", sagt er, "da kann nichts vertraut werden, da bleibt alles vage." Seine Kritik an der modernen Komplexität, die die Entfremdungsgefühle schmiedet, will Rosa nicht missverstanden wissen: "Es geht nicht um Notbremsungen auf offener Strecke oder abrupte Wendemanöver. Aber bevor wir die Frage stellen, was wir wollen, müssen wir erst mal klären, was wir wollen können."

6. Schwindler-Attacken

Rosa lässt die Antwort offen - zu Recht, denn wir üben noch, mit den neuen Realitäten umzugehen. Dabei bleibt es auch: Die Veränderungen unserer Zeit sind - wie alle vorhergegangenen in der Menschheitsgeschichte - ohne Beispiel, auch wenn die Klagen über die Zustände noch so vertraut klingen. Für den Umgang mit dem Neuen gibt es eben kein Rezept, auch wenn eine auf Sicherheit und Garantie geprägte Gesellschaft das nicht wahrhaben will.

Dass die enormen Wahlmöglichkeiten von heute ein Unbehagen bei Menschen hervorrufen, die nicht gelernt haben, sich zu entscheiden, sollte uns nicht überraschen. Selbstverständlich verunsichert das, natürlich erscheint vieles fremd, und ohne Zweifel ist nicht alles, was als Lösung angeboten wird, akzeptabel, vernünftig und menschengerecht. In den vergangenen 13 000 Jahren - und wohl auch zuvor - übernahmen Führer und Machthaber die schwierige Aufgabe der Auswahl. Sie tauschten Geborgenheit gegen Freiheit, Unterwerfung gegen Unbehagen. Die Geschichte der Macht besteht ausschließlich aus solchen dubiosen Tauschgeschäften. Die Tauschhändler der Macht haben es im Vergleich zu den Erneuerern leicht: Sie dürfen mit dem schlechten Gedächtnis der Menschheit rechnen. Dazu kommt die angeborene Angst vor dem Neuen und Fremden, die jeder von uns in sich trägt. Doch ist es richtig, die Angst vor der Ohnmacht mit Schwindel-Attacken zu bekämpfen?

An Schwindlern jedenfalls herrscht kein Mangel. Populisten aller Couleur finden heute ein gewaltiges Reservoir, um das Rad der Geschichte zurückzudrehen - oder wenigstens nachhaltig zu bremsen. Sie sind leicht zu erkennen: Sie reden von guten alten Zeiten, die es so nie gab, und der Geborgenheit von Hierarchien, nach denen sich möglicherweise viele sehnen, die nicht wissen, was das auch bedeutet. Richard Sennett beispielsweise ist ein populärer Sozialwissenschaftler, dessen Einfluss auf Politik und Wirtschaft in den USA und Europa erheblich ist. Das liegt daran, dass sich Vertreter der alten Macht, ganz gleich, in welchem politischen Lager sie sich befinden, ganz prima auf ihn berufen können. Sennett fordert in seinem Entfremdungs-Bestseller "Die Kultur des neuen Kapitalismus" nämlich energische Maßnahmen gegen das neue Entfremdungsgefühl: ein Zurück in die "Geborgenheit der hierarchischen Beziehung". Er behauptet darin, was alle Machthaber zu allen Zeiten behauptet haben, dass mit den neuen Zeiten auch die alten, gewohnten Institutionen zerfielen - und dass damit kein Rahmen mehr für eine Orientierung möglich wäre. Mit anderen Worten: Ohne uns geht es nicht.

Der Entfremdungs-Profi hat erkannt, worauf es beim Publikum ankommt: auf Binsenweisheiten. Das Alte kennt ihr, das Neue nicht. Was ihr heute noch nicht begreift, werdet ihr nie begreifen, also lasst es bleiben. Gemütlicher und einfacher ist das allemal. Es ist allerdings auch die Rhetorik des Stillstands, des dumpfen Verweigerns jeglicher Form von Zukunft, von besserer ganz zu schweigen. Sennett kann im neuen Verunsicherungs-Klima in den reichen Staaten Dinge empfehlen, für die er vor Jahren - zu Recht - vom gleichen Publikum, das ihn heute feiert, noch geteert und gefedert worden wäre. Er lobt die alten Hierarchien als Beziehungsstifter, findet sogar den preußischen Militärstaat klasse und entdeckt auch - wie einst Marx - im feudalen Mittelalter eine gewisse soziale Behaglichkeit. Dort herrschten in der Tat, wie Matthias Horx angesichts des Sennett-Aufsatzes treffend schrieb, "noch echte Beziehungen". Zwischen dem Herrn und dem Knecht, lebenslang garantiert, ohne bedauerliche soziale Verunsicherung.

Behaglichkeit hat eben ihren Preis. Das ist kein Vorwurf. Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen beim Versuch, das Neue zu begreifen, also zu lernen, zunächst in einer romantisch verklärten Vergangenheit landen. Der Neurologe und Wissenschaftsautor Hoimar von Ditfurth sah darin sogar eine biologische Konstante, eine Regel der Evolution. In seinem Meisterwerk "Im Anfang war der Wasserstoff" schrieb er: "Paradiesische Zustände, das sind immer auch Verhältnisse, in denen die eigene Verfassung im Einklang ist mit dem Zustand der Umwelt. Das ist immer auch eine Weise der Geborgenheit, in der das Individuum passiv in einer Umwelt aufgeht, von deren Rhythmus es sich tragen lassen kann. So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass das Paradies immer in der Vergangenheit liegt. Es ist die Erinnerung an eine primitivere Entwicklungsstufe, in der das Individuum noch der Anstrengung enthoben war, sich selbst tragen, sich selbst in die Hand nehmen zu müssen." Das ist eine unbequeme Wahrheit. Sie bleibt allen fremd, die sie nicht hören wollen.

7. Schicksal

Es gilt die alte Regel, dass man nicht unbedingt die, die den Karren in den Dreck gefahren haben, ruft, um ihn wieder flottzumachen. Auch dann nicht, wenn sich die Kameraden von gestern unaufhörlich als Abschleppdienst für morgen empfehlen. Der Weg zurück führt im besten Fall dorthin, wo wir bereits sind.

Denn wer, wenn nicht die Manager, Politiker und Bürger von heute, hat - jeder an seinem Platz - dafür gesorgt, dass die neue Entfremdung, die Angst vor der Veränderung, so tief in unserer Gesellschaft verankert ist? Als üblicher Verdächtiger für die Entfremdung gilt der Kapitalismus. Mehr wollen die meisten darüber gar nicht wissen. Aberglaube und Entfremdung gehen Hand in Hand. Den Blick dafür schärft eine Studie, die das deutsche Gallup-Institut im Jahr 2003 durchgeführt hat. Demnach fühlen sich 88 Prozent aller Mitarbeiter in ihren Unternehmen fremd, nicht mal jeder fünfte unter ihnen würde die Produkte oder Dienstleistungen seines Unternehmens empfehlen. Rund 18 Prozent dieser Gruppe haben schon innerlich gekündigt - also keinerlei emotionale Bindung an ihren Arbeitsplatz. Sie machen ihren Job nur noch mangels Alternative. Unglaubliche 70 Prozent der Befragten gaben in Deutschland an, konsequent "Dienst nach Vorschrift" zu leisten. Mehr als das Nötigste also, die sture Neun-bis-fünf-Routine, gibt die famose Beziehung der alten Arbeitswelt in den bekannten Hierarchien nicht mehr her. Nur zwölf Prozent der Befragten erkennen sich in ihrem Job und in ihrem Unternehmen wieder.

Die Entfremdeten leisten deutlich weniger und sind deutlich frustrierter als ihre Kollegen. Sie werden, so ergab die Studie, mehr als doppelt so häufig krank wie ihre zufriedenen Kollegen. Spätestens hier betrifft das persönliche Unbehagen die ganze Volkswirtschaft: Depressionen nehmen, so warnen Ärzte seit Jahren, enorm zu, die Folgekosten sind kaum einschätzbar. Es ist schon dramatisch genug, was die Studienmacher an direkten Kosten der alltäglichen Entfremdung zusammengetragen haben: Allein im Jahr 2003, so die Gallup-Hochrechnung, lagen die Kosten in deutschen Unternehmen bei rund 250 Milliarden Euro. Das ist mehr als ein Zehntel des Bruttoinlandsproduktes. Die in neun entwickelten Staaten durchgeführte Befragung zeigt frappierende Übereinstimmungen. Entfremdung ist kein Problem der Deutschen, sondern eines der Wohlstandsnationen. Relativ gut schneiden dabei die Staaten ab, deren Kultur Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein nicht durch einen übermächtigen Staat eingrenzt. In den USA gehören wenigstens 30 Prozent der Mitarbeiter von Unternehmen zu den Zufriedenen und Nicht-Entfremdeten, in Kanada sind es immerhin noch 24 von 100 Angestellten, die sich selbst in ihrer Arbeit wiedererkennen können. Das ist - einmal mehr - erstaunlich, denn gerade die USA und Kanada sind harte Vertreter jenes "Turbo-Kapitalismus", der vermeintlich die treibende Kraft hinter der Entfremdung ist.

Dagegen schneiden die Staaten mit der höchsten Staatsquote, die "starken Staaten" Frankreich, Deutschland und Japan, fast gleich schlecht ab. Der starke Staat ist nicht der einzige, aber ein wesentlicher Baustein zur Entfremdung. Er nimmt zunächst dem Einzelnen die Verantwortung ab und damit auch die Chance, Zusammenhänge zu begreifen. Dann kuriert er teuer, was er angerichtet hat. In einer Gesellschaft, in der es so viele Ohnmächtige und Orientierungslose gibt, die nicht wissen, wohin sie gehören und wofür sie - abgesehen von Miete, Rate und Premiere-Abo - arbeiten, empfiehlt sich der alte Bock als Gärtner. Man kann, muss aber nicht darauf hereinfallen. Wem der Fahrer nicht passt, muss selbst fahren lernen. Früher nannte man das: sein Schicksal in die Hand nehmen.

8. Lenken

Fast alle von Gallup befragten Menschen arbeiten in Konzernen. Konzerne sind Staaten sehr ähnlich. Eine straffe Bürokratie soll die Defizite, die durch Größe und Komplexität entstehen, wettmachen. Roswita Königswieser weiß, wozu das führt. Die Wiener Unternehmensberaterin sagt: "Die Auswirkungen und Folgen der Entfremdung in Konzernen kann man gar nicht überschätzen." Auf der einen Seite werden kleine Unternehmen vor allem von Menschen gegründet, die "ihr Ding machen wollen". Die Identität mit der Arbeit und ihren Bedingungen ist sozusagen integrierter Bestandteil der Aktion. Auch in kleinen und mittleren Unternehmen, das zeigen Umfragen immer wieder ganz klar, ist die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Job deutlich höher als in Großbetrieben.

In großen Organisationen aber kann sich nichts und niemand mehr den Folgen der Entfremdung entziehen, sagt Königswieser: "Immer weniger Konzerne machen sich die Mühe, noch mit ihren Leuten zu reden und Ziele festzustecken, die man gemeinsam erreichen kann." Im Trend liege etwas ganz anderes: "Da werden Werke in China, in Polen oder sonstwo eröffnet - und die Belegschaft hier erfährt es aus der Zeitung. Und selbst dann halten es viele für nicht nötig, klarzumachen, weshalb man Produktionsstätten verlagert, wozu die unzähligen Maßnahmen, die heute aktionistisch eine auf die andere abgearbeitet werden, denn überhaupt gut sind." Entfremdet, fern von Ziel, Vision, Sinn und Zweck der Arbeit, sind aber dabei nicht nur die Mitarbeiter, sagt Königswieser. "Im Topmanagement ist es zuweilen noch schlimmer - denn hier sitzen Leute, die sich schon lange nicht mehr mit dem identifizieren können, was sie unter Volldruck jeden Tag machen müssen. Sie fühlen sich allein gelassen, und sie wissen oft nicht, mit wem sie darüber reden können." Fremdbestimmung - das ist ein Wort, mit dem die Beraterin das beschreibt, was in den Köpfen der Entfremdeten tatsächlich passiert. "Viele Manager wollen raus aus dieser Situation - aber sie akzeptieren auch die Spielregeln, die einer langfristigen Sinngebung im Unternehmen diametral entgegenstehen: Sie unterwerfen sich vollständig einer falschen Logik des Kapitals. In börsennotierten Unternehmen herrscht heute diese Hedgefonds-Mentalität, die nur mehr kurzfristiges Mitnehmen als Heilmittel kennt", sagt sie. "Daran wird geglaubt."

Glaube bedeutet in diesem Zusammenhang imitieren, nachahmen - sich also seinem Schicksal ergeben. Der Kapitalismus wird nicht als Werkzeug begriffen, sondern als Religion. Hier treffen sich die Extremisten wieder. Die, die meinen, Wirtschaft bestünde nur aus Profiten, ebenso wie die, die Kapitalismus aus ideologischen Gründen verwerflich finden.

Die "Hedgefonds"-Denke besteht im Wesentlichen aus der Vorstellung, dass der Highway der Entwicklung schnurgerade verläuft - das kennen wir bereits. Auf der Geraden wird Tempo gemacht, ohne Rücksicht auf Verluste. Ziele, Visionen und Transparenz halten dabei nur auf. Es ist das, was der amerikanische Zukunftsdenker Alvin Toffler in den späten sechziger Jahren als "Superindustrialismus" bezeichnet hat: eine einfältige Form des Kapitalismus, der hauptsächlich darin besteht, nichts mehr zu erneuern, keine Ziele zu setzen, sondern nur - größer, schneller, mehr - einen Teil der unternehmerischen Arbeit zu erledigen - den der Profitmaximierung.

Solche Unternehmen sind naturgemäß in Zeiten wie diesen höchst erfolgreich, schlicht und ergreifend deshalb, weil sie ihre Arbeit nicht machen. Sie verzichten auf den größten Teil der Plackerei, der im Unternehmertum steckt - Visionen, Ideen, Ziele, langfristige Perspektiven, die einen Sinn und einen Zweck des unternehmerischen Handelns definieren. Das macht sie schnell - und zu Fremdkörpern in der Marktwirtschaft. Wo aber industrieller Größenwahn die einzige Maxime des Handelns ist, wo diese Kultur über Generationen gelehrt und wo überdies die Gesetze der Börse die einzige Regel unternehmerischer Arbeit sind, werden "Manager ihrer eigentlichen Aufgabe entfremdet. Sie machen mit, weil sie es nicht besser wissen. Sie wollen es auch manchmal nicht besser wissen. Und irgendwann stehlen sie sich dann davon. Aber es sind keine strahlenden Helden darunter. Sie verlieren alle", sagt Königswieser.

Denn die Realität klopft an. Die nächste Kurve kommt bestimmt. Man sieht sie bereits. Wie die Konzerne im globalen Wettbewerb um die "besten Köpfe" mit den vorherrschenden Methoden mithalten sollen, wird dann spannend. "Wer nicht will", sagt Königswieser, "dass es ihn da völlig raushaut, muss jetzt begreifen, dass er mit seinen Leuten reden, Ziele und Visionen entwickeln muss." Das gelte für Manager wie für Mitarbeiter, niemand habe Anspruch darauf, im Wagen sitzen zu bleiben, wenn er "nicht auch gegen seinen inneren Schweinehund versucht, sein Schicksal in die Hand zu nehmen". Der Fachbegriff aus dem Straßenverkehr dafür lautet nicht: bremsen. Er lautet: lenken.

9. Freiheit

Es gibt durchaus große Unternehmen, die ihren Führerschein für die neuen Zeiten machen. Ein Beispiel dafür ist der Pharmakonzern Boehringer-Ingelheim, der weltweit 39 000 Menschen beschäftigt. Dort leitet Georg Hilgers den Bereich Produktion und Technik. Hilgers fährt nicht mit im Bus des schnellen und kurzfristigen Deals, der die Potenziale der Zukunft vernebelt. Er weiß: "Über das wichtigste Asset jedes Unternehmens, das menschliche Potenzial, wird viel geredet. Aber in börsennotierten Unternehmen ist die Praxis doch anders." Boehringer-Ingelheim ist bis heute in Familienbesitz. "Das zwingt uns dazu, eben nicht kurzfristig Dinge zu machen, die andere auch tun - und das ist das Gesetz der Börse. Wir würden nicht mehr selbst lenken können. Wir können es uns überhaupt nicht leisten, dass sich unsere Mitarbeiter mit dem, was wir tun, nicht identifizieren."

Für Hilgers und seine Kollegen aus dem Boehringer-Ingelheim-Management ist das der springende Punkt im neuen Wettbewerb: "Die einzige Ressource, die Innovation hervorbringen kann, ist der Mensch. Ich kenne keine Maschine, keinen Automaten und keine Anlage, die Kreativität und Innovation herstellen kann. Und solange das so ist, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als klare, gemeinsame Ziele mit unseren Leuten zu definieren", sagt Hilgers. "Management ist dazu da, die besten Bedingungen für die Leute zu schaffen, die so selbstständig und selbstinitiativ, wie es nur geht, arbeiten sollen, denn das heißt für uns auch: so erfolgreich wie möglich."

Man kann auch das, fügt Hilgers hinzu, einfach so sagen, und deshalb ist er froh, dass er alles auch belegen kann. Fast immer findet sich Boehringer-Ingelheim bei Umfragen nach dem besten Arbeitgeber auf den Spitzenplätzen. Die Fluktuation ist gering. Und pro Jahr bewerben sich fast 10 000 Menschen bei dem Unternehmen. Man kann sich leicht vorstellen, was das für das Unternehmen heißt, wenn die Ressourcen an gut ausgebildeten Innovatoren, Forschern und Entwicklern in den kommenden Jahren noch knapper werden, als sie es heute schon sind. "Ich glaube nicht, dass Konzerne und Unternehmen, ganz gleich, ob groß oder klein, wirklich Zukunft haben und sich behaupten können, wenn sie die Herausforderung des Miteinander-Arbeitens nicht annehmen. Kurzfristiges Denken nach dem Shareholder-Prinzip ist nicht nur moralisch fragwürdig, es ist vor allem unternehmerischer Unsinn. Wer die Interessen der Leute in einem Unternehmen nicht unter einen Hut kriegt, der ist nicht so leistungsfähig wie andere", sagt Hilgers. Entfremdung löst sich auf, wo kreatives Schaffen anfängt.

Das ist die Beschreibung ganz handfester, alltäglicher Arbeit. Freiheit ist das Produkt ständiger Arbeit, ständigen Schaffens. Da passt die gute Praxis zur Poesie, zumindest zu der, die sich wie die des Albert Camus nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert sehen wollte: "Von allen Schulen der Geduld und der Klarheit ist das Schaffen die wirksamste." Das ist ein Satz, den man sich merken muss: Orientierung und Klarheit kommen nicht einfach auf die Welt. Man muss hart dafür rackern. Es gibt Zumutungen, immer wieder. Und es gibt die Verlockung, in alte Litaneien zu verfallen, in das Lamento, das so alt ist wie die Menschheit. Doch das führt nirgendwo hin. Der Weg lohnt sich aber: Aus Ohnmacht kann Freiheit werden.

Die sollte uns nicht länger fremd sein. -