Das Volk und das Meer

Für die Isländer ist Fischerei mehr als ein Geschäft. Deshalb gehen sie mit ihrem natürlichen Reichtum cleverer um als andere Nationen. Erkundigungen über einen Mythos.




-Bolungarvik an einem frostigen Februarmorgen. Vignil Arnarson hat die Heizung in seinem Pick-up aufgedreht und erzählt. Von Sturm, Kälte, harter Arbeit und Schmerz. Und von 40 bis 50 Tonnen Fisch, die er dieses Jahr fangen, und von Millionen isländischen Kronen, die er damit verdienen will. "Es ist ein Wettkampf", sagt er und lächelt, "du stellst dich der Natur, dem Fisch, du konkurrierst mit den anderen Fischern, du musst immer deine Grenzen ausloten." Schneeflocken jagen über die Windschutzscheibe. Arnarson sagt, dass er nie einen anderen Job wollte: "Ich bin glücklich mit dem, was ich tue."

32 Fangleinen, sogenannte Longlines, legt Vignil Arnarson bei jeder Tour wie ein Schachbrettmuster aus, um vor den isländischen Westfjorden Kabeljau und Schellfisch aus dem eisgrauen Wasser zu ziehen. Jede Fangleine hat 500 Schnüre mit etwa drei Zentimeter langen Haken. Zwei Stunden lang legt er aus, fährt zurück zum Ausgangspunkt und holt sie wieder ein. Die Seilwinde surrt, der Stahlfaden gleitet durch die Führung am Heck des Bootes, dann fliegen sie ihm entgegen und klatschen mit einem dumpfen Schlag auf das Heck: silberne glitschige, kalte Leiber.

Ein Griff, Haken raus, Fisch in die Kiste. Griff, Haken raus, Fisch in die Kiste. Schuften wie in Trance. Vielleicht passierte ihm deshalb vor einigen Wochen dieses Missgeschick. Es war ein graublauer Morgen, eisiger Wind, die Finger klamm. Die erste Kiste war noch nicht voll. Kaltes Metall schoss in den Handballen unterm rechten Daumen. Zack. Der Haken saß so tief, dass er ihn nicht herausziehen konnte. Sechs Stunden hat er weitergearbeitet. Jeder Griff ein Stich. Danach zwei Stunden zurück durch Wind und Wellen, Ausladen, Papierkram im Hafen. Arnarson: "Richtig gespürt habe ich es erst, als ich wieder zu Hause war."

Die Narbe ist noch frisch, ein rosiger Wulst. Doch nicht deswegen ist Arnarson heute im Hafen geblieben. Sein Partner ist krank. Gestern war er bei minus fünf Grad 16 Stunden allein auf See. Er sagt, die Preise seien nicht gut, jetzt im Februar fischten zu viele. Hochsaison, Angebote en masse. Das isländische Wort für diese Jahreszeit, wenn der Kabeljau Richtung Polarkreis zieht, ist Vertid. Arnarson sieht müde aus. Er hat violette Schatten unter den Augen. Er sagt: "Es hätte sich nicht gelohnt."

Und doch klingt er enttäuscht. Jede Fahrt ist eine neue Chance, eine neue Herausforderung. Wie gut bin ich? Wie viel Fisch schaffe ich? Wie viel Geld kann ich machen? Es ist wie eine Sucht. Der Fisch wandert, er kann nicht anders. "Ein Fischer", sagt Arnarson, "kann auch nicht anders."

Sie fahren nicht jeden Tag aufs Meer, die Fischer von Bolungarvik, doch zum Hafen treibt es sie dennoch. Sie treffen sich dort, versehen die Leinen mit Ködern. Immer ist was zu tun am Boot. Und dann sitzen sie beim Hafenmeister, der von einem erhöhten, verglasten Würfel aus auf den düsteren Kai blickt. Sigurgeir ist da, ein schweigsamer schmaler Mann mit ausgezehrtem Gesicht. Und Reinar, ein lustiger runder Mann mit leuchtenden Augen. Das Radio läuft, man trinkt Kaffee aus Pappbechern. Sie studieren die Listen mit den Fangergebnissen. Wer ist draußen? Wer hat gestern wie viel eingeholt? Geredet wird nicht viel. Alles okay zu Hause? Wie geht es den Kindern? Wo sie die Schwärme vermuten, wie sie beim Auslegen der Leinen vorgehen, erzählen sie nicht. Arnarson: "Wenn du ein Mann und wenn du fleißig bist, akzeptiert man dich, andernfalls hast du ein Problem."

Fahr nach Bolungarvik, das haben alle gesagt. Du musst nach Bolungarvik, wenn du erfahren willst, was Fischerei in Island bedeutet. Bolungarvik also, rund 900 Einwohner, deren Häuser im Schatten steil aufragender Berge am westlichen Ende der Westfjorde liegen. Die Westfjorde sind eine bizarr zerfressene Landschaft, die durch die verworfenen und gekippten Trümmer einer Basaltplatte entstanden sind. Fjorde über Fjorde. Fels, Schotter, verkrüppeltes Birkengehölz, Beerensträucher und sonst wenig. Raue Monotonie. Im Winter fährt nachts der Wind in die Häuser, dass die Wände ächzen. Tageslicht, wenn man das Halbdämmer so nennen will, gibt es nur für ein paar Stunden.

Wie eine Klaue mit 100 Krallen greifen die Westfjorde in die Dänemarkstraße zwischen Island und Grönland. Früher gingen die Menschen in offenen Booten auf Fischfang, heute in Kunststoffjollen mit moderner Technik und in Thermokleidung. Nur die Natur hat sich nicht geändert, sie kann immer noch erbarmungslos sein, wenn die See tobt. Die Luft ein einziger Nebel, Gischt, Wasser von oben und unten, Sicht gleich null. Das Meer gibt, aber das Meer fordert auch seinen Tribut. "Keine Familie, die hier nicht jemanden verloren hätte", erzählt der Hafenmeister, "oft mussten sie vom Ufer aus zusehen, wie ihre Väter und Brüder kenterten und ertranken." Der Literaturnobelpreisträger Halldor Laxness schrieb einmal: "Es ist nun einmal so, dass im Grunde genommen alles im Leben Salzfisch ist und nicht Träumerei."

Das isländische Credo: Unser Fisch gehört uns

Der Fisch gehört zu Island wie Gletscher, Vulkane, Geröll, Lava und die Sagen von Elfen und Trollen. Man kommt an am Flughafen von Keflavik und blickt als Erstes auf das Werbeplakat einer Bank, das einen Fischkutter in schwerer See zeigt. Auf den Münzen: Kabeljau (1 Krone), Lodde (10 Kronen), die Gemeine Strandkrabbe (50 Kronen), Seehase (100 Kronen). Überall Wappen mit einem Stockfisch. Überall Bilder von Frauen, die sich die Hände blutig arbeiteten beim Einsalzen von Kabeljau. Selbst die Islandpferde, heißt es, fressen Hering. In einer Informationsbroschüre wird der Minister für Fischerei, Einar Kristinn Gudfinnusson, zitiert: "Fast das ganze 20. Jahrhundert haben die Isländer um ihre Rechte gekämpft, Kontrolle und Management der Fischerei haben einen wichtigen Teil unserer Geschichte geprägt." Und Jon Asbergsson vom Trade Council sagt: "Solange es die Fischerei gibt, wird Island nicht der EU beitreten. Unser Grundgedanke ist: Islands Fisch gehört den Isländern."

Island. Etwas größer als Österreich (103000 Quadratkilometer), halb so viele Einwohner wie Stuttgart (300 000). Nummer 13 unter den Fischerei-Nationen der Welt. Zwei Millionen Tonnen Fisch und Schalentiere bringen immer noch 40 Prozent der Exporterlöse. Das, obwohl seit einem Jahrzehnt ganz andere Branchen für Aufmerksamkeit sorgen. Island hat die höchste Internet- und Mobiltelefondichte. Zum gesunden Wachstum tragen Hightech, Software, Tourismus und vor allem das boomende Geschäft mit Aluminium bei, dessen Herstellung mit billigem Strom forciert werden soll, wozu im Ostteil der Insel der größte Staudamm Europas gebaut wurde; weitere Projekte sind geplant. Mag sein, sagt Handels-Experte Asbergsson, dass zuletzt mehr von Investitionen isländischer Firmen in Skandinavien und Großbritannien oder der Firma Decode Genetics gesprochen wurde, die den isländischen Genpool erforschen und kommerziell verwerten will: "Doch Fisch ist immer noch das Rückgrat unseres Wohlstandes."

Reykjavik, Skulagata, Hausnummer 4. Ein schmuckloses Bürogebäude an der Faxafloi-Bucht. Auf dem Schild am Eingang steht: "Sjavarutvegsraduneytid", Ministerium für Fischerei. Dort sitzt im sechsten Stock die Sekretärin vor einem Plakat mit Salzwasserfischen des Nordatlantiks und einen Raum weiter der Minister. An der Wand die gerahmte Zeichnung eines Kabeljaus. Herr Gudfinnusson, der Minister für Fischerei, bietet Kaffee an, schenkt ein. Ein freundlicher Mann mit sanftem Timbre in der Stimme. "Die isländische Fischerei ist immer anders gewesen", sagt er, "in vielen Ländern wird die Fischerei als rückständiges Metier angesehen." Piraterie, niedrige Löhne, Ausbeutung von Mensch und Ressourcen seien die Folgen. Nicht in Island, so Gudfinnusson: "Wir wissen, wie wichtig es ist, die Biodiversität zu konservieren und die Balance des ökologischen Netzes nicht zu stören." Er weiß, wovon er spricht. Gudfinnussons Großvater legte vor 70 Jahren die Grundsteine für ein Imperium mit Booten und Fischfabriken in Bolungarvik.

Bolungarvik war damals der Ort mit den besten Fangergebnissen im ganzen Land. Gudfinnusson sagt: "Ich bin mit Fisch aufgewachsen, ich kenne jeden Aspekt." Er hat für den Familienbetrieb gearbeitet als junger Mann, auf dem Wasser, an Land. Er hat die Kabeljaukriege mit den Briten erlebt, als die Isländer ihre Fangzone zunächst auf 12, dann 50 und schließlich 200 Seemeilen ausweiteten, um ihre Gewässer vor fremden Fischern zu schützen. Die isländische Küstenwache kappte die Netze der ausländischen Trawler, Großbritannien schickte die Royal Navy, am Ende drohten die Isländer mit Austritt aus der Nato - und gewannen. Gudfinnusson hat die Heringskrise 1967 erlebt und den Konkurs der Firma des Großvaters 1991, als die Kabeljaubestände einbrachen, Inflation und gestiegene Kosten die Branche hart trafen. Er sagt: "Wir standen immer vor großen Herausforderungen. Deshalb mussten wir immer um große Lösungen ringen."

So entstand das isländische Quotensystem, das festlegt, wie viel von welcher Spezies gefangen werden darf, in aller Regel nicht mehr als 20 bis 25 Prozent. Das Ministerium folgt dabei den Empfehlungen seines Instituts für Meeresforschung. Die Quoten sind an Boote und Schiffe gebunden; keine Firma, so sie mehrere betreibt, darf einen bestimmten Anteil an der Gesamtquote einer Spezies überschreiten (zwölf Prozent etwa bei Kabeljau), keine mehr als zwölf Prozent des Gesamterlöses des Fischfangs insgesamt besitzen. Die Quoten wiederum dürfen mit Einschränkungen gehandelt, getauscht und verkauft werden, was den größeren Fischereibetrieben Vorteile verschafft. "In den achtziger Jahren", sagt Hjortur Gislason von der Tageszeitung "Morgunbladid", "drohte die Fischwirtschaft zugrunde zu gehen. Das System der handelbaren Quoten hat einen gesunden Ausleseprozess und einen längst fälligen Modernisierungsschub ausgelöst."

Island = Individualismus + Gemeinsinn

Sie haben viel richtig gemacht in Island, und sie sind stolz auf ihre 1692 Schiffe umfassende Fischereiflotte, von den 63 Trawlern bis hin zu den 852 Kleinbooten mit weniger als zehn Bruttoregistertonnen. Dutzende von Fischfabriken verarbeiten Lodde und deren Rogen für den japanischen und russischen Markt, Schellfisch, Hering, Rotbarsch und Seelachs überwiegend für europäische Abnehmer. Salzfisch, El Authentico Bacalao de Islandia, ist immer noch Exportschlager in Spanien, Italien, Portugal. Gleichzeitig ist eine florierende Zulieferindustrie entstanden. Unternehmen wie Hampidjan (Netze, Seile, Trawlerequipment), Marorka (Energiesysteme für Schiffe), Seaplast (Produkte für Aquafarmen, Schwimmer, Schwimmwesten) oder Borgaplast (Behälter für Fischprodukte) sind weltweit führend.

"Wir beobachten unsere Umwelt, wir sehen eine Chance und mobilisieren dann alle Energien", sagt Sigurjon Eliasson von Marel. Das Unternehmen, das mit Präzisionswaagen anfing, produziert in Gardabaer, einem Vorort von Reykjavik, kleine technische Meisterwerke aus Chrom, die in Sekundenschnelle Fisch tranchieren, entgräten, wiegen, portionieren, verpacken. Durch aggressive Einkaufspolitik hat Marel sich ein Konsortium aus Konkurrenten einverleibt und will weiter expandieren; längst gehören zu den Abnehmern neben 22 der 23 weltweit größten Fischfarmen auch Lebensmittelfirmen, die Fleisch und Geflügel verarbeiten: Tyson, Nestlé, Nippon Meat, Danish Crown, Westfleisch, Tönnies. Sechs bis sieben Prozent des Umsatzes werden in Innovationen investiert, die etwa dafür sorgen, dass in keinem Stück Fisch auch nur die kleinste Gräte zu finden ist.

Man spürt sie überall in Island, diese Aura von Selbstbewusstsein, Einfallsreichtum und Willenskraft. Fischereiminister Gudfinnusson sagt: "Du kannst dich nicht auf jemand anderen verlassen, du musst dir selbst helfen." Und woher das kommt, kann sich jeder zusammenreimen. Die klimatischen Bedingungen mit unberechenbarem, harschem Wetter und langen Wintern haben ein robustes und mutiges Volk hervorgebracht, das sich von Instinkten und Erfahrung leiten lässt. Und das, meist ohne lange zu debattieren, Entscheidungen trifft. Eliasson: "Ob Samstag oder Sonntag, der Fisch musste gefangen werden, wenn er da war, das Heu musste eingebracht werden vor dem nächsten Unwetter." Sie nennen es das Kapitänsprinzip: Einer geht voran und entscheidet für alle. Asbergsson vom Trade Council sagt: "Bei uns sind Unternehmertum und Individualismus immer auch gepaart mit Gemeinsinn."

Sollte sich die Welt nicht an Island orientieren, gerade wenn es um Fischfang geht? Erst kürzlich hat die Welternährungsorganisation FAO wieder vor der Überfischung der Weltmeere gewarnt. Rund ein Viertel der Bestände seien gefährdet, die Hälfte der Bestände würde zudem so rigoros ausgebeutet, dass eine Steigerung nicht mehr möglich sei - sogar Haie sind überfischt. Die FAO schätzt, dass im Jahr 2030 jeder zweite von Menschen verzehrte Fisch aus Aquakulturen kommen wird. Eine weitere Studie sagt den völligen Zusammenbruch der Meeresfischerei für das Jahr 2048 voraus. Steve Palumbi von der Universität in Stanford, Kalifornien, meint: "Wenn wir nicht die Art und Weise grundsätzlich ändern, mit der wir die Tierwelt im Ozean behandeln, wird dieses Jahrhundert das letzte sein, in dem es noch wilden Fisch gibt."

Wieder Skulagata 4, diesmal der zweite Stock, wo das Institut für Meeresforschung seinen Sitz hat. Dort trifft man Johann Sigurjonsson, den Generaldirektor. Natürlich könnte man mit ihm nun das Schlachtfest in den Ozeanen diskutieren, das betrieben wird mit Schleppnetzen, die so hoch sind wie der Eiffelturm, bis zu 3,5 Kilometer lang und deren tonnenschweres Gerät den Meeresboden umpflügt wie Bagger. Man könnte mit ihm reden über zu kleine Fische und unerwünschte Arten, die als Beifang verrotten. Doch das ist nicht Herrn Sigurjonssons Thema.

Er ist der Herr der Quoten. Zusammen mit seinen 170 Mitarbeitern und zwei Schiffen versucht er, sich einen Überblick über die Situation vor der 4970 Kilometer langen Küste Islands zu verschaffen. Sie fangen, sie zählen, sie messen die Wassertemperatur, studieren Laichgebiete und Wanderwege der Fische. Sigurjonsson sagt: "Wir kennen die Diskussionen anderswo, doch bei uns ist der Fisch trotz 50 Jahre exzessiver kommerzieller Fischerei noch da."

Geografie ist Schicksal. Und das hat es, was den Fisch angeht, gut gemeint mit Island. Um Island treffen sich die frostigen Wasser der Arktis mit dem Golfstrom, wo Phythoplankton und Zooplankton im Überfluss entstehen, die Basis der Nahrungspyramide im Meer. Doch auch Sigurjonsson warnt: "Wir müssen vorsichtig sein." Bei fast allen Beständen werden auch in isländischen Gewässern Rückgänge verzeichnet. Deshalb hat das Institut für Meeresforschung zuletzt immer häufiger die Quoten gesenkt. Die Industrie murrt. "Doch sie akzeptieren uns", so Sigurjonsson, "nur die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft schafft nachhaltige Fischerei."

Wenngleich auch die Wissenschaft ratlos ist. Die Bestände durchlaufen mysteriöse Zyklen. Wie wirkt sich der Klimawandel aus? Und wer weiß, was passiert, wenn statt Kabeljau mehr Lodde gefischt wird. Kabeljau frisst Lodde. Am Ende sind beide weg. "Wir können nur beobachten", sagt Sigurjonsson, "die Konsequenzen kennen wir nicht."

Runter zum Hafen. Graues Licht, noch mittags brennen die Straßenlaternen. Im Hafen liegt die "Engey", ein Gigant. 105 Meter lang, 800 Bruttoregistertonnen. Das größte Schiff der isländischen Fischereiflotte ist nach 30 Tagen auf See für einige Wochen hier, bevor es wieder ausläuft. Bis zu 1000 Tonnen Fisch kann es aufnehmen in seinen Tanks. Verarbeitet wird in einem kafkaesken Gewirr aus Kühlanlagen, Bottichen, Rohren, Förderbändern, Schläuchen, Kabeln und Gittern. Eine schwimmende Fabrik. Wer mit Kapitän Thordur Magnusson vor der Luke steht, breiter und höher als ein Fußballtor, begreift, dass diese Art des Fischfangs wenig zu tun hat mit Vignil Arnarson und seinen Kollegen vor den Westfjorden. Auf der Brücke 17 Monitore. Sonar, Radar, GPS. Magnusson sagt: "Man nennt solche Schiffe gern Zerstörer, aber wir fischen nicht wie die Spanier, die Engländer, die Deutschen. Die fischen ohne Rücksicht auf morgen. Wir holen nicht so viel, wie wir können, sondern so viel, wie die See verträgt."

Die "Engey" gehört HB Grandi, einem der größten Unternehmen der Branche in Island. Elf Milliarden isländische Kronen (124 Millionen Euro) hat es 2006 umgesetzt mit seinen 15 Schiffen und drei Fabriken in Reykjavik, Akranes und Vopnafjördur. 11,2 Prozent der gesamten isländischen Quote hält HB Grandi. Und das Geschäft brummt.

CEO Eggert Gudmundsson schreibt das vor allem dem geschickten Management zu. Die Verarbeitung des Fisches wurde in den Fabriken nach Arten getrennt. Das Unternehmen arbeitet auch nicht mehr mit Exporteuren. "Wir gehen direkt zum Kunden, deshalb präsentieren wir uns auf internationalen Messen, auf unserer Website", sagt Gudmundsson. Und schließlich nutze man konsequent die Quoten-Börse: "Wir kaufen ständig Kontingente auf, handeln, transferieren. Wir wissen, wie wir uns auf lange Sicht positionieren müssen, wo wir investieren können." Im vergangenen Jahr stieg HB Grandis Aktienkurs um 32 Prozent. Bis zu 200 000 Euro jährlich kann ein Seemann auf der "Engey" verdienen.

Gudmundsson nennt das Prinzip "Survival of the Fittest". Man könnte auch sagen: Wer kann, der kann. Leute wie Vignil Arnarson können nicht. Arnarson hat eine Quote von 20 Tonnen. Die restlichen 20 bis 30 Tonnen, die er braucht, um gut zu leben, kann er nicht kaufen. Er leiht sie von Fischern, die wie alle anderen anfangs ihre Quote geschenkt bekamen und sie seither nur noch teilweise nutzen. Je weniger Fisch im Meer ist, umso lukrativer wird er. Die Preise steigen rapide. Die Quote für ein Kilo Kabeljau bringt beim Verkauf inzwischen 2000 Kronen. Sie zu leihen kostet 160 bis 180 Kronen. Auf dem Markt bringt Kabeljau manchmal kaum mehr als die Leihgebühr. Arnarson sagt: "In diesem Geschäft gibt es eine Menge Leute, die reich sind, die großen Firmen kaufen alles auf, treiben die Preise in die Höhe, sogar die Banken besitzen inzwischen Fischquoten." Bei denen muss er sich ständig Geld leihen. Sollte der Fisch längere Zeit ausbleiben, kassiert die Bank erst seine Fixquote und dann das Boot.

Ein kleines Büro in der Hverfisgötu 105, nicht weit entfernt vom Ministerium für Fischerei. Eine kräftige Faust kracht auf den Schreibtisch, dass die Kaffeetasse springt. Artur Bogason, Vorsitzender des Verbandes der Kleinboot-Besitzer, regt sich auf.

Über diesen "Idioten, der vorgerechnet hat, dass 2048 Schluss ist". Und über die vom Institut für Meeresforschung, die mit "veraltetem Material rausfahren, schon vorher festlegen, wo sie nach dem Fisch suchen, ohne zu wissen, was der Fisch macht". Man bedenke, sagt der große, kräftige Mann, das Gesicht gerötet bis zum kahl rasierten Schädel, dass Wissenschaftler noch nicht mal Rentiere exakt zählen könnten - "und die kann man sehen".

Das Quotensystem belohnt die Großen

Er regt sich auf über das Ministerium für Fischerei, das nur auf die Wissenschaftler höre und die "Interessen der Seebarone verwaltet, sie sitzen im Elfenbeinturm und reden auf uns herunter". Beim Mittagessen - geräuchertem Papageientaucher, fermentiertem Haifisch und Walfischfett, mariniert in Molke - regt sich Bogason weiter auf. Über das Gerede über nachhaltige Fischerei und ökologische Trawler. Und rechnet vor: Ein Trawler koste 40 Millionen Euro, ein Kleinboot eine Million; ein Trawler schaffe 16 Jobs, das Äquivalent an Kleinbooten 80. Ein Trawler gebe 12 bis 15 Prozent der Fangerlöse für Treibstoff aus, ein Kleinboot drei Prozent. Bogason sagt: "50 Tonnen Quote bringen eine Million Euro, gut für den, der die Quote hat, unmöglich aufzubringen für jemanden, der in das Geschäft einsteigen will." Und so weiter. "Probieren Sie doch den Walfisch, Minkwal, das beste Fleisch der Welt." Die Sache mit den Walen, das muss Bogason jetzt auch noch loswerden. Da forderten alle die Reduzierung der Fangquoten. "Doch das Problem sind doch die Wale. Wir fangen zwei Millionen Tonnen Fisch, die Wale in isländischen Gewässern fressen zehnmal mehr."

Der Jahresbericht des Instituts für Meeresforschung ist voller irritierender Zahlen, Fakten und Thesen. Um das Quotensystem wirklich zu begreifen, sagt Arnarson, "müsste man Rechtsanwalt sein". Gudmundsson sagt: "Die Preise steigen, ich bin optimistisch." Bogason sagt: "Wenn das Image der kommerziellen Fischerei noch schlechter wird, könnten wir boykottiert werden."

Zurück nach Bolungarvik. Es ist kurz nach Mittag, Fischbörse. Auf dem Bildschirm des Händlers Kalli Gunnarsson tanzen die Zahlen. Großer Kabeljau bringt 240 Kronen. Wer wie Arnarson dafür Quote leihen musste, "fragt sich, warum ich das überhaupt mache". Schellfisch bringt 170 Kronen, Heilbutt schwankt zwischen 700 und 1000 Kronen; aber den gibt es kaum noch. Auf der anderen Seite der Straße sitzt Soffia Vagnsdottir im Schulhaus und sorgt sich darum, ob sie bald noch genügend Schüler für die erste Klasse zusammenbringt. Die Fischquoten wandern aus den kleinen Orten in die großen Städte ab, wo die großen Firmen, die potenten Fischer mit dem nötigen Kapital sind. Die Menschen ziehen weg. "Wir waren mal ein Fischerort", sagt Vagnsdottir, "jetzt wissen wir nicht mehr, was wir sind."

Soffia Vagnsdottir ist Direktorin der Schule und ehrenamtliche Bürgermeisterin. Ihr Großvater war Fischer. Ihr Vater war Fischer. Beide ertranken an fast derselben Stelle. Mit Minister Gudfinnusson ist sie verwandt. Das hindert sie nicht an Kritik: "Es liegt an der Politik, ob Menschen hier leben oder nicht. Die Gegend wird immer rückständiger wie überall in der Provinz." Die Polizeistation ist schon geschlossen. Die einzige Bar hat nur noch am Wochenende geöffnet. 2004 fingen 140 Boote noch 21 000 Tonnen Fisch, vergangenes Jahr waren es 50 Boote und 14 000 Tonnen. Zwar hat die Regierung inzwischen zusätzliche Quoten an Boote in kleinen Orten vergeben. Andererseits glaubt Vagnsdottir, in Reykjavik sei längst eine Entscheidung gefallen. "Fischerei ist nicht mehr die Nummer eins, sie verkaufen unsere Natur jetzt an die Aluminiumkonzerne."

Noch sind sie da, der Fisch und der Fischer. Und vermutlich werden sie hier länger bleiben als anderswo. Doch man erinnert sich, dass Sigurjonsson verdächtig häufig von den Fischfarmen sprach, mit denen sein Institut für Meeresforschung experimentiert. Und man erinnert sich, dass Kapitän Magnusson davon sprach, dass es immer schwerer werde, Hering zu finden, und die "Engey" wohl das letzte Schiff sei, auf dem er fahre.

Vor einigen Jahren lief der erfolgreichste isländische Film aller Zeiten. "Die kalte See" erzählt die Geschichte eines störrischen alten Fischers, der seine Quote nicht verkaufen will. Seine Kinder werden darüber gallebitter vor Geldgier. Vagnsdottir sagt: "Die Regierung muss alle Quoten zurückkaufen und gerecht verteilen, es ist unser Reichtum, nicht der von wenigen." Vielleicht sollte sie sich besser nicht darauf verlassen. Das Leben ist nun mal Salzfisch und nicht Träumerei. -