Was ist eigentlich ...: EIN WECHSELKURSRISIKO?

Wechselkurse werden beeinflusst von Befindlichkeiten, Erwartungen und Ängsten. Die sind manchmal begründet, manchmal eingebildet und oft unkalkulierbar. Das macht sie so gefährlich für das Weltwirtschaftssystem.




- Ein Wechselkurs ist der Preis, den eine Währung auf dem Devisenmarkt in einer anderen Währung erzielt. Damit bestimmt der Wechselkurs maßgeblich die sogenannten Terms of Trade, also die Bedingungen, unter denen in- und ausländische Waren sowie Dienstleistungen getauscht werden können. Wechselkurse bergen Risiken, weil man nicht weiß, wie sie sich entwickeln: Wird die Währung des Exporteurs aufgewertet, wird sie im Ausland teurer und er kann weniger verkaufen, dafür werden Importe billiger. Zudem erhöhen Wechselkurs-Unsicherheiten das Risiko für Investoren und beeinträchtigen so den weltweiten Austausch von Gütern und Kapital.

Diese Unwägbarkeiten sichern die meisten Firmen durch Termingeschäfte und Optionen am Devisenmarkt ab. Viel bedeutender und bedrohlicher sind die Wechselkursrisiken für die Gesamtwirtschaft, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Währungszonen und somit die Weltwirtschaft maßgeblich beeinflussen. Grundsätzlich sind flexible Wechselkurse für die Realwirtschaft sehr sinnvoll. Sie sorgen nämlich dafür, dass sich Handels-bilanz-Ungleichgewichte zwischen Handelspartnern tendenziell ausgleichen.

Der Mechanismus funktioniert folgendermaßen: Erzielt Land A gegenüber Land B einen Exportüberschuss - es verkauft also mehr Waren an Land B, als es Waren aus Land B einkauft -, dann wird die Währung von A im Vergleich zu der des Handelspartners teurer. Der Grund: Die exportierenden Unternehmen aus Land A erhalten die Währung aus Land B, die sie gegen heimische Währung eintauschen. Damit erhöht sich die Nachfrage nach der Währung aus Land A, deren Preis auf dem Devisenmarkt folglich steigt. Durch diese Aufwertung der A-Währung werden für Land B Einfuhren aus Land A teurer, die Exporte von Land A nach Land B gehen zurück. Im Gegenzug wird Land A von Land B nun mehr importieren, weil Land A nun aufgrund seiner wertvolleren Währung bei Land B zu günstigeren Konditionen einkaufen kann.

Dieser einfache Mechanismus gewährleistet, dass auch wirtschaftlich schwächere Länder durch den Abwertungsvorteil exportfähig bleiben und zunächst eine Nische als Discounter oder Billiganbieter besetzen können, um den Anschluss an die Weltwirtschaft nicht zu verlieren. Andererseits garantiert eine starke Währung bei Volkswirtschaften mit besonders hochwertigen Exportgütern ("Made in Germany"), dass diese nicht unter Wert verkauft und Qualitätsanstrengungen honoriert werden.

Wenn dieser Prozess allerdings - sehr häufig aus marktpsychologischen Gründen - nicht funktioniert, sich also kein Wechselkurs bilden kann, der der Leistung entspricht, führt das über kurz oder lang zu ernsten volkswirtschaftlichen Problemen und Risiken. Ein Problem ist, dass sich neben den Handelsströmen auch die Kapitalströme anpassen, die heutzutage die Wechselkursbildung kurzfristig dominieren.

Denn denselben Effekt auf den Wechselkurs wie Importe und Exporte über die Handelsbilanz haben Kapitalströme über die Zahlungsbilanz. Wenn zum Beispiel Europäer aus dem Euroraum in den USA Geld anlegen, erhöht sich der Wert des Dollars gegenüber dem Euro, weil die Anleger dann Dollar nachfragen. Damit lassen sich Handelsbilanzdefizite - also die Tatsache, dass weniger Güter exportiert als importiert werden - hervorragend kaschieren. Genau darauf war unter anderem die Hochzinspolitik der USA in den achtziger und der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ausgerichtet. Mit attraktiven Zinsen auf US-Staatsanleihen wurde ausländisches Kapital in die USA gelockt. Das stärkte den Dollar. Zu macht- und kreditpolitischen Gründen kamen noch weitere Vorteile. Denn wenn die Einfuhren die Ausfuhren übersteigen, wirkt sich eine starke Währung durch die verbilligten Importe kurzfristig positiv aus.

Mittelfristig belastet eine solche Politik allerdings massiv den Staatshaushalt, schließlich müssen die hohen Zinsen vom Steuerzahler, in diesem Fall dem amerikanischen, bedient werden. Zudem belastet sie die heimische Wirtschaft, weil ausländische Unternehmen ihre Waren billig auf deren Heimatmarkt anbieten können, während sie selbst im Ausland weniger loswerden. So wird auch die Exportwirtschaft der USA durch einen realwirtschaftlich betrachtet zu teuren Dollar behindert.

Deshalb verwundert es nicht, dass Makroökonomen aufgrund der heutigen Situation in den USA besorgt sind. Die Zahlen sprechen für sich.

So standen im Jahr 2006 Importen in die USA in Höhe von 1920 Milliarden Dollar Exporte aus den USA in Höhe von lediglich 1037 Milliarden Euro gegenüber, ein gigantisches Handelsbilanzdefizit. Zum Vergleich: Chinas Exporte: 969 Milliarden Euro, Importe: 792 Milliarden Euro; Exporte der EU: 1480 Milliarden Euro, Importe: 1697 Milliarden Euro; Japans Exporte 647 Milliarden Euro, Importe 577 Milliarden Euro. Auch in den Vorjahren importierten die USA mehr, als sie exportierten. Keine Frage: Dieses Land lebt auf Pump. Und wieder ist nach Einschätzung der Währungsexperten der Dollar stark überbewertet. Doch die Zinsen in den USA sind aufgrund der schwächelnden Konjunktur diesmal eher niedrig, von einer Hochzinspolitik kann keine Rede sein. Woher rührt also die gefährliche Überbewertung des Dollar?

Diesmal sind es vor allem die Asiaten, allen voran die Chinesen, die den Dollar stützen, und das nicht aus altruistischen Gründen.

Die hohen und stetig steigenden Exportüberschüsse, die China jährlich erwirtschaftet, sind zum Teil auch auf einen bewusst von der Regierung niedrig gehaltenen Yuan zurückzuführen, um die Expansion der chinesischen Wirtschaft offensiv durch den Außenhandel voranzutreiben. Das ist möglich, weil die chinesische Währung nicht in einem flexiblen Wechselkurssystem integriert ist, bei dem Angebot und Nachfrage die Kurse bestimmen. Die chinesische Zentralbank hält den Wert des Yuan durch Devisenmarkt-Interventionen konstant.

Eine Aufwertung des Yuan würde den chinesischen Markt für dann billigere landwirtschaftliche Erzeugnisse aus dem Ausland öffnen. Vielen Bauern wäre ihre Existenzgrundlage entzogen, eine gigantische weitere Landflucht und politische Unruhen wären mögliche Folgen. Schwellenländer wie China haben also ihre ganz eigenen Wechselkursrisiken, zumal China auch noch nicht über ein Banken- und Kreditsystem verfügt, das leistungsfähig genug wäre, um sich währungspolitisch öffnen zu können.

Die Chinesen horten Dollar-Milliarden. Und das aus gutem Grund

Dennoch ist der Einfluss Chinas auf das Weltwährungssystem enorm. So verfügt die chinesische Zentralbank aus den kumulierten Exportüberschüssen aktuell über unvorstellbare 1202 Milliarden Dollar Devisenreserven. Das gesamte Eurosystem bringt es gerade einmal auf 145 Milliarden Euro, die globalen Devisenreserven betragen rund 5000 Milliarden Dollar. Das immense chinesische Geldvermögen erhöht die Inflationsgefahr in China. Wenn deshalb das Wirtschaftswachstum in China einbricht, betrifft das aufgrund der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen auch andere Länder.

Die eigentlichen Risiken für die Weltwirtschaft aus den chinesischen Devisenreserven hängen aber davon ab, was die Chinesen und andere asiatische Notenbanken in Zukunft damit anstellen. Denn Stabilität an der internationalen Währungsfront gibt es nur, solange die Asiaten den Dollar weiterhin künstlich hochhalten. Derzeit investieren sie nämlich ihre Währungsreserven in den USA, vorwiegend in US-Schuldverschreibungen. Und dies aus gutem Grund: Die USA sind einer der mit Abstand wichtigsten Handelspartner der Asiaten und der Hauptabnehmer ihrer Ausfuhren. Durch das Geld aus Fernost wird der Dollar gestützt. Somit verfügt die asiatische Exportwirtschaft durch einen relativ stabilen Wechselkurs ihrer Währungen zum Dollar über eine solide Kalkulationsbasis. Zum anderen ist gewährleistet, dass sich die Amerikaner die chinesische Expansions- und Exportpolitik mit einem gestärkten Dollar auch weiterhin leisten können - eine Art Kundenbindung durch Wechselkurspolitik.

Wie lange diese währungspolitische Symbiose zwischen den USA und Asien noch anhält, weiß niemand - und in dieser Unsicherheit liegt das Hauptrisiko für die Weltwirtschaft. Denn ohne die Hilfe aus Peking könnte der als Reservewährung für private Anleger zunehmend uninteressant gewordene Dollar in den freien Fall übergehen, mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft. Ein abrupter Wechsel der asiatischen Anlagepolitik könnte böse Konsequenzen nach sich ziehen - natürlich auch für Europa und insbesondere für das exportabhängige Deutschland.

Konfliktpotenzial gibt es genug: China und die USA geraten in ihrem unstillbaren Rohstoffhunger zunehmend aneinander, vor allem in Afrika, das von Peking mit den nämlichen Devisenreserven zurzeit heftig umworben wird. Auch erzeugen so große Summen wie bei den chinesischen Devisenreserven einen hohen Renditedruck. Die niedrigen Zinsen in den USA sprechen eigentlich nicht dafür, dort anzulegen.

Für den Euroraum gibt es derzeit noch eine zweite akute Gefahrenquelle: Solange die USA der Hauptkunde Chinas bleiben, wird Peking den Yuan nicht aufwerten was längst notwendig wäre. So wird statt des Yuan der Euro teurer. Solange der Dollar als überbewertet und gefährdet gilt, werden immer mehr Anleger in Euro investieren. Wenn der Euro dann sehr teuer wird, könnte es auch für das Exportland Deutschland eng werden.

Die größten Risiken von Wechselkursen liegen also in der Wechselkurspolitik. Da ist sich jeder selbst der Nächste, wie ein Zitat des ehemaligen US-Finanzministers John Connally offenbart: "The dollar is our currency but your problem." -